
Abb. 1 Jagd auf Wildesel (Ausschnitt). Im nicht dargestellten Bereich verfolgt der König die Tiere mit Pfeil und Bogen auf seinem Pferd. Eindrucksvoll lässt das Muttertier sein Junges trotz der Gefahr nicht aus dem Blick (unten; Relief aus dem Palast Assurbanipals in Ninive; 7. Jh.).
Der Wildesel – bzw. zoologisch zutreffender – der Halbesel wird hebräisch pæræ’ bzw. ‘ārôd (nur ) und aramäisch ‘ǎrād (nur ) genannt; beide Begriffe sind auch als Personennamen belegt (vgl. ; ). Der Wildesel war bis in die Neuzeit in den Steppen und Halbwüsten Syriens / Palästinas anzutreffen (). Vermutlich gab es in Syrien und Transjordanien in alter Zeit zwei Arten von Wildeseln, den syrischen Wildesel (Equus hemionus hemihippus) und den Onager (Equus hemionus onager). Beide Arten haben nichts mit den vom nubischen Wildesel abstammenden Hauseseln zu tun, sondern sie sind wegen des zierlichen Körperbaus und den kleinen Ohren eher dem Pferd ähnlich.
Wildesel wurden als Vertreter einer gegenmenschlichen Welt von den Königen Ägyptens und des Vorderen Orients gejagt, weil sie die Kulturpflanzen auf den Feldern zerstörten (vgl. zu entsprechenden Darstellungen der Bildkunst Keel 1978, 71ff und Abb. 1). Zu ihren natürlichen Feinden gehörten Löwen ( [Lutherbibel: ]). Gottes Schöpfermacht und Fürsorge für die Wildesel wird daran erkennbar, dass er sie vom Dienst für den Menschen befreit () und ihnen die Quellen in den Tälern als Tränke geschaffen hat (). Andererseits zeigen sich gerade am Wildesel die Auswirkungen von Futtermangel und Trockenheit, wenn er nach Futter schreit (; vgl. ) und vor Durst hechelt ().
Die Wildheit und der unbezähmbare Freiheitsdrang der Wildesel steht im Hintergrund vieler Vergleiche (vgl. ). Der Wildesel steht dann in Kontrast zu Menschen, die in einer wohlgeordneten Gesellschaft leben (vgl. ; ). Das wird besonders deutlich im Falle des gestürzten und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßenen Königs Nebukadnezar (), der bei den Wildeseln wohnen muss. Der Stammesspruch , der → Ismael verheißt, er werde zu einem „Wildesel von einem Menschen“, nimmt vermutlich auf die sich auf ein weites Gebiet erstreckende, unstete Existenzweise des Stammes und seinen Kampf ums Überleben Bezug (vgl. Hen 89,11.16, wo der Wildesel als Bild für Ismael und Midian erscheint). Der gleiche Lebensraum und die gleiche Lebensweise von Mensch und Tier führen so dazu, beiden dieselben Eigenschaften zuzuschreiben.
enthält ein Wortspiel zwischen pæræ’ und ‘æfrajim, das auf die Unterwerfung → Hoseas ben Ela unter Assur 733 v. Chr. Bezug nimmt: Während der Wildesel in seiner Herde bleibt und den Kontakt mit anderen Tieren und dem Menschen scheut, zog Israel eigenmächtig nach Assur, um zu verhindern, dass auch das Kerngebiet des Gebirges Ephraim zur assyrischen Provinz wird. Das Drohwort gegen Jerusalem in kündigt an, dass die einst pulsierende Hauptstadt zur Wonne der Wildesel, also einstiges Kulturland zum Bestandteil der Wildnis wird. Auch in akkadischen Vergleichen werden die Schnelligkeit und der abgelegene Lebensraum des Wildesels vorausgesetzt, der sich als Zufluchtsort für Menschen eignet (vgl. Schott 1926, 91.96.99). In assyrisch-babylonischen Vertragstexten (z.B. den Vasallenverträgen → Asarhaddons) findet sich für den Fall des Vertragsbruches die Fluchandrohung, wie ein Wildesel in der Wüste umherziehen zu müssen (vgl. dazu Fensham 1963 und möglicherweise ).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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