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Lexikon

Achan

Walter Dietrich

(erstellt: Dez. 2009)

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1. Der Name

Der Name Achan (hebräisch עָכָן; ‘ākhān) begegnet nur im Buch → Josua (Jos 7 und Jos 22,20); in 1Chr 2,7 ist dieselbe Person gemeint, doch die hebräische Schreibweise lautet dort עָכָר (‘ākhār). Daher ist wohl die griechische Schreibung beeinflusst, die an allen Stellen Αχαρ (Achar) lautet.

2. Die Geschichte

Abb. 1 Die Steinigung Achans (William Blake; um 1800).

Abb. 1 Die Steinigung Achans (William Blake; um 1800).

Achan ist der Mann, der nach der Darstellung des Josuabuchs (Jos 7) die einzige schmerzliche Niederlage Israels während der Landnahme verursacht hat. Nach der erfolgreichen Überquerung des Jordans und der durch List und Wunder bewirkten Zerstörung der ersten Stadt auf westjordanischem Boden, → Jericho (Jos 2-6), bewegt sich der Eroberungszug hinauf ins palästinische Gebirge. Dort ist die erste nennenswerte Siedlung → Ai. Ihr Name bedeutet „Trümmerhaufen / Ruine“ (heute noch arabisch et-tell „Ruinenhügel“) – und genau das war die Ortslage vom ausgehenden 3. bis tief ins 1. Jahrtausend v. Chr. Das bedeutet: Die Erzählung von der zunächst misslungenen und dann doch gelungenen Eroberung Ais in Jos 7-8 ist pure Fiktion. Die Achan-Geschichte Jos 7 ist eine konstruierte Lehr-Erzählung über die Gefahren, die aufziehen, wenn Israel sich nicht streng an die Tora, hier: an die Gesetzgebung über den sog. → Bann, hält.

Das deuteronomische Banngesetz sieht (auf einer literarisch jungen, spätdeuteronomistischen Stufe) für die Bewohnerschaft eroberter kanaanitischer Städte die vollständige Ausrottung vor (Dtn 20,16-18). Die priesterliche Gesetzgebung verschärft dies dahin, dass auch das Beutegut Gott gehört, für Israel also tabu ist (Lev 27,28-29). In Jos 6-7 (und ähnlich in 1Sam 15) ist diese Zuspitzung bereits vorausgesetzt (oder wird in den Blick genommen): Josua stellt Jericho mit allem, was darin ist, unter Bann (Jos 6,17). Achan jedoch nimmt bei der Erstürmung einiges von dem Banngut an sich (Jos 7,1). Später erfährt man, was es war: ein kostbarer babylonischer Mantel, 200 Silberschekel und ein Goldbarren von 50 Schekel Gewicht (Jos 7,21); bedenkt man, dass das Umrechnungsverhältnis von Gold zu Silber bei 1:20, der Handelswert eines Sklaven aber bei 30 Silberschekeln lag (vgl. Ex 21,32), sind dies enorme Sachwerte.

Der Banndieb wird gleich zu Beginn der Erzählung vorgestellt als „Achan, Sohn des Karmi, des Sohnes Sabdis, des Sohnes Serachs, aus dem Stamm Juda“ (Jos 7,1). Hinter diesen Angaben steht, wie sich später noch deutlicher zeigen wird, die idealtypische Vorstellung eines verwandtschaftlich strukturierten Israel: Von einem Urvater (Jakob) leiten sich Stammesväter her (zu Juda als Sohn Jakobs vgl. Gen 29,35); die aus ihnen hervorgehenden Stämme gliedern sich in Sippen (zu Serach als Sippenhaupt in Juda vgl. Num 26,20; 1Chr 2,4), die Sippen in Großfamilien (Sabdi ist in diesem Zusammenhang sonst nicht belegt, doch vgl. zum Namen Neh 11,17; 1Chr 8,19; 1Chr 27,27), die Großfamilien in Einzelfamilien. Karmi könnte auf die judäische Ortschaft Karmel zielen, Jos 15,55 (zum Namen vgl. aber auch Gen 46,9 und Num 26,6: der letzte der vier Söhne Rubens trägt ebenfalls diesen Namen). Der Name von Karmis Sohn Achan ist sonst in der Bibel nicht belegt; er hat seinerseits schon Söhne und Töchter, Jos 7,24).

Der Übergriff auf das Banngut bleibt zunächst unentdeckt. Gleichwohl ist nicht nur der Dieb, sondern ganz Israel dadurch kontaminiert. Gott in seinem → Zorn (Jos 7,1) ruht nicht eher, als bis das Sakrileg gesühnt ist (Jos 7,26). Dazu lässt er ein Detachement von 3000 Mann, mit dem man nach sorgfältiger Erkundung Ai meinte einnehmen zu können, kläglich scheitern (Jos 7,2-5). Als sich Josua daraufhin im Gebet an Gott wendet mit der Frage, was seinen Zorn ausgelöst habe (Jos 7,6-9), erfährt er, eine Übertretung des Bann-Gebotes sei die Ursache (Jos 7,10-13); den Namen des Täters erfährt er nicht, dafür aber die Anweisung, dass er ihn per Losorakel ausfindig machen soll (Jos 7,14-15). Es folgt eine Art Detektivgeschichte mit Gott bzw. dem von ihm gelenkten Los als Ermittler. Mit unheimlicher Zielsicherheit wird aus den Stämmen Juda, aus Juda die Sippe Serach, aus dieser die Grossfamilie Sabdi und aus ihr Achan ben Karmi herausgefunden (Jos 7,16-18).

