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Lexikon

Babel-Bibel-Streit

Sascha Gebauer

(erstellt: Mai 2015)

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1. Vorgeschichte

Im 19. Jh. erlebt die Erforschung des Vorderen Orients einen steilen Aufstieg. Spektakuläre Funde, wie die Entzifferung der Keilschrift (→ Schrift) und das → Gilgamesch-Epos, führen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der altorientalischen Welt. Die Assyriologie etablierte sich als Wissenschaft zur Erforschung des Alten Orients, doch auch die Archäologie, Theologie und Ägyptologie nehmen die Ergebnisse zur Kenntnis und binden sie in ihre Forschungen ein.

1899 kommt → Friedrich Delitzsch (1850-1922) als Professor für Assyriologie und semitische Sprachen nach Berlin. Dort wird er Mitbegründer und Direktor der Deutschen Orient-Gesellschaft und übernimmt die Leitung der orientalischen Abteilung der Königlich-Preußischen Museen. Durch seine Tätigkeiten hat Delitzsch bald Kontakt zum Deutschen Kaiser Wilhelm II., der die Forschungstätigkeiten im Orient mit großem Interesse verfolgt und sich einen Vortrag von Delitzsch über die deutschen Grabungen geben lässt. Der Kaiser unterstützt daraufhin die Arbeit der Deutschen Orient-Gesellschaft und fördert Delitzschs wissenschaftliche Tätigkeit.

2. Die Vortragsreihe

2.1. Babel und Bibel – Ein Vortrag (1902)

Den ersten Vortrag hält Delitzsch am 13. Januar 1902 in der Sing-Akademie zu Berlin (heute Maxim-Gorki-Theater). Als Schirmherr der Deutschen-Orientgesellschaft ist Kaiser Wilhelm II. zugegen. Ziel ist es, eine breite Öffentlichkeit über Stand und Ergebnisse der Ausgrabungen zu informieren und gleichzeitig Werbung für die noch wenig bekannten Forschungszweige der Archäologie und Assyriologie zu machen.

Delitzsch verdeutlicht zu Beginn seines Vortrags, dass der Beweggrund für die aufwändigen Ausgrabungen im Orient ein neues Verständnis der Bibel, vor allem des Alten Testaments, ist. Mit zahlreichen Beispielen und Lichtbildern zieht er Parallelen zwischen biblischen Erzählungen und neuen Funden aus Mesopotamien. Detailliert mustert er Schöpfungserzählungen, Flutmotive und Weltbildvorstellungen. Dabei wird Delitzsch nicht müde, die babylonische Originalität der meisten Motive zu postulieren. Selbst sittlich-ethische Forderungen des Dekalogs, Teile der Sündenfallgeschichte und Ansätze des Monotheismus werden mit Beispielen aus Siegelabdrücken oder Keilschrifttexten scheinbar belegt.

Der Vortrag löst in der Folge eine breite öffentliche Diskussion aus, da besonders konservative Kreise die heilsgeschichtliche Bedeutung der Bibel in Frage gestellt sehen. Angefacht wird die Diskussion aufgrund der starken Protegierung durch den deutschen Kaiser, der eine Drucklegung veranlasst und sein Wohlwollen zum Ausdruck bringt. Mit einer öffentlichen Forderung nach „Weiterbildung der Religion“, entspricht Wilhelm II. schließlich auch Delitzschs Absicht einer Erneuerung der christlichen Religion unter dem Vorzeichen der archäologischen Funde. Auch die nationale Presse nimmt das Thema schließlich auf und in zahlreichen Zeitungen erscheinen, teilweise verzerrt, Thesen des Vortrags. Daraufhin formieren sich sowohl auf jüdischer als auch auf christlicher Seite Gegenbewegungen, entsprechend ihrer jeweiligen theologischen Ausrichtung. Aufgrund der öffentlichen Kontroverse beginnt Delitzsch, die folgenden Auflagen seines Vortrags mit ausführlichen Anmerkungen und Änderungen zu versehen. Insgesamt werden bis 1905 fünf Auflagen gedruckt, mit einer Gesamtzahl von 60.000 Exemplaren.

