Andere Schreibweise: Mischnah, Mishna, Mishnah
Die Mischna ist das erste kanonische Werk der mündlichen Überlieferung des Judentums (mündliche → Tora) und wird allgemein als Gesetzeskodex bezeichnet. Sie ist die wichtigste Sammlung religionsgesetzlicher Überlieferungen (Halacha) des rabbinischen Judentums und bildet die Grundlage der talmudischen Argumentation (→ Talmud). Sie wurde Anfang des 3. Jh.s in → Galiläa im Umfeld von Rabbi (R.) Jehuda ha-Nasi (der „Fürst“) redigiert. Die Sprache ist das sogenannte Mischna-Hebräisch, aramäische Sätze sind selten.
Der Begriff „Mischna“
Die Mischna beinhaltet den autorisierten Teil des bis etwa 230 n. Chr. herausgebildeten jüdischen Religionsgesetzes, Lehren der in dieser Zeit tätigen und diesen zugeschriebenen Tannaiten sowie anonyme Lehrsätze. Mischnische Paralleltraditionen, Zusatzmaterial und von der Mischna abweichende Traditionen aus tannaitischer Zeit sind ebenfalls bekannt und neben Mischnazitaten in der → Tosefta, den halachischen Midraschim (Sg. → Midrasch) oder den talmudischen Baraithot (Sg. Baraitha; außermischnische Traditionen) überliefert. Die Mischna und die → Tosefta beinhalten überwiegend halachische Traditionen, welche zumeist in der Halacha-Form überliefert sind.
Die Mischna besteht (wie die Tosefta und die Talmudim [Sg. → Talmud]) aus sechs Ordnungen (hebr.
Aus der folgenden Übersicht werden Aufbau und Inhalt der Mischna ersichtlich:

Tabellenvorschau (Ausschnitt).
Tabelle: Überblick über die Traktate der Mischna
1. Ordnung: Zera’im „Samen, Aussaat“ (hebr.
2. Ordnung: Mo‘ed „Festzeiten“ (hebr.
3. Ordnung: Naschim „Frauen“ (hebr.
4. Ordnung: Nezikin „Beschädigungen“ (hebr.
5. Ordnung: Qodaschim „Heiligtümer“ (hebr.
6. Ordnung: Toharot „Reinheiten“ (hebr.
Die Forschung betont das hohe Alter der Mischna, welches traditionell bis auf die Zeit des Torastudiums im babylonischen Exil oder sogar auf die Offenbarung am Sinai zurückgeführt wird. Auch der Talmud kennt eine Vorgeschichte der Mischna: „Alle anonymen Aussagen der Mischna sind nach R. Meir […] und alle richten sich nach R. Akiba“ (Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 86a; Text Talmud). An anderen Stellen wird eine redaktionelle Tätigkeit von R. → Akiba angenommen: „[…] als R. Akiba seinen Schülern Halachot ordnete“ (Tosefta, Traktat Zavim 1,5) oder „R. Akiba, der Midrasch, Halachot und Haggadot festlegte“ (Jerusalemer Talmud, Traktat Scheqalim 5,1 48c; Text Talmud 2).
Auch die rabbinische Literatur geht von verschiedenen Vorstufen der Mischna aus. Einzelne Traktate werden frühen Autoritäten zugeschrieben, so z.B. Tamid dem R. Simeon aus Mizpa (Jerusalemer Talmud, Traktat Joma 2,3 39d) und Middot dem R. Eliezer ben Jacob (ebd. und Babylonischer Talmud, Traktat Joma 16a). Beide Rabbinen lebten vor dem Redaktor der Mischna, R. Jehuda ha-Nasi, beide Traktate thematisieren den Tempeldienst oder den Tempel und belegen alte Sprachwendungen. Auch der Traktat Edujot zeichnet sich durch seine inhaltliche und formale Sonderstellung aus. Er fügt, beginnend mit → Hillel und → Schammai, Lehrmeinungen verschiedener Gelehrter an, die zum Teil an inhaltlich-passender Stelle in anderen Traktaten wiederholt werden. Diese Merkmale sprechen für ein höheres Alter dieser Traktate gegenüber anderen Mischna-Traktaten. Eine detaillierte Beurteilung dieser Traditionen in der Genese der Mischna ist jedoch weitaus komplexer.
Offen bleibt, ob die mündliche Überlieferung direkt aus dem biblischen Wortlaut abgeleitet (Midrasch-Methode) oder neben dieser eigenständig tradiert wird (Mischna-Methode; → Midrasch). Während Erstere Bibelverse direkt kommentiert, fasst Letztere in den meisten Fällen das Material ohne Bibelbezug zusammen. Einige Forscher plädieren für den Übergang von der älteren midraschischen Bibelexegese zur mischnischen Methode lange vor der Entstehung dieser Werke. Nach D. Halivni verdrängt die Mischna-Form erst nach 70 n. Chr. aufgrund der historischen Umstände die Midrasch-Form, ohne sich jedoch dauerhaft durchzusetzen. Andere Forscher gehen im Gegensatz dazu von einer gesonderten Entwicklung der mündlichen Tradition aus, welche sich nicht aus einer Exegese oder Kommentierung des Bibeltextes heraus entwickelt hat, sondern aus der situationsgebundenen Weiterentwicklung von biblischen Stoffen und Themen, sei es in Übereinstimmung mit dem Wortlaut der Tora oder nicht. Dies zeigt sich bereits daran, dass in der Mischna auf 517 Kapitel nur 265 Bibelzitate kommen. Bereits Wilhelm Bacher hat darauf hingewiesen, dass der Ausdruck halakha le-Mosche mi-Sinai („Halacha des Mose vom Sinai“) in der tannaitischen Literatur gerade jene halakhot umfasst, die sich nicht aus dem Pentateuch ableiten lassen (1914, 33-46). Die Mischna-Form sei demnach ursprünglicher als die Midrasch-Form. Des Weiteren wird eine vermittelnde Ansicht diskutiert, nach der sich einige Halachot aus der Schrift ableiten lassen und andere sich unabhängig von dieser entwickelten (Epstein, 1957; Albeck, 1971).
