Für breite Volkszählungen und Zahlenangaben über Bevölkerungsgrößen im heutigen Sinne gibt es im Alten Orient keine Belege. Zahlreiche keilschriftlich überlieferte Listen betreffen jedoch partielle Volkszählungen, die in der Regel regional begrenzt sind und praktischen Zwecken dienen: Rationenzuteilungen (z.B. aus → Ebla), Steuerprüfungen, militärische Musterungen (z.B. aus → Alalach und → Ugarit). Aus dem Königreich → Mari sind Dokumente erhalten (19./18. Jh. v. Chr.), die den Musterungslisten von Numeri entsprechen. Wie in Israel und im antiken Rom war die Musterung mit einem apotropäischen Ritual zur Abwehr von Unheil verbunden (s.u., 2.4).

Abb. 1 Zensus-Liste aus dem Gebiet um Haran (8. Jh. v. Chr.)
Die Assyrer verfassten Listen mit Zahlen deportierter Volksgruppen, die die imperiale Macht der Könige demonstrieren sollten. Eine einem Zensus nahe kommende Liste auf mehreren Fragmenten von Keilschrifttafeln ist aus dem Gebiet um → Haran (Nordwest-Mesopotamien) erhalten (Abb. 1; Johns 1901; neue Textedition: Fales / Postgate 1995, 122-145). Sie führt Familien, gegliedert nach Männern, Söhnen, Frauen, Töchtern, sowie jeweilige Landzuweisungen mit Spezifizierung der landwirtschaftlichen Nutzung auf und verband die Gesamtzahl mit dem Namen eines hochrangigen Palastbeamten als Landbesitzer. Sie diente vermutlich der Umsetzung von Steuerfreistellungen durch Sargon II. (721-705 v. Chr.) (Details und vertiefende Literatur: Anchor Bible Dictionary 1, 1992, 882-883; Fales / Postgate 1995, XXX-XXXIV).
Für das antike Ägypten gibt es aus hellenistisch-römischer Zeit bei den Autoren Diodor und Josephus schriftliche Quellen für eine Schätzung der Gesamtbevölkerung. Sie basieren auf Zensuslisten, die hauptsächlich der Erhebung von Steuern dienten. Aus älterer Zeit sind Zensuspapyri erhalten, die einen Eindruck davon vermitteln, mit welchen sozialen Strukturen in einem altägyptischen Haushalt zu rechnen ist. Aber die Zahl erhaltener Texte und Listen ist zu gering, um Bevölkerungszahlen von statistischer Relevanz zu erheben. Meist wurden auch nur bestimmte Bevölkerungsgruppen erfasst: Arbeiterlisten für staatliche Projekte, Priester, Soldaten (Näheres zur altägyptischen Demographie bei Kraus 2004).
Das Thema Volkszählung begegnet schwerpunktmäßig im Zusammenhang mit einer militärischen Musterung nach dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten im Buch → Numeri (Num 1-4; 26) sowie bei König → David (2Sam 24/1Chr 21).
Die Volkszählungen am Anfang des Buches gaben ihm den Namen in der griechisch-lateinischen Tradition sowie in den meisten modernen Übersetzungen. In Numeri gehen die Volkszählungen jeweils auf eine göttliche Anordnung zurück. Die Formulierung erfolgt im Hebräischen mit der Wendung nś’ ro’š „die Summe erheben / die Gesamtzahl ermitteln“ (; .; ).
Die erste Volkszählung () dient der Musterung der wehrfähigen Männer ab einem Alter von 20 Jahren aus den Stämmen Israels. Das „Mustern“ wird mit dem hebräischen Verb pqd ausgedrückt, die „Gemusterten“ sind die pəqudîm. Die Leviten werden ausgespart (; vgl. ). Für die hohen Zahlen, die keiner historischen Wahrscheinlichkeitsprüfung standhalten, werden unterschiedliche Erklärungen angeboten. Letztlich befriedigend ist keine Lösung. Die Höhe der Zahlen ist vermutlich ganz fiktiv und soll die gewaltige Größe Israels poetisch umschreiben (Davies 1995).
