Die Testamente der zwölf Patriarchen (TestXII; Text Frühjüdische Schriften) bestehen aus zwölf ausführlichen pseudepigraphen Vermächtnisreden der zwölf Söhne Jakobs (vgl. ; → Pseudepigraphen). Sie enthalten zahlreiche den Bibeltext ausschmückende bzw. fortschreibende Erzählungen aus ihrem Leben sowie ethische Belehrungen und eschatologische Weissagungen.
Entstehung. In ihrer vorliegenden Gestalt sind die TestXII eine christliche Schrift. Früheste Erwähnungen begegnen bei Origenes (Homiliae in Josuam 15,26) und Hieronymus (Tractatus de libro psalmorum 15), was als terminus ad quem ca. 200 n. Chr. nahelegt. Hinsichtlich der Frage nach älteren Traditionsstufen der TestXII stehen sich unterschiedliche Positionen gegenüber, die entweder auf die innere Kohärenz des überlieferten Textes verweisen und ihn als ein christliches Werk verstehen (de Jonge, Hollander) oder von der Existenz einer älteren jüdischen Grundschrift ausgehen, die im Verlauf ihrer Überlieferung einer massiven christlichen Überarbeitung unterzogen wurde (Becker, Ulrichsen). Während das Fehlen von Bezugnahmen auf Themen wie Sabbatobservanz, Beschneidung oder Speisegebote für die erstere Alternative spricht, entsprechen Sprache, Stil, Motivrepertoire und weisheitliche Prägung der TestXII der Gedankenwelt des hellenistischen Judentums zur Zeit des Zweiten Tempels. Zudem scheinen einige historische Anspielungen (TestXII Naftali 5,8: Syrien als letzte der Weltmächte; TestXII Levi 14: antihellenistische Priesterpolemik) auf das 2. Jahrhundert v. Chr. als Entstehungszeit eines jüdischen Grundbestands der TestXII hinzudeuten. Mit Ausnahme von TestXII Asser (inhaltlich eigenständig hinsichtlich des geforderten Umgangs mit Sündern) stammt die gesamte Schrift sicher aus einer Hand. Die Originalsprache ist wahrscheinlich Griechisch, wofür vor allem die sprachlichen Anlehnungen an griechische Bibelübersetzungen und spezifisch hellenistische Begriffe sprechen.
Überlieferung. Die TestXII sind nur in kirchlicher Tradition (zum Teil als Anhang zur Septuaginta) in griechischen, armenischen, altkirchenslavischen, lateinischen, serbischen und neugriechischen Versionen überliefert. Hinsichtlich der Verwandtschaft der Schrift mit formal und inhaltlich vergleichbaren aramäischen Fragmenten aus der Kairorer Geniza und unter den Textfunden aus der Wüste Juda (z.B. 1Q21; 4Q213-214; 4Q215; 4Q539) ist noch keine abschließende Beurteilung des exegetischen Befundes gelungen.
Form. Die einzelnen Vermächtnisreden der TestXII weisen eine einheitliche Struktur auf. Ihr biographischer Anfangsteil beginnt durchweg mit dem Hinweis des Patriarchen auf seinen bevorstehenden Tod und der Versammlung seiner Angehörigen. Die eigentlichen Abschiedsreden verknüpfen haggadische Ergänzungen und Entfaltungen von Begebenheiten aus dem Leben des Jakobsohnes in motivierender Weise mit Warnungen vor Versuchungen und Lastern, ethischen Mahnungen und Empfehlungen an seine Nachkommen (z.B. Keuschheit, Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Bewahrung der Schöpfungsordnung) und münden in einen Ausblick auf die Zukunft und das endzeitliche Ergehen des betreffenden Stammes, ganz Israels oder der gesamten Menschheit. Abschließend werden Tod und Begräbnis des Patriarchen erwähnt.
2.1. Testament Rubens
Ausgehend von wird von den sieben bösen Geistern berichtet, die der Dämon Beliar den Menschen schickte (Hurerei, Unersättlichkeit, Streit, Gefallsucht, Hochmut, Lüge, Unrecht). Diese bösen Geister werden beim Kontakt mit einer Frau wirksam. Ruben empfiehlt den Gehorsam gegen Levi.
