
Abb. 1 Karte zur Lage von Palmyra.
Palmyra (römisch: „Die Stadt der Palmen“; unter Hadrian: Hadriana Palmyra), auch Tadmor / Tadmur (arabisch: „Wachtposten“) genannt, ist eine in der Provinz Homs (155 km östlich der Stadt Homs) auf 400 m Höhe gelegene Oasenstadt in der syrisch-arabischen Wüste. Sie befindet sich 200 km Luftlinie östlich des Mittelmeers und 245 km nordöstlich von Damaskus über Homs (Koordinaten: N 34° 32' 50'', E 38° 16' 43''). Palmyra liegt an der inzwischen gekappten Öl-Pipeline von Kirkuk nach Trablus (Tripoli), 210 km südwestlich von Dēr ez-Zōr. Heute hat die Stadt ca. 60.000 Einwohner und einen kleinen Flugplatz. Die Sehenswürdigkeiten des antiken Palmyra erstrecken sich auf mehr als sechs Quadratkilometer und bilden den größten zusammenhängenden Ruinenkomplex in Syrien. Palmyra war eine der am wenigsten hellenisierten Städte seiner Zeit.
Nur in den biblischen Büchern der Chronik steht die Notiz, dass Salomo „Tadmor in der Steppe ausbaute“ (; vgl. aber : dort → „Tamar“). In den → Chronikbüchern liegt eine Verwechslung mit „Tamar in der Steppe“ vor, das in die Südostecke des Heiligen Landes bezeichnet und südlich des Toten Meeres auf der Westseite der Araba zu suchen ist. Die Verwechslung ergab sich, weil Tadmor am Anfang der hellenistischen Epoche bereits ein wichtiges Zentrum darstellte.
Assyrische Tontafeln des 19. Jh.s v. Chr. (assyrische Verträge aus Kültepe) erwähnen die Stadt bereits. Wenig später kommt Tadmor auch in den Texten von → Mari vor und im 14./13. Jh. v. Chr. auf einer Tontafel aus → Emar. Ferner erwähnen die Jahresberichte des assyrischen Königs Tiglat-Pileser I. gegen 1100 v. Chr. „Tadmor im Lande Amurru“.
Ab dem 1. Jh. v. Chr. verfügen wir über materielle und schriftliche Zeugnisse für die Entwicklung von Palmyra. Ihre Blütezeit erlebte die Oase in der römischen Zeit. Palmyra wurde Zentrum des Karawanenhandels und erhob hohe Abgaben auf die durchgeführten Waren. Als Wüstenstadt vermietete sie den römischen Armeen ihre berühmten Meharistenschwadronen (Kamelreiter). Der Zeitpunkt der Eingliederung Palmyras in das Römische Reich fand vermutlich unter Tiberius (14-37 n. Chr.) statt, als Germanicus das Euphratgebiet besucht haben soll. In der zweiten Hälfte des 1. Jh.s n. Chr. besaß Palmyra eine römische Garnison. Die eigenen berühmten Bogenschützen, Pferde- und Kamelreiter wurden im ersten jüdischen Aufstand von römischer Seite eingesetzt. Seit der Zeit Trajans (98-117 n. Chr.) nahm Palmyra an der Verteidigung der Reichsgrenzen teil.

Abb. 2 Der Hadriansbogen.
Das 2. Jh. n. Chr. wurde die „Goldene Zeit“ Palmyras, dessen wirtschaftliche Aktivität sich im Osten bis nach Indien und China entlang der Seidenstraße ausdehnte und im Westen Italien erreichte. Damals wurden die wichtigsten Tempel (für die Götter Bel, Nabu, Baalschamin, und die Göttin ‛Allat) errichtet oder vergrößert.

Abb. 3 Architekturfragment des Hadriansbogens.
Im Bestreben, eine unabhängigere Haltung im Gerangel zwischen Römern und Sasaniden einzunehmen, spielte die mächtige arabische Familie um Odeinat eine besondere Rolle. 260 n. Chr. wurde Kaiser Valerius von dem Sasaniden Shahpur I. (241-272) in der Schlacht von Edessa vernichtend geschlagen und zusammen mit 70000 Legionären gefangengenommen. Odeinat konnte den Vormarsch der Sasaniden stoppen und die Eroberung Antiocheias rückgängig machen. Als Odeinat und sein Sohn Herodianos, der Thronerbe, auf geheimnisvolle Weise in Homs ermordet wurden, gewann seine Gattin Zenobia (aramäisch: Bat-Zabbai) zunehmend an Einfluss. Sie bezeichnete sich als „Augustus“ und ließ Münzen mit diesem Titel prägen, woraufhin Kaiser Aurelian (270-275) gezwungen wurde, einen Feldzug gegen Palmyra zu führen: Er besiegte die palmyrenischen Truppen bei Antiocheia und Emesa (Homs). Nach der Erstürmung Palmyras konnte er Zenobia gefangen nehmen. Unter Kaiser Diokletian (292-303) errichtete die Besatzungsmacht ein Lager im Westen der Stadt.
Kaiser Justinian (527-565) erneuerte die Befestigungswerke der Stadt. 634 besetzte Khaled ibn al-Walid Palmyra. 1172 weilte hier der spanische Rabbiner Benjamin von Tudela, der die jüdischen Gemeinden des Orients besuchte. Zu Beginn des 17. Jh.s benutzte der drusische Emir ibn Ma‛an Fakhr ed-Din den Platz (1595-1634), um die Wüstengebiete zu kontrollieren; er ließ die Burg bauen, die heute das Ruinengelände Palmyras überragt.

