
Abb. 1 Schäfer mit Herde.
Das Schaf (Ovis ammon aries) ist Säugetier, Paarhufer und Pflanzenfresser. Die Lebensdauer beträgt durchschnittlich zehn Jahre, beim Leitwidder 15 Jahre. Spätestens seit dem Neolithikum (8500-4500 v. Chr.) wurde es in mehreren Gebieten der Erde aus verschiedenen Wildformen gezüchtet, dem asiatischen Argali-Schaf, dem südeuropäischen-mediterranen Mufflon und dem nordafrikanischen Halbschaf. Die Schafrassen des Nahen Ostens stammen vermutlich von asiatischen Mufflons ab. Vier Unterarten werden unterschieden: (1.) Die führende antike Rasse ist das Merino-Schaf (Ovis areal hispanica), (2.) das Zakkel-Schaf (Ovis arcal strepsiceros) mit spiralförmigen Hörnern bes. auf Kreta und anderen griechischen Inseln. (3.) In Persien, Mesopotamien und Vorderasien ist das Fettschwanz-Schaf (Ovis arcal platyra) vorherrschend und (4.) in Asien sowie Ostafrika das Fettsteiß-Schaf (Ovis arcal staetopyga).
Zum Vorkommen von Wildschafen gehören ca. 30kg kleine Mufflons bis zu großen Hochgebirgsschafen, die bis zu 200kg wiegen. Schafe sind fast lebenslänglich fortpflanzungsfähig. Die Zeit der Trächtigkeit beträgt 5 Monate. Bei einem Wurf werden meist zwei, selten weniger oder mehr Lämmer geboren.

Abb. 2 Häuten eines Schafs nach der Schlachtung (Relief aus dem Palast Assurbanipals in Ninive; 7. Jh. v. Chr.).
Zusammen mit → Ziege und → Hund gehört das Schaf zu den ältesten bekannten Haustieren. Schafe und Ziegen wurden häufig gemeinsam gehalten. Schafe liefern Wolle, Fell und Fleisch, Milch und Dung. Der Mensch kann sich bis zu 2kg Wolle eines Schafes im Jahr nutzbar machen.
In Griechenland gab es seit dem 7. Jt. v. Chr. Viehwirtschaft neben dem Ackerbau. Für die mykenische Zeit gibt es Textbelege von großen Schafherden, die Eigentum der Paläste waren. Nach Homer beruht der Reichtum des Adels vornehmlich auf dem Besitz von Viehherden, außerdem besitzt beispielsweise Odysseus 12 Rinder- und Schafherden, sowie eine große Zahl Schweine und Ziegen. Eher kleinere Tierbestände von 50 Schafen einer Herde sind für die klassische Epoche (550-336 v. Chr.) bezeugt. Viehhirten verrichteten eine schwierige Arbeit mit geringem Sozialprestige, so dass besonders Sklaven dafür herangezogen worden sind. In der griechischen Antike war das Schaf das häufigste Opfertier, da es für Einzelne und Gruppen erschwinglicher war als das für öffentliche Opfergaben bevorzugte Rind. Anders als Ziegen waren Schafe nicht negativ konnotiert.
In Ägypten sind domestizierte Schafe seit Beginn des 4. Jt.s bekannt. Für das normale Wirtschaftsleben spielten sie im Ägyptischen aber eine geringere Rolle. Aufgrund eines nicht benennbaren Tabus wurde dort zwar die Haut für Leder, aber die Wolle nicht für Kleidung benutzt (stattdessen Leinen).
Für das Zweistromland ist bereits in altbabylonischer Zeit (19.-16. Jh. v. Chr.) unter Rim-Sin Larsa und → Hammurabi eine Schafhaltung im großen Stil bezeugt, da über den Tierbestand sorgfältig Buch geführt und bes. im Zusammenhang mit der Schur die Bestandsaufnahme jeweils aktualisiert wurde. In einem Briefwechsel wird von mehr als 1000 Arbeitskräften gesprochen, die zur Schur gebraucht wurden. Auf jeden Fall war das Wollgeschäft nachweislich eine wesentliche Stütze königlicher Macht. Weber fertigten Gewänder für den Eigenbedarf und den Export an und Wolle war sogar darlehensfähig und wurde in Silber zurückgezahlt.

Abb. 3 Fettschwanz-Schaf.
Als wichtigster Fundort früher Schafzucht (9. Jt.) gilt die nördliche Region des heutigen Iraks. Vorteilhaft gegenüber der Rinderhaltung ist, dass Schafe wie Ziegen auch in unwirtlichen Gebieten gut leben können.
