In der Hebräischen Bibel wird der Begriff „Zwilling“ für die Zwillingspaare Esau und Jakob sowie Perez und Serach (→ Genesis), für symmetrische Strukturen in der Architektur (→ Exodus) und als Merkmal weiblicher Schönheit (→ Hoheslied) verwendet. Die lexikalische Grundform lautet
(1) Die erste Form lautet
Die Kurzform ohne das Aleph
(2) Die zweite Form lautet
Dass es sich bei den unterschiedlichen Schreibungen (1) und (2) nur um Formvarianten handelt, zeigt der Befund im Hohenlied: Dort wird die Metapher „Zwillinge der Gazelle“ zwei Mal für das Ebenmaß der Brüste der Geliebten verwendet, einmal in dieser, einmal in jener Variante: :
Die griechische Bibel (→ Septuaginta) übersetzt jeweils mit δίδυμος didymos „Zwilling“ (das Verb in und entsprechend mit διδυμεύω, „Zwillinge gebären“).
Im Neuen Testament wird der Apostelname Thomas mit dem griechischen Wort didymos „Zwilling“ verbunden (; ; ; s.u.). Der griechische Name Θωμᾶς fiel im griechischen Sprachraum mit dem aramäischen Wort für „Zwilling“
beginnt mit der Toledotformel (→ Genealogie) die Geschichte der Nachkommen → Isaaks, die bis reicht. Wie mehrfach bei Isaak zu beobachten ist, werden auf ihn Motive und Elemente der Abrahamserzählungen übertragen. Dazu gehört auch die Kinderlosigkeit der Ehefrau. Wie → Sara () ist auch → Rebekka zunächst kinderlos (aus und wird durch Nachrechnen deutlich, dass zwischen Rebekkas Heirat und Schwangerschaft 20 Jahre an erzählter Zeit liegen; Hieke, 295 Anm. 822). Die Schwangerschaft der Rebekka verläuft nicht unproblematisch: Die Erzählung über den „Kampf“ der ungeborenen Zwillinge im Mutterleib nimmt narrativ das spätere spannungsvolle Verhältnis zwischen Esau und Jakob vorweg (zum Motiv des pränatalen Zwillingskampfes vgl. Greenspahn, 116 Anm. 17). Das Orakel, das Rebekka auf ihre Nachfrage von JHWH erhält, macht für die Lesenden und in der Textwelt für Rebekka (aber nur für sie, nicht für Isaak!) deutlich, worauf die Sache hinauslaufen wird: Die Zwillinge werden sich nicht hierarchisch gleich entwickeln, vielmehr wird der Jüngere den Vorzug erhalten (s. ; ). Warum und wozu das so sein wird, entfaltet der Text nie explizit, aber aus dem weiteren Verlauf der Geschichte wird deutlich, dass der Plan Gottes dahintersteckt.
Die Zwillingsgeburt selbst () offenbart für alle, was Rebekka schon weiß: Zwillinge kommen zur Welt! Klar wird festgestellt, wer der Erstgeborene ist: Esau, von rötlicher Hautfarbe und mit Haaren bedeckt (→ Farbe). Der zweite Zwilling hält Esau an der Ferse (‘āqeb) fest, um ihn an der Erstgeburt zu hindern und wird daher → Jakob (Ja‘ǎqob) genannt. „Der Vorgang selbst ist gynäkologisch unmöglich“ (Jacob, 544) – es geht ja auch nicht um Tatsachen-Realismus, sondern um fiktionale Literatur: Sie weckt durch die Unmöglichkeit des Festhaltens der Ferse umso mehr Aufmerksamkeit auf die dahinter stehende Sache. Der Boden ist so bereitet für den sich fortsetzenden Antagonismus der Zwillingsbrüder Esau und Jakob. Dass dieser Antagonismus in utero verankert wird, gibt der Geschichte etwas Unvermeidbares und Unentrinnbares. „Von Mutterleib an“ heißt doch: „schon immer“ und „es ist noch nie anders gewesen“ (dazu ; ; .; ; ). Das Orakel von transformiert diese Feindschaft von der innerfamiliären auf die transnationale Ebene (Hieke, 169; 321).
