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Lexikon

Ätiologie

Andere Schreibweise: Aitiologie

Andreas Scherer

(erstellt: Sept. 2008)

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1. Der Begriff und seine Verwendung

Der Begriff Ätiologie leitet sich von dem griechischen Wort aitiología ab, das seinerseits auf die Elemente aitían légein mit der Bedeutung „den Grund“ oder „die Ursache“ einer Gegebenheit „nennen“ zurückgeht. Ätiologie hat es also mit der Untersuchung und Angabe von Ursachen und Gründen zu tun. Davon können die unterschiedlichsten Sachverhalte und Wissensgebiete betroffen sein.

Die Medizin, speziell die Klinische Psychologie und die Epidemiologie, versteht unter Ätiologie die Lehre von den Krankheitsursachen, die alle Faktoren, die zur Entstehung von Krankheiten führen, in den Blick nimmt.

In der griechischen Philosophie ist der Begriff spätestens seit Epikur (4. - 3. Jh. v. Chr.) bekannt. Er gebraucht den Ausdruck im Zusammenhang mit der Untersuchung der Himmelserscheinungen, verwendet ihn also kosmologisch. Der griechische Dichter Kallimachos (3. Jh. v. Chr.) stellt in seinen aίtia mythologische Gedichte über die Ursachen außergewöhnlicher Phänomene zusammen. Hier kommen Ätiologien der Sache nach zum ersten Mal im Sinne eines literarischen Genres in den Blick (Belege: Cancik-Lindemaier, 391).

Auch im Kultus und Mythos des Alten Vorderen Orients nehmen Ätiologien einen breiten Raum ein. Für Ägypten lassen sich ätiologische Elemente vor allem in den → Sargtexten aus der ersten Zwischenzeit (2. Hälfte 3. Jt. vor. Chr.) nachweisen (Belege: Settgast, 81-82). Die fraglichen Passagen präsentieren Herleitungen von Priestertiteln, Festen, Kultgegenständen und Kultvorschriften. Dabei verläuft allem Anschein nach der Weg von den vorfindlichen Phänomenen, deren ursprüngliche Bedeutung nicht mehr klar erfasst wird, zu den mythischen Vorstellungen, die sie sinnstiftend begründen sollen. Das heißt: Aus bestimmten Elementen der religiösen Wirklichkeit werden mythische Begebenheiten entwickelt, die erklären sollen, wie es zur Ausprägung der aktuell gegebenen Erscheinungen gekommen ist.

Aus: H. Gressmann, Altorientalische Bilder zum Alten Testament, Berlin / Leipzig 2. Aufl. 1927, Abb. 265

Abb. 1 Die ägyptische Himmelskuh (Grab Sethos’ I.; 1313-1292 v. Chr.).

Eine religionsphilosophische Dimension gewinnt die ätiologische Fragestellung im vermutlich erst während der Amarnazeit (14. Jh. v. Chr.) entstandenen so genannten „Buch von der Himmelskuh“ (Hornung, 81). Die relativ umfangreiche Dichtung – wenigstens 330 Verse sind erhalten – weist einerseits zahlreiche ätiologische Einzelzüge auf und ist andererseits insofern als Ganze eine Ätiologie als sie versucht, den „unvollkommenen Zustand der Welt“ (aaO, 82) zu erklären. Man kann allerdings fragen, ob der Begriff Ätiologie für diesen ausgedehnten Beitrag zur Sinndeutung der Wirklichkeit tatsächlich passend gewählt ist.