Ergebnis gezielter Züchtungen ist das im Nahen Osten weit verbreitete sog. Syrische Fettschwanzschaf. Der 4-10 Kilogramm schwere Schwanz konzentriert die Reserven des Schafes an einer Stelle, ähnlich wie der Höcker beim Kamel. Der Fettschwanz

Abb. 4 Fettschwanz-Schaf.
Der Zweck der Haltung einer Herde hatte Einfluss auf ihre Zusammensetzung und den Zeitpunkt der Schlachtung: Stand der Fleischverzehr im Vordergrund, wurden viele, insbesondere männliche Jungtiere getötet. Eine Herde, die primär Wolle einbringen sollte, bestand vor allem als älteren kastrierten Tieren. Wenn die Herde auf Milchwirtschaft ausgerichtet wurde, waren vor allem ausgewachsene Mutterschafe erforderlich.
Die Opferkalender deuten an, dass die religiösen Festtage zeitlich so terminiert worden sind, dass genügend Jungtiere vorhanden waren, aber ihre Fütterung noch nicht notwendig war, so dass Kultbetrieb und Wirtschaftlichkeit sich vereinbaren ließen.
Einschlägige Beschreibungen der Haltung und Zucht von Schafen gibt es u.a. beim römisch-antiken Landwirtschaftsautor Columella (1. Jh. v. Chr.). Nach seinen Darstellungen war es bei der Zucht das größte Bestreben, weiße Lämmer zu bekommen. Belegt sind die sorgfältige Auswahl der Zuchtwidder und Versuche, die Qualität der Wolle zu verbessern, indem man Hausschafe mit wilden Widdern kreuzte. Den Schafen mit wertvoller Wolle wurden Decken zum Schutz angelegt. Sogar der Zeitpunkt der Schur wurde mit Rücksicht auf zu große Kälte oder Hitze festgelegt. Nach der Schur wurde für drei Tage das Fell der Schafe mit besonderer Flüssigkeit aus gekochten Lupinen, Armurca und Wein behandelt und das Schaf anschließend mit Salzwasser gewaschen. Schafe mit feiner Wolle wurden in kleineren Gruppen gehalten und sogar in jeweils einer Herde von zwei Hirten geschützt.
Schafherden wurden in Italien entweder in Form des Weidewechsels (Transhumanz) während der Sommers in Gebirgsregionen gehalten und zum Überwintern in den Ebenen Süditaliens gehalten oder von Mai bis September auf der Weide zum Verbleiben gelassen und zweimal täglich getränkt.
Im Hebräischen sind verschiedene Begriffe zu unterscheiden:
Schafhaltung ist übliches Kolorit einer Nomadenkultur. Besonders an der südlichen und östlichen Grenze Judäas war eine nomadische Lebensweise üblich. Im Steppengürtel der Wüste Juda hatten nach Aussage der biblischen Texte → Isai aus → Bethlehem (), → Amos aus → Tekoa () und → Nabal aus → Karmel () ihre Herden. Große Herden waren Zeichen für Reichtum; so hatte nach der König → Mescha von → Moab je 100.000 Widder und Schafe (kārîm). Sozialprestige war auch an der Größe einer Herde ablesbar (vgl. ) oder an einer großen Zahl Schafe und Widder als Geschenke für einen König (). gibt den weisheitlichen Rat, sorgfältig mit der Herde umzugehen, da diese für Ernährung, Bekleidung und als Handelsgut lebenswichtig sei.
Bei der Rekonstruktion der Entstehung Israels bestreiten neuere Landnahmetheorien eine nomadische Vergangenheit Israels, andere halten daran fest (→ Landnahme). Beispielsweise kann bei der nach 1200 v. Chr. neu begründete Ortschaft ‘Izbet Ṣarṭa (→ ‘Izbet Ṣarṭa [Izbet Sarta]; am Ostrand des Gebirges Ephraim) durchgehend bis ins 10. Jh. v. Chr. eine ringförmige, ovale Anordnung der Häuser nachgewiesen werden, die einen großen inneren Bezirk umgibt, der bei Gefahr wie ein Gehege fungieren und die Herden z.B. vor Überfällen schützen konnte. Es wird diskutiert, ob die Siedlungsform aufgrund ihrer Ähnlichkeit zur beduinischen Lagerordnung ihre Herkunft in nomadischer Lebensweise hat und ein Beleg für den Übergang zur Sesshaftigkeit sei.
Die Schafschur hat festlichen Charakter, so dass auch hochgestellte Personen daran teilnahmen und Intrigen ihren Ausgangspunkt fanden (; ; ).
