
Abb. 1 Michael mit einem Schild mit der Aufschrift „Quis ut deus“ (Mittelpfeiler des Nordportals des Kölner Doms; 19. Jh.).
Der hebräische Name „Michael“
Vergleichbar ist der Name „Michajahu“
Nach Rabbi Simeon ben Lakisch (230-270 n. Chr.) sind die Namen der Engel von den Juden aus Babylon „mitgebracht“ worden. Tatsächlich erscheinen sie erst in der nachexilischen Literatur. Diese Bemerkung kann sich jedoch nicht auf die (hebräischen) Namen als solche, sondern nur auf die Idee beziehen, Engelsgestalten zu individualisieren und ihnen Eigennamen zu geben.
Der Name Michael ist im Alten Testament mehrfach als Eigenname von Menschen belegt: In ist es der Vater von einem der zur Erkundung des verheißenen Landes ausgesandten Männern. Weiter wird der Name in .; ; ; ; ; ; ; erwähnt. Dabei dürfte es sich jeweils um unterschiedliche Personen handeln. Dies zeigt, dass der Name in der Perserzeit recht beliebt war.
Der Name „Mischael“ wird nur für Menschen gebraucht: In und handelt es sich um den Sohn des Uziel, → Aarons Onkel. In heißt einer der elf Gefolgsleute Esras Mischael. Im Danielbuch begegnet der Name in .. und einer der Jünglinge im Feuerofen heißt so ().

