Unter „Oden Salomos“ (OdSal) versteht man seit J.R. Harris (1909) eine heterogene Zusammenstellung von 42 Liedern, wobei das 2. Lied verloren gegangen ist. Lactantius (etwa 250-325 n. Chr.) schrieb sie dem Ruf Salomos als Psalmendichter zu (De Div Inst 4,12), ohne jedoch zu unterscheiden, ob es sich dabei um → Pseudepigraphen oder → Apokryphen handelt. Im koptischen Codex Askew (4. Jh. n. Chr.) werden sie aber als kanonische Schrift – ein Werk von Salomo – verstanden und gnostisch ausgelegt.

Tabellenvorschau.
Die einzelnen Oden Salomos tragen – außer im griechischen Papyrus Bodmer XI – keine weiteren Überschriften. Eine thematische Auflistung findet sich bei M. Lattke (1999-2005).
Tabelle 1: Die Themen der einzelnen Lieder der Oden Salomos
Die Oden Salomos werden in zwei Kanonverzeichnissen erwähnt: a) bei Pseudo-Athanasius, Synopsis Sacrae Scripturae (6. Jh. n. Chr.), und b) in der Stichometrie des Nikephorus (9. Jh. n. Chr.).
Insgesamt gesehen war die Sammlung bis Anfang des 20. Jh.s unbekannt. Sie wurde von Harris 1909 in einem syrisch geschriebenen Manuskript des 16. Jh.s aus Mesopotamien (Codex Harris) entdeckt und veröffentlicht. In diesem Manuskript war sie den so genannten → Psalmen Salomos vorangestellt. Burkit entdeckte OdSal 17,7-42,20 in einer syrischen Handschrift des 10. Jh.s aus der Nitrischen Wüste (Codex Nitriensis). Testuz veröffentlichte 1959 die griechische Version von OdSal 11 nach Papyrus Bodmer XI (3. Jh. n. Chr.). OdSal 1; 5,1-11; 6,8-18; 22 und 25 sind in der so genannten Pistis Sophia (Kap. 58, 59, 65 und 71) erhalten. Diese koptische, 1785 vom Britischen Museum erworbene Handschrift aus der 2. Hälfte des 4. Jh.s n. Chr. ist als Codex Askew (s.o.) bekannt.
Die lateinische Zitierweise von OdSal 19,6 (Jungfrauenempfängnis) bei Lactantius lässt eine lateinisch übersetzte Version der Lieder vermuten. Welche Sprache aber als die Originalsprache des Werkes insgesamt angesehen werden darf, bleibt unklar. Aufgrund von Parallelen in anderen Texten hat man folgende Lösungen vorgeschlagen:
Griechisch: Aufgrund eines Vergleichs der syrischen Übersetzung der Psalmen Salomos mit Papyrus Bodmer XI ist Harris zu dem Schluss gekommen, dass auch dem syrischen Übersetzer der Oden Salomos ein griechischer Text als Vorlage gedient habe. Eine ursprünglich griechische Abfassung vermuten u.a. auch Gunkel, Tsakonas und Lattke.
Hebräisch: Harnack u.a. meinten, dass die Oden Salomos von einem jüdischen Autor ursprünglich hebräisch niedergeschrieben wurden.
Syrisch: Bernard ist von der Beobachtung ausgegangen, dass das Syrische der Oden Salomos und vereinzelte Ausdrücke der Hymnen Ephraims des Syrers (306-373 n. Chr.) zusammenfallen. Daher hat er von einem syrischen Original gesprochen, das ein syrisch-palästinisches Kolorit ausstrahle.
Harris und die Mehrheit der Forscher halten Syrien (Antiochien oder Edessa) für den Entstehungsort des Werkes. Wegen der gnostischen Züge in OdSal 6 und der gnostischen Auslegung der Sammlung in Pistis Sophia ziehen Harnack u.a. auch Ägypten in Erwägung.