2. Ätiologien im Alten Testament

2.1. Ältere Definitionen und ihre Revision

Der Ätiologie-Begriff der alttestamentlichen Wissenschaft hat sich lange an einem Frage-Antwort-Paradigma orientiert, das auch heute noch vielfach ungeprüft übernommen wird. Als Ausgangspunkt von Ätiologien erscheint bei diesem Verständnis immer eine ungeklärte Gegebenheit der jeweiligen Gegenwart eines Textes, die als offene Frage im Raum steht. Die Ätiologie wird entworfen, um die passende Antwort zu liefern. Bei den in Frage stehenden Phänomenen kann es sich im Prinzip um die unterschiedlichsten Tatbestände der menschlichen Lebenswirklichkeit handeln, insbesondere um soziale Konstellationen, die Namen von Personen, Völkern oder Orten, um kultische oder sonstige Bräuche und Vorschriften, um die Gebietsansprüche von Völkern oder Sippen oder auch um auffällige geologische Besonderheiten. Geradezu klassische Formulierungen des traditionellen Ätiologie-Konzeptes sind die im Verlauf der Forschungsgeschichte immer wieder aufgegriffenen Definitionen von Gunkel und Alt:

„Es gibt eine Fülle von Fragen, die ein antikes Volk beschäftigen. Das Kind schaut mit großen Augen in die Welt und fragt: warum? Die Antwort, die es sich selbst gibt, und mit der es sich bald beruhigt, ist vielleicht sehr kindlich, also sehr unrichtig und doch, wenn es ein gemütvolles Kind ist, fesselnd und rührend, auch für den Erwachsenen. Solche Fragen wirft auch ein antikes Volk auf und beantwortet sie, so gut es kann. Diese Fragen sind gewöhnlich auch dieselben, die wir selber stellen und in unseren wissenschaftlichen Disziplinen zu beantworten suchen.“ (Gunkel, XX).

„Denn wenn das Wesen einer ätiologischen Sage darin besteht, daß sie einen gegenwärtigen Tatbestand kausal aus einem Ereignis der Vergangenheit ableiten will, so ist zwar unbestreitbar der behandelte gegenwärtige Tatbestand eine Größe der historischen Wirklichkeit, hingegen gar nicht ausgemacht und aus der betreffenden Sage allein auch nicht auszumachen, ob das zur Erklärung erzählte Ereignis der Vergangenheit ebenfalls dem Bereich der historischen Wirklichkeit entnommen ist.“ (Alt, 185).

Solche Definitionen geben naturgemäß wenig Anlass zu einer optimistischen Beurteilung der Frage nach der historischen Zuverlässigkeit ätiologischer Texte. Zu deutlich herrscht der Eindruck vor, dass die Ätiologien gleichsam „erfunden“ worden sind, um dem Bedürfnis nach der Erklärung der Welt und der vielen Einzelerscheinungen in ihr Rechnung zu tragen. Ein ätiologischer Text – das deutet sich letztlich schon bei Alt an – darf aber nicht schon und allein deshalb für historisch zweifelhaft erklärt werden, weil er ätiologisch ist. Vielmehr sagt sein ätiologischer Charakter an sich überhaupt nichts über die Historizität der von ihm geschilderten Vorgänge aus. Es bleibt vielmehr von Fall zu Fall zu klären, ob ein entsprechender Text auf mythische oder geschichtliche Vorgänge Bezug nimmt und ob die geschichtlichen Vorgänge als solche denkbar oder unwahrscheinlich sind. Ist der jeweilige Text fiktiv gestaltet, oder lässt sich eine historische Verankerung für ihn plausibel machen? Bei alledem gilt es zu bedenken, dass eine allzu schroffe Unterscheidung zwischen mythischen und daher unhistorischen Ätiologien einerseits und geschichtlichen Ätiologien andererseits womöglich in der Gefahr steht, neuzeitliche Kategorien auf antike Texte anzuwenden und damit an der Grundintention von Ätiologien vorbeizugehen.

2.2. Formelhafte Wendungen aus ätiologischen Kontexten

Ätiologische Elemente sind zwar nicht immer, aber doch in vielen Fällen an bestimmten Sprachmustern zu erkennen. Besonders häufig begegnen relativ fest gefügte Formulierungsstrukturen im Zusammenhang mit Benennungen von Personen, Orten oder Kultstätten. Dabei lassen sich tendenziell bestimmte Schemata eruieren, die allerdings nicht immer in derselben scharf umrissenen Form erscheinen, sondern mannigfaltige Variationen aufweisen können.