Abb. 2 Brustbild des Erzengels Michael (Ikone von Andrej Rubljow; 15. Jh.).
Im Buch → Daniel trägt ein Engel den Namen Michael. In redet ein namenloser Engel zu Daniel und verweist darauf, dass er durch Michael Hilfe erfahren habe, den er als „einen unter den ersten Fürsten / Engelfürsten
In markiert das Auftreten Michaels als des „großen Engelfürsten“
Um die biblischen Zitate des Engel-Namens Michael einordnen zu können, gilt es zwischentestamentliche Schriften einzubeziehen. Im Buch der Wächter (äthHen 1-36; Text Pseudepigraphen; → Henoch) wird Michael in besonderer Weise dem Volk Israel zugeordnet. Im Buch der Träume (äthHen 83-90) wird ihm das Gericht über die gefallenen Engel übertragen (äthHen 90,21f.).
Mehrfach wird Michael zusammen mit weiteren Namens-Engeln erwähnt: als Paar mit → Gabriel, als Trio mit Gabriel und Uriel und als zentrale Figur einer Siebener-Gruppe (z.B. äthHen 87,2; 90,22).
In äthHen 20,5 wird die besondere Rolle Israels (als „bester Teil der Menschheit“) derart hervorgehoben, dass ein Vergleich mit anderen Völkerengeln hier gar keinen Platz hätte: es geht um die besondere Rolle Israels im Weltgeschehen, nicht um eine Völkerhierarchie. Intendiert ist also nicht die Aussage einer ethnischen Qualifikation, sondern die einer ethisch-theologischen Vergewisserung.
Im Neuen Testament wird Michael als „Erzengel“ ἀρχάγγελος archangelos im Judas-Brief () genannt. Die Bezeichnung „Erzengel“ kommt in der ganzen Bibel nur an dieser einen Stelle vor. Der Autor bezieht sich auf eine Überlieferung, die Michael im Streit mit dem Teufel um den Leichnam des Mose schildert. Michael habe in dieser Situation nicht zum Mittel der Selbstjustiz gegriffen und seinen Gegner verdammt, sondern das Urteil Gott selbst überlassen. In führt Michael das Engelheer im apokalyptischen Endkampf gegen den Drachen und dessen Heer zum endgültigen Sieg.
Im Koran findet Michael (mîkā’el) ein einziges Mal Erwähnung. In Sure 2,98 wird den Feinden Allahs gedroht, die zugleich die göttlichen Boten verachten – insbesondere Gabriel und Michael.
Die jüdische Auslegungstradition hat eine ganze von Michael geführte Heilsgeschichte nachgezeichnet, indem sie ihn als legitimen Repräsentanten Jhwhs betrachtet. Michael wird eine zentrale kultische Funktion zugeordnet; er wird zur obersten Instanz in einer Reihe von Vermittlungen zwischen Jhwh und seinem Volk.
Michael rettete Abraham aus dem Feuerofen, in den ihn die Chaldäer ihres Glaubens wegen geworfen hatten (; Bereschit Rabba Par. 44). Er beschützte Sara, damit Abimelech ihr nicht zu nähe träte (; Pirke de Rabbi Eliezer c. 26). Michael war der vornehmste unter den drei Männern, die vor Abraham erschienen, um Sara die freudige Botschaft von der bevorstehenden Geburt Isaaks zu verkündigen (Babylonischer Talmud, Traktat Baba Mezia 86b). Michael und Gabriel gingen anschließend weiter nach Sodom, Gabriel um Sodom zu zerstören, Michael um Lot zu erretten (Bereschit Rabba Par. 49 zu ). Michael bewahrte Isaak vor dem Opfertod (), hinderte Laban, Jakob ein Leid anzutun (Pirke de Rabbi Eliezer c. 36) und war der ominöse „Mann“, der in mit Jakob rang und ihn dann segnete (Jalkut Schimoni I, 39.2). Er entführte Aseneth, die Tochter Sichems und der Dina, nach Ägypten, als Jakobs Söhne sie töten wollten, und bewahrt sie als zukünftige Gattin für Joseph (Pirke de Rabbi Eliezer c. 38). Michael machte den Einspruch Usas, des Schutzengels Ägyptens, gegen Israels Auszug zunichte (Jalkut Schimoni I, 241), führte die Israeliten auf der Wanderung durch die Wüste (Abarbenel zu ), schlug das Heer Sanheribs und der Assyrer () vor Jerusalem (Schemoth Rabba, Par. 18 zu ) und verteidigte die Israeliten im Himmel, je mehr Haman sie auf Erden anklagte. Er erinnerte den König an Mordechai (), der dann zu großen Ehren erhoben wurde. Nach der Apokalypse des Mose verdankt Israel ihm die Vermittlung des Gesetzes. Nach dem Midrasch vom Tode Moses lehnt Michael es – aus Respekt vor Mose – ab, dessen Seele zu holen.
Michael war auch an der Einsetzung des Priestertums beteiligt (Targum Jonathan zu ). Dem → Baruch begegnete Michael im „fünften Himmel“ als „Schlüsselbewahrer des Himmelreiches“: In einer großen Schale bringt der Engel dort die Tugenden und guten Werke der Gerechten vor Gott. Die Schutz- und Geleitengel der einzelnen Menschen bringen deren Tugenden (in Form himmlischer Blumen) zu bestimmter Stunde als Kampfprämien (vgl. und ) vor Michael.
Michael scheint auch für die Koordination von Schutzengeln und deren menschlichen Schutzbefohlenen zuständig zu sein, denn an ihn richten sich die über „schlechte Menschen“ gesetzten Engel.
Den Spannungsbogen des eschatologischen Gerichts (vgl. äthHen 83-90) bildet die scharfe Antithetik von Ankläger (Satan) und Fürsprecher (Michael). Diesen Aspekt arbeitet die rabbinische Interpretation dann illustrativ aus zur Hoffnung der Frommen auf Bewahrung im Endgericht.
Der im äthHen 89,61ff. genannte Schreiber, der den Israeliten in der Zeit der letzten Not zur Hilfe kommt, ist nach traditioneller Interpretation Michael. In seiner Gestalt konvergieren die Aspekte forensischer und präsentischer Rechtfertigung: der erste findet seine Ausprägung in der Vorstellung des endzeitlichen Ringens zwischen Samael und Michael; im Sinne präsentischer Rechtfertigung dagegen wird Michael als kultischer Mittler angesehen: er steht über dem Jerusalemer Tempel, leistet ständig Fürbitte für sein Volk und ist außerdem Wächter der täglichen Ethik.

