Rätsel scheinen in nahezu allen Kulturen vorzukommen und ein gemeinmenschliches Phänomen zu sein. Obwohl ein Rätsel einen Gegenstand bezeichnet, verbirgt es ihn zugleich. Je besser, desto vollkommener ist das Rätsel. Diese Doppelnatur des Enthüllens und Verbergens teilt es mit dem Phänomen der Sprache. In ihr mag das Rätsel bereits angelegt sein. Während Sprache aber im Allgemeinen die Codierung zur Informationsweitergabe nutzt, steht beim Rätsel die Kunst der Verschleierung im Vordergrund.
Die Rätselwissenschaft hat eine Vielzahl an Kriterien zur Klassifizierung von Rätseln entwickelt. Am geeignetsten dürfte eine Einteilung nach dem Zweck der Rätsel sein: Entweder möchte der Rätselsteller vornehmlich eine Aussage über seine eigene Person treffen, etwa sein intellektuelles Geschick unter Beweis stellen. Oder das Rätsel soll eine Information transportieren. Oder aber es soll zuallererst eine Aussage über die Ratenden machen, z.B. ob sie zur Lösung des Rätsels im Stande sind und sich so dem Rätselsteller als ebenbürtig erweisen.
Rätsel sind im Zweistromland bereits seit sumerischer Zeit belegt. Gerne wurden sie zu Sammlungen zusammengetragen. Eine Rätselsammlung aus dem 24. Jahrhundert v. Chr. mit insgesamt 31 erhaltenen Rätseln stammt aus Lagasch. Sie nennen einen Kanal, eine Stadtgottheit, eine Fisch- und eine Schlangenspezies, die jeweils mit einer bestimmten Stadt assoziiert wurden. Die damit bezeichnete Stadt galt es zu erraten. In zwei weiteren Rätselsammlungen aus dem 18. Jh. v. Chr. folgt auf die rätselhafte Umschreibung die Lösung. Ähnlich bietet ein Rätsel in der Sprüchesammlung des syrischen Achiqar-Romans aus dem 1. Jt. v. Chr. die Auflösung: „Was ist stärker als schäumender Wein? – Das Mädchen!“.
In der altorientalischen Überlieferung stehen Rätsel in weisheitlichem Zusammenhang und dienen erstrangig der Belehrung. Auch die Griechen verbanden Rätsel zu gelehrten Sammlungen (Kleobulos und Kleobuline, Athenaios). Daneben hatten Rätsel bei den Griechen die Funktion, im Geisteswettstreit den Status von Rätselsteller und Ratenden zu bestimmen: In der Literatur entscheidet die Lösung bzw. das Nichterraten eines Rätsels über Leben und Tod beider Parteien (so Ödipus und die Sphinx, Kalchas und Mopsos, Homer und die Fischerjungen). Zudem liebten Griechen und Römer Rätsel bei Symposien zum Zweck des intellektuellen Kräftemessens.
So erscheint das Rätsel im Altertum oft in hochgeistigem Kontext; doch dürften Rätsel im Alten Orient und in der Antike auch bei anderen Gelegenheiten beliebt gewesen sein, ohne dass sie literarischen Niederschlag fanden. Die Vorlieben der jeweiligen Bildungsschicht (gleichzeitig cum grano salis ja auch die Schriftkundigen) dürfte die Auswahl an überlieferten Rätseln bestimmt haben.
Exegetisch kann man sich dem Phänomen Rätsel auf zweierlei Wegen nähern: Einerseits durch die in der Bibel vorkommenden Rätsel selbst oder andererseits über den hebräischen und aramäischen Äquivalenzbegriff zu „Rätsel“.
Im Alten Testament begegnen Rätsel in erzählenden Zusammenhängen (1); sie demonstrieren demnach, wie Rätsel im Alltagsleben vorkamen. Andere Rätsel haben lediglich einen Ort in der Literatur (2). Beide Arten von Rätseln unterscheiden sich sowohl durch ihre Form als auch durch ihre Funktion.
1) Rein literarische Rätsel sind im Alten Testament ausschließlich in Frageform belegt. Die Frage wird im folgenden Vers unmittelbar beantwortet. Die Form dient der Funktion der Rätselfrage: Sie bezieht durch die direkte Frage den Rezipienten in den Diskurs aktiv mit ein; sie weckt durch die überraschende Antwort die Aufmerksamkeit von Leser und Leserin; doch stellt sie das Thema des Rätsels selbst nicht in Frage, sondern unterstellt es als gegeben: fragt nicht mehr nach dem Ob der Lebensminderungen, sondern allein nach ihrem Trägerkreis – den Trinkern. fragt nicht nach der Faktizität einer Chaosmacht, sondern lediglich nach ihrer Identität – Ägypten. fragt nicht nach der Tatsächlichkeit eines zielstrebigen Eilens, sondern nur nach den Akteuren – den Völkern westlich von Israel. Und (Lutherbibel: ) fragt nicht nach der Existenz von schwer Erträglichem, sondern einzig nach ihrem Verursacher – dem Toren. Die Rätselfragen verfolgen demnach ein didaktisches Ziel. Sie wollen die Adressaten ansprechen und zur Erkenntnis führen. Noch im Neuen Testament will durch ein Buchstabenrätsel die Identität der Bestie von durchblicken lassen, wo eine offene Bezeichnung zu gefährlich wäre. Literarische Rätsel setzen ihre Botschaft bereits voraus und motivieren zugleich den Leser zum Mitdenken.
