Die Erzählung von der frommen Susanna gehört zu den griechischen Zusätzen des → Danielbuchs.

Abb. 1 Die fromme Susanna (François Duquesnoy; 1597-1643)
Susanna geht auf das hebräische Wort šôšan / šûšan zurück, das von ägyptisch sšn „Lotus“ abzuleiten ist. Im Gefolge der → Septuaginta (κρίνον krínon „Lilie“) wird šôšan / šûšan traditionell mit „Lilie“ übersetzt. Gemeint ist jedoch die Lotusblüte, die als Symbol für Regeneration und neues Leben in der ägyptischen Kunst allgegenwärtig und unter ihrem Einfluss auch in Syrien / Palästina gut belegt ist.
Die Susanna-Erzählung findet sich in der griechischen und lateinischen, jedoch nicht in der hebräischen Bibel. Sie mag ursprünglich zwar hebräisch oder aramäisch verfasst worden sein, ist jedoch nur in zwei griechischen Fassungen (sowie in von diesen abhängigen Übersetzungen) erhalten:
a) Die Septuaginta-Version (→ Septuaginta) liegt in einer vorhexaplarischen (Papyrus 967; 3. Jh. n. Chr.) und einer hexaplarischen (vollständig nur Kodex 88; 10. Jh. n. Chr.) Rezension vor.
b) Als „Theodotion“ bezeichnet man eine Fassung, die aufgrund der Zuweisung des Hieronymus als Theodotion-Text gilt, bei der man aber nach A. Schmitt von Pseudo-Theodotion bzw. „Theodotion“ sprechen muss (→ Theodotion).
Inhaltlich sind die beiden Fassungen in Aussage und Profil deutlich voneinander zu unterscheiden. Im kirchlichen Gebrauch hat sich – wie beim → Danielbuch – der „Theodotion“-Text schon früh gegenüber der LXX durchgesetzt. Das hat zur Folge, dass die LXX-Fassung nur in wenigen Handschriften erhalten ist.
Die Susanna-Erzählung gehört zu den griechischen Zusätzen des → Danielbuchs (→ Kanon; → Apokryphen). In der LXX erscheint sie als eigenes Buch und tatsächlich handelt es sich bei ihr um eine ursprünglich selbständige Erzählung. Anders als die Daniel-Legenden spielt sie nicht am babylonischen Hof, und die jüdische Gemeinde wird nicht bedrängt, sondern hat große Freiheit. Zudem tritt Daniel nicht als mutiger Bekenner auf – diese Rolle hat Susanna –, sondern als Richter. Dem Namen Daniel, der „Gott verschafft Recht“ bedeutet und damit eine zentrale Aussage der Erzählung auf den Punkt bringt, verdankt die Erzählung die Verbindung mit dem Buch Daniel und damit die Aufnahme in den biblischen Kanon. In der „Theodotion“-Überlieferung ist die Erzählung dem Danielbuch in der Regel vorangestellt. In der Vulgata hat man sie dagegen als Kap. 13 angehängt, und dort findet sie sich auch in römisch-katholischen Bibelausgaben, während sie in der evangelischen Tradition mit anderen Zusätzen des Danielbuchs zu den Apokryphen gehört, die in Bibelausgaben als Anhang mitgedruckt sein können.
„Theodotion“ und die LXX enthalten zwei völlig verschiedene Fassungen der Susanna-Erzählung (Synopsen finden sich bei H. Engel und I. Kottsieper).
Die „Theodotion“-Version bietet eine weisheitliche Lehrerzählung, die darauf zielt, einen Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen aufzuzeigen (→ Tun-Ergehen-Zusammenhang). Die Einleitung, , stellt die Gegenspieler vor. Sie charakterisiert die Heldin, Susanna, als eine schöne, nach dem Gesetz erzogene, gottesfürchtige Ehefrau und die beiden Antihelden als zwei gesetzlose Männer, bei denen es sich ausgerechnet um Älteste des Volkes handelt, die das Richteramt bekleiden.

Abb. 2 Die Richter bedrängen Susanna (Artemisia Gentileschi; 1610)
Im zweiten Teil der Erzählung, , kommt es zum Konflikt. Die beiden alten Richter, die in ihrer heimlichen Geilheit im Stil eines Schwankes lächerlich gemacht werden, wollen Susanna beiwohnen. Sie lauern ihr in ihrem Garten auf und drohen ihr mit Verleumdung und Todesstrafe, um sie gefügig zu machen. Vor die Wahl gestellt, ehebrecherisch zu leben oder tugendhaft zu sterben, entscheidet sich die keusche Heldin für Tugend und Tod. Dieser Teil der Erzählung endet mit einem Todesurteil für Susanna und so mit dem scheinbaren Sieg des Bösen über das Gute.

