Von dem Namen Moreschet-Gat
Der → Amarnabrief Nr. 335 (EA 335,17) erwähnt den Ort muḫraštu (URUmu-ú’-ra-aš-ti). Die Gleichsetzung ist aufgrund des Langvokals der ersten Silbe möglich, aber in der Fachliteratur umstritten. Im Falle einer Gleichsetzung ist Moreschet als der ursprüngliche Ortsname anzusehen, der sekundär aufgrund der territorialen Zugehörigkeit zu Gat mit diesem Toponym verbunden wurde.
Moreschet-Gat ist als Ortsname nur in erwähnt. Daneben findet sich noch zwei Mal die Wendung hammôraštî „der von Moreschet“ als Herkunftsbezeichnung des Propheten Micha ( [LXX 33,18]; ). ist aus dem Gesamtzusammenhang des Abschnitts zu verstehen. Der Text ist eine in der Form eines Leichenlieds abgefasste Klage über den Verlust verschiedener Orte der judäischen Schefela. Juda bzw. Jerusalem () muss diese Orte abgeben. Meist wird der Textabschnitt als Reaktion auf die Gebietsverluste durch den Feldzug des assyrischen Königs Sanherib im Jahr 701 v. Chr. verstanden. Die Erwähnung von Moreschet in neben bekannteren Orten wie → Lachisch () oder Marescha () ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass Moreschet als Heimatort des namengebenden Propheten gilt (). redet davon, dass „Entlassungsgeschenke zu Moreschet-Gat hinzu“ gegeben werden sollen. Das hebr. Wort für „Entlassungsgeschenke“ (šillûchîm) meint auch Brautgeschenke bei der Entlassung einer jungen Frau in eine andere Familie. Daher wird der Name Moreschet-Gat hier gerne im Sinne eines Wortspiels interpretiert. Hebräisch sprechende Hörerinnen oder Hörer könnten hier ein Wort hören, das von der Wurzel

Abb. 1 Karte zur Lage von Moreschet-Gat.
Der Textzusammenhang von -16 weist auf eine Lage von Moreschet-Gat in der judäischen Schefela. Der Ort sollte in der Nähe von → Gat (= Tell eṣ-Ṣāfī; Koordinaten: 1359.1237; N 31° 41' 58'', E 34° 50' 52'') und → Lachisch (= Tell ed-Duwēr (Koordinaten: 1357.1082; N 31° 33' 54'', E 34° 50' 59'') liegen (). Auch bei einer Gleichsetzung des in EA 335,17 genannten Ortes muḫraštu mit Moreschet-Gat ist an eine Lage bei Lachisch zu denken, weil die entsprechende Passage wahrscheinlich so zu verstehen ist, dass muḫraštu von Lachisch aus eingenommen wird. In der Fachliteratur werden drei Lokalisierungsvorschläge für Moreschet-Gat erwogen.
Das Prophetentargum und die syrische Bibelübersetzung (Peschitta) lesen in „Marescha“ für Moreschet-Gat. Die dabei vorausgesetzte Gleichsetzung mit dem ca. 6 km nordöstlich von Lachisch gelegenen Siedlungshügel von Marescha (= Tell Sandaḥanna; Koordinaten: 1404.1112; N 31° 35' 27'', E 34° 54' 02'') wird jedoch nur mehr vereinzelt vertreten (Horowitz). Gegen die Ansicht, mit Moreschet(-Gat) sei Marescha gemeint, wird vor allem vorgebracht, dass Marescha als einen von Moreschet-Gat unterschiedenen Ort nennt. Etymologisch kann man beide Orte ohnehin nicht miteinander verbinden, da Marescha nicht von

Abb. 2 Tel Goded (Blick Richtung Westen).
Tel Goded / Tell el-Ğudēde (Koordinaten: 1416.1157; N 31° 37' 55'', E 34° 54' 43'') liegt am westlichen Rand der judäischen Schefela zwischen Lachisch im Süden und Gat im Norden. Insofern entspricht er den Voraussetzungen, die vom alttestamentlichen Text her zu erwarten sind. Die Gleichsetzung stützt sich zudem auf frühkirchliche Zeugnisse (Jeremias; Elliger; Keel / Küchler; Schmitt). Eusebius gibt an, Μωρα(σ)θει liege östlich von Eleutheropolis / Bēt Ğuvrin (Koordinaten: 1402.1128; N 31° 36' 28'', E 34° 53' 40''; Onomastikon 134,10f [Eusebs Onomastikon]; vgl. Notley / Safrai, 127 Nr. 714). Dort verzeichnet auch die Mosaikkarte von Madeba den Ort Μωρασθι (Donner 1992, 63 Nr. 86). Petrus Diaconus kennt ein Chariassati, das früher Morastites hieß, am dritten Meilenstein von Eleutheropolis. Sozomenos von Gaza (um 450) erzählt von der Auffindung des Leichnams Michas zur Zeit des Kaisers Theodosius I. in Βηραθσατια Bērathsatia, einem Ort, der zehn Stadien (etwa 2 km) von Eleutheropolis entfernt liegen soll. Alle genannten Angaben weisen auf den ca. 2,5 km nordöstlich von Eleutheropolis / Bēt Ğuvrin gelegenen Tell el-Ğudēde. Hieronymus erwähnt im Reisebericht der Paula einen Kirchenbau in Morasthi (Donner 2002, 161). Ruinen eines byzantinischen Kirchengebäudes auf Chirbet el-Baṣal (Koordinaten: 1408.1144; N 31° 37' 14'', E 34° 54' 10'') ca. 1,5 km südwestlich von Tell el-Ğudēde werden als Reste dieser Kirche am Ort des vermeintlichen Michagrabs gedeutet.