2.2. Testament Simeons
Selbstanklage Simeons wegen seines Zorns gegen Juda, weil dieser Josef aus Neid verkauft, aber nicht getötet habe. Es folgt ein apokalyptischer Ausblick auf die eschatologische Heilszeit und das Auftreten zweier Messiasgestalten aus den Stämmen Levi und Juda.
2.3. Testament Levis
Ausgehend von werden zwei Träume Levis angeführt, die seine Reise durch die sieben Himmel und seine Einsetzung als Priester schildern. Der heilsgeschichtliche Ausblick thematisiert die zukünftige Sünde Israels und das Auftreten des priesterlichen Messias.
2.4. Testament Judas
Anknüpfend an wird von Judas Taten als Hirte und tapferer Krieger berichtet. Die Paränese warnt vor übermäßigem Lebensgenuss, ermahnt, Levi zu lieben und mündet in einen Ausblick auf die messianische Zeit.
2.5. Testament Issachars
Auf der Grundlage von . werden Issachars Lauterkeit und Aufrichtigkeit betont. Der Patriarch rühmt seine Arglosigkeit, die er auch seinen Nachkommen empfiehlt.
2.6. Testament Sebulons
Ebenso wie Sebulon Mitleid mit seinem Bruder Josef hatte () und an der Missetat seiner Brüder nicht teilnahm, sollen seine Nachkommen stets Mitleid und Erbarmen üben und duldsam auf die Zeit der Vollendung warten, in der der Herr die allumfassende Gerechtigkeit wieder aufrichten wird.
2.7. Testament Dans
Dan gibt zu, sich über den Verkauf seines Bruders Josef () gefreut zu haben, und warnt vor der Macht des Zorns und der Lüge. Die Führer der eschatologischen Zeit des Heils kommen aus den Stämmen Levi und Juda.
2.8. Testament Naftalis
Der Patriarch rühmt sich seiner Abstammung von Bilha und preist Gottes wohlgeordnete Schöpfung, die die Menschen nicht gefährden sollen. Zwei Träume begründen die Vorrangstellung Levis und Judas sowie das Machtstreben Josefs.
2.9. Testament Gads
Gad gibt zu, Josef gehasst zu haben, und warnt seine Nachkommen vor dem Hass, der den Tod bringt und alles verkehrt. Der Fromme soll das Recht schaffende Eingreifen Gottes ins Weltgeschehen abwarten.
2.10. Testament Assers
Die Vermächtnisrede Assers thematisiert die beiden Wege, die Gott dem Menschen gegeben hat, reflektiert über die Ambiguität des menschlichen Lebens und ruft zu einem frommen Leben in Güte und Wahrhaftigkeit auf.
2.11. Testament Josefs
Josef berichtet über die Nachstellungen der Frau Potifars () und rühmt sich seiner unerschütterlichen Keuschheit. Auch seinen Nachkommen legt er dieses segenstiftende Verhalten nahe.
2.12. Testament Benjamins
Ausgehend vom Tod Rahels bei seiner Geburt (.) ermahnt der jüngste Jakobsohn zu Gottes- und Nächstenliebe als Schutz gegen Beliar und ermahnt zu steter Reinheit der Gesinnung.
Die TestXII bezeugen ein große Interesse an Leben und Lehre der Jakobsöhne der Genesis als vorzeitlicher geistiger Leitgestalten und Personifikationen einer verklärten idealen vorzeitlichen Tugend, Gerechtigkeit und Frömmigkeit. Insbesondere die Gestalt Josefs stellt für den Autor der TestXII das Idealbild einer frommen Existenz dar, die durch die Befolgung der Gebote Gottes in allen Lebenslagen gekennzeichnet ist, welche ihrerseits Grundlage der individuellen und kollektiven eschatologischen Heilsverheißungen sind. Die paränetische Mahnschrift diente der frommen Unterhaltung und Erbauung ihrer Adressaten. Sie weist zahlreiche inhaltliche und formale Bezüge sowohl zum Schrifttum der hellenistischen Popularphilosophie, des hellenistischen Judentums und des frühen Christentums als auch zu den Textfunden von Qumran und zur rabbinischen Traditionsliteratur auf.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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