
Abb. 1 Jagd auf Antilopen, Hasen und Vögel (Relief im Palast Sargons II. in Chorsabad; 8. Jh. v. Chr.).
Die Wurzel Ṣwd „jagen / fischen“ findet sich in vielen semitischen Sprachen (z.B. im Akkadischen, Ugaritischen, Phönizischen, Aramäischen, Syrischen und Arabischen). Im Hebräischen sind von dem Verb
Das Verb
1) Bedeutung. In vorgeschichtlicher Zeit war die Jagd eine der wichtigsten Formen der Nahrungsbeschaffung. Mit der neolithischen Revolution, dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht, verlor sie jedoch immer mehr an Bedeutung. In der Zeit des antiken Israel spielte sie wirtschaftlich gesehen keine große Rolle mehr, und deswegen wird von ihr im Alten Testament nur selten erzählt. Der historischen Entwicklung entspricht die Bevorzugung des Hirten → Jakob gegenüber → Esau, dem Jäger (Gen 27). Berufsjäger hat es in Israel nicht gegeben. Wildbret stellte nur eine gelegentliche Bereicherung der meist recht eintönigen Kost dar. Nach aß man am Salomonischen Hof auch Wild. Selbst wenn es sich bei der Notiz kaum um eine historisch zuverlässige Angabe handelt, zeigt sie ebenso wie ; , dass Wild als schmackhafte Speise galt. Zudem zeugt die Selbstverständlichkeit, mit der im Alten Testament Bilder aus der Welt der Jagd verwendet werden, davon, dass diese zum Alltag gehörte (.).
Von den erlegten Tieren wurde das Fleisch gegessen, das Fell als Decke verwendet oder zu Kleidung verarbeitet. Nach den Kultgesetzen mussten Wildtiere wie geschlachtete Haustiere ausbluten, da man kein Blut essen durfte. Dieses sollte man zu Boden laufen lassen und mit Erde zuscharren (; .).
2) Wildtiere. Im Alten Testament finden sich Listen, welche Tiere man essen darf bzw. nicht essen darf. Da wir die Bedeutung von hebräischen Tierbezeichnungen oft nicht kennen, wissen wir nicht, welche Tiere jeweils genau gemeint sind. Als essbar listet auf: Hirsch, Gazelle, Reh, Wildziege, Gämse, Wildschaf, Antilope. Nicht essen durfte man hingegen Hase und Klippdachs (). Eine positive Liste der verzehrbaren Vögel fehlt. Es durften alle Vögel gegessen werden, außer denen, die – wie Geier, Rabe und Strauß – in aufgelistet sind. So hat man z.B. Steinhühner (), Tauben und Wachteln () gejagt und gegessen.

Abb. 2 Aufbruch zur Großwildjagd mit Netzen, Stangen und Hunden (Relief; Ninive, Nord-Palast Assurbanipals, 7. Jh. v. Chr.).
Es gab in der Antike in Palästina eine Fülle von wilden, in unterschiedlichem Maße gefährlichen Tieren, von denen die meisten dort heute ausgestorben sind: Löwe, Leopard, Bär, Wolf, Schakal, Fuchs, Hyäne, Krokodil und Schlangen. Sie verwüsteten Felder, dezimierten Viehbestände, ja griffen Menschen an (; ; ; ; .; ; ; ). Deswegen lebte man in ständiger Angst vor diesen Tieren. Die Jagd auf sie diente allein dem Schutz und Kampf ums Überleben ().

Abb. 3 Großwildjagd mit Stellnetz (Relief im Palast Assurbanipals in Ninive; 7. Jh. v. Chr.).
1) Schuss- und Wurfwaffen. Gejagt wurde mit Pfeil und Bogen (; ). Ebenso hat man wohl mit Speeren geworfen und auch gestoßen, allerdings bietet das Alte Testament hierfür keinen Beleg (vgl. jedoch Jubiläen 37,24; Text Pseudepigraphen). Auf Vögel hat man auch mit Wurfhölzern, einer Vorform des Bumerangs, geworfen, damit sie getroffen zur Erde fielen (). Steinschleudern wurden vermutlich nicht zur Jagd benutzt, sondern nur zum Verscheuchen von Tieren – mehr setzt jedenfalls nicht voraus.

