
Abb.1 Das Buch Genesis in Bildern (Hamilton-Bibel; 1345)
Die Genesis bildet das erste Buch des → Pentateuchs, der → Tora. Sie bildet den ersten Teil eines noch größeren Erzählzusammenhangs, der einen Bogen von der Schöpfung bis zum Ende Judas und dem babylonischen Exil spannt (Gen – 2Kön). Innerhalb dieses Zusammenhangs erzählt die Genesis die Geschichte vom Anfang, der Schöpfung, bis zum Exil der Großfamilie Jakobs in Ägypten. Sie kann damit – in der Sprache des Films ausgedrückt – als ein Heranzoomen von einem Panorama zu einem Detail beschrieben werden. Erst im folgenden Buch → Exodus wird das Exil Israels zur Bedrückung, deren Ende durch die Geburt des → Mose (Ex 2) vorbereitet wird. Als erstes Buch der Tora ist die Genesis zugleich der erste Teil der Tora und damit einer Größe, die eine gottgewollte Ordnung begründet.
Die hebräische Bezeichnung „Bereschit“ („Am Anfang“) nimmt wie bei Buchbezeichnungen üblich das erste Wort des Buches auf. In ihrem Licht erscheint die Schöpfungsgeschichte als das prägende Thema des Buches. Dies gilt auch für die vom Griechischen ins Lateinische übernommene Bezeichnung „Genesis“ („Entstehung“). Der traditionellen Auffassung, dass die Tora von Mose geschrieben wurde, verdankt sich Bezeichnung als „Das erste Buch Mose“.
Die Genesis wird üblicherweise in zwei Hauptteile unterteilt: Die Urgeschichte () und die Erzelternerzählung ().

Tabellenvorschau.
Von der Erzelternerzählung wird die → Josefsgeschichte (Gen 37-50) oft abgetrennt. Deren Held ist kein Repräsentant Gesamtisraels, sondern eine Einzelfigur. Vom Umfang her ist die Josefsgeschichte eine Großerzählung, die allenfalls mit der Jakobgeschichte vergleichbar ist. Stärker als die anderen Erzählungen der Genesis ist sie zudem weisheitlich geprägt. Das bedingt eine positive Einstellung zum Leben in der Fremde: Auch im größten Chaos bleibt Gott fürsorglich im Hintergrund lenkend tätig.
Tabelle 1: Bibelkundlicher Überblick über das Buch Genesis
Die Urgeschichte ist gegenüber der Erzelternerzählung eigenständig. Sie behandelt nämlich Themen, die die gesamte Menschheit betreffen, und ihre Protagonisten stehen für die gesamte Menschheit. Zudem setzt sie ein städtisches Milieu voraus, während die Erzelternerzählungen in einem eher nomadischen bzw. ländlichen Milieu spielen.
Die Abfolge von und ist nach einem bei den Rabbinen erwogenen Verständnis so zu verstehen, dass in Gen 1 ein einziger androgyner Urmensch geschaffen wird (Babylonischer Talmud, Traktate Eruvim 18a und Ketubbot 8a; Text Talmud 2), der dann in Gen 2 von Gott in Mann und Frau geteilt wird (vgl. Babylonischer Talmud, Traktat Berakhot 61a und Eruvim 18a.b). In der nächsten Generation steht nach dem Mord Kains an seinem Bruder Abel auch der nachgeborene Bruder Set für einen menschheitsbegründenden Neuanfang, was sich im Namen seines einzigen Sohnes Enosch („Mensch“) ausdrückt (). Erzählerisch werden auch Noah und seine Frau als ein solches Ahnenpaar der gesamten Menschheit nach der alles vernichtenden Flut () dargestellt.
Typisch für die Urgeschichte sind allgemein-menschliche Differenzierungen beispielsweise zwischen nomadischen Hirten und fest ansässigen Ackerbauern (). Für die Herkunft von Musikern () und Schmieden () wird eine Erklärung angeboten. Auch das Aussehen der Tier wird zum Teil erklärt, z.B. erfährt man, warum Schlangen keine Beine haben (). Die Erzählungen beschreiben, wie die ursprünglich gute Schöpfung durch menschlichen Widersinn und Gewalt in einen Zustand des Chaos zurückzugleiten beginnt. Gott hat, wie die Fluterzählung beschreibt, zunächst Anteil an diesem Anstieg der Gewalt. Gottes Abschwören seiner eigenen Gewalt () wird deshalb zunehmend als eine für ihn selbst neue Erkenntnis gewertet, die Folgen für die von Gott gesetzte Ordnung hat: Gott gibt dem Menschen zwar die Gewalt gegenüber Tieren zum Zwecke des Verzehrs frei () – wobei der Genuss von Blut verboten bleibt –, aber der Mord an Menschen wird ausdrücklich verboten (; vgl. Baumgart 1999; Crüsemann 2001, 88ff).