2.2. Zweiter Vortrag über Babel und Bibel (1903)

Ein Jahr später, am 12. Januar 1903, hält Delitzsch einen zweiten Vortrag über ‚Bibel und Babel‘, bei dem wiederum Wilhelm II. anwesend ist, zusätzlich auch Kaiserin Auguste Viktoria. Im Vordergrund steht nun die aufgeworfene Frage nach dem Offenbarungsgehalt des Alten Testaments.

Dabei führt Delitzsch anhand der spektakulären Funde vor, wie die neuen Erkenntnisse ein besseres Verständnis der biblischen Welt ermöglichen. Hebräische Redewendungen, Namen und geschichtliche Hintergründe können nun eindeutiger erklärt werden. Besonderes Augenmerk widmet er dann den religiösen Vorstellungen, die von Babylon Einzug in die alttestamentlichen, aber auch neutestamentlichen Texte erhalten haben. Dazu gehören nach Delitzschs Auffassung die Heilungswunder, aber vor allem auch Texte der alttestamentlichen Gottesoffenbarung, deren Originalität er in Frage stellt. Dieses Thema ist zugleich Anlass, die vorangegangene Debatte aufzunehmen und Stellung zu beziehen. Mit deutlichen Worten bezweifelt Delitzsch jeglichen Nutzen des Alten Testaments für eine christliche Gottesoffenbarung.

Ebenso eindringlich wendet sich der Vortrag gegen die Hochschätzung der alttestamentlichen Sittlichkeit. Delitzsch konstruiert für wichtige ethisch-sittliche Texte der Bibel eine Abhängigkeit von der babylonischen Kultur und versucht gleichzeitig, den ethischen Wert der biblischen Aussagen zu relativieren. Am Ende seines Vortrags macht er sich die kaiserliche Forderung nach der Weiterbildung der Religion zu Eigen. Als Konsequenz bekommt das Alte Testament einen Wert innerhalb eines religionsgeschichtlichen Entwicklungsprozesses, verliert aber seine Bedeutung als Offenbarungszeugnis.

Sowohl die konservativen als auch die liberalen Bibelforscher kritisieren Delitzschs Ablehnung der alttestamentlichen Schriften für die Bedeutung der christlichen Religion. Durch die anhaltende öffentliche Diskussion ist der Kaiser als Landesherr der evangelischen Kirche (summus episcopus) herausgefordert, Stellung zu nehmen. In einem offenen Brief bekennt er sich zum Offenbarungsgehalt der gesamten Bibel, an dem auch neue historische Fakten keinen Zweifel lassen. Das Eingreifen des Kaisers und die anhaltende Präsenz in den verschiedenen Publikationsorganen und Zeitungen führen Mitte 1902 zu einem Höhepunkt im Streit um Babel und Bibel.

2.3. Babel und Bibel – Ein Rückblick und Ausblick (1904)

Die öffentliche Debatte veranlasst Delitzsch, eine kurze Abhandlung gegen seine Kritiker zu verfassen. Er zählt gegen Ende des Jahres 1903 „circa 1350 kleinere und über 300 grosse Zeitungs- und Zeitschriftsartikel, dazu 28 Broschüren“ (Delitzsch 1904, 3), daneben unzählige ausländische Artikel und sonstige Veröffentlichungen.

Delitzsch gibt in seiner Darstellung eine kurze Übersicht über die bisherige Entwicklung und fasst seine bereits veröffentlichten Thesen zusammen. Nach und nach widmet er sich den Argumenten seiner wissenschaftlichen Gegner, die er ausführlich zitiert und zu widerlegen versucht. Außerdem gibt er Hintergründe über die Entstehung der Babel-Bibel-Vorträge, die er größtenteils aus seinem Vorlesungsmaterial zusammengestellt hat.

2.4. Babel und Bibel – Dritter (Schluss-)Vortrag (1904)

Im Herbst 1904 hält Delitzsch den dritten und vorerst letzten Vortrag. Mittlerweile ist das öffentliche Interesse an der Auseinandersetzung deutlich zurückgegangen und Berlin scheidet für die Präsentation aus, nachdem sich der Kaiser aus der Diskussion zurückgezogen hat. Vortragsorte sind daher Barmen, Köln und Frankfurt am Main.

