
Abb. 1 Ausgemergelte Nomaden (Detail des Hungersnotreliefs; Aufgang zur Pyramide des Unas in Sakkara, um 2500 v. Chr.).
Hunger (hebr.
Hebräisch werden Hunger und Hungersnot unter den gleichen Oberbegriff gefasst
Hunger im eigentlichen Sinne kann durch körperliche Arbeit, durch Anstrengung und Marsch hervorgerufen werden (; ), ebenso aber das Ergebnis äußerer, dem hungerleidenden Menschen enthobener Einflüsse sein. Trockenzeiten und ausbleibender Regen sind in Palästina natürliche Ursachen für schlechte Ernten und Hungerperioden, die auch durch Heuschreckenplagen hervorgerufen werden können (vgl. ; → Heuschrecke). Im Blick auf die teilweise mangelnde Handels- und Verkehrsinfrastruktur und damit auf die Schwierigkeit des Transports von größeren Mengen Nahrungsmitteln, vor allem Getreide, im vergleichsweise unwegsamen, abgelegenen palästinischen Bergland können in der israelitischen Antike Hungernöte auch vergleichsweise lokale Ereignisse gewesen sein und müssen keineswegs das ganze größere Gemeinwesen betroffen haben.
Krieg und menschliche Gewalt sind zentrale Gründe für Hunger und Hungersnöte im Alten Testament. Städte im Belagerungszustand sind von der Rohstoffversorgung abgeschnitten, sodass Nahrungsmittel teuer werden und die Bevölkerung hungert, so etwa in → Samaria während der Belagerung durch → Ben-Hadad, den König von → Aram (). Eine längere Belagerung verhindert auch, dass die noch weitgehend selbst landwirtschaftlich tätigen Städter ihre stadtnahen Produktionsflächen bewirtschaften, mit also zusätzlichen mittelfristigen Negativfolgen für die betroffenen Gemeinwesen. Extreme Formen von Hunger, insbesondere in Belagerungssituationen, können zum Tod der eigenen Kinder führen () oder in perverser Zuspitzung im Essen der eigenen Kinder enden („Teknophagie“: u.ö.). Insbesondere die assyrischen Großkönige haben sich in ihren annalistischen Texten gerühmt, aufständische Städte belagert und ausgehungert zu haben, und in internationalen Vertrags- bzw. Eidestexten haben sie dies androhen lassen. Dabei ist das Horrormotiv Teknophagie wohl mindestens so sehr topologisch weiterentwickelt worden wie es wohl auch von Fall zu Fall einen historischen Kern enthalten haben wird. Dieselbe Doppelfunktion und Ambivalenz kennzeichnet auch die biblischen Texte zum Thema Teknophagie, die insgesamt sowohl ein Reflex der neuassyrischen Kriegspropaganda mit ihren Notschilderungen sind als auch der wohl realen grausamen Erfahrung im Kontext der Eroberung Jerusalems durch die Neubabylonier (Michel 2003, 200-245). Bei der Belagerung Jerusalems durch die Neubabylonier (→ Eroberung Jerusalems) dauert die Hungersnot vier Monate an (); eine solche Hungersnot gilt den betroffenen Bewohnern als langsamer Tod (; mit den o.g. grausamen teknophagischen Exzessen ), gegenüber dem – schnellen – Tod durch das Schwert im Kampf. Das vom Krieg nicht berührte Ägypten erscheint den hungernden Jerusalemern dagegen als Land ohne Hunger (). Besonders die schwächeren Glieder der Gesellschaft, die Kinder, werden damals wie heute durch Hunger getroffen (; ), junge (wehrfähige) Männer hingegen fallen durch das Schwert (). Gleichwohl können alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen vom Hunger geplagt sein (), ohne Standesunterschiede.
