WiBiLex.de: Das wissenschaftliche Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft

Esau

Abb. 1 Geburt der Zwillinge Esau und Jakob (Wenzelsbibel; 14. Jh.).

Esau ist zum einen der Sohn von → Isaak und → Rebekka und damit der Bruder → Jakobs, zum andern der Stammvater des Volkes der Edomiter. Dieser Artikel behandelt Esau in erster Linie als literarische Gestalt, für historische Fragen → Edom / Edomiter.

1. Der Name Esau

Der Name Esau (עֵשָׂו ‘eśāw) wird im Alten Testament nicht erklärt und ist auch wissenschaftlich nicht geklärt. gibt zwar im Zusammenhang der Namengebung eine Deutung, doch erklärt diese gerade nicht den Personennamen „Esau“, sondern die Landschafts- bzw. Ortsnamen „Edom“ und → „Seїr“; ’admônî „rötlich“ spielt nämlich auf „Edom“, śe‘ār „Fell“ auf „Seїr“ an. Knauf (1991, 588) vermutet, dass Esau auf arab. ‘js „Leben / Lebensunterhalt / Nahrung“ zurückgeht und in der Bezeichnung des Landes Edom als „Fruchtbare“ seinen Ursprung hat. Hübner (1992, 574) verzichtet auf eine Ableitung.

2. Esau im Alten Testament

2.1. Esau im Buch Genesis

Am häufigsten wird Esau im ersten und dritten Teil der Jakob-Erzählung Gen 25-33(35) erwähnt. Zu Beginn wird er als älterer Zwillingsbruder Jakobs eingeführt (). Ein Geburtsorakel weissagt, dass er dem Jüngeren, also Jakob, dienen werde (). Nach dieser Einleitung dreht sich die Erzählung im Folgenden um die Frage der Erstgeburt. Zunächst verkauft Esau sein Erstgeburtsrecht an Jakob (), in einer weiteren Episode gibt der greise Vater Isaak in Folge einer List von Rebekka und Jakob seinen Erstgeburtssegen an Jakob (). Der Zorn Esaus lässt Jakob daraufhin die Flucht ergreifen (). Nach Jakobs Rückkehr versöhnen sich Esau und Jakob wieder, Esau zieht zurück an seinen Wohnort in Seїr ().

Abb. 2 Die Versöhnung der Brüder Jakob und Esau (Francesco Hayez; 1844).

Die Charakterisierung Esaus in dieser Erzählung ist nicht geradlinig. Im ersten Teil wird er einerseits negativ dargestellt, weil er sein Erstgeburtsrecht verachtet () – diese Bewertung soll jedoch ausschließlich die nachfolgende List Jakobs () rechtfertigen –, andrerseits ist er der Betrogene. Der dritte Teil der Erzählung () zeigt Esau als versöhnungsbereiten und zur friedlich-schiedlichen Koexistenz mit Jakob fähigen Menschen, der schließlich sogar gemeinsam mit dem Bruder den Vater begräbt (). Für weitere Informationen zur Jakobserzählung → Jakob.

In der Forschung wird diskutiert, ob Esau im überlieferungsgeschichtlich ältesten Stadium noch nicht ein Volk, sondern schlicht das Mitglied einer Familie repräsentiert (Westermann, 1989, 1f; ders., 1992, 47-50). Weiter wird vorgeschlagen, Esau als kulturgeschichtlichen Typus des Jägers zu verstehen, dem in Jakob der Typus des Hirten entgegengesetzt wird (Gunkel, 1964, 296.316; von Rad, 1958, 240; Westermann, 1989, 508f). Die Volksdimension, die Esau (und natürlich auch Jakob) im Endtext zweifellos zukommt, ist nach diesen Auffassungen eine späte Entwicklung. Neuere Forschungen haben diese älteren überlieferungsgeschichtlichen Rekonstruktionen in Frage gestellt, denn die Weissagung zur Herrschaft des Jüngeren über den Älteren () sowie die Segenssprüche des Vaters Isaak (; ) beziehen sich unzweifelhaft auf das Verhältnis der beiden Völker untereinander und gehören zum erzählerischen Kernbestand. Einen Esau, der nicht zugleich auch Ahnvater der Edomiter wäre, gibt es nach dieser Auffassung nicht (Blum, 1984, 69-79).

