→ Adam und Eva; → Paradies / Paradieserzählung

Abb. 1 Der Sündenfall (Codex Vigilanus; 11. Jh.).
Unter „Sündenfall“ versteht man in der biblischen Theologie den in Gen 3 erzählten Verstoß der ersten Menschen, Adams und seiner Frau, gegen das Verbot Gottes, vom → Baum der Erkenntnis von Gut und Schlecht im Garten von Eden zu essen (). Die Erzählung in Gen 3 setzt den zweiten Schöpfungsbericht der Bibel in voraus (Erschaffung von Adam und seiner Frau; Versetzung in den Garten von Eden; → Schöpfung) und ist mit ihm auf mehrfache Weise verknüpft (siehe z.B. „Baum der Erkenntnis von Gut und Schlecht“ in . [und indirekt in .] bzw. „Baum in der Mitte des Gartens“ in und bzw. „Baum des Lebens“ in und .; Verbot Gottes mit Ankündigung des Todes in und ..; Nacktheit des Menschen in und ..). Durch die Einführung der → Schlange als Verführerin der Frau in beginnt jedoch eine neue Erzählung, die in . mit der Vertreibung aus dem Garten von Eden endet.
Die Erzählung vom Sündenfall oder von der Vertreibung aus dem Paradies enthält einige Spannungen, für die unterschiedliche Lösungen angeboten werden.
Zu den besonders auffallenden Spannungen innerhalb des Textes gehört die doppelte Ausweisung aus dem Garten in und die damit zusammenhängende Erwähnung verschiedener Bäume. Unklar erscheint dabei das Verhältnis des Baumes der Erkenntnis zum Baum des Lebens, die beide nach in der Mitte des Gartens stehen (vgl. den Exkurs bei Westermann, 288-292). Das Verbot Jahwes betrifft den Baum der Erkenntnis (), der wohl nach . in der Mitte des Gartens stand. Vom Baum des Lebens haben Adam und Eva nicht gegessen, und damit dies auch in Zukunft nicht passiert und der Mensch nicht ewig lebt (), verfügt Gott die Vertreibung aus dem Garten (). Die Nennung von zwei für die Zukunft des Menschen entscheidenden Bäumen hat zu verschiedenen überlieferungsgeschichtlichen oder redaktionsgeschichtlichen Hypothesen über die Entstehung des Textes geführt.
Seit der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments und der Entwicklung der Urkundenhypothese wurde , abgesehen von wenigen Zusätzen, meist dem nicht immer in die gleiche Zeit datierten → Jahwisten zugeschrieben, der allerdings schon vorliegendes Material, darunter mythologische Motive aus dem Alten Orient, Kanaan und Ägypten, übernommen hat (so z.B. von Rad, 51, 60, 71f; Grelot, 33; Westermann, 259-269 nach einem Exkurs zur Forschungsgeschichte 255-259; Scharbert, 17f, 26-28, 48; Steck, 24f und passim; Seebass,137f; Rottzoll; Loh, vor allem zu „Baum“ und „Schlange“). Spannungen im Text werden bei dieser Hypothese nicht nur überlieferungskritisch, sondern manchmal auch durch semantische Überlegungen zu erklären versucht.
So löst z.B. J. Scharbert das Problem der beiden Bäume, indem er den Kollektivbegriff
Die Rolle der Schlange (→ Schlange) als Verführerin dürfte ebenfalls schon aus alten Mythen übernommen sein. Im → Gilgamesch-Epos raubt eine Schlange dem Helden das Lebenskraut. In Ägypten können die Schutzgöttinnen Meretseger und Renenutet mit Schlangengesicht oder sogar als Kobra dargestellt werden. Die Polyvalenz der Schlange ist auch mythologisch begründet, worauf zahlreiche ikonographische Belege aus Ägypten, dem Alten Orient und Palästina hinweisen (vgl. Görg, 2001; Keel, 195-266; Loh, 100-112, 131-142, 157-162, 199-202). Allerdings ist das hebräische Wort für Schlange
Neuere Studien lehnen die traditionelle zeitliche Vorordnung von vor der priesterschriftlichen Schöpfungserzählung ab und sehen den Text als eine bewusst Gen 1 korrigierende Version der Schöpfungsgeschichte an, die ihre Endfassung erst in spätnachexilischer Zeit erhielt (vgl. Witte, 325-334; Spieckermann, 365f; Schüle, 24-32.425; Arneth, 146f.230-236; → Urgeschichte). Dabei wird auch die Nähe von Gen 2f zur jüngeren Weisheitsliteratur herausgestellt (vgl. Schmid). Manche Exegeten halten den Text auch für literarisch weitgehend einheitlich (z.B. Steck, 24f; Stolz, 1995, 708f: außer ). Der jüdische Exeget B. Jacob (1862-1945) lehnt in seinem 1934 erschienenen Genesis-Kommentar, dem bisher ausführlichsten deutschsprachigen jüdischen Kommentar zur Genesis, die Quellenscheidung für den Pentateuch ab und hält das Buch Genesis für das Werk eines Verfassers, der ältere Quellen benutzt hat (Jacob, 9f). Gen 2-3 sieht Jacob als eine sinnvolle Fortführung von Gen 1 an, deren Zweck darin besteht, den Menschen von ausschweifenden Träumen abzubringen (vgl. Jacob, 79).
