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BHS

Die Biblia Hebraica Stuttgartensia

Die Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) ist die Nachfolgeausgabe der von Rudolf Kittel herausgegebenen Biblia Hebraica und bis heute die einzige vollständige wissenschaftliche Ausgabe des Codex Leningradensis, mit allen wichtigen Textvarianten und Korrekturvorschlägen im textkritischen Apparat.

Im Unterschied zu den wissenschaftlichen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments ist es nicht das Ziel der Biblia Hebraica Stuttgartensia, den ursprünglichen Text der Hebräischen Bibel zu rekonstruieren. Dies ist auf der Grundlage der zur Verfügung stehenden Handschriften gar nicht möglich: Der Ursprung des Alten Testaments liegt für seine ältesten Teile in der israelitischen Königszeit (8./9. Jh. v.Chr.), aus der keinerlei Handschriften mehr erhalten sind. Die ältesten direkten Textzeugen sind die Handschriften, die seit 1949 in der judäischen Wüste in den Höhlen von Qumran am Toten Meer gefunden wurden. Darunter befanden sich die Überreste von etwa 200 Abschriften einzelner biblischer Bücher aus der Zeit zwischen 150 v. Chr. und 70 n.Chr. Abgesehen von einer einzigen vollständig erhaltenen Abschrift des Jesajabuches handelt es sich bei den Bibeltexten aus Qumran aber durchweg um Fragmente, auf denen meist nur wenige zusammenhängende Wörter, oft auch nur einige Buchstaben zu erkennen sind.

Erst etwa ab dem 3. Jh. v.Chr. stehen umfangreichere Textzeugen zur Verfügung, auf die sich die alttestamentliche Textforschung stützen kann. Denn zu dieser Zeit entstand die erste Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische, die sogenannte Septuaginta; sie ist der älteste und wichtigste indirekte Zeuge für den damaligen Wortlaut des hebräischen Textes. Später kommen noch andere antike Übersetzungen als weitere indirekte Zeugen hinzu, insbesondere die lateinische Vulgata, die syrische Peschitta und die aramäischen Targume.

Die älteste vollständige Abschrift der Hebräischen Bibel, die wir heute kennen, ist der Codex Leningradensis aus dem Jahr 1008; noch fast hundert Jahre älter, doch leider nicht mehr vollständig ist der Codex von Aleppo aus dem Jahr 930. Der Codex Leningradensis und der Codex von Aleppo sind zwei herausragende und mustergültige Beispiele für den sogenannten masoretischen Text. Dies ist der von jüdischen Schriftgelehrten um 100 n.Chr. festgelegte Text. Ursprünglich ein reiner Konsonantentext, wurde er seit etwa 700 n.Chr. mit Vokalzeichen versehen. In dieser Form wurde er von den sogenannten Masoreten mit peinlicher Genauigkeit weiter überliefert.

Beim masoretischen Text handelt es sich um eine sicher nicht an allen Stellen ursprüngliche Textform. Durch mancherlei Handschriftenfunde, insbesondere die Funde von Qumran, sind uns Lesarten des alttestamentlichen Textes bekannt geworden, die hinter die masoretische Textbearbeitung zurückreichen. Aufgrund der Zufälligkeit und Lückenhaftigkeit dieser Textzeugen ist die durchgängige Rekonstruktion eines Textes der Hebräischen Bibel jedoch nicht möglich. Um in einer Druckausgabe dennoch einen einheitlichen Text darbieten zu können, empfiehlt es sich deshalb, den masoretischen Text abzudrucken und in einem kritischen Apparat die jeweils vorhandenen Textvarianten anzugeben – gegebenenfalls dann auch verbunden mit einem Verbesserungs­vorschlag zum masoretischen Text.

Nach diesem Prinzip ist die Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) gestaltet, in der die Ergebnisse aus über 100 Jahren alttestamentlicher Textforschung zusammengefasst sind. Die BHS ist heute weltweit in Gebrauch und wird in allen Konfessionen als überaus zuverlässige Ausgabe des hebräischen Bibeltextes geschätzt. Sie bildet die Grundlage sowohl bei der Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern als auch für alle seriösen Bibelübersetzungen. Seit 2004 wird sie sukzessive durch die zunächst in einzelnen Faszikeln erscheinende Biblia Hebraica Quinta (BHQ) abgelöst.

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