Als Entstehungszeit wird seit Harris etwa die 2. Hälfte des 1.-2. Jh.s n. Chr. angenommen. Diese Datierung stützt sich auf Indizien in altkirchlicher Literatur, die über die geistige Umwelt der Oden Salomos Zeugnis abzulegen vermögen. Drijvers datiert die Oden Salomos in die 2. Hälfte des 3. Jh.s n. Chr. und behauptet, dass ihre Sprache antiochenische Theologie und den Einfluss des Diatessaro-Evangeliums von Tatian (2. Hälfte 2. Jh. n. Chr.) sowie enkratitische bzw. stark asketische Tendenzen widerspiegelt.
Die Oden Salomos werden als das einheitliche Werk eines einzigen Verfassers mit besonderer Vorliebe für bestimmte Motive und stilistische sowie sprachliche Mittel betrachtet. Als Autor wird meistens der syrische, näher an der Kirchenlehre gestandene Gnostiker Bardesanes (154-222 n. Chr.) vorgeschlagen. Diese Theorie geht vom Vergleich der Oden Salomos mit dem Werk des Bardesanes Liber legum regionum (hg. v. F. Nau, Patrologia Syriaca 2 [1907] 490–657) sowie von der Annahme aus, dass die Oden Salomos ursprünglich syrisch verfasst wurden. Es wird aber nicht ausgeschlossen, dass der Verfasser a) ein Heidenchrist inmitten von Judenchristen oder b) ein Judenchrist mit tiefen Kenntnissen des Alten und Neuen Testaments und gnostischen Tendenzen sein könnte.
Die Frage nach der Einheitlichkeit und Echtheit der Oden Salomos wird ebenso nicht einstimmig beantwortet. Harris meint, die Oden Salomos seien ein einheitliches christliches Werk. Harnack u.a. hingegen entwickelten die Theorie, dass sie ursprünglich jüdische Hymnen waren, die aber um 100 n. Chr. christlich überarbeitet und durch Zusätze und Umformulierungen verändert wurden. Nach Gunkel, Greßmann, Abramowski u.a. handelt es sich um ein gnostisches Werk. Charlesworth u.a. neigen eher dazu, von gnostischen Zügen in den Oden Salomos zu sprechen.
Laut einem Scholion des Johannes Zonaras zum 59. Kanon von Laodicea (12. Jh. n. Chr.) waren die außerkanonischen Oden Salomos nicht zum christlichen gottesdienstlichen Gebrauch zugelassen. Sie waren aber schon längst als Privatlektüre (ἰδιωτικοί idiotikoi) im Umlauf und wurden mehrfach als Fußnoten in anderen Texten zitiert. Der aus den → Psalmen bekannte liturgische Ausruf Αλληλούια Alleluia, mit dem die Oden Salomos – außer OdSal 1 und 27 – abgeschlossen werden, verweisen eher darauf, dass der Verfasser beim Schreiben das biblische Sprachgerüst vor Augen hatte.
Hinsichtlich der Frage, welcher Gattung die Oden Salomos angehören, ist bei Franzmann (1991, 8f.) folgende Liste aufgeführt: Die Oden Salomos sind griechische Dichtungen (Zahn), semitische Poesie in griechischem Gewande (Greßmann), Psalmen (Wensinck), Lieder (Abbott), Hymnen der Katechumenen (Bernard), griechische Gedichte in Nachahmung hebräischer poetischer Satzordnung (Gunkel), antiochenische Hymnen (Dalmais), prophetische Hymnen (Aune), hymnisch-enthusiastische Lobpreisungen der Erlösung (Baumeister), didaktische Dichtung religiöser Natur (Drijvers), „inspirierte“ / „geistgewirkte” Liederdichtungen (Hengel).
Man hat auf leichte Übereinstimmungen sowie nachdrückliche Unterschiede der Oden Salomos zu den syrisch verfassten Thomasakten aus der 1. Hälfte des 3. Jh.s n. Chr. und zum sogenannten Evangelium der Wahrheit aus Nag-Hammadi (NHC I,3) hingewiesen. Gnostische Nuancen hat man in OdSal 12; 19 und 35 festgestellt. Durch die Ausdrucksweise von OdSal 12,7-9.11 bringt man auch die gnostischen Lehren von Valentinus (2. Jh. n. Chr., siehe Irenäus von Lyon, Adversus haereses I 1ff.; Bibliothek der Kirchenväter) ins Bewusstsein. In OdSal 35 sind biblische Bilder und Ausdrucksweise leicht erkennbar, während Symbolik und Allegorese in OdSal 35 an lyrische Abschnitte der religiösen Dichtung des → Hohenliedes erinnern.
