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Hallel

1. Einführung

1.1. Zur Benennung der Hallel

Als „Hallel“ werden in der jüdischen Tradition und von daher auch in der Exegese bestimmte Gruppen von Lobpsalmen (→ Psalmen; → Psalter) bezeichnet. Das Wort ist eine Nominalbildung vom Verb הלל hll 2 (Piel), dem bevorzugten Wort zur Bezeichnung des Lobens Gottes.

Dabei geht es um drei Textbereiche: a) Das „Ägyptische Hallel“ (oder Pessach-Hallel): , davon abgeleitet wird das „Halbe Hallel“ ( ohne und ); b) Das „Große Hallel“: ; c) Das „Tägliche Hallel“ oder „Kleine Hallel“ bzw. „Schluss-Hallel“: , meist mit der Vorschaltung von . Wenn absolut von dem Hallel die Rede ist, geht es immer um das „Ägyptische Hallel“.

Gelegentlich findet sich die Bezeichnung „Großes Hallel“ auch für die Psalmen . Dies ist nur durch die Gegenüberstellung der beiden Gruppen und bedingt und ohne Anhalt an der Tradition frei konstruiert. Dieser Sprachgebrauch ist wegen der Verwechslungsgefahr mit unbedingt zu vermeiden.

Andere Abgrenzungen dieser Psalmengruppen entstehen dadurch, dass zu diesen Psalmen im literarischen Kontext des Psalters weitere Psalmen als Einleitung oder Rahmung gehören: und sowie rahmen , ist der Zwilling zu . Beim „Täglichen Hallel“ wird der einleitende zur Psalmengruppe dazu gezählt. Zum Vorfeld dieser Psalmengruppe gehört weiterhin , der bereits den Umbruch von der vorhergehenden Gruppe von Klagepsalmen zu den Lobpsalmen vorbereitet. Von der frühen Zeit des babylonischen → Talmuds (Traktat Schabbat 118b; Text Talmud) bis heute wird der letzte Vers dieses Psalms, eine Glücklich-Preisung (→ Seligpreisung) Israels, in der Regel vor der Zitation von gebetet. Die Bezeichnung „Kurzes Hallel“ oder „Schluss-Hallel“ für die Psalmen betitelt demgegenüber eine literarkritische Rekonstruktion ohne Anhalt in der Tradition (Zenger, in: Hossfeld / Zenger 2008, 808f.).

1.2. Hallel und Halleluja

Das „Ägyptische Hallel“ und das „Tägliche Hallel“ haben – außer zwischen und 115 – regelmäßig die Aufforderung zum Lob des Gottes Israels → „Halleluja“ („Lobet JH[WH]“) als psalmtrennende bzw. sogar rahmende Textbestandteile: 111 (Anfang) – 112 (Anfang) – 113 (Anfang und Ende) – 115 (Ende) – 116 (Ende) – 117 (Ende) sowie 146-150 (jeweils Anfang und Ende).

Weitere „Halleluja“ kommen in ; ; ; .. vor. Während „Halleluja“ im „Ägyptischen Psalter“ – auch in der Abweichung zwischen und – einen Gesamttext in Einzelpsalmen unterteilt, sind im „Kleinen Hallel“ mit Ausnahme des einleitenden alle Einzelpsalmen jeweils von einem „Halleluja“ umrahmt. Wie die Aufforderung zum Gotteslob „Halleluja“ kann auch der in von Vers zu Vers wiederholte Kehrvers „ewig währt seine Gnade“ als ein Hinweis für eine Verwendung dieser Psalmen in der Liturgie gelten.

1.3. Die Stellung der Hallel-Psalmengruppen im Psalter

Das Buch der Psalmen, der Psalter, wird im Hebräischen als təhillîm („Lobpreisungen“, einer anderen Nominalbildung derselben Wurzel hll 2), bezeichnet, was dem Schlussgewicht der Gattung der Loblieder im Psalter gegenüber der häufigeren Gattung der Bitt- und Klagelieder entspricht.

Tabellenvorschau.

Das Buch der Psalmen ist in fünf Teilbüchern überliefert, die klar mit Segensformeln voneinander getrennt sind (→ Psalter). Im fünften Psalmenbuch treten dabei wie im vierten die Davidpsalmen zurück, es dominieren Psalmen ohne personenbezogene Überschriftsteile. Das fünfte Buch der Psalmen ist von markanten Gruppen von Psalmen geprägt: neben dem „Ägyptischen Hallel“ und dem „Täglichen Hallel“ sind dies die Sammlung von Wallfahrtpsalmen (→ Wallfahrt) sowie , der zwar ein Einzelpsalm ist, aber als Komposition von 22 Strophen à 8 Versen einer Psalmengruppe entspricht.

