Der Jom Kippur, der große Versöhnungstag, gehört zu den in nachexilischer Zeit aufkommenden Festen. Erst in Lev 23 und Num 28-29 findet er seine Aufnahme in die alttestamentlichen Festkalender. Diese Texte geben Auskunft über Namen und Datum des Festes, fordern Arbeitsruhe und Fasten und erteilen knappe Opferanweisungen (; ). Die umfangreichste Darstellung bietet Lev 16. Hier sind die Ritualhandlungen des Tages umfassend wiedergegeben. Außerhalb von Festkalendern und Ritualanweisungen ist der Jom Kippur nur noch in genannt. An diesem Tag wird, dem Text gemäß, das Jubeljahr eröffnet.
Der Jom Kippur ist ein hoher Feiertag, ein šabbat šabbātôn („hoher Sabbat“; ), geprägt durch kultische Sühne, Arbeitsruhe und Fasten. Es ist ein Feiertag, der das ganze Land betrifft. Ihn einzuhalten ist jeder in Israel aufgerufen, auch die Fremden (), denn schließlich wird an diesem Tag Sühne für ganz Israel gewährt. Nichts und niemand im Lande soll die Heiligkeit dieses Tages stören, denn er ermöglicht die Beibehaltung des Gottesdienstes durch Versöhnung und damit Leben gewährende Gottesnähe.
Der Name des Feiertages leitet sich von dem Verb kpr Pi. ab. Seine Grundübersetzung lautet „entsühnen“ (hergeleitet von arab. kafara „bedecken“, bzw. koranisch-arab. kaffara „entsühnen“; s.a. akkadisch kuppuru „kultisch reinigen“; → Sühne). Es ist der Sühnetag, der Versöhnungstag. Die heute gebräuchliche Bezeichnung „Jom Kippur“ wird in den biblischen Texten nicht genannt. Dort ist nur eine Pluralform belegt (jôm hakkippurîm „Tag der Sühnungen“), nämlich in ; mit Artikel und in ohne Artikel. Lev 16 erwähnt den Namen nicht.
Das Datum wird mit dem zehnten Tag des siebten Monats, dem Monat Tischri, angegeben. ist noch präziser in der Angabe und formuliert, im Rückgriff auf den Ruhetagscharakter des Jom Kippur, dass er vom Abend des neunten Tages des Monats bis zum Abend des zehnten Tages des Monats zu begehen sei.

Abb. 1 Der Jahresfestkreis.
Der Jom Kippur ist eines von drei Festen, die zu Beginn des Jahres innerhalb von drei Wochen gefeiert werden (→ Kalender). Am ersten Tag des siebten Monats – Zählung nach liturgischem Kalender – wird der Tag des Lärmblasens begangen, am zehnten der Jom Kippur und vom 15. bis zum 22. des Monats Sukkot (→ Laubhüttenfest). Jahresbeginn und kultischer Neuanfang werden über die Feste und die Festdaten miteinander verbunden. Am Jom Kippur wird Sühne für das Volk erwirkt und die Reinigung des Heiligtums vollzogen. Umfassende Sühne und Reinigung sind Voraussetzungen für die bleibende Präsenz Gottes im Heiligtum, auch im neuen Jahr. Erst danach kann das Volk übergehen zur Fröhlichkeit von Sukkot und vor seinem Gott feiern.
In Lev 16 werden verschiedene Sühneriten zu einem komplexen Ritual miteinander verbunden. Durch Blutriten werden der Hohepriester, das Volk und das Heiligtum entsühnt (kpr). Räucheropfer (.), Brandopfer (...) und Sündenbockritus (..) begleiten die Blutriten (→ Opfer). Das Volk ist durch das vom Hohenpriester gesprochene Sündenbekenntnis () und durch Selbstminderungsriten wie Fasten und Arbeitsruhe in das Geschehen einbezogen (.).
