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Lexikon

Ahitofel

Andere Schreibweise: Ahithophel

Stefan Seiler

(erstellt: Jan. 2007)

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1. Name und Herkunft

Die Bedeutung der hebr. Namensform ’ăchîtofæl ist unsicher. Vermutet wird eine Entstellung aus ’achîba‛al („[Der] Bruder [sc. die Gottheit] ist Besitzer [des Landes]“), wobei der Namensbestandteil ba‛al „Besitzer“ durch tofæl „Dummkopf / Tor“ (?) ersetzt wurde (vgl. → Merib-Baal [1Chr 8,34; 1Chr 9,40] und Mefiboschet [2Sam 4,4; 2Sam 9,6.10-13 u.a.]).

Nach 2Sam 15,12 stammte Ahitofel aus dem südjudäischen Ort Gilo (vgl. 2Sam 23,34). Er war → Davids Ratgeber, der jedoch im Zuge des Absalom-Aufstands von ihm abfiel. Ahitofels Sohn Eliam wird in 2Sam 23,34 zu den → „Helden“ Davids gerechnet. Von älteren Auslegern wurde dieser mit dem in 2Sam 11,3 genannten Eliam, dem Vater Batsebas, gleichgesetzt (demnach wäre Ahitofel Salomos Urgroßvater gewesen); dies ist jedoch bereits aus Gründen der Generationenfolge eher unwahrscheinlich.

2. Ahitofel im Alten Testament

2.1. Thronfolgegeschichte

Ahitofel spielt im Rahmen des Absalom-Aufstands, von dem in der → Thronfolgegeschichte Davids berichtet wird, eine zentrale Rolle (2Sam 15-17; darüber hinaus wird er in 2Sam 23,34; 1Chr 27,33-34 erwähnt). Bereits bei der Schilderung des Beginns der Rebellion wird hervorgehoben, dass Absalom Ahitofel zu sich kommen ließ (2Sam 15,12). Seine herausragende Bedeutung als Ratgeber geht auch aus 2Sam 16,23 hervor, wonach sein Ratschlag so viel wie ein Gottesorakel galt.

Bei der Darstellung des Aufstands werden er und Davids Abgesandter → Huschai als Kontrastfiguren einander gegenüber gestellt. An der Verwerfung des klugen Rates Ahitofels und der Annahme des hinterlistigen Rates Huschais entscheidet sich letztlich der Ausgang der Rebellion (2Sam 17,14): Als David von Ahitofels Abfall zu Absalom erfährt, schickt er seinen Freund Huschai nach Jerusalem, um Ahitofels Ratschlag zu vereiteln. Außerdem soll ihm dieser über die Priester → Zadok und → Abjatar bzw. deren Söhne Nachrichten über die Pläne der Aufständischen zukommen lassen (2Sam 15,34-36). Zunächst wird von Ahitofels Vorschlägen berichtet: Er rät Absalom, mit den Nebenfrauen seines Vaters sexuell zu verkehren. Durch diese „Haremsübernahme“ werde öffentlich demonstriert, dass er sich bei ihm verhasst gemacht habe. Ahitofels Strategie zielt also auf den unwiderruflichen Bruch zwischen David und dessen Sohn Absalom (2Sam 16,21). Nach 2Sam 16,22 wird dieser Rat auch in die Tat umgesetzt.

Anders verhält es sich mit dem zweiten Vorschlag Ahitofels: Er macht das Angebot, selbst noch in der gleichen Nacht die Verfolgung Davids aufzunehmen. Solange dieser und seine Männer müde seien, könnten sie überwältigt werden. Die Krieger würden fliehen, Ahitofel könne David erschlagen (2Sam 17,1-3). Dieser Erfolg versprechenden Strategie setzt jedoch der falsche Ratgeber Huschai den Vorschlag entgegen, zunächst ein großes Heer aufzubieten. Wenn Absalom selbst mit der gesamten Heeresmacht der Israeliten, die auf seiner Seite stünden, gegen David ziehe, könne er ihn bezwingen (2Sam 17,7-13). Dass schließlich Huschais falscher Rat angenommen und Ahitofels kluger Rat verworfen wird, wird nach 2Sam 17,14b auf JHWHs Anordnung zurückgeführt (eine der wenigen „theologischen Deutestellen“ der Thronfolgegeschichte; vgl. 2Sam 11,27b; 2Sam 12,24b). 2Sam 17,23 setzt voraus, dass für Ahitofel damit (zu Recht) das Scheitern der Rebellion abzusehen ist. Mit knappen Worten wird berichtet, dass er in seine Stadt zurückkehrte, dort sein Haus bestellte und sich erhängte.