Während man früher Gen 3 als Bericht über ein historisches Ereignis verstand – so gelegentlich noch systematische Theologen im Hinblick auf die kirchliche Erbsündenlehre und deren Begründung –, sieht man in neuerer Zeit vom Inhalt her als paradigmatische Schuld-Strafe-Erzählung (so z.B. Westermann, 263) oder als „kombinierte Menschenschöpfungs- / Schuld-und-Strafe-Erzählung“ (so Ruppert, 122) an. Wenn man entsprechend dem Prolog des Hiob-Buches davon ausgeht, dass Jahwe die Versuchung durch die Schlange erlaubt hat, handelt es sich um eine negativ ausgehende Prüfungsgeschichte. Nach B. Jacob war das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, „eine Prüfung, von der Gott wusste, daß sie der Mensch nach seiner Natur nicht bestehen werde, so wie das ganze Paradies eine solche Probe war“. Eine solche Prüfung war notwendig, weil „der Mensch an seine Unzulänglichkeit und Bedürftigkeit erst (glaubt), wenn er überführt ist“ (Jacob, 125). M. Witte spricht von einer Gehorsamsprobe (Witte, 159).
Von ihrer Funktion her ist die Erzählung in der Endfassung eine Ätiologie (→ Ätiologie), die erklären soll, warum das Leben der Menschen in der Welt von → Leid und → Tod, Zwietracht zwischen den Geschlechtern und Mühen bei der Sorge um den Lebensunterhalt beeinträchtigt wird, obwohl Gott alles sehr gut erschaffen hat (). Die Erzählung soll also den gegenwärtigen Zustand des Lebens in dieser Welt, die Ambivalenzen, unter denen der Mensch leidet (vgl. von Rad, 73), erklären, wobei der Verfasser bzw. die Redaktoren dem jetzigen Zustand als Kontrast einen ursprünglich von Jahwe für den Menschen vorgesehenen Zustand im Garten von → Eden allerdings nur andeutungsweise gegenüberstellen, der jedoch auch nicht frei von Ambivalenzen ist (vgl. Spieckermann, 366-369). Insofern ist Gen 2f auch eine → Theodizee-Geschichte, weil Gott durch sie davon freigesprochen wird, das Leid und die Mühsal, das Menschen erfahren, von Anfang an für sie vorgesehen zu haben (vgl. von Rad, 73, mit unpräzisem Verweis auf J. Hempel; vgl. Otto, 191).
Nach H. Pfeiffer hat Gott in den Menschen nur als „Naturwesen“ geschaffen, der wie die Tiere zu den lebendigen Wesen gehört, aber keine direkte Beziehung zu Gott hat. Erst durch Berührung des Baums in der Mitte des Gartens wird der Naturmensch wie Elohim und gewinnt die dem König zukommende Weisheit der Erkenntnis von Gut und Böse. Durch diese zweistufige Anthropogonie wird Gott entschuldigt, da er zwar dem Naturwesen Mensch die äußeren Bedingungen seiner Zivilisierung bereitstellt, diesem jedoch die irreversible Entscheidung der Entwicklung zum Kulturwesen überlässt, also nicht für die negativen Folgen dieser ambivalenten Entwicklung verantwortlich gemacht werden kann (vgl. Pfeiffer 2001, 13).