Der wichtigste Typ beginnt mit der Formulierung „da nannte er den Namen von …“ (wajjiqrā’ šem …) und gibt dann den zu erklärenden Namen an. In vielen Fällen folgt ein Begründungssatz, der mit der Wendung kî ’āmar („denn er sprach“) oder auch nur mit der Konjunktion („denn“) eingeleitet wird:

„Da nannte er seinen Namen Gerschom (geršom), denn er sprach: ‚Ein Fremdling (ger) bin ich geworden in einem fremden Land‘.“ (Ex 2,22)

„Da nannte Jakob den Namen des Ortes Pniel (pənî’el), ‚denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht (’älohîm pānîm ’æl pānîm) gesehen, doch mein Leben ist gerettet worden‘.“ (Gen 32,31)

Wie das erste Beispiel besonders deutlich zeigt, ist die Verbindung zwischen dem Namen, der eingeführt wird, und der Begründung für die Wahl des Namens häufig volksetymologischer Natur. Das heißt, es werden zwei Begriffe – wie hier ger („Fremdling“; → Fremder) und geršom (→ Gerschom) – aufeinander bezogen, die lediglich lautlich aneinander anklingen, ohne jedoch wortgeschichtlich miteinander verwandt zu sein.

Ein weiteres Schema wird grundsätzlich durch die Wendung ‘al-ken („darum“) eingeleitet, worauf die Nennung des Namens folgt: „Darum nannte man ihren Namen ‚Mara‘.“ (Ex 15,23). Die Begründung für die Namengebung erfolgt hier nicht in wörtlicher Rede im Anschluss an den Vollzug der Namengebung, sondern ergibt sich aus dem unmittelbar vorausgehenden Darstellungszusammenhang. Die Israeliten sind an eine Wasserstelle geraten, aus der sie nicht trinken können, weil das Wasser zu bitter (hebr.: mar) ist. Deswegen nennt man den Ort mārāh („Bittere“; → Mara).

Eine Formulierungsstruktur, die in ihrer ätiologischen Relevanz häufig überschätzt wurde und die den Ätiolgie-Begriff der älteren Forschung so einseitig geprägt hat, ist das Frage-Antwort-Schema, das sich beispielsweise in Jos 4,6b-7 deutlich ausgeprägt hat:

„Wenn eure Kinder künftig fragen werden: ‚Was bedeuten euch diese Steine?‘, dann sollt ihr ihnen sagen: ‚Dass das Wasser des Jordans vor der Lade des Bundes JHWHs verschwand. Als sie durch den Jordan zog, verschwand das Wasser des Jordans. Und diese Steine sollen für die Israeliten zu einem Denkmal werden auf immer‘.“

Strukturell verwandte Passagen finden sich noch in Ex 12,26ff.; Ex 13,14ff.; Dtn 6,20ff. und Jos 4,21ff.

Fraglich ist jedoch, ob das Frage-Antwort-Schema hier wirklich in allen Fällen einen im strengen Sinne ätiologischen Charakter aufweist (vgl. besonders Dtn 6,20ff.) und ob dort, wo dies unter Umständen wirklich der Fall ist (vgl. Ex 12,26ff.; Ex 13,14ff.), die betreffenden Stellen tatsächlich ursprüngliche Bestandteile ihrer Kontexte sind. Wahrscheinlich hat man zum Teil eher mit einer sekundären Ätiologisierung zu rechnen. Es scheint deshalb nicht geraten, sich dem Wesen der Ätiologie vorwiegend von dieser Seite aus anzunähern.

