Keniter
Kain ist der Brudermörder (vgl. zu diesem Stereotyp im „Image der Nomaden“ auch ., der vom Ackerland vertrieben zum Viehzüchter in der Steppe wird). Die beiden Vertreibungsgeschichten und durchmessen den konzentrisch organisierten Raum des klassischen orientalischen Dorfes seit dem Chalkolithicum (Wagstaff; Portugali): die Menschheit wird vom Garten erst auf den Acker () und vom Acker in die umgebende Steppe geschickt (). Zugleich fasst diese biblische „Evolutionstheorie“ in narrativer Form anschaulich die soziale und wirtschaftliche Evolution im Vorderen Orient vom 9. bis zum frühen 1. Jahrtausend v. Chr. zusammen.
Dass der „Pastoralnomade“ Kain zum ersten Städtegründer wird (), zeigt, dass für die bäuerlichen Trägerinnen und Träger dieser Überlieferung die „Stadt“ eine noch einmal fremdere (und sozial entferntere) Welt war als das Leben der Nomaden. Kain ist über Lamech, den Bluträcher ohne Ziel und Maß, und seine Kinder der Stammvater aller Vieh züchtenden Zeltbewohner (Jabal), der Wander-Musikanten (Jubal) und der ambulanten Bronze- und Eisenschmiede (und Eisengießer; Tubal-Kain) sowie vielleicht der Prostituierten (die „Liebliche“ heißt deren Schwester Naama; ).
Dass ein mythischer Ahnherr nicht nur Völker, sondern auch Berufsgruppen als Nachkommen hat, setzt eine Gesellschaft voraus, in der „ethnische Arbeitsteilung“ herrscht, also z.B. Bauern andern „Stämmen“ oder „Völkern“ angehören als Viehzüchter oder Händler. Solche Verhältnisse lassen sich in Israel seit dem 8. Jh. v. Chr. nachweisen.
Die Blutrache, Kain von Gott zur Minimierung der Gewalt anvertraut (Wellhausen), pervertiert in der Generation seines Nachkommens Lamech zum Blutrausch (). Es ist anzunehmen, dass in die prototypische Erzählung über Kain Elemente der Lebensweise des Stammes der Keniter eingegangen sind. Qain bezeichnet im Arabischen unter anderem den Schmied (und sein Femininum Qaina die Sing- und Unterhaltungs-Sklavin, vgl. dazu hebr.
Die Etymologie wie die geographische Verteilung der Belege für den Stamm nähren die Vermutung, dass es sich bei den Kenitern um eine Gruppe von Nichtsesshaften handelte, die Viehzucht und Metallurgie betrieben.
Unspezifisch ist , die einzige Stelle, an der die Keniter unter den „Vorbewohnern“ des Landes erscheinen, untypisch ist hier auch ihre Klassifizierung, denn sie sind sonst Mitbewohner der Judäer und Israeliten (nur . steht außerdem noch dieser Position nahe).
Die übrigen Belege finden die Keniter entweder (a) im Negev oder (b) in der Jesreel-Ebene.
a) Keniter im Negev. In sind die Keniter neben den Judäern und den Jerachmeelitern einer von drei Stämmen, die den Negev unter sich aufteilen, in sind sie einer der vier Stämme („die in Hebron“ sind die Kalebiter; → Kaleb), denen → David Beuteanteile nach seinem Amalekiter-Sieg überweist und so die Gründung des Stämmestaates „Groß-Juda“ aus eben jenen vier Stämmen vorbereitet. Diese Texte gehören zum Grundbestand der David-Überlieferung und sind spätestens im 9. Jh. entstanden.
Die Keniter wurden in Juda offensichtlich nie voll assimiliert. Bei den Orten Kina (; = Chorvat ‘Uzzā [Chorvat Uzza] / Chirbet Ġazze am Oberlauf des Nachal Beerscheba bzw. am Wādī l-Qênî; Koordinaten: 165.068; N 31° 12' 34'', E 35° 09' 56'') und Kajin (; wohl = Jaqîn, südöstlich von Hebron) dürfte es sich um zwei kenitische Niederlassungen in – oder genauer, an – den Grenzen Judas gehandelt haben (sie liegen am Rand der Steppe), deren Existenz . legitimiert (Mittmann).