Abb. 4 Vogeljagd mit Zugnetz.
2) Netze. Zum Tierfang benutzte man verschiedene Arten von Netzen aus Flachs. Zur Hetzjagd auf kleinere und größere Tiere, z.B. Hirsche, baute man Stellnetze

Abb. 5 Vogeljagd mit Klappnetz (Wandmalerei in Benī Hasan, Ägypten; Mittleres Reich).
3) Schlingen. Mit Stricken
4) Fanggruben. Löwen und wohl auch anderes Großwild hat man u.a. in Gruben gefangen

Abb. 6 Jagd im Streitwagen mit Windhunden auf Antilope und Wildstiere (Goldschale aus Ugarit; 15.-14. Jh. v. Chr.).
5) Jagdhunde und Pferde. In der ägyptischen → Sinuhe-Erzählung aus dem 20. Jh. v. Chr. sind erstmals Jagdhunde für den syrischen Raum belegt (70f; Texte aus Ägypten). Später begegnen sie besonders auf assyrischen Darstellungen. Ab der Zeit des Neuen Reichs sind die Pharaonen – später auch die assyrischen Könige – mit Streitwagen auf Großwildjagd gegangen. Herodes saß bei der Jagd zu Pferd (Josephus, Antiquitates Judaicae XVI, 10,3; De bello Judaico I, 21,13; Text gr. und lat. Autoren).
In Bildern und Vergleichen wird im Alten Testament häufig auf die Jagd angespielt, besonders in den → Psalmen und → Sprüchen. Um zum Fleiß zu mahnen, erinnert daran, dass ein fauler Jäger leer ausgeht. In den meisten Jagdbildern geht es um Verfolgung. Diese kann durchaus ihre Berechtigung haben. Sündern geht es wie Tieren, denen ein Jäger nachstellt (; vgl. ). warnt davor, sich mit der Ehefrau eines anderen einzulassen, da sie Jagd auf das Leben des Ehebrechers machen werde. → Hosea sieht Gott als Vogelfänger, dem Israel nicht entgehen kann (). Bei → Jeremia sind Fischer und Jäger Metaphern für die Feinde, die Gott gegen das sündige Volk schickt, um alle, die er fangen möchte, aufzuspüren (). → Ezechiel kündigt dem judäischen König, aber auch dem ägyptischen Pharao an, von Feinden bzw. Gott wie ein Tier mit Netzen gefangen und verschleppt zu werden (; ; ; ).
An anderen Stellen erscheinen die Jäger in negativem Licht; die Sympathie liegt dann auf der Seite der Opfer. Frevler sind wie Vogelsteller hinter den Menschen her (). warnt vor dem Schmeichler, der wie ein Jäger ein Netz spannt. Ezechiel wirft den falschen Prophetinnen vor, mit ihren Zauberriten die Menschen wie Vogelsteller zu fangen (.). beklagt, dass die Menschen Jagd aufeinander machen, die Gemeinschaft also zerstört ist. Leidende Beter fühlen sich verfolgt, beklagen, wie Tiere von Feinden oder sogar Gott mit Fallen und Netzen gejagt zu werden (; ; ; ; ; ; ; ; vgl. ; ), und bitten umgekehrt, dass ihre Feinde wie Tiere gejagt werden (; ; ; ). Der gerettete Beter fühlt sich auf der anderen Seite wie ein Vogel, der der Falle des Vogelstellers entkommen ist (; vgl. ). Nach ergreift das Schicksal den Menschen wie ein Klappnetz den Vogel.

