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Lexikon

Arauna

Andere Schreibweise: Araunah

Georg Hentschel

(erstellt: April 2009)

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Arauna ist ein Jerusalemer Bürger, von dem David nach einer Erzählung in 2Sam 24 // 1Chr 21 eine Tenne kauft, um dort einen Altar zu errichten. Nach 2Chr 3,1 handelt es sich um den späteren Tempelplatz.

1. Der Name und seine Herkunft

1.1. Die unterschiedlichen Namensformen

Der „Name“ Arauna wird recht unterschiedlich überliefert. Bei der ersten Erwähnung findet sich für den → Jebusiter im masoretischen Text die Form הָאֲוַרְנָה hā’ǎwarnāh, in der das Ketiv האורנה h’wrnh als Qere הָאֲרַוְנָה hā’ǎrawnāh gelesen wird (2Sam 24,16). Der Prophet Gad sagt nach dem Masoretischen Text אֲרַנְיָה ’ǎranjāh, was sich aus Ketiv ארניה ’rnjh und Qere אֲרַוְנָה ’ǎrawnāh zusammensetzt (2Sam 24,18). Danach heißt es nur noch – wie an den beiden ersten Stellen im Qere – אֲרַוְנָה ’ǎrawnāh (2Sam 24,20b.21.22.23b.24). Hinzu kommt, dass in 1Chr 21,15.18.20.21.22.23.24.25.28 von אָרְנָן ’årnān die Rede ist. In den Qumran-Fragmenten 164-165 von 4QSama ist zweimal klar die Namensform ארנא ’rn’ bezeugt. Das entspricht der Form Ορνα Orna in der → Septuaginta. Recht ähnlich ist die Namensform bei Josephus: Ορονα Orona (Antiquitates VII 3,3; Text gr. und lat. Autoren).

Welche Form könnte die ursprüngliche sein? Geht man von der Form in Qumran aus, könnte man den Namen „Orna“ oder „Awranā“ rekonstruieren (Cross, 79). Damit stimmt die erste Erwähnung des „Namens“ in 2Sam 24,16 (הָאֲרַוְנָה hā’ǎrawnāh) zumindest im Konsonantentext überein. Die Form אֲרַנְיָה ’ǎranjāh (2Sam 24,18) bildet dazu keine wirkliche Alternative. Denn sie erweckt durch die Endung den Eindruck, als wäre der Jebusiter auch ein JHWH-Verehrer. Das will der Erzähler aber nicht behaupten, denn Arauna bezeichnet JHWH als den Gott Davids (Feiler, 223). Ernster ist sicher die „Normalform“ im Samuelbuch אֲרַוְנָה ’ǎrawnāh zu nehmen, die lange als älteste Aussprache anerkannt worden ist (Hertzberg, 341). Eventuell kann die Variante von 2Sam 24,16 (Ketiv: האורנה h’wrnh) dadurch erklärt werden, dass die Buchstaben waw und resch öfter umgestellt worden sind (Delitzsch, 111).

1.2. Die Herkunft des Namens bzw. der Bezeichnung

„Arauna“ ist nach übereinstimmender Meinung nicht semitisch (vgl. allerdings Hübner, 32). Umstritten ist jedoch, ob das Wort aus dem Hethitischen oder aus dem Hurritischen abgeleitet werden kann. Hinzu kommt, dass es ein Name sein kann, aber auch die Bezeichnung für einen besonderen sozialen Rang. Wenn „Arauna“ aus dem Hethitischen übernommen ist, lässt sich der Name der Gottheit Uruwna vergleichen (Stolz, 10); das Wort könnte aber auch „frei“ (arawanni) bedeuten (Rosén, 319). Zieht man das Hurritische zur Erklärung heran, bieten sich der Name Ari-wana (Feiler, 225), aber auch die Bezeichnung „Herr“ oder „König“ (evri) an (Encyclopaedia Judaica). Der Gebrauch des Artikels in 2Sam 24,16 könnte andeuten, dass man nicht an einen Personennamen, sondern an eine adlige Herkunft gedacht hat. Diese Sicht könnte zu einem besseren Verständnis von 2Sam 24,23a beitragen. Denn der schwierige Satz lässt folgende Übersetzung zu: „Das alles übergibt Arauna, der König, dem König.“ Das fremde Wort „Arauna“ wäre dann durch eine hebräische Apposition ergänzt worden. Darauf stützen sich jene, die in Arauna den letzten vorisraelitischen König Jerusalems sehen (Nelson, 353).

