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Nasiräer

1. Nasiräer im Alten Testament

Der Begriff Nasiräer (hebr. נזיר) ist von der Wurzel nzr (נזר) abgeleitet, die die Grundbedeutung „dem üblichen Gebrauch entziehen / aussondern“ hat. Ein Nasiräer war auf Dauer oder für eine bestimmte Zeit Gott geweiht. Herkunft und Geschichte der Institution lassen sich im Einzelnen nicht mehr ermitteln, da sie im Alten Testament nur selten belegt ist (; ; ; ; ). Ein Nasiräer durfte sein Haupthaar nicht scheren und musste auf Wein oder Rauschtrank verzichten. Während den Priestern nur während ihres Dienstes am Heiligtum der Genuss von Alkohol untersagt war (; ), war er dem Nasiräer zu jeder Zeit verboten, weil sein Dienst darin bestand, dass er als Gottgeweihter lebte. Gelegentlich wird angenommen, dass für ihn ursprünglich nur das Alkoholverbot galt (Römheld, 45f; Schwienhorst-Schönberger, 901f), aber sein langes Haupthaar war m.E. schon immer das äußere Merkmal seiner Weihe. Eine bestimmte Funktion war mit ihr nicht verbunden.

Das Nasiräat galt wahrscheinlich ursprünglich auf Dauer. Dafür spricht, dass in Nasiräer neben Propheten erwähnt werden. Der Abschnitt stammt von der deuteronomistischen Bearbeitung der → Amos-Überlieferung. Für sie erinnerten die Propheten durch ihre Verkündigung und die Nasiräer durch ihren Verzicht auf Wein an die Heilstaten JHWHs bei der Befreiung Israels aus Ägypten und der Führung in der Wüste (vgl. ), aber die Israeliten wollten diese Erinnerung verhindern (). Hier wird vorausgesetzt, dass Nasiräer an ihrem langen Haupthaar erkannt wurden.

Nach ; aβ war → Simson ein Nasiräer von Mutterleib an. Zumindest ein Grundbestand der Erzählung in und aβ stammen von demselben Verfasser (anders z.B. Römheld, 44f). In ist zwar v5aα mit dem Verbot, dass kein Schermesser auf das Haupt des Kindes kommen soll, ein Zusatz (vgl. v7 und Römheld, 43ff), aber die Anweisung an die Mutter, keinen Alkohol zu trinken und nichts Unreines zu essen, wurde schon im Grundbestand damit begründet, dass der Knabe „ein Nasiräer Gottes“ sein wird (aβ.7). Dabei handelt es sich um eine spätere Deutung Simsons, die aus der Delila-Erzählung () entwickelt wurde. Nach ihr waren im Unterschied zu den älteren Simson-Überlieferungen in .* die langen Haare Simsons die Quelle seiner Kraft. Da die Nasiräer ihr Haupthaar wachsen ließen, wurde Simson durch die Einfügung von aβ und die Erzählung in zu einem Nasiräer. In dem → Gelübde der → Hanna ist ihr Versprechen (v11bβ), dass kein Schermesser auf das Haupt des erbetenen Knaben kommen wird, ein Zusatz, mit dem in Anlehnung an den Nasiräer Simson betont wurde, dass das Kind JHWH gehören wird.

In nachexilischer Zeit konnten sich Männer und Frauen durch ein Gelübde zu einem zeitweisen Nasiräat verpflichten. Das Nasiräer-Gesetz in hat drei Teile: Grundbestimmungen (), Verunreinigung durch einen plötzlichen Todesfall (), Beendigung des Nasiräats (). Die ursprünglich für einen Nasiräer geltenden Vorschriften werden in erheblich verschärft. Er muss auf alle Produkte des Weinstocks verzichten (v3f) und jeden Kontakt mit Toten, auch den Leichen seiner nächsten Angehörigen, meiden (v6f). Die Verunreinigung an verstorbenen Familienangehörigen war nur noch dem Hohepriester untersagt (). Nach musste der Nasiräer bei Verunreinigung durch einen plötzlichen Todesfall die Mindestopfer einer Frau nach einer Geburt () bzw. die für Verunreinigung durch Ausflüsse vorgeschriebenen Opfer (.) darbringen (das Schuldopfer in aβ ist ein Zusatz). Danach begann das Nasiräat von Neuem, ohne dass die bisherige Zeit angerechnet wurde. Das Nasiräaer-Gesetz endete ursprünglich mit a*. Später wurde durch das Ende des Nasiräats mit dem Kult verknüpft. Durch das befristete Nasiräat erhielten Laien die Möglichkeit, zeitweise heilig zu sein (.), wie es die Priester durch ihr Amt lebenslang waren (vgl. z.B. ). Das Nasiräer-Gelübde enthielt ursprünglich keine Bedingung, die Gott zu erfüllen hatte (anders Cartledge). Später wurde aber das Nasiräat auch für die Errettung aus Not gelobt. Außerdem wurde seine Dauer auf mindestens 30 Tage festgelegt.

Der Begriff „Nasiräer“ wird im Jakob- und → Mosesegen in den beiden Stammessprüchen über → Josef (; ) in übertragenem Sinn für einen Menschen mit einer besonderen Beziehung zu Gott gebraucht. Danach war Josef „der Geweihte (נזיר) seiner Brüder“ (; ). Damit wurde zunächst in die Sonderstellung Josefs in der Josefsgeschichte (; ) aufgegriffen. ist im Jakobsegen ein Nachtrag, in dem abgewandelt wurde. In ist „ihre Nasiräer“ (נזיריה) in „ihre jungen Männer“ (נעריה) zu ändern.

2. Nasiräer im Neuen Testament

Nach . übernahm Paulus für vier Männer die Kosten für das Ende ihres Nasiräats (vgl. ), um seine Treue zum Gesetz zu zeigen. Das galt im Judentum damals als verdienstliches Werk. Umstritten ist, ob sich auf ein Nasiräer-Gelübde des Paulus bezieht. Dagegen spricht, dass ein Nasiräat nur am Jerusalemer Tempel beendet werden konnte. Andererseits ist das Gelübde, seine Haare wachsen zu lassen, für ein Nasiräer-Gelübde charakteristisch. In der Verheißung der Geburt Johannes des Täufers in wird bei der Ankündigung, dass der Sohn nicht Wein und Rauschtrank trinken wird (), das Alkoholverbot für die Mutter Simsons (..) abgewandelt. Der Verzicht auf Alkohol weist hier nicht auf ein Nasiräat, sondern auf die besondere Nähe von Johannes zu Gott hin (vgl. Wolter, 78f).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 6. Aufl., München / Zürich 2004
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Cartledge, T.W., 1989, Were Nazirite Vows Unconditional?, CBQ 51, 409-422
  • Chepey, S., 2005, Nazirites in Late Second Temple Judaism (AGSU 60), Leiden / Boston
  • Kellermann, D., 1970, Die Priesterschrift von Numeri 1,1 bis 10,10 (BZAW 120), Berlin
  • Römheld, K.F.D., 1992, Von den Quellen der Kraft (Jdc 13), ZAW 104, 28-52
  • Schwienhorst-Schönberger, L., 1995, Art. Nasiräer, NBL II, 901-902
  • Wolter, M., 2008, Das Lukasevangelium (HNT 5), Tübingen
  • Zuckschwert, E., 1976, Zur literarischen Vorgeschichte des priesterlichen Nazir-Gesetzes (Num 6,1-8), ZAW 88, 191-205

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