führt die Keniter hingegen in einem Nachtrag zu den Genealogien der „Halbjudäer“ Jerachmeel und Kaleb auf den Stammvater der Rekabiter zurück. Hier dürfte das hellenistische „Image der Nomaden“ Pate gestanden haben, wie es etwa zur gleichen Zeit bei Hieronymos von Kardia (ca. 360 bis nach 272 v. Chr.) begegnet. Die Annahme von , dass die Keniter zur Zeit → Sauls unter den → Amalekitern gewohnt haben, ist kaum verlässlich, denn der Text ist ein spätes Recasting älterer Traditionen wie und selbst . Im vierten → Bileamspruch führt die Aussage über die Keniter (. zwar möglicherweise ebenfalls in den Negev (nicht zwingenderweise), doch werden sie hier wie die Amalekiter behandelt und durch die Terminologie („dein Nest ist auf Felsen gebaut“) den Edomitern gleichgestellt (vgl. ; ). Hier sind die Keniter (wie wohl schon die Amalekiter in ) nichts weiter als ein traditioneller Deckname für eine vermutlich bereits arabische Gruppe am südlichen oder südöstlichen Horizont Judas und das sie bedrohende „Assur“ entweder das Achämenidenreich (um 400 v. Chr.) oder bereits ein hellenistischer Herrscher (nach 312/11 v. Chr.).
b) Keniter in der Jesreel-Ebene. Während die Keniter im Negev und am Rand des judäischen Siedlungsgebietes durchaus toponomastische Spuren hinterlassen haben (Wādī l-Qênî, s.o.), spielt im → Deborah-Lied eine Keniterin die weibliche Hauptrolle, indem sie den feindlichen Feldherren → Sisera (ein Name aus dem linguistischen Milieu der Seevölker) bei der gastlichen Begrüßung in ihrem Zelt erschlägt (; → Jael). Der Schauplatz der Handlung ist, da Sisera zu Fuß flieht, nicht allzu weit vom → Kischon entfernt zu suchen, also sicher noch in der Jesreel-Ebene. Die Geographie wird durch den Prosa-Kommentar . zum Deborah-Lied verunklart, der König Sisera zum Feldherrn → Jabins von → Hazor macht und Jaels Zelt deshalb nach → Kedesch Naftali verlagert. Das Deborah-Lied kann aus sprachlichen und literaturgeschichtlichen Gründen schwerlich nach der ersten Hälfte des 9. Jh.s entstanden sein, aus historischen Gründen allerdings auch nicht vor Sauls Gründung des Stammeskönigtums Israel (Guillaume). Wie immer es mit der Historizität der darin besungenen Taten steht, muss das Auftauchen einer Keniter-Familie in der Jesreel-Ebene für die (nord)israelitischen Autoren bzw. Autorinnen und ihr Erstpublikum ein plausibles Element ihrer Lebenswelt gewesen sein.
Scheidet man die im innerbiblischen Traditionsprozess entstandenen Belege für die Keniter (wie ) aus, ergibt sich ein Widerspruch zwischen dem großen und einflussreichen Stamm von , der ein Drittel des Negev beanspruchen kann, und der „Streulage“ der übrigen Belege (eine einzelne Sippe / Familie im Norden, ein Berufsverband ambulanter Dienstleister, das Verhältnis der beiden kenitischen Siedlungen – Chorvat ‘Uzzā und Jaqîn – zueinander, zwischen denen keine territoriale Kontinuität besteht). Diese Diskrepanz läst sich diachron auflösen: ein Stamm des Negev geriet noch im 10. Jh. v. Chr. unter politischen oder demographischen Druck, worauf er sich auflöste. Mindestens zwei verschiedene Sippen schlossen sich Juda an und wurden in Kina / Chorvat ‘Uzzā und Kajin / Jaqîn sesshaft, andere Familien wanderten bis in den Norden. Eine „Katastrophe“ der Keniter kann auch der Erzählung zugrunde liegen (muss aber nicht).
Alternativ könnte man von der Etymologie des Stammesnamens und von ausgehend argumentieren, dass Keniter alle nichtsesshaften Metallurgen in der frühen Eisenzeit waren, die im genealogischen Ordnungsdenken der Zeit zu einem „virtuellen Stamm“ zusammengefasst wurden (analog der „Leviten“). Damit wäre die relative Stärke einer Gruppe von Kenitern und ihr Anspruch auf ein großes, überwiegend als Weidegebiet zu nutzendes Territorium in allerdings schwer zu erklären.
