
Abb. 1 Lilit als Wesen aus Frau und Schlage reicht Eva den Apfel (Michelangelo; 1475-1564).
Die Gestalt der Lilit ist vor allem aufgrund ihrer Wirkungsgeschichte in der rabbinischen Literatur bis hin zur feministischen Forschung der Gegenwart bekannt. Diese Breitenwirkung ist insofern erstaunlich, als dass sie in der Bibel nur an einer Stelle genannt wird, obwohl ihre Vorläufer, die sog. Lil-Geister, in Mesopotamien breit bezeugt sind.
Im Babylonischen Talmud will man hebr.
Die → Septuaginta vermeidet in den Namen Lilit und gibt das Wort mit ὀνοκένταυροι onokéntauroi „Eselskentauren“ wieder (der Begriff findet sich auch in ; ). → Aquila übernimmt den hebräischen Namen, während → Symmachus und → Vulgata Lilit mit der griechischen Göttin Lamia identifizieren.
Die mesopotamische Lil-Familie besteht aus den zwei weiblichen Gestalten Lilitu und Ardat-Lili („Dienerin des Windes“; „Windsbraut“) sowie einem männlichen Geist (Lilu). Alle drei gefährden Menschen – insbesondere Männer – durch Krankheit und Tod. Obwohl die Lil-Geister einen personalen Charakter besitzen, werden sie so gut wie nie mit dem Zeichen DINGIR, das sie als Gottheiten auszeichnen würde, versehen. Eine Ausnahme findet sich in der Gleichsetzung in CT (= Cuneiform Texts from Babylonian Tablets of the British Museum, London 1896ff.) 24, 44:146 (DINGIR DIMME.GI(6).GI = li-li-tu), wobei hier das Gottesdeterminativ nur in der sumerischen Bezeichnung auftaucht, die aber sonst nicht akkadisch Lilitu, sondern Lamaschtu (→ Dämonen) gelesen wird.
1) Texte. Der älteste bekannte Beleg für den Windgeist KI-SIKIL-LIL(2)-LA(2) (wörtl. „reiner Ort des Windes“) findet sich im sumerischen Epos „Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt“ aus dem 3. Jt. v. Chr. Mit dem Begriff wird „the shrieking maid, the joyful, the bright queen of heaven“ (van Buren, 1936-1937, 356) bezeichnet, die in dem Baum wohnt, welchen Gilgamesch für Inanna fällen soll.
Altbabylonisch sind bisher nur Stellen bekannt, an denen lediglich zwei Windgeister nebeneinander genannt werden. Als Dreiergruppe treten die Geister lilû (LU[2]-LIL[2]-LA[2]; LIL[2]-LA[2]-EN-NA), der männliche Windgeist, sowie seine weiblichen Pendants lilītu (KI-SIKIL-LIL[2]-LA[2]-[EN.NA]; MUNUS-LIL[2]-LA[2]) und (w)ardat lilî (KI-SIKIL-LIL[2]-LA[2]-[EN.NA]; KI-SIKIL-UD.DA-KAR-RA), die sog. „Windsbraut“ oder „Dienerin des Windes“ erst in jüngeren sumerischen Beschwörungen auf, z.T. unter oder neben den „Bösen Sieben“, einer häufig beschworenen mesopotamischen Dämonengruppe (→ Dämonen).