Die Frage nach der Ursache des Hungers im Kontext von Krieg und Belagerung wird an vielen Stellen als Ergebnis des Gerichtshandeln Gottes theozentrisch beantwortet und grundsätzlich für das gesamte Kollektiv, nicht für den Einzelnen formuliert. Sie kann gleichwohl in der Verfehlung eines Einzelnen, dann aber des Königs als Repräsentanten, begründet sein (; ). Unter literar- und traditionsgeschichtlichen Gesichtspunkten ist diese an sich ungeheuerliche JHWH-Zentrierung ein Erbe allgemeinaltorientalischer und insbesondere assyrischer Kriegs- und Herrschaftsrhetorik einerseits und altorientalischer Stadtklagentopik andererseits unter dem Vorzeichen der sich durchsetzenden JHWH-Monolatrie im Israel-Juda der ausgehenden Königszeit. Am extremsten sind wieder teknophagische Formulierungen wie (vgl. auch ), die schon die Septuagintaübersetzer als unerträglich empfunden haben (Michel 2003, 137-138). Charakteristisch für die mit dem Motiv des → Zornes JHWHs verbundene Plage des Hungers ist die Einbindung in die zweigliedrige Plagenreihe zusammen mit dem „Schwert“ (z.B. u.ö.) und noch häufiger in die dreigliedrige Plagenreihe zusammen mit „Schwert und Pest“ (; ; ; ; ; ; ; ; ; ; ; ; ; ). Diese Plagen verhängt JHWH in seinem Zorn über Israel / Juda / Jerusalem, ohne dass dies eine menschliche Beteiligung grundsätzlich ausschlösse. Die Trias bei → Jeremia könnte trotz ihrer Häufung in deuteronomistischen Kontexten (→ Deuteronomismus) schon im Kern vordeuteronomistisch sein (Seidl 1993, 564), die Auflösung der Trias zeigt sich in der Art und Weise, wie sie bei späteren Ezechielstellen erweitert (z.B. ) oder die Reihung selbst aufgesplittet wird (ebenfalls z.B. ).
Neben den Aussagen post factum wird das Erleiden von Hunger in prophetischen Texten oder in Flüchen auch als Drohung ausgesprochen, etwa denen, die anderen Göttern dienen (), die JHWHs Geboten den Gehorsam verweigern () oder die JHWH und sein Gericht verachten, also den falschen Propheten (). Auch denen, die in Ägypten Zuflucht suchen, wird „Schwert, Hunger, Pest“ angedroht (; ). In der Weisheitsliteratur kann „Hunger“ auch als Facette im Tun-Ergehens-Zusammenhang auftauchen, als Ergebnis frevlerischen Handelns (; ). Sprichwörtlich hungert der Mensch, wenn er träge wird, so wie Faulheit zur Schläfrigkeit führt (). In dem stark theologisierten Text von hingegen wird ausdrücklich eine Art „Pädagogisierung des Hungers“ betrieben, die dem Ziel der Erziehung Israels dient. Dagegen wird im weiteren Verlauf des Kapitels das verheißene Land als Ort der Fülle und der Abwesenheit von Mangel und Hunger geradezu lyrisch entwickelt (vgl. auch ).
Allgemein stehen das Verhängen von Hungersnöten und das Stillen des Hungers für die Macht Gottes (). Positiv kauft Gott den Menschen in Hungersnot los (), gibt den Hungernden → Brot () und erhält das Leben in der Hungersnot (). Zerstörtes Land stellt er wieder her und siedelt dort die Hungernden an (). Den Gerechten lässt Gott nicht hungern (), im Gegensatz zur nicht gesättigten Gier des Frevlers. In Wiederherstellungsvisionen finden Hungernde Nahrung () und leiden dann weder Hunger noch Durst (). Inmitten der Nationen liegt, nach dessen Wiederherstellung, zumindest aufgrund von Hungersnöten keine Schande mehr auf Israel ().
In der Bildwelt der Hiobklagen geht der Klagende zwar hungrig und nackt einher, wenn er in der Steppe nach Nahrung sucht (; ), doch gibt der Beter in anderem Kontext selbst in der akuten Not das Gotteslob nicht auf (). In der Hungersnot richtet sich am Jerusalemer Tempel das Gebet zu Gott, wie auch in anderen Ausnahmesituationen, zum Beispiel Belagerung, Plagen und Krankheit (; ).
Das Stillen des Hungers ist eine Verpflichtung des Einzelnen gegenüber seinem Mitmenschen. In den Anklagen des → Elifas verweigert → Hiob den Hungrigen Brot (; dagegen verwahrt sich Hiob jedoch in ), obwohl die Brotgabe an Hungrige gerecht ist (.; [Lutherbibel: ]; [Lutherbibel: ]) und nach dem opferkritischen Text von das einzig aufrichtige, von Gott geforderte Fasten darstellt. Diese Verpflichtung geht über Rivalitäten, denn gegenüber dem hungernden Hasser gilt der gleiche Imperativ: „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken!“ ().
Hungersnöte sind an prominenten Stellen Auslöser für Migrationsbewegungen und markieren somit auch den Beginn von Erzählungen.
