Johann Philipp Gabler wurde am 4. Juni 1753 als Sohn des Aktuarius am Konsistorium Johann Paul Gabler (1715-1785) und der Anna Maria Becker (1723-1792) in Frankfurt am Main geboren. Nach dem Besuch des dortigen Gymnasiums studierte er von 1772-1778 an der Universität Jena u.a. bei Johann Jakob Griesbach (1745-1812) und → Johann Gottfried Eichhorn (1752-1827). Nachdem er in seiner Heimatstadt das theologische Examen abgelegt hatte, ging er 1780 als Repetent nach Göttingen. Drei Jahre später wurde er Professor der Philosophie und Prorektor am Archigymnasium in Dortmund. Von dort berief man ihn 1785 als Professor der Theologie an die nürnbergische Universität Altdorf. 1804 kehrte er an die Universität Jena zurück. 1785 heiratete er Josine Isabelle Christine Hoffmann (geb. 1763), Tochter des aus Glaucha (heute Stadt Halle [Saale]) stammenden Hauptpastors an der Dortmunder Marienkirche und Prorektors am Archigymnasium, Gotthilf August Hoffmann (1720-1769). Unter den 9 Kindern Gablers befindet sich Georg Andreas Gabler (1786-1853), seit 1835 Nachfolger von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) als Professor für Philosophie in Berlin. Zwei weitere Söhne Gablers, beide promovierte Theologen, gaben 1831 die kleineren theologischen Schriften ihres Vaters postum in zwei Bänden heraus. Es waren Theodor August Gabler (1788-1849; 1831 Hauptprediger in Bayreuth; später Oberkonsistorialrat in München) und Johann Gottfried Gabler (1798-1879; 1825-1847 Pfarrer in Oßmannstedt, heute Landkreis Weimarer Land, Thüringen; später Superintendent in Dornburg, heute Dornburg-Camburg, Saale-Holzland-Kreis, Thüringen). Der erste Band enthält deutschsprachige Aufsätze Gablers, die zwischen 1798 und 1811 in seinen wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen sind, der zweite lateinische, akademische Schriften. Johann Philipp Gabler starb am 17. Februar 1826 in Jena kurz nach einer Vorlesung in seinem Arbeitszimmer.
Theologisch ist Gabler als Spätneologe einzuordnen, d.h. als ein Vermittlungstheologe der bereits fortgeschrittenen Aufklärungszeit. → Johann Christoph Döderlein (1746-1792) beschreibt ihn in seinem Gutachten für die Altdorfer Berufung so: „ein Mann, der gleich weit von steifer Anhänglichkeit an das alte und von unbehutsamer Neuerungssucht entfernt ist, der doch Bekanntschaft mit dem jetzigen Zustand der Religion hat und behutsam die Aufklärungen der neueren Theologen benützt.“ (zitiert bei Leder 1965, 276f.). In seiner historisch-kritischen Grundhaltung geprägt vom klassischen Philologen Christian Gottlob Heyne (1729-1812), den er in Göttingen kennenlernte, setzte Gabler sich u.a. kritisch mit der moralischen Schriftauslegung des Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) auseinander. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit der Relevanz der Bibel und insbesondere des Neuen Testaments für die protestantische Dogmatik. Seine Exegese richtet sich gegen eine rationalistische Diskreditierung der Bibel als Betrug, gegen eine allegorische Auslegung (die er nur dann zulässt, wenn der Text dies nahelegt) und gegen eine Gleichsetzung der biblischen Offenbarungsurkunde mit der Offenbarung selbst (im Sinne einer eng verstandenen Theopneustie nach ).
Einen bleibenden Namen erwarb sich Gabler durch seine 1787 vorgelegte Altdorfer Antrittsrede mit dem Titel „De iusto discrimine theologiae biblicae et dogmaticae regundisque recte utriusque finibus“ („Von der rechten Unterscheidung der biblischen und der dogmatischen Theologie und der rechten Bestimmung ihrer beider Ziele“; lat. Text und deutsche Übersetzung bei Niebuhr / Böttrich 2003, 15-41; Letztere aus Merk 1972, 273-284; engl. Übersetzung bei Sandys-Wunsch / Eldredge 1980, 134-144). Darin beschrieb er die Biblische Theologie als eine von der Dogmatik unabhängige, aber zugleich auf diese ausgerichtete Wissenschaftsdisziplin. Ihre Aufgabe als eine historisch orientierte Wissenschaft sei es, die normativen Grundwahrheiten oder allgemeinen Vorstellungen (notiones universae; notiones purae) der Bibel von ihren zeitbedingten Einkleidungen abhzuheben. Dagegen müsse die Dogmatik die christliche Glaubenslehre in eine sich immerzu wandelnde Gesellschaft hinein vermitteln.