Zwillingsbrüder repräsentieren die engste denkbare Blutsverwandtschaft. Wenn nun Jakob und Esau für die Völker → Israel und → Edom () stehen, so drücken sowohl die Verwandtschaft als auch die harte Rivalität und der Kampf das äußerst ambivalente Verhältnis Israels zu seinem südöstlichen Nachbarn Edom aus. Eine kulturelle und räumliche Nähe einerseits und die bittere Erfahrung steter Konflikte andererseits führen dazu, die Geschichte narrativ in das Motiv der „feindlichen Brüder“ zu kleiden und mit dem Zwillingsmotiv noch zuzuspitzen. Die Edomiterfeindschaft geht auf die Besetzung des Südens des judäischen Staatsgebietes durch Edomiter während der babylonischen Eroberung Judas im 6. Jh. v. Chr. zurück. „Unter ihren Nachbarvölkern haben sich die Israeliten keinem im Guten wie im Bösen so verbunden gefühlt wie den Edomitern. … Bemerkenswert ist, daß man in Israel die edomfreundliche Traditionslinie (vgl. auch ) nie aufgab, auch nicht, als Edom längst zum ‚Erbfeind‘ geworden war, dessen endzeitliche Unterwerfung zusammen mit den anderen Völkern man erwartete (; ) und dessen Name als Chiffre für jeden Israels Existenz bedrohenden Feind (wie die Römer) dienen konnte“ (Weippert, 297). Extrem Edom-feindliche Texte finden sich z.B. in ; in der → Obadjaschrift; in .
Das Motiv der Zwillingsgeburt aus wird bei der Geschichte der Nachkommenschaft Judas in aufgegriffen und damit die Geburt der Juda-Söhne → Perez und Serach auf die Stammväter-Ebene von → Jakob und → Esau gehoben. Die Familienplanung des Jakobssohnes → Juda erfolgt auf eigene Faust und scheitert insofern, als seine ersten beiden Söhne kinderlos sterben. Der erste, Er, war mit → Tamar verheiratet; nach seinem Tod sollte sein Bruder → Onan mit Tamar Nachkommen zeugen (→ Levirat), der aber nutzt Tamar nur sexuell aus, ohne den Zeugungsakt zu vollenden. Auch er stirbt auf Veranlassung JHWHs. Als Juda seinen verbleibenden dritten Sohn der Tamar vorenthält, greift sie zu einer List: Sie verkleidet sich als Prostituierte, Juda geht nichts ahnend zu ihr und gibt ihr seine persönlichen Identifikationsgegenstände als Pfand für die ausstehende Entlohnung. Tamar wird schwanger. Als sie der „Unzucht“ bezichtigt wird, weist sie mit den persönlichen Gegenständen nach, dass Juda der Vater des Kindes ist. Juda rehabilitiert Tamar, verkehrt dann aber nicht mehr mit ihr sexuell, womit auch anerkannt wird, dass die außergewöhnliche Verbindung inzestuös und nach grundsätzlich verboten ist. Allerdings wiegen hier die Aufrechterhaltung der genealogischen Linie und ihre Reinerhaltung (im Sinne der Endogamie) stärker (Hieke, 196; 297). Tamar bekommt männliche Zwillinge, und möglicherweise sind die beiden Söhne ein Ersatz für Er und Onan und damit ein göttliches Zeichen dafür, dass auch Juda von JHWH rehabilitiert wird (Goldin, 30).
Die Geburt von Perez und Serach wird ähnlich dramatisch geschildert wie die von Esau und Jakob: Serach streckt als erster seine Hand heraus und bekommt von der Hebamme einen roten Faden umgebunden. Dann aber kommt doch Perez zuerst heraus. Diese Umstände werden als Namenserklärungen verwendet (Ebach, 153): Perez von hebr.