In der → Priesterschrift steht der Konflikt Jakob-Esau nicht mehr für die politischen Verhältnisse zwischen Israel/Juda und Edom, vielmehr werden die beiden Protagonisten zu Symbolfiguren der nachexilischen Exogamie-Debatte. Esau als Negativfigur heiratet zwei als Kanaanäerinnen verstandene Hethiterinnen (), und Jakob verlässt seine Heimat nicht aus Furcht vor Esau, sondern weil er keine Kanaanäerin zur Frau nehmen will (). Danach nimmt Esau noch eine Nicht-Kanaanäerin, die Ismaeliterin Mahalat, zur Frau (), womit auch in der Priesterschrift eine Brücke zum positiven Esaubild von gespannt wird.

2.2. Esau in anderen Büchern des Alten Testaments

Nur wenige späte Texte greifen den Esau der Jakoberzählung explizit auf, und zwar der Geschichtsrückblick , die Genealogie und die Prophetie .

In der Erzählung von Israels Durchzug durch Edom werden die Edomiter als „Söhne Esaus“ und als „Brüder“ der Israeliten bezeichnet (vgl. auch ), als „Söhne Esaus“ auch in den unmittelbar darauf folgenden Bezugnahmen .... Es ist aber unklar, ob in die Erzählung . im Hintergrund steht oder eine andere, hinsichtlich der Bruderschaft vergleichbare Tradition. Folgt in aus der Bruderschaft eine positive Bewertung Edoms, so ist es im → Obadja-Büchlein umgekehrt. Darin bezeichnet Esau nie eine Einzelperson, sondern stets das Volk, wobei in Obadja – und nur hier – der Volksname in der Fügung „Gebirge Esaus“ zur Landschaftsbezeichnung wird (...). Dieses Volk aber hat sich an seinem Bruder „Jakob“ bzw. an seinen Brüdern, den „Söhnen Judas“, vergangen und verfällt deshalb dem Gericht Gottes. Diese Texte setzen die Bruderschaft der beiden Völker voraus, ohne explizit auf die Erzählungen zu rekurrieren.

Das Gerichtswort über Edom verwendet das Wort „Esau“ synonym zu „Edom“ (.) ohne erkennbaren Bezug auf eine Einzelperson dieses Namens und ohne Bezug auf eine Bruderschaft zwischen den Völkern Edoms und Judas.

Die negativ konnotierten Erwähnungen der Esaugestalt, aber auch die positiven Darstellungen in der → Vätergeschichte und im → Deuteronomium sind Reflexe des wechselvollen Verhältnisses von Israel bzw. Juda und Edom. Zur Geschichte Edoms → Edom / Edomiter.

3. Esau im Neuen Testament

In der frühjüdischen Literatur werden die Edomiter immer wieder als „Söhne Esaus“ bezeichnet (.; .; LXX). Paulus dagegen zitiert in sowohl als auch als Belege für die freie Gnadenwahl Gottes. Im Hebräerbrief erscheint Esau als Beispiel für Unzucht und Gottlosigkeit (). Hier wie bei Paulus dient die Person Esau als Negativbeispiel in diskursiven Zusammenhängen, der versöhnliche Esau von wird nicht rezipiert. Hinzu kommt noch die unspezifische Erwähnung Esaus in .

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Anchor Bible Dictionary, New York u.a. 1992.
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001.

2. Weitere Literatur

  • Blum, E., Studien zur Komposition des Pentateuch (BZAW 189), Berlin 1990.
  • Gunkel, H., Genesis, (HKAT I,1), 6. Aufl. Göttingen 1964.
  • Hübner, U., Art. Esau, in: ABD 2, New York u.a. 1992, 574f.
  • Knauf, E.A., Art. Esau, in: NBL I, Zürich 1991, 587f.
  • Rad, G. von, Das erste Buch Mose / Genesis (ATD 2/4), 5. Aufl. Göttingen 1958.
  • Seebass, H., Genesis II, Vätergeschichte II (23,1-36,43), Neukirchen-Vluyn 1999.
  • Wahl, H.M., Die Jakobserzählungen. Studien zu ihrer mündlichen Überlieferung, Verschriftung und Historizität (BZAW 258), Berlin 1997.
  • Westermann, C., Genesis 12-50 (EdF 48), 3. Aufl. Darmstadt 1992.
  • Westermann, C., Genesis (BKAT I,2), 2. Aufl. Neukirchen 1989.

