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Lexikon

Abdi Chepa

Andere Schreibweise: Abdi-Cheba ; Abdi-Chiba ; Abdi-Kheba ; Abdihiba

Stephan Lauber

(erstellt: Okt. 2008)

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Abdi Chepa war im 14. Jh. v. Chr. Stadtkönig von Jerusalem (ú-ru-sa-lim). Bekannt ist er aus seinen in Tell el-Amarna aufgefundenen eigenen, auf Akkadisch mit kanaanäischen Glossen verfassten Briefen (EA 285-290, wahrscheinlich auch der sehr fragmentarische Brief 291; → Amarnabriefe mit Brief 286; The Encyclopedia of El Amarna Research Tool) und denen seines Verbündeten und späteren Gegners Šuwardata von Hebron (oder Gat?) (EA 279-280; 366). Gerichtet sind die Briefe an den ägyptischen Lehnsherrn der palästinensischen Kleinkönige, wohl Amenophis III. (um 1390-1353) und / oder dessen Nachfolger → Amenophis IV. Echnaton (um 1353-1336 v. Chr.).

1. Name

Das Logogramm ÌR, das das erste Namenselement bildet und meist mit dem kanaanäischen ’abdi wiedergegeben wird, kann auch hurritisch purame, hethitisch arta oder akkadisch ardu gelesen werden. Die Bedeutung des Namens ist in jedem Fall „Diener der (Göttin) Chepa“. Chepa (auf die womöglich der biblische Name chawwāh „Eva“ in Gen 3,20; Gen 4,1 zurückgeht; → Adam und Eva 1.) erscheint zuerst im 3. Jahrtausend v. Chr. in Texten aus → Ebla und war die Hauptgöttin des hurritischen Pantheons, das von den → Hethitern übernommen wurde. Das theophore Namenselement weist Abdi Chepa als Angehörigen einer mitannisch-hurritischen Herrscherschicht aus und lässt den Einfluss aus diesem Bereich im spätbronzezeitlichen Jerusalem erkennen. Ähnliches gilt für die in den Amarna-Briefen belegten Namen weiterer Kleinkönige Palästinas.

2. Historische Situation

Nach den Angaben in seinen Briefen beherrschte Abdi Chepa ein Territorium, das im Südwesten bis Keïla und im Nordwesten bis Ajalon reichte. Er verfügte über eine eigene Truppe, zu der zeitweise eine Einheit von 50 ägyptischen Soldaten gehörte, und besaß einen königlichen Palast und eine Administration mit Beamten, u.a. einem Schreiber, der die Korrespondenz mit dem ägyptischen Hof führte. Sein Amt hatte er geerbt, war aber auch vom Pharao zusätzlich eingesetzt worden (vgl. EA 286,9-13; 287,25-28; 288,13-15).

In den Jerusalemer Amarna-Briefen spiegelt sich eine schwere Notsituation des Stadtkönigs: In dem Machtvakuum, das durch die militärische und politische Schwäche der Hegemonialmacht Ägypten unter Amenophis III. und besonders Echnaton in Palästina entstanden war, versuchten die Kleinstaaten der Region in Kämpfen gegeneinander ihre Herrschaft auszudehnen. Besonders Labaja von → Sichem, dessen Gebiet von der Jesreel-Ebene im Norden bis an die Staatsgrenze Jerusalems im Süden reichte, verfolgte eine aggressive Expansionspolitik und bildete eine Allianz gegen Jerusalem. Dieser Allianz schloss sich nach dem Tod Labajas, dessen Politik von seinen Söhnen fortgesetzt wurde, auch der mit Abdi Chepa zuvor verbündete, wegen Gebietsstreitigkeiten (vgl. EA 280,30-38; 286,36-37 u.ö.) dann aber verfeindete Šuwardata von → Hebron an. Mehrere Ortschaften des Jerusalemer Staatsgebiets gingen zeitweise oder ganz an die Gegner verloren oder schlossen sich ihnen freiwillig an (vgl. EA 290,8-18), so dass Jerusalem schließlich im Norden, Süden und Westen von feindlichen Territorien eingeschlossen war. Außerdem hatte sich die zu Beginn der Regierungszeit Abdi Chepas in Jerusalem stationierte ägyptische Garnisonstruppe unter ihrem Führer Addaja in das sicherere → Gaza zurückzogen (vgl. EA 285,24; 287,46-52; 289,30-36).

