Rabban (Rbn.) Jochanan ben Zakkai
Die rabbinische Literatur verweist auf das umfassende Wissen von Rbn. Jochanan ben Zakkai über → Tora, → Targum, → Midrasch, Halacha und → Aggada. Seine Person wird in den Quellen verehrt und mit der zentralen Gestalt des Judentums um die Zeitenwende, → Hillel, verglichen. Rbn. Jochanan ben Zakkai werden viele Taqqanot (Sg. Taqqana; rabbinische Verordnung) zugeschrieben, in denen die Tradition den veränderten Zeitumständen (Leben ohne Tempel) angepasst wird. Eine Verbindung zu pharisäischen Kreisen vor 70 n. Chr. kann nicht bewiesen werden, gilt aber als wahrscheinlich.
Nach der rabbinischen Tradition ist Rbn. Jochanan ben Zakkai Schüler von Hillel (Jerusalemer Talmud, Traktat Nedarim 5,7 39b). Dem Schülerkreis von Rbn. Jochanan ben Zakkai gehörten Rabbi (R.) Eliezer ben Hyrkanos, R. Jehoschu‘a b. Chananja, Jose der Priester, R. Sime‘on ben Natanel und R. Eleazar ben Arach an (Mischna, Traktat Avot 2,8). Die priesterliche Abstammung von Rbn. Jochanan ben Zakkai ist umstritten; Sifre Numeri §123 und Tosefta, Traktat Para 4,6-7 legen sie zwar nahe, sind aber keine historisch zuverlässigen Berichte.
Die amoräische Literatur berichtet über (bibelkundige) Nichtjuden, die sich mit polemischen Fragen zur Schriftauslegungen an Rbn. Jochanan ben Zakkai wenden. Bekannt sind seine Dialoge mit dem römischen Befehlshaber Antigonos (u.a. Jerusalemer Talmud, Traktat Sanhedrin 1 19b-d; Babylonischer Talmud, Traktat Bekhorot 5a; Sifre zu Deuteronomium §351). In einer anderen Erzählung wird Rbn. Jochanan ben Zakkai durch einen Nichtjuden unter Verweis auf die Bestimmungen der → roten Kuh mit dem Vorwurf der Zauberei konfrontiert (nach . verunreinigen die Asche und das Reinigungswasser der Kuh leicht, obwohl sie von Totenunreinheit reinigen). Durch Vergleich mit einem dem Nichtjuden bekannten volkstümlichen Brauch der Heilung von Besessenheit kann er dem Nichtjuden die Wirkung des Reinigungswassers erklären. Diese Antwort befriedigt jedoch nicht die Schüler des Meisters („Diesen hast du mit einem Rohrstock abgewiesen, aber was wirst du uns antworten?“), worauf dieser erklärt: „Bei eurem Leben! Weder der Tote verunreinigt, noch macht das Wasser rein, sondern es ist eine Satzung des Heiligen“ (Pesiqta de-Rav Kahana 4,7; Pesiqta Rabbati 14; Bemidbar Rabba 19,8 und Parallelen). In dieser wie auch in anderen Erzählungen steht die Figur von Rbn. Johanan ben Zakkai für eine rationale Auslegungstradition der Schrift und schirmt das Judentum gegen Anfeindungen von außen ab.
Rbn. Jochanan ben Zakkai wird auch mit mythischen und kosmischen Traditionen in Verbindung gebracht und als Tradent der Geheimlehre genannt (Tosefta, Traktat Chagiga 2,1-2 und Parallelen).
Die rabbinische Tradition beschreibt seine Flucht in einem Sarg aus dem von römischen Truppen belagerten Jerusalem im Jahr 70 n. Chr., also kurz vor der Eroberung der Stadt, um von Vespasian den Aufbau eines neuen rabbinischen Zentrums in Jabne zu erbitten, was ihm schließlich gewährt wird (Babylonischer Talmud, Traktat Gittin 56a-b; Avot de-Rabbi Natan A 4; Avot de-Rabbi Natan B 6; Klagelieder Rabba 1,31). Die Erzählung wird gemeinhin als „Gründungslegende“ des rabbinischen Judentums bezeichnet. Die „Erfolgsgeschichte“ wird aber nur durch die (tendenziösen) rabbinischen Quellen bestätigt und ist historisch vorsichtig zu bewerten (→ Jabne). Rbn. Jochanan ben Zakkai leitete das Lehrhaus in Jabne bis zur Übernahme durch → Rbn. Gamliel II. (um ca. 85 n. Chr.).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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