Tabelle: Überblick über das fünfte Psalmenbuch (Ps 107-150)

Die verschiedenen Hallel gehören damit alle zum Schlussteil des Psalters, in dem liturgische Elemente dominieren.

In der Zeit von Qumran existierte nicht nur das fünfte Psalmenbuch, sondern das gesamte letzte Drittel des Psalters in verschiedenen Varianten (dazu bes. Dahmen, 2003; → Qumrantexte). Das wird nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass das letzte Drittel des biblischen Psalters den Beter durch die Wallfahrtspsalmen auf den Tempel in Jerusalem hin orientiert, was so nicht für alle jüdischen Gruppen akzeptabel war (Millard 1994, 227-230). Nicht nur eine vermutete Vorstufe des Psalters *2-136 (so Zenger, 7. Aufl., 2008, 365), sondern auch die in den Bibelhandschriften bis heute überlieferte Fassung des Psalters kann deshalb als Zion- bzw. Jerusalem-Psalter charakterisiert werden.

Im gegenwärtigen Psalter der Bibel ist das tägliche Hallel der Abschluss und Zielpunkt des Buches. Diesem Zielpunkt entspricht die außertextliche hebräische Bezeichnung des Buches als təhillîm, Lobpreisungen, die sich – mit Varianz des Genus – an die innertextliche Überschrift anlehnt.

2. Zu den Hallelgruppen im Einzelnen

2.1. Das Ägyptische Hallel (Ps 113-118)

2.1.1. Themen der Psalmen

Das „Ägyptische Hallel“ heißt auch „Pessach-Hallel“. Innerhalb der Psalmengruppe erfolgt eine markante Erinnerung an die Befreiung Israels aus Ägypten durch (→ Exodustradition). Auch andere Psalmen spielen auf Themen an, die mit der Erinnerung an die Rettung Israels verbunden werden können: JHWH hat Macht über andere Völker (), ist unvergleichlich (), den Götzen überlegen () und rettet aus der Todesbedrohung (..; ). Neben Lobaufforderungen (vor allem in ; ; und ) bringen die Dankopferankündigung . und eine Art Tempeleinzugsliturgie den Betenden zumindest virtuell in den Tempel.

2.1.2. Verwendung und Auslegungsgeschichte

Abb. 1 Pessach-Haggada aus dem 14. Jh.

Das → Pessachfest kann als der genuine Ort dieser Psalmengruppe gelten. Die Verwendung von an Pessach ist bereits in der rabbinischen Literatur breit belegt. Nach der Schule → Hillels wird das „Ägyptische Hallel“ während der häuslichen Feier am Pessachabend in zwei Teilen gebetet: / und (Mischna Pessachim 10,6). Der babylonische Talmud bezeugt im Traktat Pessachim 118a (Text Talmud 2) zusätzlich das Sprechen des Hallels an 18 Tagen im Synagogengottesdienst: Am ersten Tag des Pessach- / Mazzotfestes (andere Traditionen: an beiden Hauptfesttagen und am Schlussfesttag, vgl. Elbogen, 137), am ersten Tag des → Wochenfestes (Schavuot), an allen 8 Tagen des → Laubhüttenfestes (Sukkot) und an allen 8 Tagen des Festes der Wiedereinweihung des Tempels (→ Chanukkafest). Diese Traditionen sind auch Bestandteile des heutigen jüdischen Gottesdienstes, wo das Hallel an den Feiertagen nach dem 18-Bitten-Gebet (→ Amida) eingeschaltet wird. In Reformgemeinden kann das Hallel zu den Festtagen in Auswahl, z.B. , und zitiert werden (Elbogen, 438).

2.1.3. Eine liturgische Sonderform: Das „Halbe Hallel“

An den Neumondsfesten und den Halbfeiertagen des Pessach und Wochenfestes wird das „Ägyptische Hallel“ auch im orthodoxen jüdischen Gottesdienst reduziert zitiert: , eine Gegenüberstellung von Gott und den Götzen der anderen Völker, und , Lob und Dank Gottes wegen seiner Errettung aus Todesnot, wird ausgelassen. Eine solche Verkürzung des Hallels entspricht einem freien, situationsbezogenen Umgang mit dem biblischen Text. Das „Ägyptische Hallel“ wird auch durch die seltene vollständige Zitierung als besonderer Text hervorgehoben.

