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Lexikon

Asarhaddon

Andere Schreibweise: Esarhaddon (engl.)

Ariel Bagg

(erstellt: April 2008)

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1. Name

Aus: J. Strange / J. Lange, Stuttgarter Bibelatlas. Historische Karten der biblischen Welt, Stuttgart 3. Aufl. 1998, Karte Nr. 18; © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Das assyrische Weltreich.

Asarhaddon ist die deutsche Form des akkadischen Satznamens Aššur-achu-iddina („Assur hat einen Bruder gegeben“). Der Name ist im Alten Testament als אסר־חדן ’esar-chaddon (2Kön 19,37; Esr 4,2; Jes 37,38) und in aramäischen Texten als ’srch’dn bezeugt. In griechischen Quellen wird Asarhaddon ’Aσαράδινος bzw. ’Aξέρδις genannt.

2. Familie und Thronbesteigung

Der assyrische König Asarhaddon (681-669) war Sohn des → Sanherib (705-681) und der Naqi’a / Zakūtu und Vater von zahlreichen Kindern (Parpola, 117f.), unter denen sein Nachfolger → Assurbanipal sowie der künftige König von Babylonien Schamasch-schumu-ukīn hervorzuheben sind. Wie sein Name verrät, war Asarhaddon nicht der älteste Sohn, der als Nachfolger von Anfang an bestimmt war. Im Jahr 694 starb sein Bruder Aššur-nādin-šumi, der von Sanherib als König von Babylon eingesetzt worden war und vermutlich als sein Nachfolger vorgesehen war. Danach wählte Sanherib seinen Sohn Arda-Mullissi, der zumindest 10 Jahre die Kronprinzenwürde inne hatte. Spätestens im Jahr 683 ernannte Sanherib, wahrscheinlich unter dem Einfluss seiner Frau Naqi’a, Asarhaddon zu seinem Nachfolger, obwohl er ältere Söhne hatte (SAA 2, 3). Bei diesem Anlass gab er ihm den Thronnamen Aššur-etel-ilāni-mukīn-apli „Assur, der Held unter den Göttern, ist derjenige, der den Erbsohn festmacht“ (SAA 12, 88).

Die Missachtung der assyrischen Thronfolgegepflogenheiten verursachte einen Kampf unter den Söhnen des Königs, die Asarhaddon als Kronprinz nicht anerkennen wollten (Ninive A, i, 8 - ii, 11 = Borger, 40-45). Da Asarhaddon in Lebensgefahr geriet, wurde er an einen sicheren Ort in einem nicht bestimmbaren westlichen Land geschickt. Während des Aufstands der Thronprätendenten wurde Sanherib von einem seiner Söhne, Arda-Mullissi (= Adrammelech, אַדְרַמֶּלֶך in 2Kön 19,37) im 10. Monat des Jahres 681 ermordet. Asarhaddon eilte mit einer kleinen Truppe von seinem Zufluchtsort im Westen nach → Ninive und schlug die Königsmörder in die Flucht. Nach spannungsgeladenen Monaten voller Intrigen und Ungewissheit konnte sich Asarhaddon schließlich als legitimer Erbe durchsetzen und im 12. Monat des Jahres 681 den Thron in Ninive besteigen.

Vor dem Hintergrund dieser blutigen Ereignisse regelte Asarhaddon 672 seine eigene Nachfolge vertraglich durch Treueide, welche die Rechte des ernannten Kronprinzen Assurbanipal, der nicht sein ältester Sohn war, schützen sollten (SAA 2, 6). Asarhaddons Vorbeugemaßnahmen ermöglichten für zwei Jahrzehnte eine friedliche Beziehung zwischen Assurbanipal und seinem älteren Bruder Schamasch-schumu-ukīn, der sich mit dem babylonischen Thron abfinden musste, bis der Bürgerkrieg im Jahr 652 ausbrach.

3. Politische Geschichte

3.1. Quellenlage

Die Königsinschriften Asarhaddons berichten über seine militärischen Unternehmungen und seine Bautätigkeit, ohne aber die Ereignisse nach Feldzügen oder Regierungsjahren zu ordnen. Dieses Merkmal zusammen mit der Tatsache, dass eine endgültige Edition seiner Inschriften noch nicht vorliegt, macht die zeitliche Einordnung der Feldzüge zuweilen schwierig. Zwei Babylonische Chroniken, die über Asarhaddons Taten berichten, sind daher bei der Rekonstruktion der chronologischen Gerüste hilfreich (Babylonische Chronik = Grayson, 70-90; Asarhaddons Chronik = Grayson, 125-128). Wertvolle Information gewinnt man außerdem aus den zahlreichen Orakelanfragen (SAA 4, 1-261), astrologischen Berichten (SAA 8) und Briefen (SAA 10, SAA 13, SAA 16, SAA 18, 1-142), die aus Asarhaddons Regierung erhalten sind.