2) Darstellungen. Das sog. Burney-Relief bietet eine sumerische (?, die Echtheit ist nicht sicher nachzuweisen) Göttinnendarstellung, die häufig mit der Dämonin Lilitu bzw. Lilit identifiziert wird. Auf dem Relief ist eine nackte schöne junge Frau dargestellt, die eine vierfache Hörnerkrone trägt, die sie als Göttin ausweist. Statt Füßen hat sie Vogelkrallen und -flügel. Die Göttin hält Ring und Stab als Herrschaftssymbole in den Händen und trägt Schmuck. Sie steht auf zwei liegenden Löwen und wird flankiert von zwei Eulen. Farbreste weisen darauf hin, dass die Göttin ursprünglich einen roten Körper hatte. Die Flügel wie die Mähnen der Löwen waren schwarz, die Flügel der Eulen abwechselnd rot und schwarz. Der Bildhintergrund zeigt eine doppelte Schuppenreihe, die wohl Berge darstellen soll. Diese Berge symbolisieren das „Land ohne Wiederkehr“, die Unterwelt. Unheimlich wirkt das Bild – im Gegensatz z.B. zu Abbildungen der Lamaschtu (→ Dämonen) – nicht. Die Interpretation des Reliefs ist schwierig, da es keine Beischrift trägt. Ob es sich tatsächlich um eine Darstellung der lilītu bzw. ardat-lilî (Farber, 1987-1990, 23; unter Vorbehalt Porada, 1987-1990, 25) handelt oder um Ischtar selbst (Black / Green, 1992, 108f.144; vgl. West, 1995, 125f.) bzw. eine ihrer Manifestationen ([dnin.]nin.na „Herrin der Eulen“ bzw. Kilili, die Schutzpatronin der Prostituierten; vgl. West, 1995, 127f.) muss offen bleiben.
In akkadischen Texten werden die drei Lil-Geister lilû, lilītu und (w)ardat lilî als Beherrscher der Winde (zī / āqīqu) beschrieben, wie dies in ihrem sumerischen Namen ebenfalls zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig stehen alle drei Geister in engem Zusammenhang mit (sexueller) Gefährdung durch Tod und Krankheit. Sie überfallen unerwartet die Menschen an besonderen Lebensübergängen (Geburt, Zeugung) und das am liebsten in der Nacht (so bringt die Volksetymologie ihren Namen mit akkadisch līliātum „Abend / Nacht“ in Verbindung): Besonders herausgehoben wird die sexuelle Konnotation der weiblichen Lil-Geister, die Männer verführen und töten. Wie Lamaschtu (→ Dämonen) ist der weibliche Geist Lilitu unfruchtbar und bringt Neugeborene um, indem er sie mit dem Gift seiner Brüste säugt (z.B. Foster, 1993, 871). Der männliche Lil-Geist ist ein ruheloser Geist der Steppe, ohne Lager, der (manchmal nachts) schwangere Frauen überfällt. In einer Beschwörung gegen Lamaschtu scheint er als nachtaktives geflügeltes böses Wesen vorgestellt zu sein (Wilson, 1994, 72-74). Die drei Gestalten – bzw. die männlichen Lil-Geister – unterstehen dem Löwenmischwesen Pazuzu, der das Epitheton „König der (männlichen) Lil, der bösen“ trägt. Die Windgeister wohnen in Ruinen, also an Orten, die gefährlich sind und außerhalb der Zivilisation liegen. Sie tauchen also sowohl in biographischen als auch an geographischen und zeitlichen Grenzsituationen auf und zeigen damit, dass solche Situationen als besonders gefährlich gelten.
Die Beleglage für Lilitu in Ugarit ist schwierig, weil alle in Frage kommenden Texte beschädigt sind und daher ergänzt werden müssen. Ikonographische Zeugnisse finden sich in Ugarit für Lilitu nicht. Eindeutige Aussagen über die Bedeutung von Lil-Geistern in Ugarit lassen sich also kaum treffen.