2.2. Das „Große Hallel“ (Ps 136)

Thema des Psalms ist das Lob Gottes wegen seiner Taten in der Geschichte. Der Psalm hat einen stark liturgischen Charakter, wie der jeden Vers abschließende Kehrvers „In Ewigkeit währt seine Gnade“ zeigt.

Der Psalm ist der „Zwillingspsalm“ (Zimmerli 1972) zu . Beide bilden im vorliegenden biblischen Text des Psalters den Abschluss der Sammlung von Wallfahrtspsalmen , deren abschließende Aufforderung zum Lob Gottes durch . erfüllt und fortgeführt wird.

In der Literatur werden auch weitere literarische Abschlussfunktionen des Psalms erwogen: Wenn die These von Millard (1994, 227f.) stimmt, dass , und die drei Wallfahrtsfeste Pessach, Wochenfest und Laubhüttenfest repräsentieren, bildet . den Abschluss dieses Teils des Psalters. Der nachfolgende setzt im Anschluss an die Wallfahrtsliturgien insofern einen neuen Akzent, als hier das Beten solcher Psalmen in der Exilssituation reflektiert wird (→ Exil). Levin, Hossfeld, Zenger u.v.a. haben zudem historisch als Abschluss einer möglichen Vorstufe des Psalters angesprochen.

In der jüdischen Liturgie wird seit dem Mittelalter in der häuslichen Liturgie des Pessachabends unmittelbar nach dem Zitat der zweiten Hälfte des „Ägyptischen Hallels“ am siebten Pessach- / Mazzottag und gemeinsam mit seinem Zwilling am Sabbatmorgen (→ Sabbat) verwendet.

2.3. Das „Tägliche Hallel“ (Ps 145-150)

2.3.1. Themen der Psalmen

Der einleitende trägt innertextlich die Überschrift „Ein Loblied Davids“ und ist wie und das Loblied eines Einzelnen, das aber auch wegen seiner Form mit Versanfängen entsprechend dem hebräischen Alphabet (→ Akrostichon) eher reflektierenden Charakter hat. Bereits und haben demgegenüber durch ein rahmendes Halleluja („Lobt Jah!“) die Perspektive auf das Gotteslob der Gemeinde, das in bis 150 durchgeführt wird. In den Psalmen dieser Gruppe werden verschiedentlich zentrale, vorher im Psalter entwickelte Themen wie die Zionstheologie (→ Zion), die Armentheologie und das → Königtum Gottes aufgenommen (Zenger, in: Hossfeld / Zenger 2008, 808). Als Gesamtthema dieser Psalmen kann das Lob Gottes in der Schöpfung angesehen werden.

2.3.2. Verwendung und Auslegungsgeschichte

Als einleitende Psalmen im täglichen Morgengebet sind die Psalmen 145-150 sicher in den frühen mittelalterlichen jüdischen Gebetsbüchern belegt. Im 2. Jh. n. Chr. ist das tägliche Gebet dieser Psalmen demgegenüber eine gute Sitte, aber noch nicht verpflichtend (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 118b; Text Talmud).

hat darüber hinausgehend eine eigene Verwendungsgeschichte, was durch die zahlreichen besonders ansprechenden Verse wie dem als Tischgebet beliebten Vers „Alle Augen warten auf dich…“ verständlich ist. So findet sich bereits unter den → Qumrantexten in 11QPsa eine Variante von , die nach jedem Vers einen Kehrvers einfügt, was für eine liturgische Rezeption dieses Psalms in Qumran spricht (siehe Dahmen 2003, 296f.). Die Zitation von kann auch unter Rabbinen im 3. Jh. n. Chr. als besonders verdienstvoll gelten (Babylonischer Talmud, Traktat Berakhot 4b; Text Talmud).

