
Abb. 1 Geburt der Zwillinge Esau und Jakob (Wenzelsbibel; 14. Jh.).
Esau ist zum einen der Sohn von → Isaak und → Rebekka und damit der Bruder → Jakobs, zum andern der Stammvater des Volkes der Edomiter. Dieser Artikel behandelt Esau in erster Linie als literarische Gestalt, für historische Fragen → Edom / Edomiter.
Der Name Esau
Am häufigsten wird Esau im ersten und dritten Teil der Jakob-Erzählung Gen 25-33(35) erwähnt. Zu Beginn wird er als älterer Zwillingsbruder Jakobs eingeführt (). Ein Geburtsorakel weissagt, dass er dem Jüngeren, also Jakob, dienen werde (). Nach dieser Einleitung dreht sich die Erzählung im Folgenden um die Frage der Erstgeburt. Zunächst verkauft Esau sein Erstgeburtsrecht an Jakob (), in einer weiteren Episode gibt der greise Vater Isaak in Folge einer List von Rebekka und Jakob seinen Erstgeburtssegen an Jakob (). Der Zorn Esaus lässt Jakob daraufhin die Flucht ergreifen (). Nach Jakobs Rückkehr versöhnen sich Esau und Jakob wieder, Esau zieht zurück an seinen Wohnort in Seїr ().

Abb. 2 Die Versöhnung der Brüder Jakob und Esau (Francesco Hayez; 1844).
Die Charakterisierung Esaus in dieser Erzählung ist nicht geradlinig. Im ersten Teil wird er einerseits negativ dargestellt, weil er sein Erstgeburtsrecht verachtet () – diese Bewertung soll jedoch ausschließlich die nachfolgende List Jakobs () rechtfertigen –, andrerseits ist er der Betrogene. Der dritte Teil der Erzählung () zeigt Esau als versöhnungsbereiten und zur friedlich-schiedlichen Koexistenz mit Jakob fähigen Menschen, der schließlich sogar gemeinsam mit dem Bruder den Vater begräbt (). Für weitere Informationen zur Jakobserzählung → Jakob.
In der Forschung wird diskutiert, ob Esau im überlieferungsgeschichtlich ältesten Stadium noch nicht ein Volk, sondern schlicht das Mitglied einer Familie repräsentiert (Westermann, 1989, 1f; ders., 1992, 47-50). Weiter wird vorgeschlagen, Esau als kulturgeschichtlichen Typus des Jägers zu verstehen, dem in Jakob der Typus des Hirten entgegengesetzt wird (Gunkel, 1964, 296.316; von Rad, 1958, 240; Westermann, 1989, 508f). Die Volksdimension, die Esau (und natürlich auch Jakob) im Endtext zweifellos zukommt, ist nach diesen Auffassungen eine späte Entwicklung. Neuere Forschungen haben diese älteren überlieferungsgeschichtlichen Rekonstruktionen in Frage gestellt, denn die Weissagung zur Herrschaft des Jüngeren über den Älteren () sowie die Segenssprüche des Vaters Isaak (; ) beziehen sich unzweifelhaft auf das Verhältnis der beiden Völker untereinander und gehören zum erzählerischen Kernbestand. Einen Esau, der nicht zugleich auch Ahnvater der Edomiter wäre, gibt es nach dieser Auffassung nicht (Blum, 1984, 69-79).
In der → Priesterschrift steht der Konflikt Jakob-Esau nicht mehr für die politischen Verhältnisse zwischen Israel/Juda und Edom, vielmehr werden die beiden Protagonisten zu Symbolfiguren der nachexilischen Exogamie-Debatte. Esau als Negativfigur heiratet zwei als Kanaanäerinnen verstandene Hethiterinnen (), und Jakob verlässt seine Heimat nicht aus Furcht vor Esau, sondern weil er keine Kanaanäerin zur Frau nehmen will (). Danach nimmt Esau noch eine Nicht-Kanaanäerin, die Ismaeliterin Mahalat, zur Frau (), womit auch in der Priesterschrift eine Brücke zum positiven Esaubild von gespannt wird.
Nur wenige späte Texte greifen den Esau der Jakoberzählung explizit auf, und zwar der Geschichtsrückblick , die Genealogie und die Prophetie .
In der Erzählung von Israels Durchzug durch Edom werden die Edomiter als „Söhne Esaus“ und als „Brüder“ der Israeliten bezeichnet (vgl. auch ), als „Söhne Esaus“ auch in den unmittelbar darauf folgenden Bezugnahmen .... Es ist aber unklar, ob in die Erzählung . im Hintergrund steht oder eine andere, hinsichtlich der Bruderschaft vergleichbare Tradition. Folgt in aus der Bruderschaft eine positive Bewertung Edoms, so ist es im → Obadja-Büchlein umgekehrt. Darin bezeichnet Esau nie eine Einzelperson, sondern stets das Volk, wobei in Obadja – und nur hier – der Volksname in der Fügung „Gebirge Esaus“ zur Landschaftsbezeichnung wird (...). Dieses Volk aber hat sich an seinem Bruder „Jakob“ bzw. an seinen Brüdern, den „Söhnen Judas“, vergangen und verfällt deshalb dem Gericht Gottes. Diese Texte setzen die Bruderschaft der beiden Völker voraus, ohne explizit auf die Erzählungen zu rekurrieren.
Das Gerichtswort über Edom verwendet das Wort „Esau“ synonym zu „Edom“ (.) ohne erkennbaren Bezug auf eine Einzelperson dieses Namens und ohne Bezug auf eine Bruderschaft zwischen den Völkern Edoms und Judas.
Die negativ konnotierten Erwähnungen der Esaugestalt, aber auch die positiven Darstellungen in der → Vätergeschichte und im → Deuteronomium sind Reflexe des wechselvollen Verhältnisses von Israel bzw. Juda und Edom. Zur Geschichte Edoms → Edom / Edomiter.
In der frühjüdischen Literatur werden die Edomiter immer wieder als „Söhne Esaus“ bezeichnet (.; .; LXX). Paulus dagegen zitiert in sowohl als auch als Belege für die freie Gnadenwahl Gottes. Im Hebräerbrief erscheint Esau als Beispiel für Unzucht und Gottlosigkeit (). Hier wie bei Paulus dient die Person Esau als Negativbeispiel in diskursiven Zusammenhängen, der versöhnliche Esau von wird nicht rezipiert. Hinzu kommt noch die unspezifische Erwähnung Esaus in .
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
Weitere Literatur → Edom / Edomiter, → Jakob.
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