Abb. 3 Michael als Bezwinger des Teufels (Plastik von August Vogel [1859-1932] über dem Portal von St. Michaelis, Hamburger Neustadt).
In der christlichen Tradition wird Michael vor allem die Rolle des Bezwingers des Bösen zugeschrieben, das in Gestalt eines Drachen (Apokalypse) oder des Teufels von Michael mit dem Schwert besiegt wird. In der kirchlichen Architektur spiegelt sich diese Funktion darin, dass Michael oft im Westchor von Kirchen dargestellt ist: Er soll die Mächte der Dunkelheit abwehren.
Mit dieser wehrhaften Funktion gegenüber der Finsternis ist auch Michaels Rolle als „Hüter der Schwelle“ verbunden. Er gilt als Seelenwäger. Neben dem Schwert ist deshalb sein zweites Attribut die Waage (vgl. hierzu die ägyptischen Götter Thot, → Horus und → Anubis und den akkadischen Weisheitsgott Nabu). Im Volksglauben verfügt Michael über ein Verzeichnis der Taten jedes Menschen, das erstmals im Moment seines Sterbens, dann aber nochmals im Jüngsten Gericht vorgelegt wird und Grundlage für den Richtspruch über den betreffenden Menschen ist. Doch endet die Begleitung durch den Engel nicht an dieser Stelle, sondern Michael ist auch Geleiter der Toten in die unbekannten Dimensionen jenseits der irdischen Existenz.
In Anlehnung an den oben dargelegten biblischen Befund (Danielbuch, Judasbrief und Apokalypse des Johannes), sowie an das äthiopische Henochbuch, wird Michael als Anführer der himmlischen Heerscharen bezeichnet.
Im Westen wurde 493 n. Chr. von Papst Gelasius I. der 29. September zum Tag des Michael erklärt und später erweitert zum „Tag des Erzengels Michael und aller Engel“. In der Ostkirche hingegen ist der 8. November Feiertag der Engel und in Ägypten der 12. November.
In der Volksfrömmigkeit hat Michael außerdem eine besondere Verbindung zum Wasser. In Kleinasien (Pythia, Bithynien, Chonae) sind Michael eine Reihe von Thermal- und Heilquellen geweiht. Das Zentrum dieser phrygischen Engelverehrung ist Chonae. Dort soll Michael im dritten Jahrhundert die Heilquelle vor den Bedrohungen durch Heiden bewahrt haben (Feiertag 6. September).
In Konstantinopel soll Michael dem Kaiser Konstantin erschienen sein – und zwar als Antwort auf die Gebete des Erzbischofs Gregors des Großen von Rom (590-604) um Befreiung der Stadt Rom von der Pest. Nach der Überlieferung erschien Michael mit dem Schwert in der Hand über dem Hadriansmausoleum, worauf Gregor dieses „Engelsburg“ nannte. Der Legende nach zeigte sich Michael im Jahre 708 dem Hl. Aubert, damals Bischof von Avranches (Normandie), auf den die Errichtung des Mont-Saint-Michel zurückgeht.

Abb. 4 Mohammed mit den Engeln Gabriel, Michael, Israfil und Azrail auf der Reise nach Mekka (türkische Miniatur 1595).
Wenngleich Michael im Koran nur ein einziges Mal Erwähnung findet (Sure 2,98), wird er doch als einer der vier Erzengel häufiger in der arabischen Literatur und in Kommentaren des Koran genannt. Ausserdem hat Michael einen unbestrittenen Platz in der muslimischen Frömmigkeit.
Nach arabischer Interpretation nimmt der Erzengel Michael eine ähnliche Rolle gegenüber dem Judentum ein, wie sie Gabriel (jibrîl) – als Überbringer des Koran – im Blick auf den Islam zugeordnet wird. Dementsprechend wird Michael stets die zweite Position, Gabriel hingegen die erste zugeordnet.
In seinem Kommentar zur Zweiten Sure spricht Baiawi (gest. 1286) über die Position der beiden Erzengel: Ein gewisser Omar befragte einst jüdische Schüler, um sich über Gabriel belehren zu lassen. Die Schüler erklärten, Gabriel sei ihr Feind, Michael hingegen sei der Engel des Friedens und des Wohlstands. Als Antwort auf Omars Frage nach der jeweiligen Position Michaels und Gabriels vor Gottes Thron erklärten sie, daß Gabriel zur Rechten, Michael zur Linken Seite stünde. Omar beklagte ihre Unwahrhaftigkeit und erklärte, wer Gott und seine Engel verachten würde, dem werde Gott selber auch zum Feinde. Zu Mohammed zurückgekehrt fand Omar eben diese Erklärung in der Zweiten Sure (98) des Koran.
Darüber hinaus werden Michael – in Anlehnung an die jüdische und die christliche Tradition – mehrere Funktionen in Verbindung mit koranischen Zitaten zugeschrieben: Zur Erschaffung des Adam (Sure 23,13) sendet Allah zunächst Gabriel, dann auch Michael aus, um den zur Schöpfung benötigten Lehm zu bringen. Nach der Vertreibung aus dem Paradies (Sure 2,37) wird Eva von Michael getröstet (Adam hingegen von Gabriel). Einer der drei Engel, die Abraham nach besuchen, wird als Michael identifiziert. Mohammed soll sich auf seinem Totenbett der Fürbitte Gabriels und Michaels anbefohlen haben. Im himmlischen Tempel (im siebenten Himmel, vgl. äthHenoch) nimmt Michael die Rolle des Imam, des Vorbeters, wahr. Im Jüngsten Gericht wird Michael einer der vier Engel sein, die nach Auslöschung aller anderen Kreaturen überleben werden.

