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Peschat-Auslegung

„Peschat“ meint eine Auslegung des biblischen Textes streng nach dem Literalsinn. Das plötzliche und massive Aufkommen der sog. „peschat-Auslegung“ im 11. Jh. in Nordfrankreich und ihr ebenso jähes Verschwinden gegen Ende des 12. Jh.s hat die judaistische Forschung der letzten 170 Jahre beinahe durchgehend beschäftigt. Dabei haben fast alle damit zusammenhängenden Fragen und Probleme bis heute keine wirklich befriedigende Antwort gefunden.

1. Begriff

So ist schon die Bedeutung des Terminus peschat (auch: lefî pêšutô „gemäß dem peschat“) umstritten: Oft wird der Ausdruck als Auslegung nach dem „einfachen“ Wortsinn übersetzt. Aber auch dieser Begriff erweist sich letztlich als nicht griffig genug, denn der sog. „einfache“ Wortsinn meint ja durchaus nicht nur den auf der Oberfläche eines Textes und seiner Semantik zu eruierende Gehalt eines Satzes oder einer Phrase. Er kann auf eine lectio historica – im Gegenüber zur (lectio) allegorica und tropologica – weisen, also auf eine Auslegung im Sinne des littera gesta docet („der Buchstabe lehrt das, was geschehen ist“). Dann wird der „historische“ Sinn eines Textes (oder das, was man dafür hielt!) erklärt. Peschat kann jedoch auch, wie im Falle des R. Elieser aus Beaugency, den Sinn eines Textes in seinem literarischen Kontext und auch seine literaturtheoretische Betrachtung umfassen.

2. Hermeneutisches Konzept

Legt man weniger den Begriff als solchen als vielmehr das jeweilige exegetische System, die Hermeneutik, des einzelnen Auslegers zugrunde, so wird man schnell feststellen, dass der Zeitraum zwischen 1040 und 1200 eine Reihe unterschiedlicher peschat-Exegesen hervorgebracht hat, deren Verhältnis untereinander auch erst in den Anfängen geklärt ist. Einigkeit besteht lediglich darin, dass sich die radikalen peschat-Kommentare in zunehmendem Maße vom jüdisch-traditionellen, d.h. vom rabbinischen Lese-Kontext (→ Aggada; → Halacha) emanzipiert haben. Als ihr Publikum (Lesepublikum) sprechen sie die sog. maśkilîm („Einsichtigen“) an. Dieser Begriff wird in der modernen Forschung hilfsweise manchmal mit „Rationalisten“ übersetzt, ohne dass damit aber weder soziologisch noch hermeneutisch ein eindeutiger Trägerkreis festgemacht werden könnte. Manche sehen insbesondere in der Gründung der Universitäten mit der Ausgestaltung der septem liberales disciplinae (Trivium und Quadrivium) und der Entwicklung der Kathedralschulen einen Motor für die aufkommende neue Rationalität (Touitou; Grossman).

3. Christlicher Einfluss

Umstritten ist heute vor allem der Einfluss der nicht-jüdischen – und hier zumeist gleichgesetzt mit „christlichen“ – Umwelt auf das intellektuelle Judentum des Hochmittelalters: Gibt es Berührungspunkte zwischen der kirchlichen Bibelauslegung des 11. und 12. Jh.s und den peschat–Auslegungen der Exegeten der Schule von St. Viktor (Smalley)? Daneben hat auch die Frage, warum sich die peschat-Auslegung fast ausschließlich auf den nordfranzösischen Raum beschränkt, welche Rolle dieser geographische Raum, seine Kultur, seine Sprache und seine Literatur bzw. Literaturen gespielt haben mögen, bislang nur in Ansätzen eine Bearbeitung erfahren (Liss, 2007; 2008).

