
Abb. 1 Mose errichtet die eherne Schlange (Lukas Cranach).
Nehuschtan ist die hebräische Bezeichnung der ehernen Schlange. Es handelt sich um einen Kultgegenstand, der auf → Mose zurückgeführt wurde und vermutlich eine → Schlange (→ Uräus ?) aus Bronze auf einer Standarte zeigte. Die Schlange stellte wohl ein Lebenssymbol dar, von dem man sich vielleicht speziell bei Schlangenbissen Rettung versprach.
Das eingedeutschte hebräische Wort Nehuschtan
Nach einer vermutlich zuverlässigen Notiz in hat es in Juda – vermutlich im Bereich des Jerusalemer Tempels – einen als Nehuschtan bezeichneten Kultgegenstand gegeben, den König → Hiskia (725-697 v. Chr.) zerstören ließ, obwohl er auf Mose zurückgeführt wurde.
Für das Alter und die historische Zuverlässigkeit der Notiz spricht, dass sie zwar in einem deuteronomistisch formulierten Kontext steht (→ Deuteronomismus), selbst aber kaum deuteronomistisch geprägt ist. Vor allem läuft sie der deuteronomistischen Hochachtung des Mose zuwider. Die mosaische Herkunft der ehernen Schlange musste für einen deuteronomistischen Verfasser höchste Autorität bedeuten. Er hätte diese Herkunft von sich aus nicht herausgestellt, wollte er doch gerade die Beseitigung des Nehuschtan lobend hervorheben. Wäre er seiner theologischen Tendenz entsprechend konsequent verfahren, hätte er die mosaische Herkunft – wenn nicht wie später der Chronist die ganze Notiz (; vgl. Jonker) – verschwiegen, weil sie bei einem illegitimen Kultgegenstand peinlich sein musste. Da die Notiz aber erhalten ist, obwohl sie den antimosaischen Charakter der Aktion Hiskias hervorhebt und damit der Tendenz der deuteronomistischen Überlieferer zuwiderläuft, dürfte sie vordeuteronomistisch sein und historisch Zutreffendes bewahrt haben.
erzählt, wie Israel während der 40-jährigen → Wüstenwanderung murrt und Gott daraufhin eine Schlangenplage schickt. Nach dem Sündenbekenntnis des Volkes gibt er → Mose jedoch den Befehl, eine eherne Schlange zu errichten, die die Opfer von Schlangenbissen ansehen sollen, um dadurch gerettet zu werden. Die Erzählung weist signifikante Übereinstimmungen mit auf (Rückführung auf Mose; „eherne Schlange“ nur dort und in ) und wird deswegen als Gründungslegende des Nehuschtan verstanden.
In der Erzählung fällt der Wechsel der Schlangenbegriffe auf. Gott befiehlt Mose, das Bild eines

Abb. 2 Schlange auf einem Stab (Ägypten; 26. Dyn.-30. Dynastie; 664-343; BIBEL+ORIENT Datenbank).
Im bronzezeitlichen Palästina wurden Schlangen – das zeigen Fundstätten von Schlangenfigurinen (z.B. in → Hazor und → Timna) – häufig mit numinosen Mächten in Verbindung gebracht (s. Keel). Im Jahwe-Kult spielten Schlangen unseres Wissens jedoch keine besondere Rolle. Deswegen dürfte der Nehuschtan ursprünglich zum Kult einer anderen Gottheit – welcher lässt sich kaum sagen – gehört haben, vielleicht als deren Repräsentation.
Die Jahwe-Religion hat den Nehuschtan als Lebenssymbol in ihren Kult integriert. Diese Entwicklung wurde vermutlich auch dadurch legitimiert, dass man eine alte Schlangen-Erzählung (s.o. 2.2.) auf den Nehuschtan, der bei Schlangenbissen Heilung versprach, bezog und damit zu dessen Gründungslegende umgestaltete. Jetzt war es Mose, der die eherne Schlange anlässlich einer Schlangenplage einst auf Geheiß Jahwes erbaut hatte.
Im 8. Jh. hat Hiskia die eherne Schlange zerstört. Warum er dies getan hat, wird nicht gesagt. Falls der Nehuschtan eine ägyptisch geprägte Schlangendarstellung war, entspricht die Zerstörung vielleicht dem Wechsel vom ägyptischen zum assyrischen Herrschaftsbereich und ist als eine Loyalitätsbekundung gegenüber den Assyrern zu verstehen (Swanson; Shanks). Jedenfalls verlor die Gründungslegende mit der Zerstörung ihre Relevanz. Sie konnte in nur in Gestalt einer Murrerzählung überleben, der ein expliziter Verweis auf den Nehuschtan fehlt und in der Mose die eherne Schlange nicht als dauerhaften Kultgegenstand stiftet, sondern im Blick auf eine bestimmte Notlage seiner Zeit. Die Schlangen werden nicht mehr als zufällige Wüstenplage, sondern als eine von Gott geschickte Strafe verstanden, und die Erzählung lehrt jetzt, dass jedem Murren der Tod, der Umkehr hingegen Leben folgt.