Einige der genannten Texte werden von verschiedenen Auslegern als nachträgliche Ergänzungen betrachtet. Dies gilt insbesondere für den Abschnitt 2Sam 17,5-14, der die ausführliche Huschai-Rede enthält. So hat hier nach E. Würthwein ein prodavidischer Redaktor Huschai zu einem erfolgreichen Gegenspieler Ahitofels stilisiert, dessen Ansehen damit herabgesetzt werden sollte (vgl. hierzu Langlamet, Seebass und Werner). Aber auch durch den Zusatz 2Sam 16,21-23, der von Ahitofels Rat der „Haremsübernahme“ seines Vaters berichtet, solle dieser in ein ungünstiges Licht gerückt werden (vgl. hierzu auch Langlamet).

2.2. Tendenz der Darstellung Ahitofels

Geht man von der vorliegenden biblischen Erzählung (2Sam 15-17) in ihrer Endgestalt aus, so wird Ahitofel als kluger und weitblickender Ratgeber beschrieben, der die Lage Davids zutreffend einschätzt (vgl. 2Sam 16,14) und ihm gerade dadurch gefährlich werden kann. Dies wird nicht zuletzt durch die Hervorhebung der besonderen Bedeutung seines Ratschlags in 2Sam 16,23 unterstrichen. Wenn es in 2Sam 17,2-3 heißt, dass er David allein töten und Absalom dessen Krieger „wie eine Braut“ zuführen wollte, so zeigt dies, dass er die Aussöhnung mit Davids Anhängern anstrebte, was eine wichtige Voraussetzung für Absaloms Anerkennung als künftiger Herrscher gewesen wäre; auch dies beweist sein überlegtes und strategisch kluges Vorgehen. So konnte die Überwindung dieses gefährlichen Ratgebers, der sich den Rebellen angeschlossen hatte, nur durch das Eingreifen JHWHs geschehen (2Sam 17,14b; bereits die Begegnung mit Ahitofels Widersacher Huschai wird in 2Sam 15,31-32 als eine Gebetserhörung Davids dargestellt). Ahitofels Weitblick hielt sich in tragischer Weise bis zum Ende durch. Da er, wie die weitere Erzählung bestätigt, das Scheitern des Aufstands voraussah, setzte er seinem Leben selbst ein Ende.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001

2. Weitere Literatur

  • Hertzberg, H.W., 6. Aufl. 1982, Die Samuelbücher (ATD 10), Göttingen
  • Langlamet, F., 1976, Pour ou contre Salomon? La rédaction prosalomonienne de I Rois, I-II, RB 83, 321-379; 481-528
  • Langlamet, F., 1977, Absalom et les Concubines de son Père, RB 84, 161-209
  • Langlamet, F., 1978, Ahitofel et Houshaï: rédaction prosalomonienne en 2 Sam 15-17?, in: Y. Avishur / J. Blau (Hgg.), Studies in Bible and the Ancient Near East (FS S.E. Loewenstamm), Jerusalem, 57-90
  • Noth, M., 1966, Die israelitischen Personennamen im Rahmen der gemeinsemitischen Namengebung (BWANT III/10), Hildesheim
  • Seebass, H., 1980, David, Saul und das Wesen des biblischen Glaubens, Neukirchen-Vluyn
  • Seiler, S., 1998, Die Geschichte von der Thronfolge Davids (2 Sam 9-20; 1 Kön 1-2): Untersuchungen zur Literarkritik und Tendenz (BZAW 267), Berlin / New York
  • Stoebe, H.J., 1994, Das zweite Buch Samuelis: mit einer Zeittafel von Alfred Jepsen (KAT 8,2), Gütersloh
  • Stolz, F., 1974, Die Erzählung von der Thronfolge Davids – theologische oder politische Geschichtsschreibung? (ThSt[B] 115), Zürich (auch in: ders., Studien zum Deuteronomistischen Geschichtswerk [BZAW 227], Berlin / New York 1994, 29-79.)
  • Stolz, F., 1981, Das erste und zweite Buch Samuel (ZBK.AT 9), Zürich
  • Werner, W. 1988, Studien zur alttestamentlichen Vorstellung vom Plan Jahwes (BZAW 173), Berlin / New York
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