Im Babylonischen Talmud (Traktat Schabbat 118b) ist belegt, dass als „Tägliches Hallel“ als Ersatz für das „Ägyptische Hallel“ gilt, dem nicht durch häufiges Zitieren seine besondere Bedeutung genommen werden sollte. Insofern ist das „Ägyptische Hallel“ zwar das Hallel schlechthin, mit dem „Täglichen Hallel“ ist aber eine Kurzform des Gesamtpsalters täglich im jüdischen Gebet präsent.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Dahmen, U., 2003, Psalmen- und Psalterrezeption im Frühjudentum. Rekonstruktion, Textbestand, Struktur und Pragmatik der Psalmengruppe 11QPsa aus Qumran (STDJ XLIX), Leiden / Boston
  • Donin, C.H., (1972.) 1986, Jüdisches Gebet heute. Eine Einführung zum Gebetbuch und zum Synagogengottesdienst, aus dem Englischen übersetzt von Naftali Bar-Giora-Bamberger, Jerusalem / Zürich
  • Elbogen, I., 3. Aufl. 1931, Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung, Frankfurt am Main (Nachdruck Hildesheim 1995)
  • Flint, P.W., 1997, The Dead Sea Psalms Scrolls and the Book of Psalms (StTDJ XVII), Leiden u.a.
  • Gunkel, H. / Begrich, J. 1933, Einleitung in die Psalmen (HK Erg.Bd.), Göttingen
  • Gunkel, H., 4. Aufl. 1929 (Nachdruck 6. Aufl. 1986), Die Psalmen (HK II/2), Göttingen
  • Hossfeld, F.-L. / Zenger, E., 1993, Die Psalmen I. Psalm 1-50 (NEB.AT 29), Würzburg
  • Hossfeld, F.-L. / Zenger, E., 2002, Die Psalmen II. Psalm 51-100 (NEB.AT 40), Würzburg
  • Hossfeld, F.-L. / Zenger, E., 2000, Psalmen 51-100 (HThK.AT), Freiburg i.Br.
  • Hossfeld, F.-L. / Zenger, E., 2008, Psalmen 101-150 (HThK.AT), Freiburg i.Br.
  • Levin, Chr., 2000, Psalm 136 als zeitweilige Schlussdoxologie des Psalters, SJOT 14, 19-27
  • Millard, M., 1994, Die Komposition des Psalters. Ein formgeschichtlicher Ansatz (FAT 9), Tübingen
  • Osten-Sacken, P. von der / Rozwaski, Ch. Z. (Hgg.), 2009, Die Welt des jüdischen Gottesdienstes. Feste, Feiern und Gebete (VIKJ 29), Berlin (dort S. 330f. eine aktuelle Sammlung jüdischer Gebetsbücher)
  • Safrai, Sh., 1981, Die Wallfahrt im Zeitalter des Zweiten Tempels (Forschungen zum jüdisch-christlichen Dialog 3), Neukirchen-Vluyn
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  • Seybold, K., 2. Aufl. 1991, Die Psalmen. Eine Einführung (UTB 382), Stuttgart u. a.
  • Seybold, K., 1996, Die Psalmen (HAT I/15), Tübingen
  • Trepp, L., 1992, Der jüdische Gottesdienst. Gestalt und Entwicklung, Stuttgart u.a.
  • Weber, B., 2003, Werkbuch Psalmen II. Die Psalmen 73-150, Stuttgart u.a.
  • Wilson, G.H., 1985, The Editing of the Hebrew Psalter (SBL.DS 76), Chico
  • Witte, M., 2003, Psalm 114 – Überlegungen zu seiner Komposition im Kontext der Psalmen 113 und 115, in J.F. Diehl / R. Heitzenröder / M. Witte (Hgg.), „Einen Altar von Erde mache mir…“ (Kleine Arbeiten zum Alten und Neuen Testament 4/5; FS D. Conrad), Waltrop, 293-311
  • Witte, M., 2. Aufl. 2009, Der Psalter, in: J.Chr. Gertz (Hg.), Grundinformation Altes Testament (UTB 2745), Göttingen, 414-432
  • Zenger, E., 7. Aufl. 2008, Das Buch der Psalmen, in: ders. u.a., Einleitung in das Alte Testament (Kohlhammer Studienbücher Theologie 1,1), Stuttgart u.a., 348-370
  • Zimmerli, W., 1972, Zwillingspsalmen, in: J. Schreiner (Hg.), Wort, Lied und Gottesspruch. Beiträge zu Psalmen und Propheten (FS J. Ziegler), Würzburg, 105-113

Eine aktuelle Liste von Psalmenkommentaren bietet die Homepage von Thomas Hieke.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Pessach-Haggada aus dem 14. Jh.; aus: Wikimedia Commons (18.3.2010)

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