Abb. 3 Eherne Schlange und Opferung Isaaks parallelisiert mit dem Kreuzestod Christi (Biblia pauperum; Mittelalter).
1. Deuteronomium. In wird die Erzählung von im Kontext von Rettungstaten Jahwes aufgezählt. Vom murrenden Volk und strafenden Gott ist keine Rede, sondern es geht einzig um Gottes Heilstat.
2. Weisheit Salomos. nimmt die Murrgeschichte auf und setzt den Akzent ebenfalls auf Gottes rettendes Handeln. Der Bau der ehernen Schlange hatte ein pädagogisches Ziel. Mit ihm erhielt das Volk „ein Zeichen der Rettung zur Erinnerung an das Gebot deines Gesetzes“ (). Man soll Gottes Gesetz beachten, nicht weil Gott sonst giftige Schlangen schickt, sondern weil er sich sogar gegenüber beißenden Schlangen als rettender Gott erwiesen hat (→ Weisheit Salomos).
3. Paulus. Gegenüber seinen Gegnern in Korinth hebt Paulus die Bedeutung des rechten Handelns hervor. In verweist er auf die Erzählung von der ehernen Schlange, rückt jedoch nicht das rettende, sondern das strafende Handeln Gottes ins Zentrum. Die Erzählung soll den Korinthern zeigen, dass Sünder getötet werden.

Abb. 4 Briefmarke zum 500. Geburtstag Melanchtons mit dessen Wappen, das die eherne Schlange zeigt (1997).
4. Johannesevangelium. Für den Evangelisten steht in nicht das Tun und Ergehen der Israeliten im Zentrum, sondern die Heilstat Gottes. Wie damals die Schlange, so wird jetzt Christus erhöht, und als der Erhöhte – und zwar als der ans Kreuz erhöhte wie als der zum Vater erhöhte – spendet Christus Leben und ist auch darin der Schlange vergleichbar. Der Nehuschtan, der wohl schon ursprünglich ein Lebenssymbol war, wird hier sachlich völlig zu Recht auf Christus bezogen. Die Schlange an der Stange ist Christus am Kreuz, ist der erhöhte Herr, der Leben spendet. Johannes zieht hier eine Linie zwischen Nehuschtan und Kreuz, die für die christliche Auslegungsgeschichte von große Bedeutung erlangen sollte. In der Kunst findet sich nämlich immer wieder die Darstellung eines Kreuzes mit einer Schlange.
5. Mischna. Der Traktat Rosch ha-Schana hebt in 3,8 einen ethischen Aspekt der Erzählung von hervor.
Tötet denn etwa eine Schlange oder macht eine Schlange lebendig? Nein, sondern: Wenn die Israeliten nach oben blickten und ihr Herz ihrem Vater im Himmel unterwarfen, wurden sie geheilt, und wenn nicht, kamen sie um.
Dass zum rechten Hören die richtige Herzenseinstellung gehört, wird daran veranschaulicht, dass die Israeliten nicht einfach nach oben blicken, sondern auch ihr Herz auf Gott ausrichteten. Die richtige Einstellung war also die Voraussetzung der Rettung. Insofern entscheidet nicht die Schlange über Leben und Tod, sondern das Verhalten des Menschen.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
Bild-Recherche BIBEL+ORIENT Datenbank Online
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