Der evangelische Alttestamentler und Orientalist Wilhelm Rudolph wurde am 12.7.1891 in Weikersheim an der Tauber geboren. Als Gymnasiast besuchte er bis zur Reifeprüfung 1909 die Evangelischen Seminare Maulbronn und Blaubeuren. Als Theologiestudent im Tübinger Stift interessierte ihn das Studium der Orientalistik mehr als das der Theologie. Nach dem Ersten Theologischen Examen und der Ordination 1914 verbrachte er die Kriegszeit im Pfarrdienst an verschiedenen Orten. 1919 wurde er Repetent am Tübinger Stift. Mit einer Arbeit über „Die Abhängigkeit des Qorans von Judentum und Christentum“ wurde er 1920 zum Dr. phil. promoviert. 1922 erhielt er eine außerordentliche, 1929 eine persönliche ordentliche Professur für Altes Testament an der evangelisch-theologischen Fakultät in Tübingen. 1930 folgte er einem Ruf nach Gießen. Nach seinem Abschied verlieh ihm die Tübinger Fakultät den theologischen Ehrendoktor. In Gießen wirkte Rudolph bis zur Auflösung der dortigen Fakultät 1946. Danach lehrte er zunächst als Gast in Marburg und an der Kirchlichen Hochschule in Berlin, ehe er 1949 58-jährig einen Ruf nach Münster annahm, wo er bis zu seinem Tod am 27.3.1987 lebte. 1958/59 war er Rektor der dortigen Universität.
Rudolphs Lebenswerk besteht in seinen Kommentaren. Zwanzig Bücher des Alten Testaments hat er ausführlich ausgelegt, und nicht einmal der Zweite Weltkrieg konnte seine Schaffenskraft bremsen. Die studentenlose Zeit ermöglichte es dem Gelehrten alten Stils, der weder Mitglied der NSDAP noch der Bekennenden Kirche war, sich ganz der Wissenschaft zu widmen, und sei es im Luftschutzkeller oder im Notquartier. Dem Zeitgeist verfiel Rudolph, obwohl die Giessener Fakultät ansonsten sehr braun war, nicht, vielmehr trat er offensiv all denen entgegen, die dem Alten Testament vorwarfen, nur das Diesseits im Blick zu haben. Zum Beispiel erläuterte er am → Hohen Lied, dass Sinnenfreuden auch das Leben der Christen bereichern können.
Rudolphs Kommentare sind vorsichtig abwägend. Rudolph spricht den Propheten möglichst wenig ab. Beispielsweise schreibt er die Heilsworte am Ende des → Amosbuches () gegen die Mehrheit der kritischen Ausleger dem Propheten selbst zu. Im → Jeremiabuch macht er neben den Sprüchen des Propheten und den Erzählungen über ihn eine Quelle mit Prosareden aus, die Worte des Propheten in einer vom Geist des Deuteronomiums geprägten Bearbeitung bewahrt.
Einen Sonderweg beschreitet Rudolph in der → Pentateuchforschung. Gegenüber der klassischen Urkundenhypothese, die die Bücher Genesis bis Numeri auf die Quellenschriften Jahwist, Elohist und Priesterschrift zurückführt, bestreitet er die Existenz des → Elohisten, ja bezeichnet ihn sogar als Irrweg der Forschung und schreibt die Texte einem Redaktor zu. Was ihm seinerzeit Spott einbrachte, findet heute vielfach Anerkennung.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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