Der auf einem Gipstäfelchen aus Arslan Tasch (KAI 27; TUAT II 436f.) aus dem 7. Jh. dargestellte Sphinx (→ Mischwesen) („Göttin Fliegerin“, „Zerschlagerin“ oder „(Knochen)Knackerin“, „Fliegerin im Dunkel der Unterwelt“) mit Spitzhelm und Skorpionschwanz wird häufig mit Lilit identifiziert (TUAT II 436; KAI II 46). Liest man die Inschrift in Z. 20 als „
Allerdings ist die Lesung als „
Außerhalb Mesopotamiens scheint Lilit keine besondere Bedeutung gehabt zu haben. Um so erstaunlicher ist es, dass ihr Name im Alten Testament genannt wird, nämlich in (vgl. .; ). Hier wird in einer prophetischen Rede geschildert, wie Edom der Vernichtung anheimfällt. Im Rahmen dieser Schilderung wird u.a. berichtet, welche unheimlichen und gefährlichen Tiere die Ruinen Edoms bevölkern und diese so unbewohnbar machen (Eulen und Raubvogel [
ist ein literarisch sorgfältig komponierter und wohl später Text „schriftgelehrter Prophetie“ (Zapff, 1995). Der Text steigert die ähnlichen Ödnisbeschreibungen (Babylon) von . und , die ebenfalls davon sprechen, dass die Ruinen niemals wieder von Menschen besiedelt werden. Auch . (Wüstlinge [
Warum und wie die Lilit ihren Einzug in Jes 34 gefunden hat, ist kaum sicher zu begründen. Ein möglicher Anknüpfungspunkt für Jes 34 könnte der Aufenthalt der mesopotamischen Lil-Geister in Ruinen darstellen. Eine Verbindung zu Babylonien ist auch durch die Verarbeitung von Jes 13 und Jer 59 gegeben. Den ausgeprägten (sexuellen) Charakter, über den die Lil-Geistern in Mesopotamien verfügen, hat Lilit in jedoch verloren. Im schriftgelehrten Text agiert Lilit nicht als Dämonin, sondern ist wie die anderen Trümmerbewohner lediglich ein peripherer Geist, d.h. ein Wesen, das an den Rändern der Zivilisation agiert und die Ruinen zu unbewohnbaren Orten für Menschen macht.
In ihrer Wirkungsgeschichte trägt Lilit hingegen gerade ihren ausgeprägten sexuellen Charakter, der ihr in mesopotamischen Quellen zukommt, weiter.
Als Nachtdämon gilt die nur in genannte Lilit vor allem aufgrund ihrer innerjüdischen Wirkungsgeschichte. Dabei wird hauptsächlich ihr sexuell-gefährdender Aspekt betont. Auch im Islam finden sich Dämoninnen, die vor allem nachts aktiv sind und besonders Kinder und Frauen gefährden, sie werden aber nicht Lilit genannt, sondern heißen Umm al-Lajl („Mutter der Nacht“) oder Qarīna („Würgerin?“; „die Gehörnte“?; vgl. Zingsem, 2000, 47-56).
Im syrischen Raum verschmilzt Lilit mit Lamaschtu und findet so weite Verbreitung insbesondere in mandäischen Zaubertexten (Naveh / Shaked, 1985; Isbell, 1975; Segal, 2000; Fauth, 1986, 66-94). Hier wird Lilit ebenso wie → Astarte eng mit Ischtar verbunden und tritt in vielfältiger Erscheinung, Benennung und Funktion auf. Zwar wird zwischen männlichen und weiblichen Lilitgestalten unterschieden, jedoch ist ihre Benennung nicht immer eindeutig. Lilit verkörpert als eine Art Succubus (ein mit einem Mann buhlender weiblicher Teufel) insbesondere sexuelle Gefahr bzw. gefährdet Frauen während Schwangerschaft und Geburt ebenso wie die Kinder. Ein aramäischer Text aus dem 6. Jh. n. Chr. erzählt davon, dass Elia ein Neugeborenes vor der Kinder fressenden Lilit geschützt hat (Montgomery, 1913, Text 42). Lilit gehört zur Unterwelt und muss durch apotropäische Praktiken, die sie in die Wüste vertreiben, abgewehrt werden (vgl. Wiseman, 1953, 190, 17,2-5).
Im Babylonischen Talmud wird davon berichtet, dass es sich bei Lilit um eine geflügelte Dämonin mit langen Haaren handelt (Traktat Eruvin 100b; Nidda 24b; Text Talmud 2), die nachts vor der Tür lauert und allein schlafende Männer aufsucht, um sie zu verführen (Pesachim 12b; Schabbat 151b; vgl. Sohar I 148a-b, Sifre Tora). Der Lilit-Sohn Homin ist vielleicht mit dem persischen Ahriman – dem bösen Gegenspieler des guten Gottes Ahura Mazda – zu identifizieren (vgl. Baba Batra 73a).