Delitzsch betont noch einmal die besondere Nähe der babylonischen und israelitischen Gottesvorstellungen sowie die damit verbundenen sittlichen Werte. Mit zahlreichen Beispielen zieht er Entwicklungslinien von Motivkomplexen aus Babylon bis zu neutestamentlichen Aussagen. Ein besonderes Augenmerk legt er dabei auf die ethischen Forderungen des Dekalogs und der Nächstenliebe. In einem weiteren Gedankengang widmet er sich der Entstehung von Monotheismus-Vorstellungen und legt dafür verschiedene Rassenideologien seiner Zeit zugrunde.

Delitzschs Forderung nach Weiterentwicklung der christlichen Religion durch die von ihm aufgeworfenen Thesen wird in der Folgezeit von unterschiedlichen christlichen Gruppierungen aufgenommen. Auch er selbst setzt die Diskussion fort und versucht dabei aufzuzeigen, wie sich in einer geschichtlichen Entwicklung die Religion verändert. Dies folgt nach Delitzschs Auffassung allerdings nicht in einem linearen Ablauf, sondern ist ein wechselhafter Prozess, der vielschichtige Ausfaltungen aufweist. In diesem Zusammenhang spricht Delitzsch der israelitischen Literatur einen Nutzen für die christliche Gemeinde ab.

Bis auf einige Ausnahmen finden der dritte Vortrag und die nachfolgende Literatur kaum wissenschaftliche Beachtung. Die theologische Forschung ist mit der Diskussion um den Panbabylonismus beschäftigt, der als eine weitere Facette der altorientalischen Ausgrabungen die wissenschaftliche Welt herausfordert. Schließlich beendet der Erste Weltkrieg die weitere literarische Auseinandersetzung.

2.5. Die große Täuschung 1920/21

Schon vor dem Ersten Weltkrieg hat Delitzsch nach eigenen Angaben eine Abhandlung über das Alte Testament und die jüdische Geschichte fertiggestellt. Kurz vor seiner Emeritierung 1920 veröffentlicht er die aus drei Teilen bestehende Untersuchung, die geprägt ist von moralischen Urteilen und antijüdischen Grundtendenzen.

Zunächst widmet sich Delitzsch der vorstaatlichen Zeit in der Geschichte Israels und zeigt Widersprüche und Fehler in der geschichtlichen Darstellung auf. Im zweiten Teil steht die Gotteserscheinung am → Sinai im Zentrum der Betrachtung. Delitzsch lässt sich darin über die Gesetzesbestimmungen aus, die er als minderwertig disqualifiziert. Der letzte Teil beschäftigt sich mit den Propheten, deren sittliche Wirkung gewürdigt wird, die aber für Delitzsch ohne Ertrag für das Volk Israel blieb.

Er nutzt seine Darstellung, um die jüdische Geschichte abzuwerten und sogar die jüdische Herkunft Jesu zu relativieren. Schließlich wendet er sich mit seinen Ressentiments gegen das zeitgenössische Judentum und unterlegt sie mit einer Vielzahl von Stereotypen.

Ein Jahr später erscheint eine Fortsetzung der ‚großen Täuschung‘, in der sich Delitzsch vornehmlich mit den Propheten und dem Psalter beschäftigt, ohne allerdings wirklich neue Ergebnisse zu präsentieren. Als Abschluss fordert er eine Rückbesinnung auf ein Lehre Jesu, die er von jüdischem Einfluss befreien möchte, den er selbst noch bei den Evangelisten und den Aposteln findet.

Die Veröffentlichung der beiden Bände findet kaum noch Beachtung und nur wenige Forscher reagieren auf die unsachliche und tendenziöse Darstellung.

3. Wirkung

Karikatur von Thomas Theodor Heine, in: Simplicissimus 7, 52 (24. März 1903), 409.

Abb. 1 „Heb dich hinweg, Sklave; wir können in Babylon keine Wurst mehr essen, wenn nicht die Berliner ihren Senf dazu gegeben haben.“

Die Babel-Bibel-Vorträge provozieren eine Vielzahl von Reaktionen. Die verschiedenen Zeitschriften der wilhelminischen Zeit illustrieren den Streit durch ausführliche Berichte und bissige Karikaturen.

