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Lexikon

Alphabet

Reinhard G. Lehmann

(erstellt: Mai 2006)

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1. Definition

Als Alphabet – benannt nach Alpha und Beta, den beiden ersten Buchstaben des griechischen Alphabets – bezeichnet man das Zeicheninventar eines Schriftsystems, das sprachliche Äußerungen graphisch als Reihung von Einzellauten darstellt (phonologisch-phonematisches Alphabet). In dieser Definition sind sämtliche Schriftsysteme ausgeschlossen, deren kleinste graphische Einheiten Silben (syllabische Schriften) oder ganze Wortsymbole (logographische Schriften) sind (→ Schrift). In einer engeren Definition sind mit Alphabet nur die standardisierten oder aktuellen Reihungen (Reihenfolgen) der einzelnen Zeichen innerhalb eines jeweiligen Schriftsystems gemeint.

Graphem (geschriebenes Zeichen) und Phonem (gesprochener Laut). Die Bezugsebene des Alphabets ist die Phonologie, seine kleinste graphische Einheit ist damit das Graphem (Buchstabentyp) zur Wiedergabe eines Phonems (Lauttyp). Hierbei muss das Graphemrepertoire einer Schrift, das heißt die bei einer Alphabetschrift relativ begrenzte Menge prinzipiell unterschiedener Zeichen (Buchstabentypen), von dem Phonemrepertoire der jeweils gesprochenen Sprache, die mit dieser Schrift dargestellt werden soll, unterschieden werden: In der Regel sind diese beiden Größen so aufeinander bezogen, dass die gesprochene Sprache mehr differenzierbare und semantisch distinktive Laute (Phoneme) aufweist, als in der Schrift dargestellt werden, ohne dass es dadurch jedoch zu gravierenden Uneindeutigkeiten im Verständnis eines Textes kommt. Die graphematische Ebene wird durch die phonologischen Komponenten der Sprache determiniert, während der aktuell defizitäre Charakter des Graphemrepertoires eines Alphabets gegenüber dem Phonemrepertoire der Sprache überwiegend historische Gründe hat. Auf der anderen Seite ist innerhalb des Graphemrepertoires das Graph als individuell-zufällige Ausprägung eines Graphems von untergeordneter Bedeutung und in der Regel nur für die spezielle Graphologie oder historische Typologie von Interesse, d.h. für die Erforschung der Zeichenformen eines Schriftsystems unter historischer Perspektive.

2. Entstehung und Verbreitung der Alphabetschrift

Die Entstehung eines rein phonematischen Alphabets in Syrien-Palästina im 2. Jahrtausend v. Chr., das die bis dahin auch dort vorherrschende Keilschrift (→ Schrift) erstaunlich rasch und nachhaltig verdrängte, kann als kulturhistorisch revolutionärer Vorgang bezeichnet werden. Doch obwohl dieser Vorgang allem Anschein nach einmalig und erfolgreich nur im Bereich des fruchtbaren Halbmondes stattgefunden hat, ist er nicht auf das Wirken eines schöpferischen Individuums zurückzuführen, sondern das Ergebnis eines lang andauernden Prozesses von „trial and error“, in dessen Verlauf sich auf der Basis des Phönizischen schließlich das nordwestsemitische Standardalphabet als zumeist direkter, mitunter auch indirekter Vorläufer sämtlicher auch heute noch verwendeter Alphabetschriftsysteme durchsetzte.

Die semitischen Alphabete stellen zunächst für lange Zeit, der konsonantischen Basis der semitischen Sprachen entsprechend, nur Konsonanten dar. Ihre Anfänge sind für uns heute im Laufe des frühen 2. Jahrtausends auf der Sinaihalbinsel (Ṣerābīṭ el-Chādem [Serabit el-Chadem], protosinaitisch), in Ägypten (Wādī el-Hôl [Wadi el-Hol], ca. 1800-2000 v. Chr.) und teilweise auch in Palästina (protokanaanäisch) greifbar und enthielten vermutlich insgesamt 27 Zeichen. Hier liegt in den von Kanaanäern in Stein eingeritzten Zeichen eine die einzelnen Laute in Form von Bildzeichen darstellende Form des Alphabets vor. Diese sog. protokanaanäischen Zeichen sind zunächst noch piktographisch, d.h. sie stellen in vereinfachter Form konkret erkennbare Dinge dar. Ihr funktionales Prinzip orientiert sich vermutlich an der ägyptischen Gruppenschreibung (= quasi-phonetische Schreibung nicht-ägyptischer Wörter) des ausgehenden Alten Reichs. Sie gewinnen ihren Lautwert nach dem Prinzip der Akrophonie, d.h. ein dargestellter Gegenstand steht nur für den ersten Laut des Wortes, das diesen Gegenstand bezeichnet.

