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Lexikon

Achor

Heinz-Dieter Neef

(erstellt: Nov. 2007)

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1. Name

Achor ist der Name einer Ebene, die im Alten Testament fünfmal genannt wird (Jos 7,24.26; Jos 15,7; Jes 65,10; Hos 2,17). Der Name „Achor“ (hebräisch עָכוֹר) ist auf die Wurzel ‘kr zurückzuführen, die mit „zum Tabu machen / für den Verkehr mit anderen unmöglich machen / betrüben / ins Unglück bringen“ übersetzt werden kann.

2. Biblische Überlieferung

Jos 7. Nach Jos 7,24.26 ist die Ebene Achor der Ort, an dem das Todesurteil an Serachs Sohn → Achan vollstreckt wird, weil er sich gegen das Verbot Jahwes an gebanntem Gut vergriffen hatte (→ Bann / Banngut). Damit hatte er das gesamte Volk Israel schuldig werden lassen und Gottes Zorn erregt (Jos 7,1). Mittels eines Losverfahrens wird Achan als der Schuldige entlarvt. Er gesteht seine Schuld sofort (Jos 7,19-21) und gibt das gestohlene Gut preis (Jos 7,22f.). Daraufhin wird er mit seinen Söhnen und Töchtern in die Ebene Achor geführt, wo sie alle gesteinigt und verbrannt werden (Jos 7,24f.). In Jos 7,25 ist die Wurzel ‘kr am besten mit „ins Unglück bringen“ zu übersetzen (Luther: „betrüben“). Die Ebene Achor wird deshalb als eine Unglücksebene betrachtet, weil sich mit ihr ein Ereignis verbindet, das die ganze israelitische Volksgemeinde bedrohte.

Jos 15. In Jos 15,7 begegnet die Ebene Achor bei der Beschreibung der judäischen Ost- und Nordgrenze. Als Ostgrenze wird das Tote Meer bis zur Mündung des Jordans angegeben (Jos 15,5-6). Von dort verläuft sie in nördlicher Richtung, wobei folgende Punkte genannt werden: Bet-Hogla, Bet-Araba, Debir, die Ebene Achor, Gilgal und die Steige Adummim.

Hos 2. In Hos 2,17 wird die Ebene Achor als „Tor der Hoffnung“ bezeichnet. Nach dem Vers ist die Wüste der Ort der Begegnung zwischen Jahwe und seinem Volk und Zeichen der Verbundenheit Jahwes mit dem Volk. Der Herr wird als Geschenke Weinberge und die Ebene Achor austeilen. In diesem Zusammenhang wird die Ebene Achor als „Tor der Hoffnung“ bezeichnet. → Hosea greift hier auf die Überlieferung von der Versündigung Achans zurück (Jos 7,5b-26). Er möchte zeigen, dass die Ebene Achor, die in Jos 7 für Israel zu einer Unglücksebene und zu einer gefährlichen Bedrohung der Landnahme geworden war, jetzt zu einem „Tor der Hoffnung“ wird und einen zuversichtlichen Zug ins Kulturland ermöglicht. Hos 2,17b betont dabei, dass Israel dem Werben seines Herrn willig folgen wird. In der Wüste wird der Herr mit seinem untreuen Volk einen Neuanfang wagen. Die Wüste ist nicht nur der Ort des Werbens und der Geschenkübergabe, sondern auch der Ort, an dem Israel den Wert und die Einzigartigkeit seines Herrn erkennen wird, um sich ihm neu zuwenden zu können. Die Wüste ist für Hosea ein Durchgangsstadium, denn Israel soll nicht dort bleiben, sondern ins Kulturland zurückkehren.

Jes 65. Jes 65,10 verheißt, dass der Scharon zu einer Schafweide und die Ebene Achor zu einem Lagerplatz für Rinder werden wird. Beide Regionen stehen in Jes 65,9-10 stellvertretend für die West- und Ostbegrenzung des Landes. Palästina soll in seiner vollen Breite herausgestellt werden, das ganze Heilsland wird ein Land voller Sättigung und Ruhe sein, vergleichbar mit einem großen Weide- und Lagerplatz für die Herden. Ganz Palästina wird für die Auserwählten des Herrn zu einem Land der Ruhe und des Glücks.

3. Nichtbiblischer Befund

Außerhalb des Alten Testament wird die Ebene Achor in der Kupferrolle von Qumran (3Q15), in einem fragmentarisch erhaltenen Qumran-Text (4Q522, frg. 3, Z. 3) und in Eusebs Onomastikon genannt.

In der Kupferrolle wird auf die Achorebene zweimal Bezug genommen. In Kolumne I, Zeile 1 wird „Achor“ und in Kolumne IV, Zeile 6 wird „Achan“ genannt. Diese unterschiedliche Wiedergabe lässt sich am besten mit dem Rückbezug auf Jos 7 erklären, wo die Achangeschichte als Ätiologie für den Namen der Achorebene dient.

In → Eusebs Onomastikon (84,18-21; Text Kirchenväter 3) wird gesagt, dass die Achorebene bei → Jericho und → Gilgal zu lokalisieren sei und dass sie noch bis heute, also bis ins 4. Jh. n. Chr., den Einheimischen bekannt gewesen sei.

4. Lokalisierung

Aus: Google Earth am 20.11.2007; © Google Earth (Beschriftung: Klaus Koenen)

Abb. 1 Satellitenbild des Gebiets von Jericho.

