Johann Gottfried Eichhorn wurde am 16.10.1752 als Sohn des evangelischen Pfarrers Johann Georg Christoph Eichhorn und der Pfarrerstochter Sophie Friederike Storner in Dörrenzimmern im Fürstentum Hohenlohe-Öhringen (heute Ortsteil von Ingelfingen, Hohenlohekreis, Baden-Württemberg) geboren. Er besuchte die Schule in Weikersheim (heute Main-Tauber-Kreis, Baden-Württemberg) und das Gymnasium in Heilbronn. 1770 bezog er die Universität Göttingen und hörte u.a. bei dem semitischen Philologen Johann David Michaelis (1717-1791) und dem klassischen Philologen Christian Gottlob Heyne (1729-1812). 1774 wurde er Rektor am Gymnasium in Ohrdruf (heute Landkreis Gotha, Thüringen) und bereits ein Jahr später Professor für orientalische Sprachen an der Universität Jena. 1788 wechselte er wegen Querelen mit dem Jenaer Theologen → Johann Christoph Döderlein (vgl. Herder, Briefe, Bd. 5, 1979, 280) auf einen philosophischen Lehrstuhl nach Göttingen. Seit 1775 war Eichhorn mit Susanna von Müller (1756-1835), der Tochter des hohenlohischen Geheimrates Friedrich von Müller, verheiratet. Aus der Ehe entstammen vier Kinder, unter ihnen der Jurist Karl Friedrich Eichhorn (1791-1854). Johann Gottfried Eichhorn starb am 25. Juni 1827 in Göttingen.
Der Historiker und Philologe Eichhorn war vielseitig interessiert und publizierte auf den Gebieten der Orientalistik, der Welt-, Kultur- und Literaturgeschichte und der Bibelwissenschaft; er gab u.a. von 1777-1803 ein eigenes wissenschaftliches Journal heraus (vgl. Kraus 1969, 133-151; Smend 1989, 25-37; Graf Reventlow 2001, IV, 209-226; 2008, 1051-1057). Er nahm Anregungen von Johann Salomo Semler (1725-1791), → Jean Astruc (1684-1766) und → Johann Gottfried Herder (1744-1803) auf und lässt sich unter theologischem Gesichtspunkt der Neologie (Aufklärungstheologie) zurechnen.
Eichhorns wissenschaftsgeschichtlich bedeutendstes Verdienst ist die Begründung einer kritischen Biblischen → Einleitungswissenschaft in seiner dreibändigen „Einleitung in das Alte Testament“ (1780-1783). In diesem Werk fügte er zusammen, was bisher, etwa in den Lehrbüchern des Johann Gottlob Carpzov (1679-1767), noch getrennt behandelt worden war: die Kanon- und Textkritik und die Einleitung in die biblischen Bücher, die nun auch die Kritik ihrer Entstehung einschließt. Der erste Satz der Vorrede lautet: „Der bloß theologische Gebrauch, welcher von den Schriften des Alten Testamants gewöhnlich gemacht wird, hat bisher mehr, als man denken sollte, verhindert, diese Werke des grauen Altertums nach Verdienst zu würdigen.“ (2. Aufl., 1787, Bd. 1, S. III). Mit der Themenauswahl und ihrer aufgeklärt-kritischen Bearbeitung setzte er den bis heute für die Biblische Einleitungswissenschaft gültigen Rahmen.
Für das Buch → Genesis nimmt er die Quellenhypothese bzw. ältere Urkundenhypothese von → Jean Astruc auf, die dieser auf Grund des Wechsels der Gottesnamen Jahwe und Elohim entwickelt hatte (→ Pentateuchforschung). Eichhorn spricht von einer Jehova-Urkunde und einer Elohim-Urkunde. Das erste Buch der Bibel sei „in den meisten Stellen eine aus zwey historischen Werken zusammen gesetzte Schrift, die Stückweis bald in, bald hinter einander geordnet sind, und die nur hie und da durch Einschaltungen einzelner fremder Denkschriften … unterbrochen werden.“ (Einleitung in das Alte Testament, 3. Aufl., 1803, Bd. 2, 296). Durch Eichhorn wurde die Quellenhypothese erstmals populär gemacht.