Da die Paradieserzählung von einer ätiologischen Intention und einer sagenartigen Darstellung bestimmt ist, bezeichnet O.H. Steck sie als eine „ätiologische Erzählung“ (Steck, 61), die jedoch keine Ätiologie des Bösen bietet (Steck, 88). „Die Paradieserzählung thematisiert … im Vorgang anthropologischer Reflexion auf dem Boden gegenwärtiger Erfahrungswelt das für vorfindliches Menschsein immer schon Typische, Charakteristische, Konstante, erfaßt es realistisch als eine Ausstattung von Menschsein voller Beeinträchtigungen und Mängel und schließt zurück auf eine Ausstattung von Menschsein, in der diese Mängel noch nicht gegeben waren und die Schöpfungsinitiative Gottes ungebrochen zum Ausdruck kam“ (Steck, 63; ähnlich die Grundansicht von B. Jacob). Da es in Gen 2-3 um die Weisheit und ihre ambivalenten Folgen geht, betont A. Schüle, dass hier nicht nur eine „Ätiologie der Daseinsminderung“, sondern auch eine „der Daseinssteigerung durch Weisheit“ vorliegt (Schüle, 158). Durch Vergleich mit Ez 28 erkennt K. Schmid die antiparadiesische Ausrichtung von Gen 2f, die er als Kritik an protologischen Konzeptionen und als indirekte Eschatologiekritik deutet: „Gen 2f. ist ein antieschatologischer Text, der weder der Auffassung ist, dass es ganz zu Beginn der Menschheit besser war, noch Hoffnungen auf eine grundlegende Veränderung der bestehenden Welt hegt – was hier nicht fatalistisch, sondern vielmehr realistisch gedacht ist“ (Schmid, 37).
Die oft gestellte, nur vor dem Hintergrund eines historischen Verständnisses des Textes sinnvolle Frage, ob der Mensch im Garten von Eden ewig leben konnte, wäre zu bejahen. Denn „der Mensch ist zwar sterblich geschaffen, hat aber Zugang zum Baum ewigen Lebens, muß also nicht sterben“ (Seebass, 114; Schmid, 32). Ob der Mensch von dem ihm nicht verbotenen Baum des Lebens gegessen hat, wird jedoch nicht berichtet. Deshalb bleibt auch unklar, ob ein einmaliges Essen ausgereicht hätte, um ewig leben zu können – auch nach der Vertreibung aus dem Garten –, oder ob der Mensch nur ewig leben könnte, wenn er immer wieder vom Baum des Lebens essen kann. Durch ist allerdings klargestellt, dass der Mensch nicht ewig leben kann.
Mangels konkreter Aussagen im Text bleibt auch die Frage offen, warum Jahwe dem Adam verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Was wollte Gott eigentlich? Sollte der Mensch immer – Gott gehorsam – im Garten Eden bleiben und nie ethische Verantwortung übernehmen? Oder sollte der Mensch einen freien Willen haben mit dem Risiko, sich auch gegen Gott entscheiden zu können, was nahe liegt, da der Mensch die Entscheidung zur Missachtung des Verbots bereits vor dem Essen vom Baum der Erkenntnis fällt? Wollte Gott dem Menschen – so die Behauptung der Schlange in – aus Missgunst (Motiv des Neids der Gottheit; vgl. dazu Westermann, 371f) ein besonderes Wissen vorenthalten? Oder war das Verbot zum Wohle des Menschen gedacht, aus fürsorglicher Gesinnung von Gott erlassen, „denn das Vorenthaltene war für den Menschen kein Gut, sondern es musste – von ihm in Ungehorsam ergriffen – zerstörerisch auf ihn wirken“ (von Rad, 56). Nach Ruppert entspringt das Verbot der Liebe Jahwes zu seinem Geschöpf (Ruppert, 137). C. Westermann sieht die Notwendigkeit des Gebotes darin, dass der Mensch die Möglichkeit der Entscheidung erhält und sich damit zugleich für oder gegen den entscheiden kann, der das Gebot gegeben hat. Außerdem sind Gebote für die menschliche Gemeinschaft und für die Gottesbeziehung notwendig, damit der menschlichen Freiheit Grenzen zum Schutz anderer gesetzt werden können (vgl. Westermann, 304f).