Eine mögliche Erklärung für die hohen Zahlenangaben besteht darin, das hebräische Wort ’ælæf für „Tausend“ als militärische Untereinheit „Schar“ zu interpretieren (Mendenhall 1958 mit Rückgriff auf Studien von Sir W.M. Flinders Petrie): So wären z.B. nach bei Ruben 46 „Scharen“ mit insgesamt 500 Mann anzusetzen. – Eine andere Deutung geht von astronomischen Verhältnisangaben aus: Nach Division durch 100 ergeben sich Tageszahlen des Sonnen- und Mondjahres bzw. der Umlaufzeit anderer Planeten. Daraus wird geschlossen, der biblische Schriftsteller habe die Zahlen von babylonischen Astrologen übernommen. – Schließlich werden Berechnungen mit Gematrie unternommen: Die hebräischen Konsonantenzeichen dienen auch als Zahlzeichen, so dass sich zwischen Zahlen und Wörtern spekulative Beziehungen ableiten lassen. – Das Problem all dieser Vorschläge ist, dass sie meist nur nach kleineren oder größeren Textänderungen oder Textanpassungen glatt aufgehen (zur Diskussion und Kritik der Erklärungsversuche vgl. Davies 1995). – Eine Kombination aus zahlreichen mathematischen Transformationen und anschließender Gematrie legt Heinzerling (1999) vor. Die ungeheuere Komplexität des entwickelten „Schlüssels“ unterstellt, dass hier eine gewaltige mathematische Rechenaufgabe in den Zahlen versteckt wurde. – Ähnliche mathematische Erklärungen bietet Humphreys (diskutiert von Milgrom 1999, bestätigt und modifiziert von McEntire 1999 und Rendsburg 2001): Durch verschiedene Vorannahmen (die plausibel, aber keine Fakten sind) und darauf aufbauende mathematische Transformationen werden realistischere Zahlen erreicht (im Grunde im Sinne einer Weiterentwicklung und Verfeinerung der Thesen von Flinders Petrie und Mendenhall, s.o.). Die Frage ist, was das unausgesprochene Ziel solcher Berechnungen ist: Bedeuten realistischere Zahlen zwangsläufig, dass historische Faktizität erreicht wird? So weit wird man kaum gehen dürfen. Geht es darum, frühere Textstufen zu rekonstruieren, die kleinere Zahlenangaben aufwiesen? Auch hier bewegt man sich nur im Bereich der Spekulation. – Trotz der Faszination der mathematischen Erklärung bleiben gewisse Zweifel, ob die Botschaft des Textes nur durch mehrstufige arithmetische Transformationen erreicht werden kann. Vielleicht geht es der Endgestalt „nur“ um den Zauber großer Zahlen und der Faszination, immer neue Berechnungen anzustellen. Auch dahinter steht eine tiefe theologische Botschaft: die Unauslotbarkeit Gottes.
In Num 2 folgt die Lagerordnung nach Stämmen. Num 3 mustert die Leviten in Analogie zu Num 1 (pqd; ), jedoch nicht für den Militärdienst, sondern für kultische Aufgaben (vgl. ). Die Leviten gelten als „Ersatz“ für die Erstgeborenen der Israeliten, die JHWH gehören () und in gemustert werden (pqd). Num 4 ermittelt die Zahlen der Unterabteilungen der Leviten (Kehatiter, Gerschoniter, Merariter) im Alter zwischen 30 und 50 Jahren für spezielle Dienste am Heiligtum. Nach der Wüstenwanderung (der jüdische Name für Numeri ist bəmidbar „in der Wüste“) erfolgt in Num 26 eine neue Volkszählung. Sie wird wieder als göttlicher Auftrag mit der Wendung nś’ ro’š „die Summe erheben / die Gesamtzahl ermitteln“ formuliert. Auch inhaltlich geht es um eine Zählung im Sinne einer Musterung (pqd) der wehrfähigen Männer ab 20 Jahren. Die Volkszählung ist in Analogie zu Num 1 gestaltet. Anhand der Volkszählung erfolgt die Landverteilung je nach Größe des Stammes (), wobei diese Vorstellung mit der anderen Tradition des Losentscheids (vgl. Jos 18-19) in Konkurrenz tritt. Die Leviten werden wieder eigens gezählt und erhalten keinen Landerbbesitz (). betont, dass außer Mose, Josua und Kaleb niemand von den in Num 1 Gemusterten die Wüstenwanderung überlebt hat – gemäß der Voraussage Gottes in .