3.2. Synopse der wichtigsten Ereignisse

3.2.1. Ägypten und die Levante

Für das 2. Regierungsjahr (679) verzeichnet die Asarhaddon-Chronik einen Feldzug in die Levante, währenddessen die Stadt Arzâ erobert wurde (Grayson, 127, 7). Die Hintergründe dieser Kampagne sind unklar; bekannt ist nur, dass der Herrscher von Arzâ, Asuchīli, nach Ninive in Fesseln gebracht wurde, wo er zusammen mit einem Bären, einem Hund und einem Schwein zur Schau gestellt wurde (Ninive A, iii, 39-42 = Borger, 50).

In seinem 4. Regierungsjahr (677; Babylonische Chronik, iv, 3-4 = Grayson, 83, Asarhaddon-Chronik, 12 = Grayson, 126) zog Asarhaddon gegen Abdi-Milkūti von → Sidon (Ninive A, ii, 65 - iii, 38 = Borger, 48-50). Die Stadt wurde zerstört, die königliche Familie nach Assyrien deportiert und das sidonische Territorium in eine assyrische Provinz – die letzte in der Levante – verwandelt. Zentrum der neu eingerichteten Provinz war die Neugründung Kār-Aššur-achu-iddina „Asarhaddons Hafen“. Im darauf folgenden Jahr schloss Asarhaddon einen Vertrag mit Balu von Tyrus (SAA 2, 5). Abdi-Milkūti und sein Verbündeter Sanda-uarri wurden enthauptet. Die Magnaten von Sidon mussten mit ihren Köpfen an ihren Hälsen hängend durch die Strassen von Ninive ziehen. Nach dem Feldzug des Jahres 677 lieferten 12 Könige von der Meeresküste Baumaterialien für den Bau von Asarhaddons Zeughaus in Ninive: Arwad, → Ekron, → Aschdod, Ammon, → Byblos, Gaza, → Askalon, Juda, → Moab, Samsimurruna, → Tyrus und → Edom (Ninive A, v, 54 - vi, 1 = Borger, 60). Einige Könige von der Meeresküste mussten sich auch zusammen mit Herrschern aus Nordsyrien (Chatti) an den Bauarbeiten von Kār-Aššur-achu-iddina beteiligen (Ninive A, ii, 80-82 = Borger, 48).

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 Asarhaddon (681-669 v. Chr.) hält an zwei Bändern die besiegten Könige Taharqo von Ägypten und Balu von Tyrus (Stele aus Sendschirli).

Ab seinem 7. Regierungsjahr war Asarhaddon hauptsächlich mit Ägypten beschäftigt, dessen Eroberung im Laufe von drei Feldzügen stattfand (s. Pharao → Taharqo). Die Kampagnen von 674 (Babylonische Chronik, iv, 16 = Grayson, 84) und 669 (Babylonische Chronik, iv, 30-31 = Grayson, 86, Asarhaddon-Chronik, 28 = Grayson, 127) sind nur durch Erwähnungen in den Chroniken bekannt. Für den 2. Feldzug aus dem Jahr 671 (Babylonische Chronik, iv, 23-28 = Grayson, 85-86, Asarhaddon-Chronik, 25 = Grayson, 127) stehen weitere Quellen zur Verfügung (u.a. Ninive E, ii, 1-28 = Borger, 65-66). Während dieser Kampagne wurde Tyrus belagert und erobert, da Balu nach wenigen Jahren Vertragsbruch begann und sich mit Ägypten verbündete. Tyrus selbst wurde nicht annektiert, doch Balu musste mit territorialen Verlusten büßen.

3.2.2. Die Araber

Im Jahr 676 zog Asarhaddon in den Nordosten der arabischen Halbinsel zum Land Bâzu (Babylonische Chronik, iv, 5-6 = Grayson, 83, Asarhaddon-Chronik, 13 = Grayson, 126, Ninive A, iv, 53-57 = Borger, 56-57). Die Kampagne sollte einen exemplarischen Charakter haben; acht Stammesfürsten und Stammesfürstinnen wurden hingerichtet und ihre Götter nach Assyrien verschleppt. Von den westarabischen Stämmen aus der Umgebung von Adummatu (Dūmat al-Ǧandal), gegen die Sanherib gezogen war, erhielt Asarhaddon Tribut (Ninive A, iv, 1-31 = Borger, 53-54). Die Loyalität dieser Stämme wurde mit militärischer Unterstützung belohnt, als ein Aufstand gegen des Stammesfürsten Jauta’ ausbrach.

3.2.3. Die nördlichen, nordwestlichen und nordöstlichen Gebiete

Militärische Aktionen sind gegen die Kimmerer im Jahr 679 (Asarhaddon-Chronik, 6-9 = Grayson, 125, Ninive A, iii, 43-46 = Borger, 51), gegen Meliddu und Chilakku in Anatolien im Jahr 675 (Babylonische Chronik, iv, 10 = Grayson, 83, Asarhaddon-Chronik, 15 = Grayson, 126, Ninive A, iii, 47-55 = Borger, 51) und gegen Šubria im Jahr 673 (Babylonische Chronik, iv, 19-20 = Grayson, 84, Asarhaddon-Chronik, 24 = Grayson, 127, AsBb E, 6-7 = Borger, 86) bezeugt.