Zur Bewältigung des Problems des Verhältnisses der Oden Salomos zum Johannesevangelium wurden drei Lösungen vorgeschlagen: a) Der Verfasser kannte das Johannesevangelium und hat von ihm auf eigene Weise Gebrauch gemacht. Unterschiede bestehen u.a. auch in der Christologie, aber die von Johannes hervorgehobene Auferstehung des Fleisches wird in den Oden Salomos völlig vermisst. b) Johannes, der aufgrund von vorgegebenem literarischen Stoff gearbeitet hat, war mit den Oden Salomos vertraut und bediente sich deren Sprache und Vorstellungen. c) Oden Salomos und das Johannesevangelium strahlen dasselbe ostsyrische Milieu aus und schöpfen theologisch-apokalyptische Muster aus derselben sprachlichen und geistigen Quelle des östlichen Christentums.
Aus dem Vergleich von OdSal 11 mit der Hymnenrolle (1QH) kam J. Carmignac zu dem Schluss gekommen, dass OdSal 11 ursprünglich hebräisch verfasst wurde, und zwar von einem zum Christentum übergetretenen Mitglied der Qumrangemeinde. Daher strahle sie qumranisches Denken aus. J.H. Charlesworth meinte, dass der Verfasser der Oden Salomos ein Essener gewesen sei.
Die Oden Salomos erweisen sich als ein einzigartiger theologisch-ethischer Diskurs, der den Mystizismus der ersten christlichen Jahrhunderte deutlich zum Ausdruck bringt (Tsakonas). Trotz ihres erbaulichen Charakters weisen sie eine Fülle von theologischen und ethischen Lehren auf, die zur Vereinigung der Seele mit Gott durch vernünftigen Gottesdienst (OdSal 20) in der Sphäre der geistigen Vollkommenheit und zur Unsterblichkeit führen sollen (OdSal 20; 26; 40).
Die Oden Salomos sprechen dabei folgende Themenbereiche an: die Dreifaltigkeit Gottes (OdSal 19,1-3; 23,21), die Fleischwerdung des Logos (OdSal 16; 39,9), die Jungfrauengeburt des Gottessohnes (OdSal 19,6ff.), das Gott-Vater- und Gott-Sohn-Verhältnis (OdSal 7,7; 7,15f.; 41), das Einwohnen des Heiligen Geistes im inneren Menschen (OdSal 6,2; 14,8; 16,5; OdSal 18,1ff.; 32,1ff.; 36,1), den Lobpreis des Heiligen Geistes (OdSal 6,7; 11,2), das Kreuz als Lebensbaum und die Deutung des Kreuzesgeschehens als Himmelfahrt (OdSal 27; 37), Jesu Niederfahrt in die Hölle; ferner die Schöpfung und Führung der Welt (OdSal 16), die Gotteserkenntnis (OdSal 30,12), die Liebe (OdSal 3), die Barmherzigkeit, Gnade, Wahrheit (OdSal 1; 12), den Glauben, das Leben und das Licht (OdSal 12,7) und die Finsternis bzw. die Vernichtung der Finsternis durch den Messias (OdSal 31,1), den Gottesgarten (OdSal 11), das ewige Leben (OdSal 11,16; 15), die συντέλεια synteleia bzw. die Vollendung der Zeit (OdSal 22,11f.), die Auferstehung Jesu (OdSal 15,9f; 29,4ff; 42,11ff.), die Auferstehung der Toten (OdSal 22,8ff; 42,15ff.), den Widersacher als siebenköpfiger Drache und seinen Sturz durch den Messias (OdSal 22,5). Der Messias wird allerdings mit dem Herrn, dem Sohn des Höchsten in OdSal 29,6; 36; 41,13 eindeutig identifiziert.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
Umfassende Literaturangaben finden sich bei Lattke (1979-1986 und 1999-2005) und Franzmann (1991).
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