Eine formelhafte Wendung, die gern in Verbindung mit der Benennung von Orten, aber auch bezogen auf die Stiftung von Kultstätten oder Gedächtnismalen verwendet wird, ist das Adverbiale ‘ad hajjom hazzæh („bis zu diesem Tag“):

„Darum ist der Name der Stadt ‚Beer-Scheba‘ bis zu diesem Tag.“ (Gen 26,33b)

„Und sie sind dort geblieben bis zu diesem Tag“. (Jos 4,9b)

„Bis zu diesem Tag befindet sich der noch im Ofra der Abiesriten“. (Ri 6,24b)

Die Stadt → Beerscheba trägt – aus der Perspektive des Textes – noch heute ihren Namen „Schwurbrunnen“, weil es dort einst zum Schwur zwischen Isaak und Abimelech gekommen ist. Die zwölf Steine, die Josua nach der Zahl der israelitischen Stämme im Jordan aufgerichtet hat, um an den wunderhaften Durchzug durch den Fluss zu erinnern, sind noch heute dort. Und auch der Altar, den einst → Gideon im Ofra der Abiesriten gestiftet hat, soll dort „bis zu diesem Tag“ zu sehen sein. Es ist klar, dass die Formel eine bekräftigende Funktion hat. Sie will möglichst nachdrücklich die Brücke schlagen zwischen dem Damals der im Text figurierenden Erscheinung und dem Heute des Textes und seiner Rezeption. Gehört die Formel zum literarischen Grundbestand, oder hat man sie als nachträgliche Hinzufügung einzustufen? Spricht sie für die Historizität des Phänomens, auf das sie Bezug nimmt, oder muss sie als rhetorischer Kunstgriff angesehen werden, der auch und gerade dort um Zutrauen wirbt, wo in Wirklichkeit nicht nur die Ätiologie, sondern auch die Gegebenheit, mit der sie korrespondiert, ins Reich der Fiktion gehört? Bei der Beantwortung dieser Fragen lässt sich – wenn überhaupt – nur von Fall zu Fall eine Antwort finden. Fest steht, dass die Formel ihrer Intention nach auf Nachprüfbarkeit ausgerichtet ist. Sie kann ihre bekräftigende Funktion nur erfüllen, wenn wenigstens je und dann Beispiele dafür bekannt gewesen sind, dass Menschen tatsächlich mit den fraglichen Phänomenen vertraut waren.

2.3. Ätiologische Erzählungen oder ätiologische Motive?

Ein wichtiger Schritt in der Geschichte der Erforschung der ätiologischen Elemente des Alten Testaments war die Erkenntnis, dass nicht jede ätiologische Textkomponente zwangsläufig auf eine ätiologische Sage schließen lässt. Wir müssen vielmehr grundsätzlich zwischen solchen Erzählungen, die als ganze ätiologisch ausgerichtet sind und bloßen ätiologischen Motiven unterscheiden (vgl. Westermann, 1964, 39-47). Viele ätiologische Stoffe stehen nicht im Zentrum der Textpragmatik einer Erzählung, sondern begleiten die größere Einheit nur als Motiv. Erzählungen weisen für gewöhnlich einen Spannungsbogen auf (→ Erzählende Gattungen). Nur wo das ätiologische Moment eine Erzählung vom Ausgangspunkt des Spannungsbogens bis zu dessen schlussendlicher Auflösung konsequent bestimmt, kann man im strengen Sinne von einer regelrechten Ätiologie sprechen. Solche Texte sind im Alten Testament schwerer zu finden, als es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat. In vielen Fällen ist das ätiologische Motiv nicht substantiell im Duktus einer Erzählung verankert. Mitunter lässt es sich literarkritisch aus der größeren Einheit lösen, manchmal erfüllt es auch den rhetorischen Zweck, der Erzählung und ihren Symbolen größere Glaubwürdigkeit zu verleihen (vgl. van Dyk, 19-33).

Abb. 2 Abrahams Gastmahl und Opferung Isaaks (Mosaik in San Vitale in Ravenna; 6. Jh.).

Abb. 2 Abrahams Gastmahl und Opferung Isaaks (Mosaik in San Vitale in Ravenna; 6. Jh.).