Beispiele:

  • [Zeichen: Rinderkopf (für Rind)] = ’alpu (> Alef) = Lautwert //,
  • [Zeichen: Hausgrundriss (für Haus)] = bajtu (> Bet) = Lautwert /b/,
  • [Zeichen: Pupille, Auge] = ‘ajnu (> Ajin) = Lautwert //,
  • [Zeichen: Kopf] = rāšu (> Resch) = Lautwert /r/,
  • [Zeichen: Welle (für Wasser)] = memum (> Mem) = Lautwert /m/.

Nach anderen Auffassungen handelt es sich bei den Buchstabennamen allerdings um sekundäre kanaanäische Merknamen (Bauer 1937; Hallo). Die Schreibrichtung war zunächst nicht festgelegt und konnte linksläufig (dextrosinistral), rechtsläufig (sinistrodextral), boustrophedon (von Zeile zu Zeile wechselnd rechts- und linksläufig) oder vertikal sein.

3. Alphabetreihen

Im engsten Sinne der oben angegebenen Definition ist ein Alphabet das jeweilige Schriftzeicheninventar in standardisierter Anordnung (Bußmann), d.h. eine festgelegte, dem vereinfachten Erlernen und der Mnemotechnik dienende Graphemfolge. In ihrer schriftlichen Form wird sie „Abecedarium" genannt. Verschiedene Reihen sind hier zu unterscheiden, für die zugrundeliegenden Ordnungsprinzipien wurden astrale, phonologische und andere Gründe genannt (Healey, Driver, Hallo, Schart). Eine überzeugende Erklärung steht noch aus.

3.1. Ugaritische Alphabetreihen

© public domain (Foto: Klaus Koenen)

Abb. 1 Ugaritische Alphabetschrift (Alphabettäfelchen aus Ugarit).

In der Schrift der nordsyrischen Hafenstadt Ugarit (Rās eš-Šamra, bis Anfang 12. Jh.) ist schon recht früh eine deutliche Weiterentwicklung der Schrift zu beobachten. Die einzelnen konsonantischen Phoneme wurden hier als abstrakte Keilzeichen in weichen Ton eingedrückt. Sein technisches Vorbild hat dieses ugaritische Keilalphabet in der syllabischen Keilschrift Mesopotamiens (Akkadisch), wohingegen es in seinem konsonantisch-phonematischen Prinzip, den Alphabetreihungen und überwiegend auch den Zeichenformen der linearen Alphabettradition folgt, die Bildzeichen zu linearen Zeichen abstrahiert, und somit deren Zustände in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. widerspiegelt.

© R.G. Lehmann

Abb. 2 Alphabete angeordnet auf der Basis der Abgad-Reihe.

In → Ugarit gefundene Abecedarien zu Schul- und Übungszwecken belegen drei verschiedene Systeme des Keilalphabets. Das rechtsläufige Langalphabet enthielt 27 Zeichen (durch drei Zusatzzeichen auf 30 Zeichen erweitert) und war auf der Basis der Abgad-Reihe (s.u. 3.3.) organisiert (Abb. 2). Eine nicht erweiterte Alphabetreihe von 27 Zeichen wurde in Ugarit und → Bet-Schemesch (westlich von Jerusalem) entdeckt und belegt die sog. südsemitische Reihe ha-la-ḥa-ma (s.u. 3.2). Schließlich gab es ein erst ab dem 13. Jh. belegtes linksläufiges ugaritisches Kurzalphabet von 22 Zeichen, das bereits die unveränderte Abgad-Reihe belegt und als keilalphabetische Umsetzung des sog. phönizischen Linearalphabets anzusehen ist. Mit dem Untergang Ugarits zu Anfang des 12. Jh.s v. Chr. fand die ugaritische Keilalphabettradition ihr Ende.

3.2. „Südsemitisches Alphabet“

Die mit den Lauten ha-la-ḥa-ma beginnende Alphabetreihe hat ihre bisher frühesten bekannten Belege im ugaritischen 27er-Alphabet des 13. Jh.s v. Chr. (s.o. 3.1.), sie stand somit mindestens eine zeitlang in Konkurrenz zur Abgad-Reihe (s.u. 3.3.). Diese Reihe hat aber schließlich nur im südarabischen (sabäisch, minäisch) und äthiopischen Raum überlebt, wo sie mit einem eigenen, vom nordsemitischen deutlich unterschiedenen Graphemtyp belegt war (→ Saba 4.3.).