2. Die Rolle Araunas und seiner Tenne

2.1. Die Rolle Araunas

2Sam 24 handelt davon, dass → David durch eine → Volkszählung Gottes Zorn erregt und JHWH durch seinen → Engel die Pest über das Volk bringt. Als der Engel gegen Jerusalem zieht und gerade auf der → Tenne des Jebusiters Arauna ist, gebietet Gott ihm Einhalt. Daraufhin beauftragt der Prophet → Gad David, auf der Tenne Araunas einen Altar zu bauen. Als David sich der Tenne nähert, wirft sich Arauna – gerade mit Dreschen beschäftigt – vor dem König zu Boden (2Sam 24,20). In der anschließenden Frage bezeichnet er David als seinen Herrn und König und sich selbst als Knecht (2Sam 24,21a.b). Als er den Grund erfährt, warum David zu ihm gekommen ist, bietet er bereitwillig seine Rinder, seine Dreschschlitten und die Joche der Rinder dem König als Opfertiere bzw. Brennmaterial an, ohne etwas dafür haben zu wollen (2Sam 24,22). David nutzt diese Ergebenheit Araunas aber gerade nicht aus. Er will dessen Tenne käuflich erwerben, um darauf den Altar zu errichten (2Sam 24,21c-e). Deswegen lehnt er das großzügige Angebot Araunas ab und hebt durch den Gebrauch des absoluten Infinitivs besonders hervor, dass er die Tenne zu einem festen Preis kaufen will (2Sam 24,24). Er will keine Opfer darbringen, die ihn nichts kosten (חִנָּם) und die darum auch nicht wirksam wären (Stolz, 1981, 303). David zahlt für die Rinder und die Tenne denn auch fünfzig Schekel (2Sam 24,24d). David behandelt Arauna also als einen freien, rechtsfähigen Partner und nicht wie einen Untertanen, der seine Rechte nach der Eroberung der Stadt verloren hat. Das fügt sich gut zu dem Bild, dass David auch andere Bürger Jerusalems – wie Zadok und Natan – in seine Dienste übernommen hat (Stolz, 1970, 10; Nelson, 353). Arauna wird als Einziger ausdrücklich als „Jebusiter“ bezeichnet. Das könnte ein archaisierendes Gentilizium sein (Hübner, 32). Da es aber ein Toponym in unmittelbarer Nähe von Jerusalem gab – die „jebusitische Schulter“ (Jos 15,8; Jos 18,16) – müsste es sich nicht um eine reine Fiktion handeln.

In der Chronik erblickt Arauna den Engel, bevor David zu ihm kommt (1Chr 21,20). Dadurch ist die Frage aufgeworfen worden, ob sich hinter der chronistischen Fassung eine ältere Überlieferung verbirgt, in der der Engel dabei ist, Unheil über Arauna zu bringen und dieser seine Rinder auf dem Holz seiner Dreschschlitten und der Joche seiner Rinder zum Opfer darbringt, um die Katastrophe abzuwenden (Dietrich, 34). Dann wäre das Opfer später von Arauna auf David übertragen worden. Man muss jedoch auch mit der Möglichkeit rechnen, dass Araunas Vision des Engels dazu dient, die disparaten Elemente der Erzählung enger miteinander zu verknüpfen.