Anders als in Numeri wird die Musterung des Kriegsvolkes durch David stark problematisiert: Zwar geht sie auch hier auf eine göttliche Anordnung zurück, die jedoch im Zorn Gottes (aus unbekanntem Grund) erfolgt. Die Parallele in 1Chr 21 versucht eine theologische Entlastung Gottes und spricht von Satan, der David aufstachelt, das Volk zu zählen (das dabei verwendete Verb mnh betont stärker als das sonst übliche pqd den Aspekt des Abrechnens und Kontrollierens). Joab deutet in seinen Bedenken an, dass es Unglück und Schuld bringt, den Segen Gottes auf diese Weise zu überprüfen. Doch David besteht auf der Musterung (pqd), die neun Monate und 20 Tage dauert. Nachdem er das Ergebnis gehört hat, schlägt David das Gewissen, und er bittet um Vergebung seiner Schuld. Die anschließende Bestrafung Davids, bei der er eine dreitägige Pest wählt, leitet über zur Gründungslegende für den späteren Tempelplatz auf der Tenne des Arauna. betont, dass Joab Benjamin und Levi nicht mitgezählt hatte. ergänzt, dass Joab die Zählung (mnh) begonnen, aber nicht zu Ende geführt hatte, und die Zahl (mispār) nicht in die Chronik des Königs David aufgenommen wurde.
Die Vorstellung, dass eine Musterung Unheil bringt, steht auch hinter : Wenn die – offenbar als unumgänglich angesehene – Musterung durchgeführt werden muss, sollen die Gemusterten eine Abgabe von einem halben Schekel an das Heiligtum als Lösegeld abführen, um Unheil abzuwenden. Möglicherweise steht dahinter zunächst die Furcht, der auf einer Liste erfasste Name könnte von unbekannten bösen Mächten in magischen Vorgängen missbraucht werden. Dass eine Volkszählung immer mit Tabuvorstellungen behaftet und eine „unheilige“ Sache ist, wird innerbiblisch damit erklärt, dass durch „Berechnungen“ der göttliche Segen angezweifelt wird (s.o.). – Auf die „Veranlagung“ von wird in beim Bau des Heiligtums zurückgegriffen. Als Ergebnis wird eine Zahl von 603550 Mann genannt (), die exakt mit der Zählung von Num 1 () übereinstimmt. – Für Musterungen gibt es noch zahlreiche andere Belege (ausgedrückt mit pqd, das als weitere Bedeutung die strafende oder segnende Heimsuchung durch Gott hat). Genannt seien u.a.: ; ; .; ; ; ; ; ; ; ; ; ; ; (mnh).26; ; .
Für den Tempelbau lässt Salomo nach eine Zählung (spr; səfār: nur hier) unter den Fremden (gerîm) durchführen und bestellt sie zu Fronarbeitern und Aufsehern. – Nach ist Israel ein Volk, das wegen seiner Menge nicht gezählt (mnh) und geschätzt werden kann, wie Salomo anders als sein Vater David, der das Volk zählte, im Gebet bekennt.
pqd im Sinne von „mustern“ mit göttlichem Subjekt begegnet nur : JHWH Zebaot, der Herr der Heere, mustert das Kriegsheer im apokalyptischen Kontext. Das göttliche Subjekt bei mnh zeigt JHWHs unbegrenzte Souveränität: Er zählt die Sterne und benennt sie (; ), zählt Abtrünnige für das Schwert aus () und gibt sie der Vernichtung preis. Er rechnet die Herrschaft Belschazzars ab (; mene tekel u-parsin). Ebenso dienen die Aussagen über Israels unermessliche Größe dem Erweis der unbegrenzten Souveränität JHWHs (; ).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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