3.3. „Abgad“

Historisch durchgesetzt hat sich spätestens mit der Wende vom 2. zum 1. Jahrtausend v. Chr. eine im nordwestsemitischen Alphabetschriftraum dominante Alphabetreihe, die mit den Zeichen bgd (Alef-Bet-Gimel-Dalet) beginnt und daher als „Abgad“ (sprich: /abjad/) bezeichnet wird. Sie liegt bereits dem ugaritischen 30er-Alphabet zugrunde und lebt mit Modifikationen im griechischen, lateinischen und anderen modernen Alphabeten bis heute fort (Abb. 2). Bereits im frühen 1. Jahrtausend ist die Abgad-Reihe auch im nordwestsemitischen Linearalphabet bezeugt.

Sie findet sich in Abecedarien auf hebräisch oder phönizisch beschrifteten Scherben (wichtig: Kuntillet ‘Aǧrūd [→ Kuntillet ‘Aǧrūd; Kuntillet Agrud]) und als Graffiti (Lachisch und Tel Zajit), welche meist als Schulzwecken dienend oder direkt als „Schülergekritzel“ (HAE Lak(8):13) gedeutet werden. Das Vorkommen des Abgad auch auf etlichen ammonitischen Siegeln des 8. und 7. Jh.s, die statt eines Namens nur die ersten (teilweise bis zu zwölf: Aufrecht Nr. 93) Buchstaben dieser Reihe tragen, lässt aber auch einen anderen Sinn vermuten und deutet auf die hohe Bedeutung, den dominanten Charakter und vielleicht auch auf einen magisch-religiösen (apotropäischen) Hintergrund des Abgad hin (Teixidor, anders Millard, Lemaire).

Die Abgad-Reihe, wie sie bereits die Basis des ugaritischen Alphabets bildete, setzte sich im Laufe des 1. Jahrtausends im hebräisch-jüdischen und aramäischen Alphabet konkurrenzlos durch:

’ - b - g - d - h - w - z - ch - ṭ - j - k - l - m - n - s - ‘ - p - ṣ - q - r - š – t.

Daneben existierte im frühen 1. Jahrtausend offenbar zunächst noch eine modifizierte, anscheinend weniger gefestigte Abjad-Reihe, die sich vor allem durch die Vertauschung der Buchstaben Pe und Ajin auszeichnet:

’ - b - g - d - h - w - z - ch - ṭ - j - k - l - m - n - s - p - ‘ - ṣ - q - r - š – t.

Sie ist auf der Scherbe von ‘Izbet Ṣarṭa (11. Jh. v.Chr.;→ ‘Izbet Ṣarṭa [Izbet Sarta]), dem Zajit-Stein (10. Jh.) und in einem Teil der Abecedarien von Kuntillet ‘Aǧrūd (9./8. Jh.) belegt; mindestens die Abecedarien von ‘Izbet Ṣarṭa [Izbet Sarta] und Tel Zajit haben dabei Stellungsvarianten auch noch bei einigen anderen Buchstaben. Vermutlich handelt es sich bei dieser modifizierten Abgad-Reihe um frühe Lokaltraditionen. Sie ist bisher nur für das Hebräische bezeugt. Über einige Bezeugungen auch im Alten Testament (s.u. 5.) hinaus hat sie jedoch keinen Bestand gehabt.

Auf der Abgad-Reihe basiert auch die Methode der „Atbasch“-Verschlüsselung als eine Methode der frühen haggadischen Exegese. Danach wird der erste durch den letzten, der zweite durch den vorletzten usw. Buchstaben des Alphabets ersetzt (Atbasch = alef-taw-bet-schin etc.). Ihr Alter ist umstritten, möglicherweise jedoch findet sich schon im Alten Testament in dem Wort שׁשׁך Jer 51,41 und Jer 25,26 eine solche Atbash-Verschlüsselung für בבל „Babel“ (Noegel, Steiner, Köszeghy).