Abb. 5 Ganzkörperdarstellung des Erzengels Michael (Ikone; 14. Jh.).
In den orthodoxen Kirchen findet sich auf Ikonen häufig die Darstellung der Synaxis (Versammlung) von Michael und Gabriel (Ikonen des Erzengels Michael im Internet). Als Deesis-Engel gesenkten Hauptes flankieren sie den Thron des Christus-Pantokrator (Allherrscher) oder den präexistenten Christus Immanuel (vgl. z.B. das Mosaik über der Königstür der Hagia Sophia in Konstantinopel).
Allein ist der Erzengel Michael in der orthodoxen Ikonographie häufig als Brustbild (Abb. 2), doch teilweise auch als ganze Gestalt (Abb. 5) dargestellt. Seine Merkmale sind Flügel, oft Soldatenkleidung und ein Schwert.
Als Archistrategos (Anführer der himmlischen Scharen) und Bezwinger des Teufels (Abb. 3) findet sich Michael sowohl in orthodoxer wie auch in westkirchlicher Tradition: Er reitet bisweilen auf einem feurigen Pferd und stößt mit seiner Lanze, einem Speer oder einem Kreuz in Richtung des sich am Boden windenden Drachens. In der orthodoxen Ikonographie kommt es zu einer Häufung der Accessoirs: Inmitten der geschilderten Kampfszene bläst Michael außerdem noch die Posaune, schwingt ein Räucherfass und hält ein Evangeliar.

Abb. 6 Erzengel Michael rettet die Seele Evas (Stundenbuch „Grandes Heures de Rohan“; 1430).
Dramatisch ist Michaels Eingreifen auch in der Ikonographie zur oben erwähnten Tradition von der Rettung Evas: Der Erzengel naht sich der düsteren Gestalt des Todes, um ihm die als kleine nackte Menschengestalt dargestellte Seele zu entreißen (Abb. 6).

Abb. 7 Michael mit der Weltkugel (Basilica Euphrasiana, Poreč, Kroatien; Mitte 6. Jh.).
Als Schutzherr der byzantinischen Kaiser trägt Michael neben dem Schwert auch oft die Sphaira (Weltkugel; Abb. 7) mit dem Christusmonogramm (IHS oder IC). In der Westkirche prangt auf Michaels Schild hingegen bisweilen die Frage „Quis ut Deus?“ („Wer ist wie Gott?“; Abb. 1).

Abb. 8 Michael als Seelenwäger (Jüngstes Gericht [Ausschnitt]; Rogier van der Weyden, 1443-1446).
In den orthodoxen Kirchen feiert man am 6. September das Wunder des Erzengels Michael in Chonae. Die entsprechenden Ikonen zeigen Michael mit einem langen Stab (dessen Ende bisweilen wie ein winziger Dreizack ausgestaltet ist).
In der abendländischen Kunst wurde Michael seit dem Mittelalter oft als Seelenwäger mit Waage und Schwert dargestellt (Abb. 8).
In arabischen Miniaturen finden sich Gabriel, Michael, Raphael und Azrail als Begleiter des Propheten Mohammed auf seiner Reise nach Mekka (Abb. 4).
In dem von John Milton 1667 veröffentlichten Versepos „Paradise Lost“ kommt Michael eine zentrale Rolle zu. Als Anführer der Engel leitet er die himmlischen Heerscharen im Kampf gegen Satan.
William Peter Blatty veröffentlichte 1971 seinen Roman „Der Exorzist“ (Verfilmung 1973). Darin verarbeitet er Tagebuchaufzeichnungen des amerikanischen Jesuitenpaters Raymond Bischop, der von der Vision eines dreizehnjährigen Jungen berichtet. Michael sei ihm erschienen und habe Satan aus seinem Körper vertrieben.
Der Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein behandelt u.a. Michael in seinem Buch „Krieg der Engel“ (2006). Auch hier bekämpft der Erzengel das Böse in Gestalt des Asasel (→ Sündenbock).
Auch wenn der Titel „Michael“ es nahe legen könnte, nimmt der 1996 unter der Regie von Nora Ephron erschienene Film mit John Travolta in der Titelrolle die aus der sakralen Literatur bekannten Motive der Erzengelgestalt nicht auf.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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