Abdi Chepa klagt in den Briefen seine Gegner an, Verbündete einer als cha-bi-ru bezeichneten Gruppe zu sein (vgl. EA 286,18-19.56; 287,31; 288,37-38.44; 289,24; 290,12-13.23-24), die er als Bedrohung sowohl seiner eigenen Position als auch der ägyptischen Oberherrschaft in Palästina betrachtet. Bei dieser in literarischen Quellen des 2. Jahrtausends für weite Teile des Vorderen Orients belegten Personengruppe handelt es sich um Menschen, die aufgrund wirtschaftlicher oder politischer Zwänge zur Flucht aus ihren angestammten Siedlungsgebieten gezwungen waren und in der Fremde als soziale Schicht minderen Rechts in Abhängigkeitsverhältnissen als Arbeiter oder Söldner lebten oder sich außerhalb gesellschaftlicher Ordnungen bewegten. Alttestamentlich wird der Begriff in der Form ‘ivrîm → „Hebräer“ in einigen Textbereichen als Charakterisierung von Israeliten verwendet und erhält nachexilisch in Gen 14,13; Jon 1,9 die Bedeutung eines Ethnonyms.

In seiner bedrängten Situation bat Abdi Chepa den Pharao um Ersatztruppen oder die Möglichkeit, mit seiner Verwandtschaft zu ihm nach Ägypten zu fliehen (vgl. EA 288,48-61). Über den Erfolg seiner Eingaben gibt es keine schriftlichen Nachrichten mehr, Briefe eines Nachfolgers sind nicht erhalten.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Quellen

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  • Gressmann, H., 1926, Nachdr. 1970, Altorientalische Texte zum Alten Testament (AOT), 2. Aufl. Berlin / Leipzig, 374-378
  • Pritchard, J.B., 1969, Ancient Near Eastern Texts Relating to the Old Testament (ANET), 3. Aufl. Princeton, 487-489 (= EA 286-290)
  • Galling, K., 1979, Textbuch zur Geschichte Israels (TGI), 3. Aufl. Tübingen, 25-26 (= EA 286)
  • Kaiser, O. (Hg.), 1985-1997, Texte aus der Umwelt des Alten Testaments (TUAT), Gütersloh, I/5, 512-516 (= EA 286; 289)

2. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999

3. Weitere Literatur

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  • Finkelstein, I., 1993, The Territorial-Political System of Canaan in the Late Bronze Age, UF 28, 221-253
  • Haas, V., 1994, Geschichte der hethitischen Religion (Handbuch der Orientalistik 15), Leiden, 383-392
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  • Keel, O., 2007, Die Geschichte Jerusalems und die Entstehung des Monotheismus (Orte und Landschaften der Bibel IV/1), Göttingen, 106-121
  • Lemche, N.P., 1996, Die Vorgeschichte Israels. Von den Anfängen bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts v. Chr. (BE 1), Stuttgart u.a., bes. 135-155
  • Na'aman, N., 1994, The contribution of the Amarna letters to the debate on Jerusalem’s political position in the tenth century B.C.E., BASOR 304, 17-27
  • Otto, E., 1980, Jerusalem – die Geschichte der Heiligen Stadt (Urban-Taschenbücher 308), Stuttgart u.a., 33-37
  • Wilhelm, G., 1982, Grundzüge der Geschichte und Kultur der Hurriter (Grundzüge 45), Darmstadt, bes. 9-58
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