Unklar bleibt auch, was mit der Erkenntnis von „Gut und Schlecht“ genau gemeint ist (vgl. die Übersicht von Deutungsansätzen bei H.-P. Müller). Als Merismus verstanden, bedeutet die Wendung „Erkenntnis vom Guten bis zum Schlechten“. Einseitige Deutungen im moralischen Sinn („was gut und böse ist“) „als umfassendes sittliches Erkennen“ (so Dohmen, 264-270) oder auf das geschlechtliche Erlebnis bezogen – „was lustvoll und leidvoll ist“ (so H. Schmidt nach von Rad, 57) –, werden meist nicht mehr vertreten. Allgemeiner ist im Kontext wohl „funktionales Erkennen“ gemeint, „was förderlich, heilsam und was hinderlich, schädlich ist“ (so von Rad, 63; Westermann, 328-333; Ruppert, 148f; Witte, 80f; Schmid, 28; Blum, 21f). Denn letztlich hat der Mensch durch Essen von der Frucht des verbotenen Baumes eigenmächtig die Fähigkeit zu autonomer Lebensgestaltung erworben (vgl. Ruppert, 166). Nach A. Schüle geht „es bei der Erkenntnis von Gut und Böse im weitesten Sinn um den Erwerb von Kompetenzen …, die den selbständigen, reifen und insofern weisen Menschen ausmachen“, der sein Leben auf der Adama, dem Erdboden, im Angesichte Gottes führen kann (Schüle, 175f).
Umstritten ist auch, ob man die Übertretung des Verbots durch Eva und Adam als Sünde bewerten darf, da ihnen vor dem Verstoß noch nicht die umfassendere Erkenntnis von Gut und Schlecht zur Verfügung stand und außerdem erst in von „Sünde“
Wenn man vor allem bei dem früher verbreiteten historischen Verständnis zwischen einem Urzustand des Menschen vor dem „Sündenfall“ und dem Zustand danach unterscheidet, stellt sich die Frage nach den Differenzen und deren Bewertung: Was hat der Mensch durch die Vertreibung aus dem Paradies verloren – nach der christlichen Theologie die „Urstandsgaben“ (vgl. Ruppert, 174; Ott, 124-128; Ganoczy, 1991, 531f) und seine „kindliche Unschuld“ (Albertz, 20) – und was gewonnen? War der Sündenfall für die Entwicklung des Menschen zu einem mündigen, eigenverantwortlich handelnden Menschen notwendig? Da man wohl nicht annehmen darf, dass Gott wollte, dass der Mensch in kindlicher Unmündigkeit verharrt und nicht erwachsen werden soll, erscheint das Essen vom Baum der Erkenntnis als notwendig, so wie „das Erwachen des Verstandes, das Streben des Menschen nach Weisheit und eigener mündiger Daseinsgestaltung … menschheits- wie individualgeschichtlich zwangsläufige Entwicklungen“ sind (Albertz, 23).
Da in nach Adam zunächst die Tiere geschaffen werden und Adam ihnen einen Namen geben darf, sie jedoch für ihn keine entsprechende Hilfe darstellen, und da außerdem in Gen 3 das spannungsreiche Verhältnis der Menschen zu den Schlangen angesprochen wird, stellt sich auch die Frage, ob sich durch den Sündenfall das Verhältnis der Menschen zu den Tieren verändert hat. Außerdem denken manche darüber nach, ob die Tiere gleichsam noch im Paradies, in der „Gottunmittelbarkeit“ leben, da von den sog. Strafsprüchen nur die Schlange sowie Adam und Eva betroffen sind, von einer Vertreibung der Tiere aus dem Garten Eden jedoch keine Rede ist. Damit zusammen hängt die Frage, ob die Theologie nicht aus theologischen und verhaltensbiologischen Gründen die Tiere höher bewerten müsste (vgl. R. Hagencord).
Da das hebräische Verb
Interessant ist allerdings, dass bei der sexuellen Deutung auch der Baum des Lebens eine Rolle spielen kann: Da der Mensch nicht vom Baum des Lebens essen und daher nicht ewig leben kann, muss er sich wie alle anderen Geschöpfe durch Fortpflanzung erhalten (vgl. Plaut, 95). Jedoch kommt die Erkenntnis zur Notwendigkeit der Fortpflanzung bei dieser Theorie erst nach der Vertreibung, kann daher nicht der Grund für die Bestrafung mit der Vertreibung sein. Einzelne Motive von könnten auf die sexuelle Adoleszenz hindeuten, was deutlicher wird, wenn man altorientalische Vergleichstexte berücksichtigt (vgl. Müller, 69-74).
Eine Variante dieser Theorie bewertet nicht den Geschlechtsakt an sich als sündhaft, sondern spekuliert, Adam habe sich früher als es sich geziemt, mit seiner Frau verbunden, und sieht darin die Schuld der Stammeltern (so Clemens von Alexandrien, Stromata III, 103,1, nach Beatrice, 2001, 392). Offenbar steht im Hintergrund dieser Variante eine christliche Ehemoral, jedoch gibt es dafür keinen Hinweis im Text.