Abb. 3 Columbarium am Osthang von Tel Goded.
Tell el-Ğudēde selbst ist ein ca. 580 m langer Siedlungshügel, der zumindest im Südteil von einer Umfassungsmauer umgeben war. Die Grabungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts erbrachten wenige Reste aus der Frühbronzezeit (Keramik, Gräber) sowie einige fragmentarisch erhaltene Gebäude und 39 Krughenkel mit Königsstempeln (lmlk-Stempel) aus der Eisenzeit II (8./7. Jh. v. Chr.). Die Hauptnutzungsphase lag in hellenistisch-römischer Zeit, als die Umfassungsmauer und ein Wachturm innerhalb der befestigten Siedlung errichtet wurden. In spätrömisch-byzantinischer Zeit entstand eine landwirtschaftliche Anlage. Außerdem wurde ein Columbarium gefunden.
Gegen die Gleichsetzung von Tell el-Ğudēde mit Moreschet-Gat wird eingewendet, dass Michas Heimatort nur ein kleiner Ort gewesen sein könne. Die große Anlage auf dem Tell passe nicht zu dieser Annahme (Schmitt). Die Argumentation ist wenig einsichtig, da Größe und Bedeutung eines Ortes nicht aus der Häufigkeit der Erwähnungen erschlossen werden können. Wesentlicher ist der Einwand, dass spätbronzezeitliche Reste fehlen. Diese sollten belegt sein, wenn Moreschet-Gat mit muḫraštu gleichgesetzt wird. Neueste Untersuchungen geben erste Hinweise auf eine spätbronzezeitliche Siedlung (Dagan). Die entsprechenden Befunde sind jedoch noch nicht ausreichend publiziert.
Der Siedlungshügel (Koordinaten: 1338.1279; N 31° 44' 37'', E 34° 49' 39'') liegt etwa 5 km nordwestlich von Gat im Nahal Barqai und wird deshalb in manchen Publikationen auch Nahal Barqai genannt. Bei den zwischen 1990 und 2000 durchgeführten Ausgrabungen kamen Siedlungsreste der Mittelbronzezeit II (17./16. Jh. v. Chr.), der Spätbronzezeit II (14./13. Jh. v. Chr.), der Eisenzeit II (9. -7. Jh. v. Chr.) und der persischen Zeit (5./4. Jh. v. Chr.) zu Tage. Die Größe der spätbronzezeitlichen Siedlung wird auf 40 ha geschätzt. In der Eisenzeit II existierte eine befestigte kleine Stadtanlage mit einer ca. 1,5 m breiten Kasemattenmauer. Aus der persischen Zeit sind Gebäudereste, Tonfiguren und eine Inschrift bekannt. Die Lage in der Nähe von Gat und der erhebliche spätbronzezeitliche Befund scheinen die Gleichsetzung mit dem in der Amarnakorrespondenz (14. Jh. v. Chr.) belegten Ort muḫraštu und demzufolge möglicherweise auch mit Moreschet-Gat zu stützten (Levin). Die Lokalisierung bereitet jedoch erhebliche Schwierigkeiten. So bleiben die Hinweise auf die Lage in der Nähe von Eleutheropolis, wie sie in Texten der spätrömisch-byzantinischen Zeit belegt sind, unbeachtet. Die entsprechenden Angaben werden als kirchliche Traditionen gewertet, die für eine historisch-topographische Verortung belanglos sind (Levin). Eine solche grundsätzliche Negierung der frühkirchlichen Lokaltraditionen erscheint jedoch nicht gerechtfertigt. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass der Siedlungsplatz nördlich von Gat etwa auf halbem Weg zur Philisterstadt Ekron (Chirbet el-Muqanna‘, Tel Miqne; Koordinaten: 1358.1318; N 31° 46' 43", E 34° 51' 07") und damit rund 20 km nördlich von Lachisch liegt. Von daher ist die Einnahme des Ortes muḫraštu von Lachisch aus, wie sie EA 335 voraussetzt, unwahrscheinlich.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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