Die genaue Lage der Ebene Achor lässt sich aus den genannten Stellen nicht unmittelbar erschließen. Aus diesem Grund finden sich in der Literatur die unterschiedlichsten Lokalisierungsvorschläge. Die Ebene Achor wird in der Nähe von Jericho (B. Duhm, C. Westermann u.a.) oder südwestlich davon (C.F. Keil u.a.) lokalisiert. O. Proksch identifiziert sie mit dem tief ins judäische Gebirge eingeschnittenen und zur Jordanniederung strebenden Wādī el-Qelṭ [Wadi el-Qelt]. H. Guthe sieht in der Ebene Achor die Bezeichnung des Gebiets zwischen dem Gebirge, dem unteren Jordan und dem Toten Meer. F.-M. Abel setzt sie mit dem Wādī en-Nuwē‘ime [Wadi en-Nuweime] gleich, einer etwa zwei Quadratkilometer großen, fruchtbaren Ebene nordwestlich von Jericho, deren südöstlicher Punkt der Ǧebel Qaranṭal ist. Für M. Noth dagegen ist die Ebene Achor mit der Buqē‘a identisch, einer etwa 21 Quadratkilometer großen Fläche unterhalb der Chirbet Mird (= Hyrkania; Koordinaten: 185.125; N 31° 43' 07'', E 35° 21' 57'').

Die Fülle der Lokalisierungsvorschläge zeigt, wie schwierig es ist, die Lage der Ebene Achor eindeutig zu bestimmen. Befragt man die alttestamentlichen Stellen, ergibt sich folgendes Bild: Ausgangspunkt der Erzählung von Jos 7 ist Jericho und sie steht in Verbindung mit der Eroberung von Ai. Deswegen ist die Achorebene eher mit dem Wādī en-Nuwē‘ime als mit der Buqē‘a zu identifizieren. Jos 15,5-7 lässt sich mit Sicherheit nur entnehmen, dass die Ebene Achor in der Nähe der benjaminitisch-judäischen Grenze zu suchen ist. Die genaue Lage bleibt auch in Hos 2,17 offen, allerdings passt das Wādī en-Nuwē‘ime weit besser in den Kontext als die Buqē‘a, denn das Wadi zeigt entlang dem verhältnismäßig wasserreichen Flusslauf schöne Grünflächen für Kleinviehherden. Die Buqē‘a dagegen liegt mitten in der judäischen Wüste mit ihren extremen klimatischen Bedingungen und geringen Anbaumöglichkeiten. In Jes 65,9-10 scheint die Ebene Achor als Ostbegrenzung Palästinas angesehen zu werden. Ist die Stelle auf diese Weise sachgemäß interpretiert, wird damit die Lokalisierung der Ebene mit der Buqē‘a ausgeschlossen, denn sie kann schwerlich als Ostbegrenzung Palästinas angesehen werden. Das Wādī en-Nuwē‘ime dagegen fügt sich in die Sicht → Tritojesajas weitaus besser ein.

Die Identifikation der Ebene Achor mit dem Wādī en-Nuwē‘ime ist aufgrund der alttestamentlichen Stellen sowie der Angabe in Eusebs Onomastikon 84,18-21 durchaus möglich.

5. Theologie

Mit der Nennung der Ebene Achor verbindet sich im Alten Testament nicht nur Jahwes Wille zum Neuanfang mit seinem in Sünde gefallenen Volk, sondern in ihr konkretisiert sich auch seine Landverheißung an Israel. Die Ebene Achor ist in Jos 7 der Ort des Gottesgerichtes, an dem Achan als Übertreter des Banngebotes bestraft und damit das Volk von einer erdrückenden Schuldenlast befreit wird. In Hos 2,16-17 und Jes 65,10 steht sie stellvertretend für das Kulturland und für alle seine lebensnotwendigen Gaben, die Jahwe seinem Volk verheißen hat. Die Ebene Achor ist ein Beweis dafür, dass Jahwe Israel nicht im Stich lässt, sondern ihm treu zur Seite steht, um ihm eine sichere Existenz in Palästina zu ermöglichen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Abel, F.-M., 2. Aufl. 1933, Géographie de la Palestine I, Paris
  • Baillet, M. u.a., 1962, Discoveries in the Judaen Desert of Jordan III: Les „Petites Grottes“ de Qumran, Oxford
  • Duhm, B., 5. Aufl. 1968, Das Buch Jesaia (Göttinger Handkommentar zum AT), Göttingen
  • Eusebius, 1966, Das Onomastikon der biblischen Ortsnamen, hrsg. von E. Klostermann, Hildesheim
  • Guthe, H., 1903, Kurzes Bibelwörterbuch, Tübingen u.a.
  • Keil, C.F., 3. Aufl. 1888, Biblischer Commentar über die zwölf kleinen Propheten, Leipzig
  • Neef, H.-D., 1984, Die Ebene Achor – das „Tor der Hoffnung“. Ein exegetisch-topographischer Versuch, ZDPV 100, 91-107
  • Noth, M., 1955, Das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes. Lehrkursus 1954, ZDPV 71, 1-59, bes. 42-55
  • Proksch, O., 1919, Die kleinen Prophetischen Schriften vor dem Exil (Erläuterungen zum Alten Testament), Calw u.a.
  • Westermann, C., 1966, Das Buch Jesaja Kap. 40-66 (ATD 19), Göttingen
  • Wolff, H.W., 1954, Die Ebene Achor, ZDPV 70, 76-81

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Satellitenbild des Gebiets von Jericho. Aus: Google Earth am 20.11.2007; © Google Earth (Beschriftung: Klaus Koenen)
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