In Gen 22 folgt auf die Erzählung von → Isaaks Bindung und der Ersatzhandlung an dem Widder (Gen 22,1-13) eine Benennung (Gen 22,14a), die offenbar nachträglich erweitert worden ist (Gen 22,14b; vgl. Seebass, 1997, 211-213). Die Namengebung knüpft zwar terminologisch an die vorausgehende Schilderung an, kann aber kaum als deren wesentlicher sachlicher Fluchtpunkt bezeichnet werden. Niemand käme auf die Idee, V. 1-13 wären einzig und allein zu dem Zweck mitgeteilt worden, um den von Gen 22,14a eingeführten Namen zu begründen. Die Erzählung von der Bindung Isaaks ist demnach keine Ortsätiologie, sondern wird in V. 14a lediglich durch die Benennung des Berges, an dem die Handlung spielt, wirkungsvoll abgerundet. Die Erzählung steht nicht im Dienste der Benennung, sondern die Benennung im Dienste der Erzählung. Das ätiologische Motiv nimmt demnach in Bezug auf die größere Einheit eine untergeordnete Funktion wahr.

Die von kultischen Auseinandersetzungen geprägte Erzählung in Ri 6,25-32 berichtet davon, wie Gideon einen Baal-Altar einreißt und einen Altar für JHWH baut. Die Episode endet damit, dass Gideon in V. 32 den Namen Jerubbaal erhält, der vom Text die Deutung „Baal streite mit ihm“ erhält. V. 32 fügt sich mit der Namengebung und seiner Deutung sinnvoll an V. 25-31 an. Dennoch zielt die gesamte Erzählung nicht ausschließlich oder in erster Linie auf die Ätiologie ab. Sie verfolgt vielmehr eine davon unabhängige Intention und kann als Geschichte von einem negativen Gotteserweis bezeichnet werde. Daran hat sich – von Anfang an oder doch eher sekundär? (zur Diskussion vgl. Scherer, 233-234) – die Namensätiologie als Motiv angeschlossen.

2.4. Das Wesen der Ätiologie

Ätiologische Stoffe dienen im Alten Testament in den seltensten Fällen lediglich der Beantwortung einer schlichten Warum-Frage. Das gilt bereits für untergeordnete ätiologische Motive, erst recht jedoch für größere ätiologisch geprägte Einheiten.

Abb. 3 Der Turmbau zu Babel (Peter Bruegel d. Ä.; 1563).

Abb. 3 Der Turmbau zu Babel (Peter Bruegel d. Ä.; 1563).

Die so genannte Erzählung vom Turmbau zu Babel in Gen 11,1-9 – bekanntlich handelt es sich eigentlich um zwei verschiedene Bauprojekte – kann in dem Traditionsstand, den der Text in seiner jetzigen Gestalt repräsentiert, ohne Zweifel als Ätiologie bezeichnet werden (→ Turmbauerzählung). Der Text beginnt mit der Feststellung der weltweiten Einheit der Sprache (Gen 11,1) und schließt mit dem Vermerk, dass JHWH „die Sprache aller Welt verwirrt hat“ (Gen 11,9). Selbst wenn man die volksetymologische Deutung des Namens Babel (bll „verwirren“) in V. 9 für sekundär erklärt (vgl. Westermann, 4. Aufl. 1999, 711), bleibt der ätiologische Charakter der Erzählung erhalten. Dennoch erschöpft sich die Intention des Textes nicht in der Beantwortung der Frage: „Warum gibt es auf der Welt so viele unterschiedliche Sprachen?“. Der Text rührt vielmehr an eine viel grundsätzlichere anthropologische und theologische Dimension, indem er zeigt, wie das Streben „nach Universalismus“ (…) „zu Allmachtsgelüsten“ (Seebass, 1996, 287) führen kann, denen Gott dadurch entgegenwirkt, dass er mit Hilfe der Verwirrung der Sprachen eine heilsame Grenze für das menschliche Maß setzt.