Auf wissenschaftlicher Seite nimmt vor allem Eduard König (1846-1936) Stellung, der trotz seiner oft eigenwilligen Ansichten zu den konservativen Theologen seiner Zeit gerechnet werden kann. König liegt daran, die heilsgeschichtliche Bedeutung des Alten Testaments zu verteidigen und gegen einen Entwicklungsgedanken innerhalb der Religionsgeschichte zu kämpfen.

Dem gegenüber steht die liberale Theologie, vor allem repräsentiert durch die Religionsgeschichtlichen Schule, die zu Beginn des 20. Jh.s einen Siegeszug antritt. Hier ist es besonders → Hermann Gunkel (1862-1932), der sich nach dem zweiten Vortrag gegen Delitzsch wendet. Einer Abhängigkeit der biblischen Motive von der altorientalischen Umwelt stimmt auch Gunkel zu, doch konstatiert er eine Eigenständigkeit der israelitischen Religion, die diese Motive weiterentwickelt. Im Übrigen greift er das methodische Vorgehen von Delitzsch an und wirft ihm eine unzulässige Vermischung von Wissenschaft und persönlicher Überzeugung vor.

Auch die jüdische Wissenschaft ist herausgefordert, auf den offenen Angriff auf die jüdische Religion zu reagieren. Im Wesentlichen wird die geschichtliche Bedeutung und Einheitlichkeit der Hebräischen Bibel betont. Die meisten Gelehrten sehen sich auch gezwungen, gegen die Abwertung der ethischen Bedeutung der israelitischen Schriften Stellung zu nehmen und den sittlichen Wert der jüdischen Religion hervorzuheben.

Die öffentliche und wissenschaftliche Auseinandersetzung endet mit dem dritten Vortrag. Selbst die überzogene Darstellung durch ‚die große Täuschung‘ nach dem Ersten Weltkrieg findet kaum Beachtung. Delitzsch Ruf ist durch seine antijüdische, teilweise antisemitische Grundhaltung, jedoch nachhaltig beschädigt. Am 19. Dezember 1922 stirbt Friedrich Delitzsch.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Quellen

  • Delitzsch, F., 1902, Babel und Bibel. Erster Vortrag, Leipzig
  • Delitzsch, F., 1903, Zweiter Vortrag über Babel und Bibel. Mit 20 Abbildungen und einem Vorwort „zur Klärung“, Stuttgart
  • Delitzsch, F., 1904, Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick, Stuttgart
  • Delitzsch, F., 1905, Babel und Bibel. Dritter (Schluss-)Vortrag. Mit 21 Abbildungen
  • Delitzsch, F., 1920, Die große Täuschung, Stuttgart/Berlin
  • Delitzsch, F., 1921, Die große Täuschung. Zweiter Teil, Stuttgart/Berlin
  • König, E., 1902, Bibel und Babel. Eine kulturgeschichtliche Skizze, Berlin
  • König, E., 1904, Die Babel-Bibel-Frage und die wissenschaftliche Methode. Zugleich Kritik von Delitzschs II. Babel-Bibel-Schrift, Berlin
  • Gunkel, H., 1903, Israel und Babylonien, Göttingen

2. Weitere Literatur

  • Johanning, K., 1988, Der Bibel-Babel-Streit. Eine forschungsgeschichtliche Studie (Europäische Hochschulschriften 23, Theologie 343), Frankfurt am Main u.a. 1988
  • Lehmann, R.G., 1994, Friedrich Delitzsch und der Babel-Bibel-Streit (Orbis Biblicus et Orientalis 133), Göttingen 1994
  • Liwak, R., 1998, Bibel und Babel. Wider die theologische und religionsgeschichtliche Naivität, Berliner Theologische Zeitschrift 15 (1998), 206-233

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 „Heb dich hinweg, Sklave; wir können in Babylon keine Wurst mehr essen, wenn nicht die Berliner ihren Senf dazu gegeben haben.“ Karikatur von Thomas Theodor Heine, in: Simplicissimus 7, 52 (24. März 1903), 409.
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