2) Anders möchte das volkstümliche Rätsel seinen Gegenstand verschleiern. Die Lösung des Rätsels von ist nur Simson zugänglich und soll ihm so den Wettsieg sichern. Alle Versuche, dem Rätsel eine Lösung abzugewinnen, die grundsätzlich jedem zugänglich wäre, verkennen wohl gerade den eigentlichen Zweck dieses Rätsels: Es will nicht Inhalte vermitteln, sondern den Status der Beteiligten abklären.
Einerseits wird Chîdāh generell mit „Rätsel“ übersetzt, doch ist das Bedeutungsspektrum des hebräischen Ausdrucks (und seines aramäischen Äquivalents ’achîdāh ) deutlich weiter als das des deutschen Wortes „Rätsels“ im eigentlichen Sinne: Zwar meint ..β dem Kontext nach eindeutig ein Rätsel, doch tritt Chîdāh in .... mit ngd Hifil „erzählen“ und in mit mṢ’ Qal „finden“ eher in der Bedeutung „Lösung“ auf (vgl. auch aγ.b). kontrastiert die unmittelbare Offenbarung Gottes an Mose mit dem verrätselten Offenbarungsempfang anderer Propheten. // unterstreichen die Weisheit Salomos durch seine Bewandertheit in Chîdôt, d.h. wohl eher in Rätselhaftem als in Rätseln. Auch das hebräische Sirachbuch verwendet den Terminus in (Lutherbibel: ) um Salomos Weisheit zu rühmen (wohl nicht nur in Bezug auf seine Rätselfertigkeit). Die Chîdāh von umschreibt die Einsicht in den Vorrang des Vertrauens auf Gott gegenüber dem Selbstvertrauen (). In bezeichnet Chîdāh die Geschichte Gottes mit seinem Volk vom Ägyptenaufenthalt (.) bis zur Erwählung Judas und Jerusalems samt Tempel und Königsdynastie () und hebt aus der Geschichtsrekapitulation eine metahistorische Lehre heraus. Chîdôt in meinen dem Zusammenhang nach am wahrscheinlichsten ebenfalls „Rätselhaftes“, „Unergründliches“. ist mit Chîdāh wohl die anschließende politische Allegorie () und in das folgende Spottlied () angekündigt. kennzeichnet Antiochus wohl als „gewandt in Ränken“, wenn nicht auf den Topos angespielt ist, der König sei im Umgang mit den Welträtseln bewandert (vgl. // ; ).
Allem Anschein nach hat Chîdāh (und seine aramäische Entsprechung) die Bedeutung von etwas Hintersinnigem, Erklärungsbedürftigem oder Rätselhaftem und umfasst demnach mehr als das deutsche Wort „Rätsel“ im engeren Sinne. Entsprechend wählen Septuaginta und Vulgata jeweils fünf verschiedene Ausdrücke für Chîdāh. Übrigens sprengt auch die griechische Bibel ähnlich wie das hebräische Alte Testament einen engen Rätselbegriff. Hier kommen als Belegstellen für „Rätsel“ noch ; und in den Blick. Nach zeichnet sich der fromme Weise u.a. durch Brüten über Rätselreden aus – der Kontext schließt wohl (ähnlich ) ein Verständnis als „Rätsel“ im engeren Sinne aus. Auch sind es die Welträtsel, die die Weisheit aufhellt. kontrastiert angelehnt an das verschwommene, rätselhafte Erkennen im Diesseits mit der vollen Erkenntnis bei der Vollendung.
Der Rätselbegriff hat in der Theologie zumeist hinter demjenigen des „Geheimnisses“ zurückstehen müssen. Die christliche Theologie ist damit mehr der Rätselvorstellung von und als etwas Defizitärem gefolgt und hat diese Tendenz zusätzlich ausgeweitet. Die große Mehrheit aller biblischen Belegstellen bewerten das Rätselhafte jedoch als etwas durchweg Positives und stellt es neben das Mysterium und das Unfassbare. Sie rehabilitieren damit den Rätselbegriff, den sie damit dem „Geheimnis“ an die Seite stellen: Bei einem Geheimnis gibt es Eingeweihte und Nicht-Eingeweihte – tertium non datur; dem Rätsel sind Durchlässigkeit und Gradualität vom Nichtwissen über Ahnung bis zum Wissen zu eigen. In der Exegese etwa findet das Rätsel als heuristische Kategorie Anwendung: Mit Gewinn werden die johanneischen Missverständnisse so ausgelegt, als ob sie Rätsel wären. Doch sollte als Rätsel nur der Fall gelten, wenn sich Ratende und Rätselsteller der Rätselsituation bewusst sind. Doch auch über die Exegese hinaus gehören beide kognitiven Formen, Rätsel und Geheimnis, zum Erfahrungsschatz von Kirche und Menschheit und beiden gebührt ihr Platz in Theologie und Kirche.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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