Abb. 4 Der Bel-Tempel.
Die Oase neigte in besonderem Maße zum Synkretismus, da hier durch den Karawanenhandel ganz Verschiedenes zusammenströmte. Andererseits brachte es die Abgeschiedenheit des Ortes mit sich, dass die Kultur ohne Ausgleich mit der Umgebung ganz eigenständige Formen hervorbringen konnte. So stehen wir bei Palmyra vor einer Komplexität der religiösen Erscheinungen.

Abb. 5 Eingang der Cella im Bereich des Bel-Tempels.
Seit der Zeit vom 1. Jh. v. Chr. an, für die uns Inschriften zur Verfügung stehen, ist Bel der bedeutendste Gott Palmyras. 32 n. Chr. wurde der Bel-Tempel geweiht. Der Gott Bel ist mesopotamischen Ursprungs; wahrscheinlich ist er eine Uminterpretation des Gottes Bol, dessen Name sich in den zusammengesetzten Gottesnamen Jarhibol (Yarhibol ) und ‛Aglibol sowie in Personennamen zeigt. Bel gilt als der höchste Gott des Himmels, und er kann als Jupiter inmitten von Planetengöttern, umgeben von den Tierkreiszeichen, abgebildet werden. Der Sonnengott Jarhibol und der Mondgott ‛Aglibol begleiten Bel und bilden mit ihm eine Triade. Als Quellgott hat Jarhibol den Charakter eines Fruchtbarkeitsgottes. ‛Aglibol (eigentl. Jungstier-Ba‛al; → Baal) ist durch die Verbindung mit dem Stier ein → Wettergott mit Fruchtbarkeitsaspekt. Große Bedeutung bekommt Bel im 1. Jh. n. Chr. als Baalhammon; dieser Gott, der in Palmyra einen Aspekt des Bel verkörpert, ist kanaanäischen Ursprungs und wurde durch arabische Stämme in Palmyra verbreitet. Malakbel wird als Sonnengott mit Strahlenkranz und Panzer abgebildet. Baalschamin war ein zum Himmelsgott gewordener Gewittergott. Die Attribute Baalschamins sind Blitz und Ährenbündel als Zeichen für Regen und Fruchtbarkeit. Neben Bel ist dessen Sohn Nabu in der Reihe der aus Babylonien einströmenden Götter zu nennen. Nabu ist der Gott der Schrift und der Macht; er hält die Schicksalstafeln in der Hand und verleiht Königen das Zepter. Er wurde mit Apollo identifiziert.
Eine große Rolle im palmyrenischen Götterpantheon spielt die Göttin ‛Allat. Sie nahm in der palmyrenischen Ikonographie Züge anderer Göttinnen an, z.B. die von Athene, Atargatis, Ischtar / Astarte oder Nemesis. Sie ist Liebes- und Kriegsgöttin und damit eine ambivalente Erscheinung.

Abb. 6 Der Grabturm des Elahbel.
Eine besondere Rolle im Kult Palmyras spielt der sog. „anonyme Gott“. Für ihn gibt es verschiedene Umschreibungen, wie z.B. „der, dessen Name für immer gepriesen ist“; er ist „der Gute und Barmherzige“ bzw. „der Herr der Welt“. Altäre für diesen anonymen Gott finden sich in ganz Palmyra, insbesondere in der Nähe der Efqa-Quelle. Zu den Göttinnen ist auch die Gad von Palmyra zu zählen (schon in erwähnt; → Gad und Meni), sie entspricht der Tyche oder Fortuna und bezeichnet das „Glück“, den „Genius“ des Namensträgers, einer Person, eines Stammes, einer Quelle, einer Stadt. Eine große Rolle im religiösen Leben spielte der Totenkult, wie die Errichtung der großartigen Grabtürme und das dort abgebildete Totenmahl dokumentieren.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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