Abb. 3 Daniel rettet Susanna (Giorgione; 1478-1510)
Den Tod schon vor Augen kommt im dritten Teil der Erzählung () jedoch die Wende, die von einem Bittgebet der Heldin eingeleitet wird. Gott erweckt den Geist des jugendlichen Daniel, der daraufhin wie ein deus ex machina die Bühne betritt und seinem Namen Daniel, „Gott verschafft Recht“, alle Ehre macht.

Tabellenvorschau.
Er vernimmt die beiden Richter in getrennten Verhören und deckt die Verleumdung durch die Widersprüchlichkeit ihrer Aussagen auf. Susanna wird gerettet, die beiden Richter werden getötet, und in einer Art abschließendem Chorgesang preist das Volk mit lauter Stimme „den Gott, der die rettet, die auf ihn hoffen“ (). Die Lehre der Erzählung ist damit auf den Punkt gebracht. → Frauen in der Literatur des AT 10.4.
Tabelle: Gliederung der Susanna-Erzählung

Abb. 4 Die Richter bedrängen Susanna (Lovis Corinth; 1923)
Die LXX-Fassung unterscheidet sich schon in der Einleitung von der „Theodotion“-Fassung. Die Erzählung beginnt nicht mit der ausführlichen Vorstellung Susannas, sondern – wohl in v5a einsetzend – mit der Einführung der beiden Ältesten und einer Themenangabe (v5-6). Es soll um das Unrecht gehen, das zwei Richter aus den Reihen der Ältesten begangen haben.
Der erste Hauptteil (v7-28a), der die Einführung Susannas im „Nebensatz“ nachholt, schildert die Untat dieser Ältesten. Sie vergewaltigen Susanna (v19) – oder versuchen es zumindest –, müssen ihr Vorhaben aber angesichts der Standhaftigkeit der Jüdin abbrechen und von dannen ziehen. In ihrer Wut schmieden sie den heimtückischen Plan, die verheiratete Frau des Ehebruchs zu beschuldigen, damit sie deswegen zum Tode verurteilt werde.