Bei dieser Auslegungsrichtung wird ein Gewinn an ethischer Urteilskraft als Folge des Essens vom Baum der Erkenntnis von Gut und Schlecht angenommen. Zwar setzt Gen 2 schon gewisse intellektuelle Fähigkeiten bei Adam voraus, z.B. zur Pflege des Gartens () und bei der Benennung der Tiere (), offenbar auch bezüglich der Einhaltung eines göttlichen Verbotes, wobei jedoch offen bleibt, ob Adam weiß, was „Sterben“ bedeutet (). Der Anstoß, von den Früchten des verbotenen Baumes zu essen, kommt auch nicht von Adam oder Eva, sondern durch die verführende Rede der Schlange. Keine Aussagen bietet jedoch der Text zu der Frage, warum die Schlange den Menschen zum Verstoß gegen Gottes Verbot verführt. Nach kam durch den Neid des Teufels der Tod in die Welt – ein früher Erklärungsversuch, der allerdings offen lässt, worauf der Teufel neidisch war, und bereits die Schlange als Teufel identifiziert. Angesichts der noch mangelnden Erkenntnisfähigkeit des Menschen ist fraglich, ob man das Nachgeben gegenüber der Verführung als Sünde bezeichnen soll, da die Bibel selbst keine der Bezeichnungen für „Sünde“ hier benutzt. Zweifelhaft ist daher auch die Bezeichnung „Sündenfall“. Klar sind jedoch die Folgen des Essens vom Baum der Erkenntnis: Der Mensch kann sich nicht mehr ethisch gleichgültig verhalten, er muss zwischen Handlungsalternativen wählen und entscheiden. Nach Dohmen, der das Motiv vom Baum der Erkenntnis dem Jehowisten zuschreibt, ist die Tat von für den Jehowisten der „Urknall sittlicher Autonomie“ (Dohmen, 268). Mit der Annahme der Fortpflanzung aller Menschen von Adam und Eva her verband man später die Vorstellung, alle Menschen würden die Sündhaftigkeit Adams erben. Diese im Text nicht formulierte Aussage führte unter anderem auch zur Entwicklung der kirchlichen Erbsündenlehre.
B. Jacob wendet sich gegen die Deutung der Schlange als eines außermenschlichen bösen Prinzips oder des Teufels und sieht die Schlange als Bild der listigen Verführung an oder auch im Anschluss an → Philo als „Versinnbildung der hē hēdonē, des
Eine Form der intellektuellen Interpretation versteht die Wendung „gut und schlecht“, bei der das hebräische Nomen
Manche Exegeten dachten daher, dass der Mensch ein besonderes Wissen, ein höheres Wissen oder sogar Zaubermacht erstrebt hätte. Solche „magischen Deutungen“ kann man als Vorstufe der gnoseologischen Deutung ansehen, die von der Sehnsucht des Menschen ausgeht, „die Grenzen menschlicher Wissensmöglichkeit im Ganzen zu überschreiten“ (Müller, 84, vgl. 76-85). Bei dem angestrebten „Selber-Klug-Sein-Wollen“ stößt der Mensch an von Gott gesetzte Grenzen, die er jedoch zu seinem eigenen Schaden überschreitet (vgl. Michel, 109).
Über den intellektuellen Bereich hinaus geht nach verbreitetem Verständnis sicherlich das Streben, wie Gott sein zu wollen. Nach H. Seebass wird in Gen 2f „eine generelle Verfallenheit aller Menschen an das Seinwollen wie Gott gesichtet, und zwar nicht bloß als Potentialis (vgl. den bösen Trieb des Frühjudentums), welcher noch nicht Tat und damit noch nicht wirklich, also bekämpfbar ist, sondern als alle erfassende Wirklichkeit, und das ist mehr als Volksschicksal“ (Seebass, 139). C. Westermann wendet sich allerdings gegen ein ontologisches Verständnis des Strebens „wie Gott sein zu wollen“ und damit gegen den Hybris-Vorwurf, denn nach ihm bedeutet „wie Gott sein wollen“ nur „Erkennen in seiner äußersten Möglichkeit: es geht um eine göttliche, eine auf das höchste gesteigerte Befähigung zur Bewältigung des Daseins“ (Westermann, 337; gegen die Hybris-Deutung wendet sich auch Schmid, 34). Das Verlockende ist daher nicht eigentlich die Frucht des Baumes, sondern die von der Schlange versprochene Möglichkeit der Daseinssteigerung, die allerdings eine Grenzüberschreitung voraussetzt (vgl. Westermann, 339f).