Im Zusammenhang mit allen wichtigen Opferarten des Alten Testaments (→ Opfer) wird auch das Schaf genannt, beim täglichen tāmid-Opfer (), beim Brandopfer (.; .; .), Sündopfer (; ), Heilsopfer (), Reinigungsopfer (.; ; ) und Passaopfer (, ein einjähriges Tier). Der Fettschwanz des Schafes war als Opferstück der Gottheit vorbehalten (; ; ). Im Zusammenhang mit der letzten Plage des Plagenzyklus im Buch Exodus hat das Blut des Lammes apotropäische (unheilabwehrende) Wirkung und Schutzfunktion (Ex 12). Das Passafest wird an diese Tradition zurückgebunden und so kommt das Lamm in vielen Texten zum → Passa vor. Die Schlachtung des Passalammes wird in der Septuaginta häufig mit θύειν τὸ πασχα (tyein to pascha) wiedergegeben (z.B. ; ..; vgl. par. ).
Die Nathansparabel spiegelt einerseits Lamm als Festmahlzeit für einen Gast wider, zum anderen vergleicht es implizit das Lieblingstier eines Mannes, sein Lamm, mit der einzig geliebten Frau (.). Lyrisch werden die Zähne der Geliebten mit Schafen verglichen, die vor der Schur aus der Schwemme kommen (; ), also weiß sind. Im Bild vom Tierfrieden, der die Heilszeit kennzeichnet, weilt das Lamm beim Wolf, ohne gefährdet zu sein (; ; → Eschatologie). Das sog. vierte → Gottesknechtslied benutzt das Bild vom Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird, für einen unschuldig hingerichteten Gerechten (; vgl. ; ).
Das relativ häufige Wort πρόβατον probaton bezeichnet ursprünglich allgemein vierbeinige Tiere, bes. Haustiere, und wurde später auf die Bedeutung „Schaf“ eingegrenzt. Dagegen meint ἀμνός amnos stets das junge, meist einjährige Schaff, das Lamm. Als Schlachttier wird es ἀρήν arēn genannt, als Diminutiv ἀρνίον arnion „Lämmlein“.
Im Neuen Testament wird das Lamm (ἀμνός amnos) häufig als Symbol für Jesus Christus verwendet. Mit Hilfe einer Passalammtypologie wird der gewaltsame Tod Jesu als befreiendes und das neue Gottesvolk begründendes Geschehen gedeutet. Sowohl in kann dieses Verständnis bei den Lesern vorausgesetzt werden als auch in späteren Texten wie ., .; u.ö.
Aus dem Mund des Täufers Johannes wird Jesus als „Lamm Gottes“ bezeichnet (.). Besonders die apokalyptische Offenbarung stellt Jesus Christus als Lamm vor, das geschlachtet wird und regiert (... u.ö., insg. 28 Belegstellen in der Apk).
Unterschiedliche Aspekte werden bei der Bezeichnung Jesu als Lamm hervorgehoben: a) Die Geduld, mit der er sein Leiden ertragen hat (), b) die Sündlosigkeit und Vollkommenheit des Opfers (); da Wolle besonders von neugeborenen Lämmern weiß ist, sind sie ein Bild der Unschuld. c) Nach Joachim Jeremias symbolisiert das Lamm die sühnende Kraft des Todes Jesu, der die Sünden der Welt trägt (.). In der Forschung nach Jeremias wird herausgestellt, dass das „Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt“ eine neuartige johanneische Wortbildung aus der Schule des Johannes sei und nicht in Nähe der Passatradition, sondern der tāmid-Tradtion stehe (vgl. Stuhlmacher).
Neben der Redeweise von Christus als Lamm steht die Anwendung der Hirtenmetapher auf Jesus, welche zugleich in gleichnishafter Rede die Jünger zu Schafen macht (; .; ) und im Weltgericht von Mt 25 Schafe von Böcken scheiden lässt. Auch Menschen, die der Unterweisung bedürfen, können als Schafe ohne Hirten bezeichnet werden ( par. ). Das Gleichnis vom verlorenen Schaf wird im matthäischen Kontext zur Mahnung, die Kleinen nicht zu verachten (), und im lukanischen zur Pharisäerkritik und Ermutigung zur Freude über die Umkehr eines Sünders zu Gott ().
Der Hebräerbrief nennt im Rahmen des Schlussgebetes die Christusprädikation „großer Hirte der Schafe“ () und greift damit auf die im Alten Orient weit verbreitete Königstitulatur als Hirte der Herde zurück.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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