2.2. Die Tenne Araunas

Der Name „Arauna“ ist eng mit dem Schicksal seiner Tenne verknüpft. Vielleicht ist der Name nur deshalb erhalten geblieben, weil sich die Erinnerung an seine Tenne erhalten hat (Fuß). In der Erzählung von 2Sam 24 spielt die Tenne noch keine Rolle, solange von den Opfern der Pest im ganzen Gebiet von Dan bis Beerscheba die Rede ist (2Sam 24,15). Sie kommt erst in den Blick, als JHWH dem Verderben bringenden Engel gebietet, seine Hand sinken zu lassen. Denn in diesem Augenblick ist der Engel „zufällig“ an der Tenne des Arauna (2Sam 24,16). Daran schließt sich der Auftrag an Gad gut an, einen Altar auf der Tenne des Arauna zu bauen (2Sam 24,18). David begnügt sich aber nicht mit dem Bau, sondern erwirbt zunächst die Stätte zu dauerhaftem Besitz (2Sam 24,24). Er errichtet nicht nur einen Altar, sondern bringt Opfer dar, die JHWH erweichen und zu einem Ende der Plage führen (2Sam 24,25). Jetzt ist die Tenne nicht mehr ein bloßer Dreschplatz, sondern sie ist zu einer heiligen Stätte geworden. Nach der Chronik (2Chr 3,1) hat Salomo auch an eben diesem Ort den Tempel errichtet. Unter historischem Aspekt mag man bezweifeln, dass eine profane Tenne zu einer heiligen Stätte geworden ist (Wyatt, 39). Denn Kultorte weisen oft eine große Kontinuität auf. Trotzdem bleibt es eine reine Vermutung, dass die Tenne des Arauna schon vor David eine kultische Stätte war.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Encyclopaedia Judaica, 2. Aufl., Detroit u.a. 2007
  • Herders Neues Bibellexikon, Freiburg i.Br. 2008

2. Weitere Literatur

  • Cross, F.M., 2006, A New Reconstruction of 4QSamuela 24:16-22, in: P.W. Flint, / E. Tov, / J.C. VanderKam (Hgg.), Studies in the Hebrew Bible, Qumran, and the Septuagint Presented to Eugene Ulrich (VT.S 101), Leiden / Boston, 77-83
  • Delitzsch, F., 1920, Die Lese- und Schreibfehler im Alten Testament, Berlin
  • Dietrich, W., 2. Aufl. 1992, David, Saul und die Propheten (BWANT 122), Stuttgart
  • Feiler, W., 1939, Hurritische Namen im Alten Testament, ZA 45, 216-229
  • Fuß, W., 1962, II Samuel 24, ZAW 74, 145-164
  • Rosén, H.B., 1955, Arawna – Nom Hittite? VT 5, 318-320
  • Hertzberg, H.W., 1986, Die Samuelbücher (ATD 10), 7. Auflage, Göttingen
  • Hübner, U., 2002, Jerusalem und die Jebusiter, in: U. Hübner / E.A. Knauf (Hgg.), Kein Land für sich allein. Studien zum Kulturkontakt in Kanaan, Israel / Palästina und Ebirnâri (FS M. Weippert; OBO 186), Freiburg (Schweiz) / Göttingen, 278-293
  • Mathys, H.-P., 2007, Anmerkungen zu 2 Sam 24, in: F. Hartenstein (Hg.), „Sieben Augen auf einem Stein“ (Sach 3,9). Studien zur Literatur des Zweiten Tempels (FS Ina Willi-Plein), Neukirchen-Vluyn, 229-246
  • Nelson, R.D., Art. Araunah, in: The Anchor Bible Dictionary, New York, I, 353
  • Stolz, F., 1970, Strukturen und Figuren im Kult von Jerusalem (BZAW 118), Berlin
  • Stolz, F., 1981, Das erste und das zweite Buch Samuel (ZBK 9), Zürich
  • Wyatt, N., 1985, „Araunah the Jebusite” and the Throne of David, Studia Theologica 39, 39-53
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