Das Targum zu Ps 91 identifiziert Lilit mit dem dort genannten „Schrecken der Nacht“ (→ Dämonen). An den → aaronitischen Segen schließt das Targum Pseudo-Jonathan zu Numeri an: „Möge der Herr dich segnen in allen deinen Taten und dich schützen vor (den Dämonen) der Nacht (aramäisch
Unterschiedliche Manifestationen der Lilit (Piznai-Lilit, Amrit-Lilit und Guprit-Lilit) sind die Mütter zahlreicher Dämonen. Wenn sie keine anderen Kinder findet, frisst Lili ihre eigenen Kinder auf. Das Alphabet des Ben Sira (9.-10. Jh.) lehnt sich an eine aus der Midrasch-Literatur stammende Legende an, die davon berichtet, dass Adam nach seiner Trennung von Eva mit einer Lilit namens Piznai Dämonen zeugt (Eruvin 18b). Im Alphabet des Ben Sira wird Lilit als die "erste Eva" bezeichnet, die sich weigert, sich Adam (sexuell) unterzuordnen. Sie flieht verfolgt von drei Engeln ans Rote Meer und nimmt es auf sich, dass für ihre Trennung von Adam täglich hundert ihrer Kinder – Dämonen – sterben (vgl. Sohar I 34b; III 19b).
In der Kabbala erfährt die Gestalt der Lilit – als Gegenstück zur Schechina (Sohar III 69a-b; I 27b), der weiblichen Gottesherrlichkeit, die der Welt einwohnt – eine ausführliche legendenhafte Ausgestaltung: Lilit gilt als Mischwesen aus Frau und Schlange, ist eine der Frauen aus oder die Königin von Saba, deren dämonisches Wesen Salomo an ihren Hufen erkennt. Es wird zwischen einer älteren Lilit als Gegenüber zum männlichen bösen Prinzip Samael (Sohar I 148a) und einer jüngeren Lilit, der Frau des → Aschmodai, unterschieden. Sie kann auch mit dem mythischen Meeresungeheuer → Leviatan verbunden werden (Sohar I 34a).
Lilits Wirkungsgeschichte reicht bis in deutsche Märchen und Legenden hinein: Im Zuge der Hexenverfolgung wird sie zu einer Begleiterin der Göttin Hulda – besser bekannt als Frau Holle aus Grimms Märchen (Zingsem, 2000, 46). Sie ist die Großmutter des Teufels und Erzmutter der Hexerei und der Hexen und reitet in Schilderung der Walpurgisnacht in Goethes Faust mit den anderen Hexen um den Blocksberg (I 4119-4123).
George Bernard Shaw beschreibt in seinem Werk „Back to Methuselah“ Lilit hingegen positiv als Mutter Adams und Evas und damit als Mutter der Menschheit. Als Urmutter hat sie erkannt, dass der Tod nur durch ständige Wiedererneuerung bekämpft werden kann. Daher gebiert sie Adam und Eva und schenkt ihrer Tochter Eva die größte Gabe, nämlich die Neugier.
In der Gegenwart wird Lilith insbesondere in der (jüdisch-)feministischen Szene als Urbild der emanzipierten Frau rezipiert, die sich – im Gegensatz zu Eva – Adam nicht unterordnet (z.B. http://www.lilith.org; http://www.hagalil.com/archiv/2000/09/lilith.htm).

Abb. 2 Lilit mit Schlange (John Collier; 1892).
In der christlichen Kunst wird Lilit als Mischwesen aus Frau und Schlange dargestellt, das Eva den Apfel reicht. Die verführerische Schönheit Lilits wird durch ihre Mischgestalt nicht beeinträchtigt. Die negative Rolle der Frau beim → Sündenfall wird so besonders hervorgehoben.

Abb. 3 Lady Lilith (Dante Gabriel Rossetti; 1828-1882).
Berühmt ist das Bild des englischen Malers Dante Gabriel Rossetti (1828-1882), der in Erinnerung an seine früh verstorbene Frau diese in positiver Weise als „Lady Lilith“ darstellt. Das Bild zeigt seine schöne Frau, in der sich irdische und himmlische Liebe vereinen. Sie kämmt sich das rote Haar, eines der Hauptkennzeichen der (verführerischen) Schönheit Lilits.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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