Abb. 7 Simson tötet Löwen (Lukas Cranach d. Ä.; 1520-1525 n. Chr.).
Auf der Jagd konnte man sich und anderen Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Mut und Kampfeskraft beweisen. Deswegen stellt der Sieg über wilde Tiere in Heldenerzählungen ein festes Motiv dar. Es soll zeigen, wie sehr der jugendliche Held die genannten Eigenschaften verkörpert und damit für größere Aufgaben qualifiziert ist. So beginnen → Simson und → David ihre Karriere mit souveränen Siegen über Löwen (; ), allerdings nicht auf der Jagd, sondern bei eher zufälligen Gelegenheiten.

Abb. 8 Königliche Löwenjagd Assurnasirpals II. (Relief im Nordwest Palast in Nimrūd; 9. Jh. v. Chr.).
In Ägypten und Mesopotamien wurde die Darstellung des Königs auf der Jagd zu einem festen Topos der Königsideologie. Tatsächlich scheinen besonders die assyrischen Könige in großem Umfang Jagd auf wilde Tiere, z.B. Löwen und Stiere, gemacht zu haben. Man hat sogar Tierparks und Jagdreviere eingerichtet, die Tiere zur Jagd in Kisten gefangen und vor dem schussbereiten König freigelassen. Auf Darstellungen sieht man, wie der König auf seinem Streitwagen stehend oder auf seinem Thronhocker sitzend mit Pfeil und Bogen, aber auch zu Fuß und nur mit einem Dolch bewaffnet vor allem Löwen erlegt, dabei keineswegs angestrengt kämpfen muss, sondern vor lässiger Überlegenheit strotzt. Um diese Jagd einschließlich ihrer Darstellung zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, welche Gefahr von wilden Tieren ausgeht und wie sehr sie darum als Feinde empfunden wurden. Deswegen symbolisierten sie die Mächte des Bösen, die die Ordnung der Welt bedrohen, und der König erscheint als der mächtige Held, als der „Herr der Tiere“, der eben jene Mächte besiegt, das Chaos bannt, dadurch die Ordnung bewahrt und heilvolles Leben ermöglicht. Genau diese Aufgabe erfüllt der König aber auch im Krieg, und die Darstellungen von seinem Sieg über Tiere auf der Jagd und seinem Sieg über Feinde weisen deutliche Parallelen auf. Hier wie dort demonstriert der König seine Macht und lässt sich als Sieger über das Böse und damit als Garanten der Weltordnung feiern. Doch geht es nicht nur um Propaganda, sondern um mehr. Sofern dem Vollzug sowie der Darstellung der Jagd nämlich eine magische Kraft innewohnt, bewirken sie, was in ihnen symbolisch geschieht, und tragen damit zum Kampf gegen das Böse bei.
Einen Nachklang findet diese Ideologie in der alttestamentlichen Zeichnung mesopotamischer Könige. Der legendäre König Nimrod, der traditionsgeschichtlich vielleicht ein Nachfahre des kriegerischen Gottes Ninurta ist und in als Gründer des Landes Assur gilt, wird in als „Held der Jagd“ vorgestellt, allerdings als „Held der Jagd vor Jahwe“, was ihn dem Gott Israels unterstellt. Nebukadnezar, der König von Babel, erscheint in als Herrscher über Völker und wilde Tiere, doch wird auch hier betont, dass es Jahwe, der Gott der Heerscharen, ist, der ihn dazu gemacht hat.
Keine Rolle spielt die Jagd dagegen bei den Königen Israels und Judas. Sie ist als Topos der Königsideologie nicht rezipiert worden, und so hören wir nie davon, dass ein König auf Jagd geht und sich als großen Jäger feiern lässt. Die Jagd scheint noch nicht einmal ein Ideal gewesen zu sein. Einen Repräsentanten findet sie allenfalls in Esau, doch wird der nicht sehr positiv gezeichnet. In Visionen von einer eschatologischen Heilszeit ist nie von der Leichtigkeit der Jagd die Rede, im Gegenteil: man träumt von einem friedlichen Zusammenleben mit den wilden Tieren (; ).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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