Der Hybris-Vorwurf begegnet auch bei P. Grelot mit Verweis auf den Text von der Verstoßung des Königs von → Tyrus vom heiligen Berg der Götter in (vgl. Grelot, 51f; auf Differenzen zu Gen 2f weist Seebass, 136f, hin). Nach ihm besteht die „Sünde schlechthin“, die hinter den einzelnen Sünden der Menschen steht, darin, „daß der Mensch versucht, das einzigartige Privileg des Schöpfers an sich zu reißen, weil er sich für fähig hält, von sich aus Gut und Böse erkennen zu können“ (Grelot, 50). Grelot überinterpretiert allerdings , wenn er den Menschen unterstellt, sie wollten sich selbst zum Schöpfer einer Wertordnung machen, die der Gottes widerspricht, wie dies im Weheruf angesprochen wird: „Wehe denen, die zum Schlechten gut und zum Guten schlecht sagen“.
Ausführlich hat sich R. Albertz mit der Frage nach dem „Erkenntnisgewinn“ beim Sündenfall befasst. Er kommt zu einem den traditionellen Vorstellungen widersprechenden Ergebnis, indem er durch semantische Untersuchungen nachweist, dass das, was die Schlange verspricht und anschließend eintrifft (vgl. .), im Alten Testament meist positiv bewertet wird: 1. Öffnen der Augen, 2. Erkennen von Gut und Böse, 3. Erkenntnis erlangen / klug werden
Die Erzählung vom Paradies und der Vertreibung daraus stellt ein Urgeschehen dar, das sich in der geistigen Entwicklung des einzelnen Menschen wiederholt (vgl. Crüsemann, 64). Im Garten Eden lebt Adam im Zustand der Unmündigkeit. Da Gott für ihn vorgesorgt hat, muss Adam sich keine Sorgen und Gedanken machen, nicht an die Zukunft denken, sondern kann sich ganz auf Gott verlassen. Außerdem lebt er offenbar in Frieden mit allen anderen Lebewesen. Erst die Entwicklung des Verstandes führt zum Streben, immer mehr wissen zu wollen, was Gott den Menschen anscheinend vorenthalten will. Daher übertritt der Mensch die ihm von Gott gesetzten Grenzen, gewinnt auch wirklich neue Erkenntnisse (), die jedoch ambivalent sind, oftmals sowohl zum Guten wie zum Schlechten / Bösen angewandt werden können (z.B. Erfindung des Schießpulvers, Erforschung der Atomkraft, manche medizinischen und biologischen Erkenntnisse). Zur Sünde wird sein Verhalten und Handeln dann, wenn es gegen die Weisungen Gottes verstößt, aber nicht, wenn es zum Wohle anderer eingesetzt wird. Die Neugier, die zu neuen Erkenntnissen führt, wird dabei als eine menschliche Eigenschaft gewertet, die auch zur Erfüllung des Herrschaftsauftrages an den Menschen in eingesetzt werden kann. Die Vertreibung aus dem Paradies entspricht gleichsam dem Erwachsenwerden des Menschen mit allen seinen Vorteilen (z.B. größere Freiheit; gewonnene Mündigkeit; Selbstbestimmung), aber auch allen seinen Nachteilen (Verlust der Nähe zu Gott; Spannungen im Miteinander mit anderen Menschen und gegenüber Tieren; Selbstverantwortung mit der Notwendigkeit, selbst Entscheidungen treffen zu müssen, auch in unklaren Situationen) (vgl. zur Notwendigkeit des „Sündenfalls“ für das Erwachen der menschlichen Freiheit und damit der Hominisation Grelot, 79f). E. Blum sieht in der Paradieserzählung „die geistige Phylogenese der Menschen nach der Analogie der Ontogenese“ gezeichnet: „Der Weg aus dem Garten geht einher mit dem Gewinn der Fähigkeit zu eigenverantworteter Lebens- und Wirklichkeitsgestaltung. Es ist sozusagen der ‚selbstverschuldete Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit’“ (Blum, 22). Nach Spieckermann verkörpert der im Garten von Eden beheimatete Mensch das „Menschsein im status nascendi“, da ihm noch die Erkenntnis von gut und böse fehlt und er im Hinblick auf die Gestaltung seines Lebens noch ganz von seinem Schöpfer abhängig ist (Spieckermann, 367f).