Kupferbergbau und -verhüttung durch nicht sesshafte (oder jedenfalls nicht völlig sesshafte) Gruppen (und jedenfalls niemals ganz ohne deren Beteiligung) ist vom 13. bis zum 10./9. Jh. v. Chr. sowohl für → Timna als auch für das Feinan-Gebiet südlich des Toten Meeres nachweisbar, nördlich davon für Tell Dēr ‘Allā (→ Sukkot [Tell Der Alla]) im östlichen Jordantal. Die „nomadische Kupferindustrie“ der → Araba in der frühen Eisenzeit füllte die Marktlücke, die der zeitweilige Zusammenbruch der Versorgung mit zyprischem Kupfer hinterließ (Knauf / Lenzen). Entsprechend lagen Phönizien und seine Einflusszone (bis und mit Sichem) darnieder, während der Süden (Philistäa und seine negevitische und judäische Peripherie) und der Osten, d.h. besonders die Anlieger des (Jordan-)Grabenbruches florierten, wobei an den meisten Großsiedlungen („Städten“) dieser Region in der Eisen-I-Zeit inzwischen auch Kupferhandel oder Kupferverarbeitung nachzuweisen ist (Tel Masos, Tel Rehov, Tel Kinrot, Dan). Die Küste, also Philistäa, war durch den Nachal Beerscheba und durch das Gebiet von Benjamin und Jerusalem mit dem Osten verbunden (daher dann die Bedeutung dieser Gebiete und ihrer Bewohner gerade in den Saul- und David-Traditionen), → Megiddo durch die Jesreel-Ebene und die Bucht von → Bet-Schean ebenfalls. Diese wirtschaftsgeschichtliche Konstellation erklärt den Aufstieg und Fall der Keniter.
Tel Masos war im 10. Jh. v. Chr. Zentralort eines bis in das Negev-Hochland ausstrahlenden Häuptlingtums (Finkelstein). Die Möglichkeit, das Häuptlingtum von Masos mit den biblischen Kenitern zu verbinden, hängt davon ab, ob man es vor (Herzog / Singer-Avitz) oder nach → Scheschonqs Palästina-Feldzüge in der 2. Hälfte des 10. Jh. datiert (Finkelstein). Im ersten Fall hätte der Pharao die tribale Existenz der Keniter vernichtet, im zweiten Fall wären die Erwähnungen der Keniter in Kontexten des 10. Jh. anachronistisch und reflektierten eher die Entstehungszeit der betreffenden Texte im 9. Jh. Wer die Keniter im 10. Jh. lassen will, muss beachten, dass Scheschonq in der Liste seiner Eroberungen zwar Jerachmeeliter, aber keine Judäer oder Keniter im Negev erwähnt. Die Chronologie-Debatte ist zur Zeit nicht entscheidbar – abgesehen davon, dass ältere Ansätze (z.B. Jericke) nicht mehr haltbar sind, wonach Tel Masos im (12. und) 11. Jh. v. Chr. blühte.
Die Keniter-Hypothese besagt, dass „Israel“ den Gott → JHWH durch kenitische Vermittlung kennen gelernt habe. Diese Hypothese wäre heute dahin zu modifizieren, dass dies allenfalls für Juda zutreffen könnte, denn die (nord)israelitische JHWH-Tradition ist fest mit dem Exodus (und einem kriegerischen Gott vom Hadad-Typ) verbunden, und in der Exodustradition spielen die Keniter ursprünglich keine Rolle (erst in wird, im Vorgriff auf , aus der midianitischen Sippschaft Moses eine kenitische). Für die Hypothese könnte sprechen, dass der Gott JHWH in Juda eher zum Typ des weltordnenden El zu gehören scheint (anders allerdings !). Vor allem aber ließe sich so elegant die Aufspaltung des Gottes in einen „JHWH von Samaria“ und einen „JHWH des Südens“ (tjmn in den Inschriften von Kuntillet ‘Ağrūd [→ Kuntillet ‘Ağrūd; Kuntillet Agrud] = Judah) erklären.
Gegen die Keniter-Hypothese spricht allerdings, dass der Stamm Juda vor David keinen Gott, sondern eine Göttin verehrt zu haben scheint, wie der Beiname Baalat („Herrin von“) Juda für → Kirjat-Jearim (; ) und das theophore Element „Löwin(göttin)“ im Personenname ‘Abdlabî’at (epigraphisch belegt für die unmittelbare Nachbarschaft von → Bethlehem im 11./10. Jh. v. Chr.) zeigen. Es ist insgesamt wahrscheinlicher, dass der JHWH-Kult Juda als Kultimport aus dem Norden erreicht hat, sei es (eher) durch David oder (unwahrscheinlicher) durch eine(n) seiner nächsten NachfolgerInnen.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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