Para aduma
Nach wird während der → Wüstenwanderung der Israeliten eine fehlerfreie rote Kuh (keine Färse), auf der kein Joch gelegen hat, außerhalb des Lagers vor dem Priester → Eleazar (der später seinem Vater → Aaron als Hohepriester folgt) rituell geschlachtet und das Blut sieben Mal gegen die → Bundeslade gesprengt (). Die Verbrennung erfolgt unter Beigabe von → Zedernholz, → Ysop und scharlachroter Wolle (Karmesin) durch den Priester (). Danach erfolgt die Sammlung und Vermischung der Asche mit lebendigem Wasser
Das Ritual ähnelt in zahlreichen Anweisungen verschiedenen Bestimmungen zur Opferdarbringung, was bereits die Bezeichnung als Chattat
In den Zustand von Totenunreinheit wird eine Person oder ein Gegenstand durch Berührung einer Leiche, eines Grabes, eines menschlichen Knochens oder durch Aufenthalt im Zelt eines Toten versetzt (). Die Besprengung mit Reinigungswasser dient der Rückführung in den Zustand der rituellen Reinheit.
Der Umgang mit der Kuh, das Einwerfen der Substanzen in das Feuer, das Verbrennen, das Aschesammeln (), das Sprengen und die Berührung des Wassers verunreinigen Personen bis zum Abend (). Durch die Berührung mit Reinigungswasser wird auch der von Totenunreinheit kontaminierte selbst bis zum Abend leicht verunreinigt (ähnlich die Bestimmungen für → Aaron im Umgang mit den Opfertieren am Versöhnungstag, .). Das Waschen der Kleider und des Körpers ist deshalb vorgeschrieben. Die Verunreinigung durch das Reinigungsmittel (die Asche der roten Kuh) liegt in der biblischen Konzeption von Rein und Unrein begründet: Der ausgewogene rituelle Idealzustand des Menschen wird durch die Berührung mit dem Reinigungswasser „verschoben“, was eine leichte Unreinheit zur Folge hat.
Das Ritual der roten Kuh wird in zahlreichen halachischen (religionsgesetzlichen) und aggadischen (nicht gesetzlichen, → Aggada) Ausführungen thematisiert. Liturgische Bedeutung hat (Beginn von Paraschat Chuqqat) im Synagogengottesdienst am Schabbat Para.
Das Verfahren wird von den Rabbinen in tannaitischer Zeit (→ Mischna) im Mischna- und Toseftatraktat Para ausführlich kommentiert. Dennoch befassen sich allein im babylonischen → Talmud etwa 80 Textstellen mit dem Thema, welche wie die aggadischen Midraschim (Pl. → Midrasch; Numeri Rabba 19; Pesiqta de-Rav Kahana 4; Pesiqta Rabbati 14; Tanchuma Chuqqat; Tanchuma Buber Chuqqat) verschiedene Aspekte der Thematik beleuchten. Die Tannaiten wenden sich primär einer religionsgesetzlichen Erschließung des Rituals zu (Rahmenbedingungen, Ablauf der verschiedenen Arbeitsschritte, Handhabung und Aufbewahrung der Asche), welche weit über die biblischen Bestimmungen hinausgehen und von diesen in Detailfragen abweichen können. Auch wird von Kontroversen zwischen Pharisäern und Sadduzäern über das Verfahren der Herstellung der Asche berichtet (Mischna, Traktat Para 3,8; Tosefta, Traktat Para 3,8). In amoräischer Zeit (3.-5. Jh. n. Chr.) steht die rationale Begründung des Rituals im Vordergrund. Dabei dienen die Bestimmungen der roten Kuh als Paradebeispiel für Gesetze, die nicht rational begründbar sind (Chuqqim).
Nach traditioneller Auffassung sind Chuqqim jene Satzungen, die nicht mit dem menschlichen Verstand hinterfragt oder erklärt werden können (und sollen). Das klassische Beispiel eines Choq ist die Veränderung des Status ritueller Rein- bzw. Unreinheit eines Menschen innerhalb der Anweisung zur Herstellung der Asche der roten Kuh, das Verbot, Mischgewebe zu tragen (→ Scha’atnes; ; nach : Wolle und Leinen) oder der Bock für Asasel (→ Sündenbock). Der entscheidende Aspekt bei einem Choq ist seine Unveränderlichkeit: ein Choq ist eine Anordnung, die sich nicht ändert, unabhängig davon, wie der Mensch sich zu ihr verhält (vgl. auch das Neuhebräische, das den Begriff „Naturgesetze“ mit chuqqê ha-teva ausdrückt). Daher werden eine Reihe weiterer Anordnungen in der Tora Chuqqim / Chuqqot genannt, auf die die eingangs genannten Charakteristika nicht zutreffen. In wird daher nicht die Herstellung der Asche und des Reinigungswassers als Choq bezeichnet (es ist eine Tora!), sondern die Bestimmung, dass man sich an einem Toten rituell verunreinigt. Diese Bestimmung besteht bis heute unveränderlich fort.
Weitere Motive in den amoräischen Quellen sind die Auseinandersetzung mit Nichtjuden (der Vorwurf des Götzendienstes an die Juden entzündet sich an den „nichtrationalen“ Bestimmungen der roten Kuh) und die Weisheit (die Schwierigkeit, die Bestimmungen der roten Kuh zu deuten).
Nach den Rabbinen wurden nach Ezra nur sieben rote Kühe verbrannt (Mischna, Traktat Para 3,5; die Zahl sieben ist traditionell). Einer anderen Überlieferung zu Folge wurde die Reinigungsasche in das babylonische Exil mitgenommen und dann wieder nach Israel zurückgeführt (Tosefta, Traktat, Para 3,5). Nach der Tempelzerstörung ist das Ritual praktisch nicht mehr durchführbar gewesen, wenngleich nicht notwendigerweise von einem sofortigen Ende des Verfahrens nach 70 n. Chr. ausgegangen werden kann (in Mischna, Traktat Para 7,6; Tosefta, Traktat Para 7,4 wird sich mit einer Frage zum Verfahren an den Gerichtshof in → Jabne gewendet).
Flavius Josephus erwähnt das Ritual, ohne dabei den Hinweis auf die Verunreinigung durch die Asche zu erwähnen (offensichtlich mit Rücksicht auf das Unverständnis seiner nichtjüdischen Leserschaft; Antiquitates Judaicae 4,78-82). Er verbindet das Thema der roten Kuh mit der Trauerperiode des Volkes Israel um → Mirjam (). Auch → Philo von Alexandria berichtet von der Zeremonie und deutet diese als Mittel zur Erlangung der rechten Gesinnung gegenüber Gott (De Specialibus Legibus 1,262-272; Text Frühjüdische Schriften). In → Qumran sind verschiedene Texte zur roten Kuh überliefert, einige Hinweise deuten auf eine Anwendung des Rituals (Browman).
Der Schabbat Para
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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