Bei der Frage nach dem Einfluss der Umweltkulturen ist vor allem zu klären, ob die Juden des ausgehenden 11. und beginnenden 12. Jh.s sprachlich überhaupt in der Lage waren, am lateinischen Diskurs zu partizipieren. Lateinkenntnisse unter den Juden sind kaum hinreichend nachgewiesen, ebenso wenig kann postuliert werden, ob sie dies denn überhaupt gewollt hätten und ob sie überdies für eine solche Auseinandersetzung die literarische Form eines (hebräischen) Bibelkommentares gewählt hätten. Auch in der Frage nach dem Umgang der Juden Nordfrankreichs mit lateinischen Literaturen (v.a. wohl den Bibelkommentaren) wird sehr schnell (zu schnell) auf das Muster einer jüdisch-christliche Disputationskultur gegangen, wie es für die Auseinandersetzung zwischen dem Apostaten Pablo Christiani und → Nachmanides (1263 in Barcelona) im 13. Jh. typisch, aber in dieser Weise für das ausgehende 11. und beginnende 12. Jh. noch gar nicht belegt ist (Liss, 2007; 2008). Auf der anderen Seite ist der Tatsache zuwenig Rechnung getragen worden, dass neben den lateinischen Literaturen (spätestens) seit dem 11. Jh. die vernacular-Überlieferung im Altfranzösischen als eigene und zwar zumeist profane Schriftkultur und Literatur zu einer ersten Blüte gelangt. Die nordfranzösischen Ausleger wie → Raschi, Raschbam oder Elieser aus Beaugencay beherrschten ihre lokale Muttersprache, das (Alt-)Französische (Langues d'oïl) und zeigen mit ihren Tausenden an altfranzösischen Glossierungen eine intensive Auseinandersetzung mit dem Altfranzösischen als Literatursprache. Erst in jüngster Zeit ist daher auch die Frage nach dem Einfluss der beginnenden höfischen Literatur auf die nordfranzösische peschat-Auslegung eingehender untersucht worden (Liss, 2007; 2008).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996

2. Weitere Literatur

  • Dahan, G. / Nahon, G. / Nicolas, E. (Hgg.), 1997, Rashi et la Culture Juive en France du Nord au Moyen Âge, Paris / Louvain
  • Grossman, A., 2. Aufl. 1997, The Early Sages of France. Their Lives, Leadership and Works, Jerusalem (hebr.)
  • Kamin, S., 1991, Jews and Christians Interpret the Bible, Jerusalem (hebr. / engl.)
  • Liss, H., 2008, Kommentieren als Erzählen: Narrativität und Literarizität im Tora-Kommentar des Rashbam, FJB 3435, 91-122.
  • Liss, H., 2007/08, The Commentary on the Song of Songs Attributed to R. Samuel ben Meïr (Rashbam), in: Medieval Jewish Studies online, 1, 1-27
  • Liss, H., 2007, Peshat-Auslegung und Erzähltheorie am Beispiel Raschbams, in: H. Liss / D. Krochmalnik u.a. (Hgg.), Raschi und sein Erbe. Internationale Tagung der Hochschule für Jüdische Studien mit der Stadt Worms (Schriften der Hochschule für Jüdische Studien 10), Heidelberg, 101-124
  • Liss, H. / Krochmalnik, D. u.a. (Hgg.), 2007, Raschi und sein Erbe. Internationale Tagung der Hochschule für Jüdische Studien mit der Stadt Worms (Schriften der Hochschule für Jüdische Studien 10), Heidelberg
  • Liss, H., 2000, „It is not Permitted to Ponder the Deeper Meaning of the Verse”: an Interpretation of the Merkava-Vision in Ezekiel 1, according to the Commentaries of Rabbi Shelomo Jitzchaqi (Rashi) and Rabbi Eli'ezer of Beaugency, Jewish Studies Quarterly 7,1, 42-64
  • Lockshin, M.I., 2003, Rashbam as a „Literary exegete“, in: J.D. McAuliffe / B.D. Walfish / J.W. Goering (Hgg.), With Reverence for the Word; Medieval Scriptural Exegesis in Judaism, Christianity, and Islam, New York u.a., 83-91
  • Signer, M.A., Restoring the narrative. Jewish and Christian Exegesis in the Twelfth Century, in: J.D. McAuliffe / B.D. Walfish / J.W. Goering (Hgg.), With Reverence for the Word; Medieval Scriptural Exegesis in Judaism, Christianity, and Islam, New York u.a., 70-82
  • Signer, M.A., 1997, Rashi as Narrator, in: G. Dahan / G. Nahon u.a., Rashi et la Culture Juive en France du Nord au Moyen Âge, 103-121.
  • Signer, M.A. / van Engen, J. (Hgg.), 2001, Jews and Christians in Twelfth-Century Europe, Notre Dame Conferences in Medieval Studies; 10, Notre Dame, IN
  • Smalley, B., 1952, The Study of the Bible in the Middle Ages, Oxford
  • Touitou, E., 2003, Exegesis in Perpetual Motion. Studies in the Pentateuchal Commentary of Rabbi Samuel ben Meir, Ramat Gan (hebr.)

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