Abb. 5 Die geilen Alten (Jacob Jordaens; 1657 [Detail])
Der zweite Hauptteil (v28b-62) stellt nach einer Einleitung zwei Gerichtsszenen gegenüber. Zunächst treten die Parteien zusammen, und die Bosheit der Ältesten wird erneut veranschaulicht, diesmal dadurch, dass sie der Angeklagten in ihrer Geilheit befehlen, sich auszuziehen (v28-34). Es folgt das Bittgebet Susannas mit einer Erhörungsnotiz, die den Ausgang der Erzählung vorwegnimmt (v35). In der ersten Gerichtsszene tragen die Richter ihre Anklage vor, und das Volk glaubt ihnen (v36-41). Man ist schon im Begriff, Susanna zur Hinrichtung abzuführen, da springt der junge Daniel, von Gott mit dem Geist der Einsicht erfüllt, auf, zieht das schon fast abgeschlossene Verfahren an sich und eröffnet eine zweite Gerichtsszene. Er wirft dem Volk vor, den Ältesten unkritisch vertraut zu haben, um dann deren Falschaussage in getrennten Zeugenbefragungen als solche zu entlarven (v44-59). Die Versammlung ist vom Auftritt des jungen Mannes beeindruckt. Susanna wird gerettet, und die beiden Ältesten werden getötet (v60-62). In ihrem Schlusssatz zieht die Erzählung das Fazit: „Deswegen sind die Jungen die (von Gott) geliebten Jakobs aufgrund ihrer Redlichkeit“. Dieser Schlussvers nimmt mit seinem Lob der Jugend den Anfang der Erzählung, der von der Ungerechtigkeit der Ältesten spricht, antithetisch auf und verleiht der Geschichte damit Geschlossenheit.
Die Fülle der wörtlichen Übereinstimmungen zeigt, dass die beiden Übersetzungen in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Dabei gilt die LXX als die ältere. Unabhängig von der Frage nach dem Abhängigkeitsverhältnis der Übersetzungen stellt sich die Frage nach dem der Versionen, die den Übersetzungen zu Grunde liegen. Es ist möglich, dass die ältere Version erst nach der jüngeren übersetzt worden ist, die jüngere Übersetzung somit eine ältere Fassung bietet.
Vielfach gilt die kürzere LXX-Fassung als die ältere Version und die „Theodotion“-Fassung als eine von ihr abhängige Überarbeitung (Engel, Kottsieper).
Kottsieper entwickelt ein kompliziertes Modell zur Entstehung der Susanna-Erzählung: Eine ältere Erzählung (E) sei in makkabäischer Zeit von einem Redaktor (EMakk) bearbeitet worden, der auch einen poetischen Text der frühmakkabäischen Zeit (PMakk) eingefügt habe, welcher zuvor um ein Prosastück (PrMakk) erweitert worden sei. Eine weitere Redaktion datiert Kottsieper in die hasmonäische Zeit (EHasm). Diese Fassung, die der LXX zugrunde gelegen habe, sei nach 70 v. Chr. von sadduzäischen Kreisen erneut bearbeitet worden (ESadd), und auf dieser Fassung basiere die „Theodotion“-Übersetzung.
Ein Vergleich der Fassungen zeigt jedoch, dass beide in einigen Punkten ursprünglichere, in anderen entwickeltere Varianten aufweisen. Das spricht gegen eine direkte literarische Abhängigkeit. Beide Fassungen dürften vielmehr als Filiationen einer älteren, nicht erhaltenen Variante der Susanna-Erzählung anzusehen sein. Diese älteste Variante dürfte in der jüngeren „Theodotion“-Übersetzung eher bewahrt worden sein als in der älteren LXX-Übersetzung. In dieser LXX-Fassung agieren die alten Richter und der jugendliche Daniel als Gegenspieler. Susanna steht nicht als mutige und tugendhafte Heldin im Zentrum, sondern ist nur das Opfer der lüsternen Alten, und ihr Leid bietet nur den Fall, an dem der junge Daniel seine Weisheit demonstrieren kann. Die Gegenüberstellung von bösen Richtern und klugem Daniel passt jedoch nicht zum Plot der Erzählung. Weder die Eigenschaften, die Held und Antiheld verkörpern, noch ihr jeweiliges Ergehen bilden ein Gegensatzpaar. Von ihrer Anlage her ist die Erzählung vielmehr so konzipiert, dass den bösen Richtern, die am Ende den Tod finden, die gute Susanna gegenübersteht, die den Tod schon vor Augen wieder leben darf. Diese Struktur wird in der „Theodotion“-Fassung bewahrt.
Die „Theodotion“-Fassung erzählt eine Rettungsgeschichte, die als paränetische Lehrerzählung zu verstehen ist (→ Paränese). Sie exemplifiziert, dass jedem Tun ein entsprechendes Ergehen folgt, und damit will sie ihre Hörerinnen und Hörer ermutigen, in vergleichbaren Situationen dem Beispiel Susannas zu folgen und im Vertrauen auf Gottes Hilfe am Gesetz festzuhalten. In diesem Sinne ist die Erzählung schon in der Alten Kirche rezipiert worden.
Die LXX-Fassung hat aus der Erzählung von der todesmutigen Susanna eine Geschichte vom begabten Daniel gemacht. Sie bietet eine institutionskritische, novellistische Erzählung, die zeigt, wie verwerflich vermeintlich honorable Persönlichkeiten sein können und wie weise und vor allem moralisch integer demgegenüber die Jugend sein kann. Beide Fassungen der Susanna-Erzählung können bei einer Verbindung mit dem Danielbuch – insbesondere bei einer Voranstellung – als Daniel-Erzählung gelesen werden, die die Weisheit des Helden durch eine legendarische Jugendgeschichte illustrieren und ihn so als inspirierten Helden autorisieren soll.
Ort und Zeit der Susanna-Erzählung in ihren verschiedenen Fassungen lassen sich kaum näher bestimmen. Die ursprüngliche Erzählung dürfte im Blick auf eine spezielle, aber nicht näher bestimmbare Konfliktsituation verfasst worden sein. Sie ermutigt Leserinnen und Leser, sich im Vertrauen auf Gottes Hilfe den üblen Machenschaften von Amtspersonen nicht zu beugen.
Die LXX-Fassung mag ebenfalls im Blick auf einen konkreten Konflikt entstanden sein. Dann wären mit den Ältesten bestimmte Amtsträger gemeint. Nach H. Engel richtet sie sich gegen die Hasmonäer, die Israel – personifiziert in der Figur der Susanna – vergewaltigt haben.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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