Weitere Kampagnen, die sich chronologisch nicht genau einordnen lassen, wurden gegen die Mannäer und → Skythen (Ninive A, iii, 59-61 = Borger, 52), gegen Bīt-Dakkūri (Ninive A, iii, 62-70 = Borger, 52) in Babylonien und gegen das Land Patušarri im Iran (Ninive A, iv, 62-70 = Borger, 55) unternommen.

3.2.4. Der Wiederaufbau Babylons

Eines der prägnantesten Merkmale der Regierungszeit Asarhaddons war seine Versöhnungspolitik mit Babylonien, im Gegensatz zur offensiven Politik seines Vaters, die mit der Belagerung und Zerstörung von Babylon im Jahr 689 endete. Asarhaddon versuchte, die Kooperation der Babylonier hauptsächlich durch ein umfangreiches Bauprogramm und die Wiederherstellung von Privilegien zu gewinnen. Das Bauprogramm schloss den Wiederaufbau mehrerer Tempel ein, darunter den Marduk-Tempel Esagila und den Stufenturm Etemenanki, und ist durch mehrere Bauinschriften (Bab. A - G = Borger, 11-29) und Briefe (SAA 13, 161-180) bezeugt.

3.2.5. Die letzten Jahre Asarhaddons

Obwohl Asarhaddon ein kranker Mann war (nichtsdestotrotz zeugte er 19 Kinder!) und seine babylonische Politik auf Widerstand im eigenen Hof stieß, gelang es ihm, mit der Eroberung Ägyptens das assyrische Reich zu seiner maximalen Ausdehnung zu bringen. In seinen letzten Jahren verschlechterte sich jedoch sein Gesundheitszustand (SAA 4, 183-199) und gleichzeitig stiegen die Intrigen gegen ihn und seinen Nachfolger, wie zahlreiche Orakelanfragen (SAA 4, 139-182) bezeugen. Babylonische Chroniken erwähnen „Säuberungen“ in Assyrien (Grayson, 86, 30 und 127, 27) während seines 11. Regierungsjahrs (670) und zwei Briefe aus demselben Jahr berichten von einer Verschwörung gegen ihn und den Kronprinzen, die rechtzeitig aufgedeckt werden sein konnte (SAA 10, 199 und 316). Im darauf folgenden Jahr revoltierten die Ägypter gegen die von Asarhaddon eingesetzten Beamten und der König musste noch einmal nach Westen ziehen. Er erkrankte aber auf dem Weg und starb (Grayson, 86, 30-31 u. 127, 27-28).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff (Art. Aššurachiddin)

2. Texteditionen

  • Borger, R., 1956, Die Inschriften Asarhaddons, Königs von Assyrien, Graz.
  • Cole, S.W. / Machinist, P., 1998, Letters from Priests to the Kings Esarhaddon and Assurbanipal (SAA 13), Helsinki.
  • Grayson, A.K., 1975, Assyrian and Babylonian Chronicles, Locust Valley.
  • Hunger, H.1992, Astrological Reports to Assyrian Kings (SAA 8), Helsinki.
  • Luuko, M. / Van Buylaere, G., 2002, The Political Correspondence of Esarhaddon (SAA 16), Helsinki.
  • Parpola, S., 1993, Letters from Assyrian and Babylonian Scholars (SAA 10), Helsinki.
  • Parpola, S. / Watanabe, K., 1988, Neo-Assyrian Treaties and Loyalty Oaths (SAA 2), Helsinki.
  • Reynolds, F., 2003, The Babylonian Correspondence of Esarhaddon (SAA 18), Helsinki.
  • Starr, I., 1990, Queries to the Sungod (SAA 4), Helsinki.

3. Weitere Literatur

  • Onasch, H.-U., 1994, Die assyrischen Eroberungen Ägyptens, Wiesbaden.
  • Parpola, S., 1983, Letters from Assyrian Scholars to the Kings Esarhaddon and Assurbanipal, Part II: Commentary and Appendices (AOAT 5/2), Neukirchen-Vluyn.
  • Porter, B., 1993, Images, Power, and Politics. Figurative Aspects of Esarhaddon’s Babylonian Policy, Independence Square.
  • Porter, B. / Radner, K., 1998, Art. Aššūr-achu-iddina (The Prosopography of the Neo-Assyrian Empire 1/I), 145-153.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Das assyrische Weltreich. Aus: J. Strange / J. Lange, Stuttgarter Bibelatlas. Historische Karten der biblischen Welt, Stuttgart 3. Aufl. 1998, Karte Nr. 18; © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Asarhaddon (681-669 v. Chr.) hält an zwei Bändern die besiegten Könige Taharqo von Ägypten und Balu von Tyrus (Stele aus Sendschirli). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
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