Eine auf den Bereich der sexuellen Entwicklung begrenzte Variante wird manchmal auch zur sexuellen Interpretation gerechnet. Jedoch gehört zur sexuellen Entwicklung sicherlich auch eine intellektuelle Entwicklung von der Naivität zur Reife. W.G. Plaut fasst diese Richtung kurz zusammen: „Jeder Mensch wiederholt in seinem eigenem Leben den Weg von Eden in die Welt. Als Kind lebt er im Garten der Unschuld; wenn er seine Sexualität entdeckt und wächst, muß er diesen Garten für immer verlassen“ (Plaut, 95).
Nach F. Stolz stellt die Paradiesgeschichte eine kulturelle Fortentwicklung dar, jedoch ist „sowohl der Zustand vor als auch der nach dem Fall … eigenartig ambivalent“ (Stolz, Paradies 708; vgl. Spieckermann, der außerdem noch von der „Ambivalenz des Falls“ spricht, [ebd. 369-372]). Problematisch erscheint die Darstellung, dass der für den kulturellen Fortschritt notwendige Gewinn an Erkenntnis nur durch einen Verstoß gegen Gottes Verbot erzielt werden kann, der als ein Eingriff in Gottes Verfügungsbereich anzusehen ist. Indem dem Menschen vor dem Sündenfall jedoch eine „geringere Erkenntnis“ zugeschrieben wird, wird er zugleich entschuldigt, weil man fragen muss, ob der Mensch vorher bewusst zwischen Gut und Schlecht entscheiden konnte. Aber trotz des von Jahwe konstatierten Erkenntnisgewinns () fehlt dem Menschen das Wissen / die Fähigkeit, die Folgen seiner Entscheidungen vorher abzuwägen. Außerdem führt das Wissen um Gut und Böse nicht immer zu einem entsprechenden Handeln und Tun des Guten (vgl. Schellenberg, 254).
Ähnlich sieht O.H. Steck das eigentliche Vergehen von Gen 3 nicht in einer bloßen Verbotsübertretung, sondern in dem „sich von Jahwe emanzipierende(n) Bestreben …, autonom sein Leben zu bestimmen“ (Steck, 94). Der Jahwist habe schon im 10. Jh. v. Chr. das Phänomen bemerkt und als Wahn erkannt, „daß es für den Menschen geradezu charakteristisch ist, selbst das Förderliche ihres Lebens bestimmen zu wollen und scheinbar auch zu können, aber damit nur Minderungen des eigenen Lebens und Schädigungen des ihm verbundenen Lebens heraufzuführen“ (Steck, 107). Wie man diesem Wahn der autonomen Selbstbestimmung entfliehen kann, zeige erst im Anschluss an die Urgeschichte: durch Vertrauen auf Gottes Führung und Hoffen auf seinen fürsorglichen Segen. Noch deutlicher wird dies beim Gehorsam → Abrahams in Gen 22, so dass man die Erprobungsgeschichte der Bindung → Isaaks als Gegengeschichte zur Erprobung Adams in Gen 2f ansehen kann.
Nach H. Pfeiffer lässt die Paradiesüberlieferung eine zweistufige Anthropogonie erkennen: der als Naturwesen erschaffene Mensch gewinnt durch Berührung mit dem Baum in der Mitte des Gartens Erkenntnisfähigkeit sowie Gottgleichheit und wird dadurch zum Kulturwesen (Pfeiffer, 16).
Die Sündenfallerzählung bleibt im Alten Testament weitgehend unbeachtet. Erst in (Lutherbibel: ) wird die „Ursünde“ von Gen 3 als Anfang des Sündigens und als Ursache des Sterbens aller (; Lutherbibel: ) gesehen und in auch als Ursache des ewigen Todes der Sünder (Theobald, 1995). Nach Ez 18 ist jedoch jeder Mensch für seine Taten verantwortlich, eine Verantwortung für die Sünden der Väter wird dort eindeutig von Gott verneint.
Das Alte Testament enthält sowohl Aussagen, nach denen der Mensch einen angeborenen Hang zum Sündigen besitzt (: schon in Schuld geboren wird; und : das Sinnen des Herzens des Menschen ist böse), ohne dabei auf die Schuld Adams hinzuweisen, als auch Aussagen, dass jeder Mensch sündigt (vgl. ; ; ; ; ; ; ; ; ; ; [Lutherbibel: ]; ; par. ; ; ), allerdings gibt es dabei nach ; ; ; ; ; einzelne Ausnahmen. Daher sind auch die optimistischen Aussagen begründet, dass der Mensch die Fähigkeit hat, das Gesetz zu erfüllen (.; .; ) und Herr zu bleiben über die lauernde Sünde (; ).