Bei der Abfassung der Erzählung von Gideons Berufung in Ri 6,11-24 ist eine ursprünglich selbständige Kultätiologie verarbeitet worden, deren Protagonist wahrscheinlich von Anfang an Gideon war (vgl. Scherer, 221-223). Die Ätiologie endet mit der Benennung eines Altars durch Gideon. Der Altar heißt „JHWH ist Friede“, da JHWH zuvor dem vor der Gegenwart Gottes zurückschreckenden Gideon „Frieden“ zugesichert hat (Ri 6,23). Trotzdem kommt es der Geschichte nicht hauptsächlich auf die Begründung des Namens an. Eher steht das Interesse im Vordergrund, einen bestimmten, offenbar als bekannt vorausgesetzten Altar mit dem berühmten Helden und JHWH-Krieger Gideon aus Israels Frühzeit in Verbindung zu bringen. Es geht nicht in erster Linie um eine Erklärung, sondern darum, eine kultische Einrichtung in der Geschichte zu verankern, um dadurch ihre Dignität und vielleicht auch ihre Legitimität zu unterstreichen.

Die Beispiele aus Gen 11 und Ri 6 zeigen, dass Ätiologien im Alten Testament keine Ursachenforschung im Sinne eines Kausalprinzips vordergründiger Logik betreiben. Ätiologien schlagen eine sinnstiftende Brücke zwischen dem Einst und dem Jetzt. Sie zeigen die Gegenwart durch das Transparent der Vergangenheit. Sie geben der Gegenwart Würde, Sinn und Ziel, wollen die aktuelle Wirklichkeit auslegen, indem sie sie in der von ihnen beleuchteten Vergangenheit verankern. Dabei können sowohl mythische als auch geschichtliche Szenarien eine Rolle spielen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt 2006

2. Weitere Literatur

  • Alt, A., 3 Aufl. 1963, Josua (1936), in: Ders., Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel, Band 1, München, 176-192
  • Cancik-Lindemaier, H., 1988, Art. Ätiologie (Aitiologie), HRWG 1, 391-394
  • Golka, F.W., 1976/1977, The Aetiologies in the Old Testament, VT 26, 410-428; VT 27, 36-47
  • Gunkel, H., 8. Aufl. 1969, Genesis, Göttingen
  • Hornung, E., 2. Aufl. 1991, Der ägyptische Mythos von der Himmelskuh. Eine Ätiologie des Unvollkommenen (OBO 46), Freiburg Schweiz / Göttingen
  • Long, B.O., 1968, The Problem of Etiological Narrative in the Old Testament (BZAW 108), Berlin
  • Scherer, A., 2005, Überlieferungen von Religion und Krieg. Exegetische und religionsgeschichtliche Untersuchungen zu Richter 3-8 und verwandten Texten (WMANT 105), Neukirchen-Vluyn
  • Seebass, H., 1996, Genesis I. Urgeschichte (1,1-11,26), Neukirchen-Vluyn
  • Seebass, H., 1997, Genesis II. Vätergeschichte I (11,27-22,24), Neukirchen-Vluyn
  • Settgast, J., 1975, Art. Ätiologie. Ätiologische Mythen, LÄ 1, 80-83
  • Van Dyk, P.J., 1990, The Function of So-Called Etiological Elements in Narratives, ZAW 102, 19-33
  • Westermann, C., 1964, Arten der Erzählung in der Genesis, in: Ders., Forschung am Alten Testament. Gesammelte Studien (TB 24), München, 9-91
  • Westermann, C., 4. Aufl. 1999, Genesis 1-11 (BK I/1), Neukirchen-Vluyn

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Die ägyptische Himmelskuh (Grab Sethos’ I.; 1313-1292 v. Chr.). Aus: H. Gressmann, Altorientalische Bilder zum Alten Testament, Berlin / Leipzig 2. Aufl. 1927, Abb. 265
  • Abb. 2 Abrahams Gastmahl und Opferung Isaaks (Mosaik in San Vitale in Ravenna; 6. Jh.).
  • Abb. 3 Der Turmbau zu Babel (Peter Bruegel d. Ä.; 1563).
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