„Est vero theologia biblica e genere historico, tradens, quid scriptores sacri de rebus divinis senserint; theologia contra dogmatica e genere didactico docens, quid theologus quisque pro ingenii modulo, vel temporis, aetatis, loci, sectae, scholae, similiumque id genus alienorum, ratione super rebus diuinis philosophetur. … atque secretis iis, quae in libris sacris proxime ad illa tempora, illosque homines spectent, eas modo notiones puras, quas prouidentia diuina omnium locorum et temporum esse voluit, philosophiae nostrae super religione fundamenti loco substernamus“ (De iusto discrimine, 183f.185; ed. Niebuhr / Böttrich 2003, 22.24).
„Die biblische Theologie besitzt historischen Charakter, überliefernd, was die heiligen Schriftsteller über die göttlichen Dinge gedacht haben; die dogmatische Theologie dagegen besitzt didaktischen Charakter, lehrend, was jeder Theologe kraft seiner Fähigkeit oder gemäß dem Zeitumstand, dem Zeitalter, dem Orte, der Sekte, der Schule und anderen ähnlichen Dingen dieser Art über die göttlichen Dinge philosophierte. … und [dass wir] nach Ausscheidung von dem, was in den heiligen Schriften allernächst an jene Zeiten und jene Menschen gerichtet ist, nur diese reinen Vorstellungen unserer philosophischen Betrachtung über die Religion zugrundelegen, welche die göttliche Vorsehung für alle Orte und Zeiten gelten lassen wollte“ (Merk bei Niebuhr / Böttrich 2003, 23.25).
Gabler unterscheidet in seinen späteren Schriften die „reine“ Biblische Theologie, die philosophische Synthese bzw. „Erklärung“, von der „wahren“ Biblischen Theologie, der historischen Analyse bzw. „Auslegung“. Diese stellt die Grundlage für jene dar. „[D]en Philologen interessirt nur die Auslegung; den Theologen hingegen hauptsächlich die Erklärung der Bibel. Der ächte Exegete verbindet beides; von Auslegung geht er aus, und Erklärung ist sein Ziel.“ ([1801] Kleinere theologische Schriften, 1831, I, 214). Das Verhältnis von Exegese und Dogmatik beschreibt er so: „Dogmatik muß von Exegese, und nicht umgekehrt Exegese von Dogmatik abhängen.“ (Urgeschichte 1790, I, XV). Gabler hat sein Konzept nicht umfassend ausgeführt; allerdings ist seine Vorlesung zur Biblischen Theologie von 1816 in einer Mitschrift von E.F.C.A.H. Netto erhalten geblieben (Auszüge bei Merk 1972, 114-134). – Gablers Konzeption von überzeitlich gültigen biblischen Vorstellungen spielt in der heutigen Diskussion keine Rolle mehr.
Wie Heyne (s.o.) teilt Gabler die Mythen als die Ausdrucksformen der frühesten Zeit der Menschheit in drei Gruppen ein: den historischen Mythos, dem ein historisches Geschehen zu Grunde liegt; den poetischen Mythos, bei dem das künstlerische Werk im Vordergrund steht; und den philosophischen Mythos, der aus der Frage nach der Welt und dem Menschen erwächst. „Man versetze sich ganz in das Zeitalter der Geschichte und erkläre dies nicht nach unseren philosophischen Vorstellungen von der Natur Gottes, seinen Eigenschaften und Wirkungen. Man bedenke, daß man Geschichte des Kinderalters und räsonnierende Erzählung und Dichtung aus dem Kinderalter vor sich hat, folglich auch mehr sinnliche Vorstellung und Sprache, mehr Gemälde und Dichtung als nackte Geschichte und abstrakte Vorstellung und Sprache erwarten darf.“ (Urgeschichte, 1790, I, 4; zitiert bei Hartlich / Sachs 1952, 24) Die Texte in stellen nach Gabler einen philosophischen Mythos dar.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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