Erst in der frühjüdischen → Apokalyptik, als man die Geschichte von dunklen Mächten und Gewalten beherrscht ansah, wertete man die „Ursünde“ nicht mehr nur als Ursache aller Übel (so Vita Adae et Evae 34; slawHen 30,17; Text Pseudepigraphen), sondern als „Sündenfall“, weil seit dem Ungehorsam der Stammeltern die Sünde den Charakter eines über alle Menschen lastenden Verhängnisses gewonnen hat (vgl. etwa Apokalypse des Mose 32; Syrische Baruch-Apokalypse 48,42f; 4Esr 7,118; nach Theobald, 1995). Eine eindeutige Aussage, dass die Sünde von den Stammeltern auf ihre Nachkommen vererbt wurde, fehlt jedoch auch in den frühjüdischen Schriften (so Blinzler, 1959).
In → Qumran rechnete man wohl mit einem angeborenen Hang zum Sündigen (vgl. 1QH [„Loblieder“] 4,29f: Der Mensch „lebt in der Sünde vom Mutterleib an“) (nach Blinzler, 1959).
Philo von Alexandrien erklärt das Sündigen als eine Naturanlage des Menschen (De vita Mosis II 147; De sacrificiis Abelis et Caini 15; De specialibus legibus I 252; nach Blinzler, 1959). Die Rabbinen entwickelten später die Lehre, dass dem Menschen ein guter Trieb, aber auch ein böser Trieb anerschaffen ist, womit sie den Konflikt zwischen Gut und Böse auf Gott selbst zurückführten, ohne jedoch dem Menschen die Verantwortung für sein Handeln abzunehmen. Der böse Trieb ist der individuelle Hang zum Sündigen, nicht jedoch eine durch Adam verursachte sündhafte Konstitution (vgl. Theobald, 1995; Vetter, 1987a / 1987b).
In seiner Adam-Christus-Typologie vertritt Paulus die Meinung, dass der Tod zu allen Menschen kam, „weil (eph’ hōi) alle gesündigt haben“ (V. 12), also jeder Mensch. Aus Sorge, dass sich die Korinther den Lehrern eines anderen Evangeliums über Christus zuwenden, weist Paulus in auf das Beispiel der Schlange hin, die einst durch ihre Falschheit Eva täuschte.
Als klassischer Beleg für die kirchliche Erbsündenlehre gilt . Da die Vulgata das „weil / daraufhin, dass“ (eph’ hōi) in mit „in quo“ („in dem“) wiedergegeben hatte, kam seit Ambrosiaster die Deutung auf, das „in quo“ auf „einen Menschen“ bzw. auf „die Sünde des einen Menschen“ zu beziehen, die jedoch nicht haltbar ist. Nach Paulus ist nämlich nicht allein Adam ein Sünder, sondern alle Menschen werden durch eigene Sündentaten schuldig. Daher ist eine einseitige Zurückführung der Sünde auf Adam nicht zu vertreten.

Abb. 2 Der Sündenfall (Hugo van der Goes; ca. 1470).
Der „Sündenfall“ ist das bedeutendste Thema des Adam-Eva-Zyklus in der darstellenden Kunst. Außer sich direkt auf Gen 3 beziehende Szenen werden auch die Folgen des Sündenfalls dargestellt sowie der aus dem sog. → Protoevangelium in herausgelesene Sieg Christi oder Marias als Schlangenzertreterin über die den Versucher symbolisierende Schlange (vgl. Lexikon der christlichen Ikonographie, Art. „Adam und Eva. G. Der Sündenfall“ Bd. I, 54-62; „Apokalyptisches Weib“ Bd. I, 145-150; „Maria, Marienbild“, Bd. III, 154-210 [speziell 199f: „Maria vom Siege (de Victoria)“]). Auch der „Baum des Lebens“ und der „Baum der Erkenntnis“ werden in verschiedenen Zusammenhängen – urzeitliches und endzeitliches Paradies, das Kreuz als Zeichen des Sieges über den Tod – und nach unterschiedlichen Darstellungstypen gestaltet (vgl. Lexikon der christlichen Ikonographie, Art. „Baum, Bäume“, Bd. I, 258-268).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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