Haben sich der Hohepriester, die Ältesten, das Volk oder der Einzelne nicht wissentlich versündigt, so führt man zu dem Zeitpunkt, da die Schuld bewusst wird, einen entsprechenden Blutritus (→ Blut / Blutriten) zur Sühne durch (Lev 4). In Lev 16 sind die verschiedenen, nach Gruppen zu unterscheidenden Blutriten zur Sühne jedoch zu einem Ritual zusammengestellt und kalendarisch gebunden worden. Dabei führt das Geschehen des Jom Kippur die über das Jahr erwirkte Sühne zum Höhepunkt und Abschluss. Auch das Heiligtum selbst wird am Jom Kippur durch Blutriten gereinigt und geheiligt (altorientalische Parallelen finden sich im → Akitu-Fest). Doch nicht allein die Zusammenfassung der kultischen Sühne für Volk, Hohenpriester und Heiligtum kennzeichnen den kultischen Höhepunkt des Jahres. Enden die Blutriten, die im Verlauf des Jahres vollzogen werden, spätestens vor dem Vorhang, der das Allerheiligste (den Ort der Gottesgegenwart) schützt, so wird an diesem einen Tag das Blut hinter den Vorhang gebracht und auf die Lade, die sich dort befindet, appliziert. Eine größere Gottesnähe kann rituell nicht hergestellt werden.
Eng verbunden mit den Blutriten ist der Sündenbockritus (→ Sündenbock / Asasel). Nach werden zwei Ziegenböcke vor Jahwe geführt, einer wird geschlachtet und man verwendet sein Blut im Rahmen der kippær-Handlungen (→ „Sühne“-Handlungen). Der zweite jedoch wird, beladen mit den Sünden und Verfehlungen des Volkes, in die Wüste geschickt – aus dem Bereich des Lebens in den Bereich des → Chaos, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können. Der Sündenbockritus unterscheidet sich deutlich von den anderen Sühneriten. Es handelt sich hier um einen sog. Eliminationsritus (vgl. hethitische Ersatzrituale), d.h. das Übel wird aus der Mitte des Volkes eliminiert, weggetragen. Dazu werden zuvor die Verfehlungen des Volkes (‘āwon, pæša’, chaṭṭā’t; verschiedene Sündenbegriffe) über dem Tier bekannt und mittels Handaufstemmen übertragen.
Die zwei Ziegenböcke werden nach ləjhwh und la‘ǎzā’zel zugelost (→ Asasel). Gibt es bezüglich des ersten keinerlei Schwierigkeiten, es handelt sich um den Bock „für Jhwh“, so ist es mit der Zuordnung „für Asasel“ nicht getan. Die → Septuaginta übersetzt mit tō apopompaiō „dem, der wegträgt“. Die Bezeichnung bezieht sich auf die Aufgabe des Tieres. Weit verbreitet ist die Annahme, dass es sich bei Asasel um einen Wüstendämon handelt (→ Dämonen; vgl. dazu auch die Qumran-Texte 4Q180 Frag. 1,7.8; 4Q203 Frag. 7 I,6). Die Funktion des Ritus bleibt bei dieser Lesart jedoch ungeklärt. Kann ein Dämon durch einen mit Sünden beladenen Bock besänftigt werden? Bezeichnet der „Wüsten“dämon nur den Ort, an den die Sünden gebracht werden?

Abb. 2 Ein Dämon in Gestalt eines Mischwesens (Asasel ?) fällt einen Ziegenbock an (Elfenbeinblatt, Megiddo, Spätbronzezeit IIB; zur Diskussion um die Deutung s. Art. Asasel 3. Ikonographie).
Die in jüngerer Zeit favorisierte Lösung geht von der durch das Ritual beschriebenen Funktion des Ritus aus, der Elimination von Schuld, und den Parallelen des Sündenbockritus mit hethitischen und hurritischen Eliminationsriten (Kümmel, 1968). Das Ziel wird als „zur Beseitigung von Gotteszorn“ beschrieben (Janowski, 1993; 2000). Göttlicher Zorn und magische Unreinheit scheinen identisch und müssen mittels eines Ritus auf ein Tier geladen und fortgetragen werden.
Der Gestus des Handaufstemmens ist inneralttestamentlich für sehr unterschiedliche Begebenheiten belegt. In der Regel werden zwei Grundtypen voneinander unterschieden, der ein- und der beidhändige Gestus. Während der einhändige eher Eigentumsverhältnisse anzeigt, dient der beidhändige der Objektübertragung (vgl. auch ). Letzterer liegt auch in . vor. Der Sünden„stoff“ wird auf das Tier geladen. Das ist insofern von Bedeutung, als hier keine Identifizierung der bekennenden Gemeinde mit dem Tier stattfindet. Der Sündenbock ist weder identisch mit ihr noch stirbt er für sie. Er ist allein das „Transportmittel“ zur Elimination, d.h. zur Entfernung der Sünde aus der Mitte des Volkes.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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