Diese Darstellung ist unverkennbar derjenigen von der Kür → Sauls zum ersten König Israels nachgebildet (1Sam 10,20-21). Der Erzähler von Jos 7 hat seine Vorlage, abgesehen von den Namen der Beteiligten, nur in einem Punkt abgewandelt: Er fügte die Ebene der Grossfamilie ein, die ihm dort fehlte. Wie aber mag er bzw. sein Gewährsmann in 1Sam 10 sich ein derartiges Losverfahren vorgestellt haben? Aus dem Alten Testament sind die Lose „Urim und Tummim“ bekannt (vgl. Ex 28,30; Lev 8,8; Num 27,21; Dtn 33,8), ein Alternativ-Orakel, das auf eine entsprechend gestellte Frage mit „Ja“ oder „Nein“ antworten konnte. Beispiele dafür könnten Davids Orakelanfragen in 1Sam 23,2.11 sein. In Fällen wie dem von 1Sam 10 und Jos 7 hingegen (oder auch von Jos 18-19 oder 1Chr 26,12-18), wo aus einer größeren Zahl von Menschen oder Dingen eines herauszufinden war, hat man wohl eher an ein Auswahl-Orakel zu denken, wie es auch in der Umwelt Israels gut belegt ist; dabei wird für alle in Frage Kommenden je ein Los eingelegt, und der Gottheit bleibt es überlassen, das richtige auszuwählen.

Wie auch immer: Das Losorakel findet Achan treffsicher heraus (Jos 7,16-18). Auf jeder Stufe des Verfahrens hätte er sich noch freiwillig stellen können; er unterlässt dies und lässt es darauf ankommen. Am Ende, als er ermittelt ist, verlangt Josua von ihm eine Doxologie, d.h. die Anerkenntnis der Gerechtigkeit Gottes, sowie ein materiales Geständnis (Jos 7,19). Achan ist zu beidem bereit, bekennt sich als Frevler, benennt das Geraubte und verrät das Versteck (Jos 7,20-21). Der Rest ist fast nur noch – schaurige – Formsache: Nachdem das in Achans Zelt vergrabene Diebesgut aufgefunden ist, wird der Dieb mitsamt seiner Familie „im Tal Achor“ hingerichtet (Jos 7,22-25). Dieses Tal gab es wirklich, wie seine Erwähnung in Hos 2,17 beweist; vermutlich handelt es sich um die Talebene Buqē‘a südwestlich von → Jericho (→ Achor). Über der Hinrichtungsstätte wird ein Steinhaufen aufgetürmt, der dort „bis auf den heutigen Tag“ zu sehen ist (Jos 7,26) – nichts Außergewöhnliches in dieser Gegend. Solche → „Ätiologien“ (d.h. Erklärungen von etwas Vorfindlichem aus früher Geschehenem) galten der Forschung lange Zeit als überlieferungsgeschichtliches Urgestein; doch offenbar konnten sich auch spätere Erzähler dieser Form bedienen.

Mit der Geschichte vom Banndieb Achan im Gedächtnis wird man das Tal Achor nur mit Schaudern betreten oder sich vorgestellt haben. Möglicherweise war davon auch Lukas berührt, als er die Erzählungen von den vergrabenen Talenten (Lk 19,11-27) und von Hananias und Saphira (Apg 5,1-10) schrieb.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992

2. Weitere Literatur

  • Derrett, J.D.M., 1986, A Horrid Passage in Luke Explained (Lk 19:27), ET 97, 136-138
  • Dietrich, W., 2007, Achans Diebstahl (Jos 7) – eine Kriminalgeschichte aus frühpersischer Zeit, in: F. Hartenstein (Hg.), „Sieben Augen auf einem Stein“ (Sach 3,9). Studien zur Literatur des Zweiten Tempels (FS Ina Willi-Plein), Neukirchen-Vluyn, 57-67
  • Dietrich, W., 2009, Samuel (BK.AT 8/6), Neukirchen-Vluyn
  • Fritz, V., 1994, Das Buch Josua (HAT I/7), Tübingen
  • Helck, W., 1979, Art. Losung, in: Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike, Bd. 3, München, 739-741
  • Jeremias, J., 2009, Der Zorn Gottes im Alten Testament (BThSt 104), Neukirchen-Vluyn
  • Knauf, E.A., 2007, Josua (ZBK.AT 6), Zürich
  • Lindblom, J., 1962, Lot-casting in the Old Testament, VT 12, 164-178
  • Noth, M., 2. Aufl. 1953, Das Buch Josua (HAT I/7), Tübingen
  • Taggar-Dohen, A., 2002, The Casting of Lots among the Hittites in Light of Ancient Near Eastern Parallels, JANES 29, 97-103

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Die Steinigung Achans (William Blake; um 1800).

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