3.4. Schultraditionen

Die offenkundige Koexistenz von zwei prinzipiell unterschiedenen Alphabetreihen (ha-la-ḥa-ma und Abgad) einerseits und von unterschiedlicher Zeichenmenge (Langalphabet mit 27 bzw. 30 und Kurzalphabet mit 22 Zeichen) andererseits im syrisch-palästinischen Raum des ausgehenden 2. Jahrtausends lässt auf verschiedene Schultraditionen schließen, die im syrischen (Langalphabet) bzw. levantinisch-südkanaanäischen Raum (sog. „phönizisches“ Kurzalphabet) dominierten. Dabei scheint das sog. „phönizische“ Kurzalphabet aus einer Reduktion des 27-Zeichen-Langalphabets entstanden zu sein, als infolge von Phonemreduktion in der Sprache gewisse Zeichen nicht mehr benötigt wurden. Die Festlegung der zunächst unterschiedlichen Schreibrichtungen auf eine Schreibung von rechts nach links (dextrosinistral) hat sich vermutlich durch das Wirken dominanter Schreiberschulen im Zuge der raschen Verbreitung des Alphabets gegen Ende des 2. Jahrtausends und einer zunehmenden Literalität durchgesetzt (path dependance).

4. Geschichte und Ausdifferenzierung

Bilder- und Silbenschriften stellen prinzipiell weltweit voneinander unabhängige Systeme dar. Dagegen können alle aktuellen Alphabete bzw. Alphabetschriften in dem oben definierten engeren Sinne direkt oder indirekt auf das westsemitische Linearalphabet der Abgad-Reihe als ihren gemeinsamen Vorfahren zurückgeführt werden, das sich im Laufe des 1. Jahrtausends v. Chr. historisch und regional in seine verschiedenen graphischen Erscheinungsformen ausdifferenzierte.

Die Erfolgsgeschichte dieses westsemitischen Linearalphabets, wie es sich mit seinen vielfältigen Verzweigungen schließlich weltgeschichtlich durchsetzte, scheint nach Maßgabe der bislang ältesten Funde dieses Typs zum Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. ihren Ausgang von der nördlichen Levante genommen zu haben. Im Übergang zu den ältesten bekannten phönizischen Inschriften (Byblos) liegen dann bereits alle Merkmale vor, unter denen man vom sog. phönizischen Alphabet spricht, womit nicht primär ein Alphabet zur Wiedergabe der phönizischen Sprache, sondern der Alphabet-Typ gemeint ist, von dem aus die weitere Ausdifferenzierung seinen Gang nahm: Linearisierung (Abstraktion der piktographischen Zeichen auf rein lineare Zeichenformen), Reduktion auf ein Graphemrepertoire von 22 Zeichen, linksläufige Schreibrichtung und Festlegung auf die Abgad-Reihe.

Auf dieser Basis fand im Laufe des 1. Jahrtausends die Ausdifferenzierung in mehrere Alphabetlinien statt:

4.1. Kanaanäisch-levantinisches Alphabet

4.1.1. Phönizisch-punisch

Der Graphembestand des phönizisch-punischen Alphabets, wie es für die phönizische Sprache des Mutterlands (→ Byblos, → Sidon, → Tyrus), Kleinasien (Zincirli, Karatepe u.a.) und Zypern und für die spätere punische Sprache der Kolonien des Westmittelmeerraumes (Karthago u.a.) verwendet wurde, ist von den ältesten Inschriften des 10. Jh.s v. Chr. bis zu seinem Erlöschen im 2. Jh. n. Chr. trotz stärkster Veränderung der Buchstabenformen und des Phonembestands in der Sprache stabil geblieben. Vokale wurden erst im spätpunischen Alphabet und nur unsystematisch durch Konsonantenzeichen („matres lectionis“) dargestellt.

4.1.2. Südkanaanäisches Alphabet

In der südlichen Levante lebte das „phönizische“ Standardalphabet der Abgad-Reihe in der althebräischen (israelitischen und judäischen) und transjordanischen (ammonitisch, moabitisch, edomitisch …) Schriftlinie fort und erlosch schließlich mit den letzten Ausläufern der althebräischen Schrift in → Qumran (neo-paläohebräisch) bzw. der samaritanischen Buchschrift. Der Graphembestand blieb auch hier unverändert. Ammonitische Siegel des 7. Jh.s v. Chr. enthalten Abecedarien bis zu 11 Buchstaben. Auch das althebräische Alphabet belegt in den Abecedarien von Kuntillet ‘Aǧrūd (9./8. Jh.), Lachisch (9./8. Jh. v. Chr.), Tel Zajit und Kadesch-Barnea ausnahmslos die Abgad-Reihe. Während jedoch außerhalb der althebräischen Schrifttradition die modifizierte Pe-Ajin-Folge bisher nicht zu belegen ist, erscheint sie hier mindestens in Kuntillet ‘Aǧrūd und Tel Zajit. Ab dem 9. Jh. v. Chr. wurden sukzessive einige Buchstaben zusätzlich mit Vokalwerten belegt (matres lectionis), ohne dass dies zu erkennbaren Veränderungen im Alphabet führte.