Die Baubeschreibungen des Zeltheiligtums (→ Stiftshütte) in und sind kaum zu durchschauen und in den Einzelheiten nur sehr schwer nachvollziehbar. Bei den „Zwillingen“ in (Anordnung) und (Ausführung; wörtlich identisch) handelt es sich möglicherweise um einen Fachbegriff aus dem Zeltbau- oder Zimmermannswesen, der heute nicht mehr verständlich ist. Es geht um die beiden Eckbretter, die die beiden Längsseiten (die nördliche und die südliche) des Zeltheiligtums mit der kürzeren Westseite verbinden sollen. Die Seiten bestehen aus senkrecht gestellten Holzbrettern auf silbernen Ständern; zur Eckverbindung ist es plausibel, dass zwei Bretter „zwillingshaft“ von unten bis oben verbunden sind; der rätselhafte „Ring“ gewährleistet möglicherweise diesen Zusammenhalt (Noth, 172). Der jeweils zweite Beleg im Vers (s.o. 1.1.) ist textlich problematisch. Das Wort
Im → Hohenlied wird die Metapher „Zwillinge der → Gazelle“ an zwei Stellen für das Gleichmaß und die attraktive Schönheit der Brüste der Geliebten verwendet (; ). Der Kontext ist jeweils ein Beschreibungslied (in der → Sulamith), das die körperlichen Vorzüge der geliebten Frau in detaillierter Weise ausfaltet. Der Begriff „Zwillinge“ soll hier die symmetrische Vollkommenheit unterstreichen; die Gazelle steht für Anmut und Beweglichkeit. Das Weiden unter den Lilien ist ein Bild für den Genuss der Liebe (Zakovitch, 189).
In und kommt das denominierte Verb von „Zwilling“ vor, also „zwiefach werfen“ oder „Zwillinge gebären“. Das Verb bezieht sich auf den Basisvergleich „Deine Zähne sind wie die Herde der Schafe, die heraufsteigen vom Bade“. Wenn nun diese Schafe „zwiefach werfen“, so wird dies metaphorisch auf die Zähne der Geliebten angewendet und bedeutet dann, dass jeder Zahn des Oberkiefers sein genaues Gegenstück im Unterkiefer hat. Zugleich heißt es, dass keines der „Schafe“ ohne Junge ist, was wohl bedeutet, dass kein Zahn fehlt. Die Schönheit der Geliebten zeigt sich also auch darin, dass sie kieferorthopädisch befundlose, vollkommene Zähne hat (Zakovitch, 185).
In ; ; erscheint „Zwilling“ als Beiname des Thomas (Θωμᾶς ὁ λεγόμενος Δίδυμος „Thomas, der Didymos [Zwilling] genannt wird“). An allen diesen Stellen wird innerhalb des Neuen Testaments nicht weiter ausgefaltet, ob Thomas wirklich einen Zwillingsbruder (oder eine Zwillingsschwester) hatte, oder ob der Beiname nur auf einem griechisch-aramäischen Wortspiel beruht (s.o. 1.3).
Der Beiname „Zwilling“ gibt in der apokryphen Literatur Anstoß zu spekulativem Weiterdenken. In den „Thomasakten“ (Drijvers 1997, 291), die zu Beginn des 3. Jh. n. Chr. in Ostsyrien als apokryphe Apostelgeschichte in syrischer Sprache entstanden sind, wird der Apostel „Judas Thomas, Judas der Zwilling“ genannt. Im ostsyrischen Bereich (Osrhoëne und Edessa) wurde offenbar Judas, der Bruder des Herrenbruders Jakobus, mit Judas „nicht dem Iskariot“ identifiziert und als Zwillingsbruder Jesu betrachtet, den man als Thomas Didymos aus dem Johannesevangelium kannte. So gilt in den Thomasakten „Judas Thomas“ als Zwillingsbruder Jesu, dem er in Aussehen, Schicksal und Werk gleicht, z.B. Thomasakten 39: „Zwillingsbruder des Christus, Apostel des Höchsten und miteingeweiht in das verborgene Wort des Christus, der du seine verborgenen Aussprüche empfängst, Mitarbeiter des Sohnes Gottes …“. Dieses Zwillingsmotiv war offenbar ein konstituierender Faktor für die Form des Christentums, die sich im ostsyrischen Raum, einem Teil Parthiens, entwickelte. Eusebius (Historia ecclesiastica III, 1,1; Bibliothek der Kirchenväter) bezeichnet Thomas als den Apostel Parthiens, und die intensiven kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen Edessas und der Osrhoëne zu Nordindien dürften dazu geführt haben, dass die Thomasakten in legendärer Weise Judas Thomas als den Apostel Indiens bezeichnen.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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