Gemäß der communis opinio der Forschung wurde die Mischna durch Rabbi Jehuda ha-Nasi (kurz „Rabbi“) in Galiläa Anfang des 3. Jh.s n. Chr. redigiert. Auch wenn es dafür keinen eindeutigen Beweis gibt, sprechen alle Hinweise für diese Annahme. Das Textkorpus der Mischna hat sich aber auch in der Generation nach Rabbi weiter verändert, wovon unter anderem die Nennung Rabbis in Kontroversen mit anderen Tannaiten oder die Erwähnung seines Sohnes zeugen. Es ist demnach vielmehr von einem Redaktionskreis um Rabbi als von der Redaktionstätigkeit eines Einzelnen auszugehen. Die Redaktion erfolgte ungeachtet vereinzelter rabbinischen Äußerungen zum Schreibverbot der mündlichen Tradition (Stemberger, 42-44). Nach Albeck (1971, 157) dient die Mischna vornehmlich als Quellensammlung, nach Goldberg (1987, 227) als Lehrbuch und nach Epstein (1957, 224-226) als Gesetzeskanon. Für das vorherrschende Interesse jeder dieser Kategorien lassen sich gute Gründe heranziehen; ein Nebeneinander dieser Zwecke scheint ebenso wahrscheinlich wie eine Entwicklung zum Korpus mit Lehrbuchcharakter. Die Überlieferung der Mischna erfolgte wohl durch ein präzises Auswendiglernen des Stoffes durch extra dazu geschulte Schüler (welche auch Tannaim genannt wurden, dazu Lieberman). Bereits kurze Zeit nach der Redaktion und Verbreitung der Mischna wurde sie kanonisiert, wenngleich danach immer noch geringfügige Textänderungen möglich waren.
In der Mischna werden Aussagen verschiedenen Rabbinen zugeschrieben, aber auch anonym übermittelt. Die in der Mischna zitierten Tannaiten (aram.
Die Tannaiten werden traditionell in fünf Generationen unterteilt. Die wichtigsten Tannaiten der Mischna sind die Zeitgenossen und Kontrahenten R. → Akiba und R. Jischmael (jeweils zweite tannaitische Generation, ca. 90-130 n. Chr.) und ihr Schülerkreis. Besonders häufig werden die Schüler Akibas genannt, was auch darauf zurückzuführen ist, dass die Mischna große Teile der Tradition dieser „Schule“ übernimmt. Als wichtigste Schüler Akibas gelten R. Meir (zunächst Schüler Jischmaels, dann Akibas, wird ca. 300 Mal in der Mischna erwähnt), R. Jehuda bar Ilai (wird ca. 600 Mal in der Mischna erwähnt) oder R. Eliezer (wird ca. 400 Mal in der Mischna erwähnt).
In Aufbau und Inhalt gleicht die Mischna der → Tosefta (aram.
Zahlreiche mischnische Parallelen finden sich auch in den halachischen bzw. tannaitischen → Midraschim (Mechilta, Sifra und Sifre), häufig durch die Formel „von hier aus sagten sie (die Weisen)“
Bis Mitte der gaonäischen Epoche (9. Jh. n. Chr.) war die Kommentierung der Mischna integraler Bestandteil des Textkorpus der Talmudim, im weitesten Sinne sind auch viele Tosefta-Halachot und Baraithot als Kommentar zur Mischna aufzufassen. Kanonisch ist der arabisch verfasste Kommentar von → Moses Maimonides (1138-1204), er beinhaltet unter anderem eine Abhandlung zum Traktat Avot (→ Pirqe Avot) und zu Sanhedrin Kap. 10 (Pereq Cheleq). Zwischen dem 11. und dem 14. Jh. erschienen mehrere Auslegungen besonders zu den Ordnungen Zera’im und Toharot. Von Wichtigkeit ist ein von Obadja von Bertinoro (Italien, seit 1486 Jerusalem) verfasster nahezu vollständiger Kommentar, welcher von Jom Tov Lipmann Heller (1529-1654, Rabbiner in Prag und Krakau) ergänzt wurde (Kommentar: Tosafot Jom Tov). In den traditionellen Mischna-Ausgaben finden sich neben Maimonides und Bertinoro (mit Heller) meist die Kommentare von Salomo ha-Adani (geb. 1567, Kommentar: Melechet Schlomo), vom Gaon Elija von Wilna (1720-1798) sowie von R. Jisrael Lipschütz (1782-1861, Kommentar: Tif’eret Jisrael).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
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