4.2. Aramäisches Alphabet

Das aramäische Alphabet, das mit der aramäischen Sprache als lingua franca die weiteste Verbreitung unter den nordsemitischen Alphabeten gefunden hatte, führte ab dem frühen 9. Jh. v. Chr. und ebenfalls unter Beibehaltung der Abgad-Reihe die matres lectionis ein. Seine typologischen Weiterentwicklungen in der palmyrenischen, haträischen und syrischen Schrift führten zu keinen wesentlichen Veränderungen des Alphabets, aber der konsonantischen Orthographie und damit indirekt zu Verschiebungen in der Häufigkeit des Gebrauchs einzelner Buchstaben. Insbesondere wurde über die Vermittlung des Nabatäischen das Samech in der arabischen Schrift völlig aufgegeben, die dagegen schließlich dem höheren Phonemstand durch die Einführung diakritischer Zeichen zur phonetischen Doppelbelegung einzelner Grapheme Rechnung trug. Das moderne arabische Alphabet basiert dabei nicht mehr auf der Abgad-Reihe.

Die Kanzlei-Kursive des achämenidischen Perserreichs wurde in nachexilischer Zeit sukzessive auch für das Hebräische übernommen (vgl. Esr 4,7; Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 21b.22a; Text Talmud), womit eine „jüdische“ Schrift entstand. Als ihr ältester Beleg mag immer noch der Papyrus Nash gelten, ein den Dekalog und das → „Schema Israel“ (Dtn 6,4f) enthaltendes ägyptisches Papyrusfragment aus dem 2. Jh. v. Chr. In den Handschriftenfunden vom Toten Meer und der judäischen Wüste (→ Qumran etc.) wurde in der grob in einen hasmonäischen und einen herodianischen Typ zu unterscheidenden Schrift geschrieben, die ihre Vollendung schließlich in der sog. Quadratschrift fand, die bis heute als die typische hebräische Buchschrift gilt.

Wo Hebräisch nicht mehr Erst- oder Muttersprache war, entstand in der jüdischen Diaspora, aber auch im griechisch- oder aramäischsprachigen Palästina das Bedürfnis nach zusätzlicher Bezeichnung der Vokale über die alte Verwendung der matres lectionis hinaus. Hierbei hatte sich schließlich seit dem 8. Jh. n. Chr. das tiberische System durchgesetzt, wonach Vokale – im Prinzip ohne Interesse an ihrer Quantität, aber offene und geschlossene Qualitäten unterscheidend – durch unter oder über die Konsonantenzeichen, die eigentlichen Buchstaben, gesetzte Punkte oder Striche bezeichnet werden. Da es sich hierbei um Zusatzzeichen handelt, die im Prinzip auf der gleichen Ebene wie die Akzente und der diakritische Punkt für und stehen, kann hier jedoch nicht von der Erweiterung des Graphemrepertoires eines Alphabets gesprochen werden.

4.3. Übernahme in die Ägäis und griechisches Alphabet

Die Übernahme des Alphabets durch die Griechen geschah über die Vermittlung der Phönizier (bezeugt durch Herodot, Diodorus Siculus u.a.) um die Wende vom 2. zum 1. Jahrtausend v. Chr. (eine Frühdatierung vertritt Bernal: 1400 v. Chr.) und ist im Prinzip unbestritten. Dies zeigt die im Kern identische Abgad-Folge des griechischen Alphabets, die Ähnlichkeit der frühen griechischen Zeichenformen mit denen des frühen phönizischen Alphabets und die Gemeinsamkeit der Buchstabennamen (alpha = ’alef, beta = bet, delta = dalet etc.), sowie das Zeugnis antiker Historiker selbst, welche die Alphabetschrift als phoinikēia grammata („phönizische Buchstaben“) oder, nach einem mythischen phönizischen Königssohn als kadmēia grammata („kadmäische Buchstaben“) bezeichneten (Herodot, Historien V 58-59; Text gr. und lat. Autoren). Widerstreitende Auffassungen, die schon Plinius (Naturalis Historia VII lvi 192f.; Text gr. und lat. Autoren) bezeugt, fallen angesichts der griechisch-phönizischen Gemeinsamkeiten in der frühen Alphabetform weniger ins Gewicht.