Tatsächlich haben wir über Hungersnöte insbesondere in der für die sehr frühe Geschichte Israels relevanten Spätbronzezeit verschiedentlich Informationen, sie bilden das mögliche historische Setting für die alttestamentlichen Erzählungen, die freilich keine detaillierten Erinnerungen an diese Frühzeit beinhalten. Die Stele des → Merenptah von 1208 v. Chr. (TUAT I,6,544-552) etwa als erste Inschrift, die den Namen „Israel“ enthält, informiert darüber, dass Israel „kein Saatgut“ mehr habe, Israel also wegen seiner desolaten wirtschaftlichen Situation eine Hungersnot droht. Im Brief eines Grenzbeamten an seinen Vorgesetzten (Papyrus Anastasi VI, nach Galling [Textbuch zur Geschichte Israels 16] von 1192 v. Chr.) werden → Schasu-Nomaden aus Edom aufgeführt, die man ins Land Ägypten hereingelassen habe, „um sie und ihr Vieh… am Leben zu erhalten“.
In den nichtpriesterschriftlichen → Erzelternerzählungen zieht → Abram nach Ägypten () und → Isaak nach → Gerar zu den → Philistern (), sozusagen als eine Art doppeltes Präludium zur nachfolgenden Josefsgeschichte. Die → Rut-Erzählung beginnt mit den Hungerflüchtlingen Elimelech, Noomi und ihren beiden Söhnen, die nach → Moab ziehen (). Ebenfalls zu den Philistern zieht es nach die Frau, deren Sohn → Elisa geheilt hatte.
Innerhalb der → Josefsgeschichte nimmt das Thema „Hungersnot“ eine zentrale Funktion ein: Nach der Josephsgeschichte entsteht in Ägypten eine siebenjährige Hungersnot (; ). Ganz Ägypten (), aber auch Kanaan (; ; ) und alle Länder (; ) leiden darunter, was Joseph dank des Traums des Pharao im Voraus hatte deuten können (; ). Das Motiv einer siebenjährigen Hungerzeit begegnet u.a. auch schon im akkadischen Gilgamesch-Epos (zuletzt Ebach 2007, 237f), was auf den topologischen Charakter einer solchen Formulierung hinweisen dürfte. Insbesondere die nichtpriesterschriftliche Josefsgeschichte (mit Ausnahme von ?) hat sich diesen Topos zu eigen gemacht.

Abb. 2 Hungersnotstele (Sehel; 1. Jh. v. Chr.).
Hungersnotstele: Am Südende der südlich von Assuan gelegenen Nilinsel Sehel hat man Felsinschriften gefunden, unter anderem die sog. Hungersnotstele (TUAT.NF I, 208-217). Sie stammt aus der ptolemäischen Zeit des 2.-1.Jh.s v. Chr., datiert sich selbst jedoch in das 18. Jahr des Pharao Djoser, d.h. in die Zeit um 2600 v. Chr. Damals soll es eine 7-jährige Hungersnot gegeben haben. Aus diesem Grund habe der Pharao dem Tempel des Gottes → Chnum – dem Gott der Nilquellen – südlich von → Elephantine Land vermacht. Danach habe Chnum den Nil wieder steigen lassen. Bei der Inschrift handelt es sich um eine antike Fälschung, mit der Priester des Chnum-Tempels wohl gegenüber der wachsenden Bedeutung des Isis-Kultes (→ Isis) durch eine alte Urkunde Ansprüche belegen wollten. Für die Josefsgeschichte trägt sie historisch nichts aus, da die 7-jährige Hungersnot der Inschrift eine Fiktion ist und allenfalls zeigt, dass wir es mit einem Motiv zu tun haben.
In der Darstellung der Murrerzählungen (→ Murren) des → Exodusbuches wird → Mose und → Aaron vom murrenden Volk vorgeworfen, für den Hunger (und Durst) in der Wüste verantwortlich zu sein, den man mit der zurückgelassenen Fülle Ägyptens kontrastiert (). Dieser Hunger wird im Anschluss durch das → Man(na) gestillt (); vgl. auch die Spiegelung desselben Themas nach der Sinaioffenbarung in .
Auch in den Elia-Elisaerzählungen (→ Elia; → Elisa) der → Königsbücher schließlich ist Hunger ein zentrales Motiv und Movens des Geschehens (vgl. ; ; ; .).
Hunger kann bildhaft für die religiöse Sehnsucht des Menschen stehen. Dem Mangel an Nahrung entspricht auf dieser Ebene der Mangel an Gottes Wort, denn Gott kann dieses dem Menschen auch entziehen (; vgl. auch ). Anthropologisch gesprochen hungert die „Seele“ (hebr.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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