Weitere Literatur → Edom / Edomiter, → Jakob.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Geburt der Zwillinge Esau und Jakob; Wenzelsbibel (14. Jh.)
  • Abb. 2 Die Versöhnung der Brüder Jakob und Esau; Francesco Hayez (1844)

Direkt zum Artikel

Themenregister

» Zum Themenregister

Inhaltsverzeichnis:

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z ?!

A
Aaron / Aaroniden
Aaronitischer Segen
Abdi Chepa
Abdon
Abecedarium
Abel
Abel (in Ortsnamen)
Abel-Bet-Maacha
Abel-Keramim
Abel-Majim
Abel-Mehola
Abel-Mizrajim
Abel-Schittim
Abend
Aberglaube
Abgaben (AT)
Abgötterei
Abgrund
Abigajil
Abihu
Abimelech
Abinadab
Abiram
Abischag
Abischai
Abjatar
Abner
Abraham
Absalom
Abschiedsrede (AT)
Abstammung
Abtreibung
Abwehrmittel
Abwesenheit Gottes
Abydos
Ach
Achan
Achat
Achikar
Achior
Achisch
Achjo
Achor
Ackerbau
Adad
Adam (NT)
Adam und Eva
Adler
Adma
Adonaj
Adonija
Adoniram / Adoram / Hadoram
Adrammelech / Anammelech
Adullam
Affe
Ahab
Ahija
Ahikam
Ahimaaz
Ahimelech
Ahinoam
Ahitofel
Ahnfraugeschichte
Ahnväter / Ahnmütter
Ai
Ajalon
Akazie
Akedah
Akiba, Rabbi
Akrostichon
Alalach
Alexander Jannai
Alkimus
Allegorie / Allegorese
Allmacht Gottes
Almosen
Aloe
Alphabet
Alt, Albrecht
Altarhörner
Alter (AT)
Altes Testament im Religionsunterricht
Älteste (AT)
Amalek / Amalekiter
Amarna-Zeit
Amarnabriefe
Amasa
Amasis
Amazja
Amduat
Ameise
Amenemope, Lehre des
Amenophis IV. / Echnaton
Amethyst
Amme
Amos / Amosbuch
Amphiktyonie
Amrafel
Amram und Jochebed
Amsterdamer Schule
Amulett
Anammelech
Anat
Anbetung
Animismus
Anteil
Anthropologie (NT)
Antichrist
Antijudaismus
Antilope
Antiochos IV. Epiphanes
Anubis
Äon
Apfel
Apokalypse des Elia
Apokalypse des Mose
Apokryphen (AT)
Apophis
Apotropäische Riten
Apries
Ar Moab
Araba
Araber
Arauna
Arbeit (AT)
Arbeitsverpflichtung / Fron
Archäologie Palästinas
Aretas
Ariël
Aristeasbrief
Aristobul
Arjoch
Arkandisziplin
Arm (AT)
Armenabgabe
Armut / Arme (AT)
Arnon
Art / Spezies
Arzt
Asaël
Asaf / Asafiten / Asafpsalmen
Asarhaddon
Asasel
Aschima
Aschmodai
Asidäer
Assurbanipal
Astarte
Astruc, Jean
Asyl / Asylrecht (AT)
Ätiologie
Aton / Aton-Hymnen
Audition
Auferstehung (AT)
Aufstiegserzählung
Auge um Auge
Ausländer
Auslegung
Aussatz
Auszug aus Ägypten
Axt
Info Anmeldung

Anmeldung

Derzeit sind Sie als Gast auf den Seiten von WiBiLex unterwegs. Um das Lexikon in vollem Umfang nutzen zu können (z.B. Artikel drucken und durchsuchen, Bilder vergrößert anzeigen), melden Sie sich bitte mit Ihrem Benutzer-Namen an oder registrieren Sie sich kostenlos als neue/r Nutzer/in.

Wenn Sie bereits auf www.die-bibel.de registriert sind, können Sie sich ohne weitere Registrierung mit den gleichen Benutzerdaten auch bei WiBiLex anmelden!