Das Verdienst der Griechen war es, aus dem Bedürfnis der völlig anders strukturierten griechischen Sprache heraus das Alphabet zu einem schlüssigen System umgearbeitet zu haben, in dem auch Vokale dargestellt werden konnten. Dabei wurden diejenigen semitischen Konsonantenzeichen, für die das Griechische keine Verwendung hatte, mit Vokalwerten belegt:

= Lautwert /a/ > Alpha: A/α;

h = Lautwert /e/ > Epsilon: E/ε;

ch = Lautwert /i/ > Eta: H/η;

‘ = Lautwert /o/ > Omikron: O/ο, wobei semitisch ‘ajnu „Auge“ griechischem οφθαλμος „Auge“ entspricht, hier also vielleicht sogar unter Beibehaltung des akrophonischen Prinzips.

Später entstandene neue griechische Buchstaben (Υ - Φ - Χ - Ψ - Ω) wurden, ähnlich wie beim ugaritischen 30-Zeichen-Langalphabet, hinter das Tau (= semitisch taw) angefügt.

Das lateinische Alphabet entwickelte sich allerdings wahrscheinlich nicht direkt aus dem Griechischen, sondern vermittelt über das prototyrrhenische und etruskische Alphabet, was gewisse Veränderungen in der Zeichenform und -anordnung sowie ihrem Lautwert am besten erklärt (s. Der Neue Pauly, Bd 1, 1996, 536-547).

5. Alphabete im Alten Testament

Alphabete der Abgad-Reihe finden sich z.T. als „versteckte“ Abecedarien im Alten Testament, wo in einigen poetischen Texten jede Zeile oder Strophe mit einem neuen Buchstaben des Alphabets beginnt. Zwischen Sin und Schin wird hierbei noch nicht unterschieden. Diese sog. akrostichischen Texte bezeugen damit indirekt die allgemeine Geltung und Hochschätzung der Abgad-Reihe im 1. Jahrtausend v. Chr. Ps 9-10 (zwischen Lamed und Pe gestört), Ps 25 (Qof fehlt), Ps 34 (Waw fehlt), Ps 37, Ps 111, Ps 112, Ps 119 und Ps 145 (Nun fehlt), Spr 31,10-31, Klgl 1 und Sir 51,13-29 (Zajin-Kaf und Samech fehlen bzw. unklar) beginnen jeden bzw. jeden zweiten oder dritten Vers mit einem neuen Buchstaben des Alphabets. Besonders hervorzuheben ist hierbei Ps 119, der jeweils acht Verse mit dem gleichen Buchstaben beginnen lässt. Die Anordnung entspricht hier in allen Fällen derjenigen der traditionellen Abgad-Reihe. Die Akrosticha Klgl 2; Klgl 3 und Klgl 4 belegen dagegen die modifizierte Abgad-Reihe mit Vertauschung von Ajin und Pe (→ Akrostichon).

Der Gebrauch des (hebräischen) Alphabets als System auch von Zahlen ist aus alttestamentlicher Zeit nicht belegbar. Basierend auf dem philologisch nicht haltbaren Postulat einer speziellen göttlichen Offenbarungssprache wurde das hebräische Alphabet als „Schlüsselelement der göttlichen Offenbarung“ betrachtet (vgl. Joseph Dan), was in der Konsequenz zur Belegung ganzer Wörter und Sachverhalte mit Zahlwerten z.B. in der Kabbala und anderen alten oder modernen mystischen, jüdischen und mitunter auch fundamentalistisch-christlichen Systemen führt (Gematria). In alttestamentlicher Zeit wurden Zahlen im Alten Testament selbst als Zahlwörter ausgeschrieben, in den althebräischen wie auch aramäischen Inschriften des 1. Jahrtausends v. Chr. wurden hieratische oder andere besondere Zahlzeichen (Zählstriche) verwendet.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Lexikon der Sprachwissenschaft, 2. Auflage, Stuttgart 1990
  • Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart 1993
  • Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache, Frankfurt / New York 1995
  • Der Neue Pauly, Stuttgart / Weimar 1996-2003

2. Weitere Literatur

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http://www.linse.uni-essen.de/linkolon/schrift/schriftstart.html

Weitere Literatur s. unter

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Ugaritische Alphabetschrift (Alphabettäfelchen aus Ugarit). © public domain (Foto: Klaus Koenen)
  • Abb. 2 Alphabete angeordnet auf der Basis der Abgad-Reihe. © R.G. Lehmann

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