Von seinem Lehrer Christian Gottlob Heyne lernte Eichhorn den antiken Mythos als Ausdrucksform der Kindheitsphase des Menschengeschlechts kennen. Diese Vorstellung greift er in seiner Auslegung der Urgeschichte Gen 1-3 (zuerst 1779) auf. Die Ausdrucksweise der Texte sei die einzige zeitbedingt mögliche. Es handle sich um wahre, auf Mose als Verfasser oder Sammler zurückgehende Geschichten, nicht um freie Dichtungen oder Allegorien. Den Terminus Mythos möchte Eichhorn dafür allerdings nicht verwenden: „Also keine Mythologie, keine Allegorie, sondern wahre Geschichte!“ (Urgeschichte, hrsg. v. Gabler, 1793, Bd. II/2, 79). Der Herausgeber dieses Werks, Eichhorns Schüler → Johann Philipp Gabler (1753-1826), nimmt den Begriff in seinen Anmerkungen dann aber positiv auf. Eichhorn hat hier wichtige Vermittlerdienste für die alttestamentliche Wissenschaft geleistet.
Die Einsicht → Johann Christoph Döderleins von 1781, dass die Kapitel 40ff. im Jesajabuch von einem exilischen Autor stammen, hat Eichhorn in seiner „Einleitung in das Alte Testament“ (1783), ohne seinen Vorgänger zu nennen, aufgenommen und erläutert. „… ie öfter ich die Orakel vom 40sten bis 52sten Kapitel Jesaias lese, desto weniger will es mir einleuchten, daß sie vor dem babylonischen Exil abgefaßt seyn sollen. … In der genannten Reihe von Orakeln (Jes XL-LII) ist überall das babylonische Exilium die Scene; der Dichter spricht, als lebte er im Exil, als spräche er zu Exulanten, welche bei der Zögerung ihrer Wiederkehr ins Vaterland schon verzweifeln, ob auch die Verheißungen ihrer alten Propheten in Erfüllung gehen würden. Sollte nicht der Verfasser der darinn enthaltenen tröstlichen Verheißungen im Exil selbst gelebt haben?“ (Bd. 3, 84.85f; zitiert bei Smend 1989, 31). Eichhorn spielte für die Rezeption dieser Deuterojesajahypothese eine nicht zu unterschätzende Rolle. Er war es auch, der 1787 als erster erkannte, dass die Elihureden (Hi 32-37) im → Hiobbuch sekundär sind (vgl. Wahl 1992, 58-61).
Für das Neue Testament übernimmt er in seinem Aufsatz „Über die drey ersten Evangelien“ (1794) die von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) eingeführte Urevangeliumshypothese (1784, postum veröffentlicht) und baut sie weiter aus. Eichhorns methodisches Vorgehen ist bemerkenswert: Die Ähnlichkeit und zugleich die Verschiedenheit der drei ersten Evangelien führten ihn zur Annahme einer gemeinsamen hebräischen oder aramäischen Quelle. Diese liege in den überkommenen Evangelien doppelt gebrochen vor: Schon das Urevangelium habe Varianten und Erweiterungen enthalten. Die Differenzen seien durch die jeweilige Übersetzung und weitere Ergänzungen noch vermehrt worden. Matthäus und Lukas hätten den nur ihnen gemeinsamen Stoff aus anderen schriftlichen Quellen geschöpft. Der Haupteinwand gegen diese Hypothese ist, dass sich weder eine hebräische oder aramäische Urfassung der drei Evangelien noch unterschiedliche Übersetzungsvorlagen nachweisen lassen. Eichhorn hat allerdings bereits erkannt, dass die Gemeinsamkeiten von Matthäus und Lukas gegen Markus auf besondere Quellen (heute: Logienquelle Q) zurückgehen.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
Derzeit sind Sie als Gast auf den Seiten von WiBiLex unterwegs. Um das Lexikon in vollem Umfang nutzen zu können (z.B. Artikel drucken und durchsuchen, Bilder vergrößert anzeigen), melden Sie sich bitte mit Ihrem Benutzer-Namen an oder registrieren Sie sich kostenlos als neue/r Nutzer/in.
Wenn Sie bereits auf www.die-bibel.de registriert sind, können Sie sich ohne weitere Registrierung mit den gleichen Benutzerdaten auch bei WiBiLex anmelden!