Das Alte Testament enthält mehr als 200 Tiernamen (zur Zusammenstellung vgl. Riede 2002, 271ff), davon ca. 90 Namen für Säugetiere, 42 Vogelbezeichnungen, 12 Schlangenbezeichnungen und 10 für die Heuschrecke. Eine Zusammenstellung der über 50 neutestamentlichen Tiernamen findet sich bei Riede 2002, 306-310.
Bei vielen hebräischen Tierbezeichnungen ist unklar, welches Tier sie genau meinen, doch häufig kann die Etymologie helfen, vor allem wenn sich die Namen auf charakteristische Eigenschaften (Aussehen, Färbung), Fähigkeiten, das Alter oder auch den Lebensraum bzw. die Lebensweise der Tiere beziehen (vgl. dazu Riede 2002, 165ff; vgl. auch die alphabetische Übersicht über die Ableitung und Klassifikation der hebräischen Tiernamen, ebd. 251ff). Manche Tiernamen ahmen auch charakteristische Laute der Tiere nach. Onomatopoetisch sind unter anderem viele Namen für Vögel, z.B. ‘orev „Rabe“, ṣippôr „Zwitscherer“ oder tôr „Turteltaube“.

Abb. 1 Stempelsiegel mit der Darstellung eines Fuchses und der Inschrift „Dem Schual, Sohn des Mikai (gehörig)“. Schual ist die hebräische Bezeichnung für den Fuchs (8./7.Jh. v. Chr.).
Im Alten Testament und auf Namenssiegeln (vgl. Avigad / Sass; Deutsch / Lemaire) aus biblischer Zeit werden – wie im Ägyptischen, Akkadischen u.a. semitischen Sprachen, sowie im Griechischen – ca. 74 Tiernamen auch als Personennamen verwendet, z.B.:
(s. die ausführliche Liste bei Schwab, 42, und bei Glatz, 29; vgl. Noth, 230).

Abb. 2 Stempelsiegel mit der Darstellung eines Vogels und der Inschrift „Dem Oreb, (Sohn des) Nobai (gehörig)“. Oreb ist die hebräische Bezeichnung für den Raben (8./7. Jh. v. Chr.).
Diese als Personennamen verwendeten Tiernamen haben zumeist konstatierenden oder Wunschcharakter, d.h. sie bringen eine Eigenschaft oder eine Verhaltensweise des Tieres mit dem Träger des Namens in Verbindung. Zu diesen Eigenschaften und Verhaltensweisen gehörten Klugheit, Schnelligkeit, Kraft oder auch soziale Integration (vgl. zur Bedeutung der einzelnen Namen auch Schroer). Im Hintergrund steht das auf Naturbeobachtung gründende Wiedererkennen tierischer Merkmale beim Menschen oder menschlicher Eigenschaften bei Tieren. Zum Teil mag auch der scherzende Vergleich des Neugeborenen mit kleinen Tieren wie Floh oder Maus bei der Übertragung der Tiernamen auf Menschen im Vordergrund gestanden haben.
Mächtige Personen mit Führungspositionen, wie Könige, Anführer oder Helden, erhalten häufig Bezeichnungen, die eigentlich für die Leittiere der Herde verwendet werden, als eine Art Titel, z.B. ’abbîr „Starker / Stier“ (), ‘attûd „Widder“ (), ’ajil „Widder“ (; ) oder ‘allûf „Rind“ () (vgl. Miller, 180ff; zu vergleichbaren ugaritischen Belegen vgl. ebd. 178ff). Die Übertragung dieser Bezeichnungen von der Tier- auf die Menschenwelt und ihre Anwendung auf die sozialen Strukturen setzt die enge Verbindung von Menschen und Tieren – insbesondere den horntragenden Haustieren – voraus (vgl. dazu Riede 2009).
Eine Besonderheit bildet die Bezeichnung kælæv „Hund“ als demütige Selbstbezeichnung eines Niedrigerstehenden gegenüber einem Höherrangigen (z.B. dem König) oder als Ausdruck der Geringschätzung gegenüber einem anderen Menschen (vgl. dazu Riede 2002, 72ff; Galán). Sie findet sich in den → Amarnabriefen (EA 60,6f; 71,16ff u.ö.; The Encyclopedia of El Amarna Research Tool), in ägyptischen Quellen, in mehreren Lachisch-Ostraka (Lak [6] 1.2; 1.5; 1.6 = KAI Nr. 192.195.196; HAE; → Lachisch; → Epigraphik), in assyrischer und babylonischer Briefliteratur aus der Sargonidenzeit (Assyrian and Babylonian Letters 521,6; 771,5f u.ö.; vgl. Riede, 2002, 72-103), aber auch im Alten Testament (; ; ; ; ; vgl. ). Hierbei handelt es sich nicht um ein Schimpfwort (anders Maiberger, 204), sondern, wie z.B. ‘ævæd „Knecht“, um einen Ausdruck der Hofsprache, der den untergeordneten Status einer Person umschreibt und häufig von nichtverbalen Demutsäußerungen (z.B. der Proskynese) begleitet war. Überhaupt werden Tiernamen im Alten Testament und seiner Umwelt äußerst selten als Schimpfworte verwendet (vgl. dazu Grapow; Westendorf 1986, 589).
Individuelle Tiernamen, wie sie für Ägypten zahlreich belegt sind (vgl. Westendorf 1986, 589; Fischer, 1986, 589.590; Hornung, 83), finden sich im Alten Testament nicht. Im Neuen Testament setzt voraus, dass auch die einzelnen Tiere Namen hatten; und gerade die Kenntnis dieser individuellen Namen zeigt die enge Verbundenheit des Hirten zu seiner Herde.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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