Gegenüber den allgemein menschheitlichen Themen der Urgeschichte entfalten die Erzelternerzählungen Differenzierungen innerhalb der Nachkommen der Träger der Verheißung, → Abraham und → Sara. Die Unterscheidung Urgeschichte – Erzelternerzählung zielt theologisch vor allem auf die Hervorhebung der Verheißungen von Nachkommen und Land an Abraham und Sara (, mehrfach wieder aufgenommen und variiert). Die Verheißungsrede Gottes initiiert einen neuen Spannungsbogen, der von der Genesis mindestens bis zur Erzählung der Landnahme im Buch Josua reicht. Doch bindet die Erzelternerzählung auch an die Urgeschichte zurück: Die Erzelternerzählung hat nämlich auch heilvolle Bedeutung für die gesamte Menschheit.
Nicht zuletzt im Zuge der feministischen Exegese wurde der eigenständige Anteil der Frauen der Erzväter deutlich erkannt: Auch wo sie nicht eigens genannt sind, sind die Erzmütter eigenständige Trägerinnen der Verheißung von Nachkommenschaft. Eine Bezeichnung der sog. Vätergeschichte als Erzelternerzählung ist von daher sachgemäß: Selbst dort, wo Männer scheinbar die Handlung tragen, nehmen Frauen entscheidende Rollen ein.
Diese Entdeckungen sind aber keineswegs auf feministische Bibelauslegungen beschränkt. Bereits die rabbinische Auslegung im Midrasch Bereschit Rabba überliefert eine Reihe von Auslegungen, in denen die Perspektive Saras in die biblische Erzählung hinein reflektiert wird, so beispielsweise eine Klage Saras gegenüber Gott, als sie von ihrem Mann verlassen beim Pharao bleiben muss (Genesis Rabba 40,2 zu , vgl. aber auch die Auslegung zu und ). Auch der Tod Saras () wird als Folge der Gefährdung ihres Sohnes () dargestellt.
In neuerer Zeit gibt es beispielsweise eine ganze Reihe von Bildern Marc Chagalls zu Erzählungen der Genesis, in der er auf die besondere Rolle von Frauen in diesen Erzählungen hinweist, so beispielsweise aus der Verve-Bibel II Bild Nr. 20, in dem er Rebekka als die eigentlich Handelnde beim Erschleichen des Segens durch Jakob () in den Vordergrund rückt. Auch das Bild zur Bindung Isaaks in den Fenstern von St. Stefan in Mainz fügt links unten Sara in die Darstellung ein, die hier sogar von dem Engel angeschaut wird, der das Isaak ersetzende Opfertier bringt – auch hier ganz im Sinne traditioneller jüdischer Auslegung.
Beide traditionellen Hauptteile der Genesis enthalten Stoff, der sich der üblichen Zweiteilung in Urgeschichte und Erzelternerzählung widersetzt. Die → Völkertafel und die → Turmbaugeschichte sind bereits als ein Übergangsfeld erkannt, innerhalb dessen auch die Noahgeschichte als ein möglicher Abschluss einer Urgeschichte verstehbar ist. Umgekehrt erscheint die Erzelternerzählung als eine Beschreibung des Verhältnisses von Israel zu Angehörigen anderer Völker, die auch durch Nebenlinien der Verheißungsträger gebildet werden. So stehen neben → Isaak als Sohn Abrahams und Saras der Halbbruder → Ismael und die Söhne Keturas. → Esau, der Stammvater der Edomiter, wird sogar als Zwillingsbruder → Jakobs beschrieben. So entsteht erzählerisch ein hochdifferenziertes Zuordnungssystem zwischen Israel und seinen näheren und ferneren Nachbarn, deren Grundlage in der Völkertafel gelegt ist.

Abb. 2 Umsetzung der Völkertafel in eine moderne Karte
Die Genesis bildet damit eine stark von Kontinuitäten geprägte Einheit. Als solche grenzt sie sich von dem nachfolgenden Buch Exodus ab. Das Buch Genesis bildet als ganzes eine Vorgeschichte zur Exoduserzählung bzw. zur Mosebiographie (Ex 1 – Dtn 34).
Die Problematik der Gliederung der Genesis in Urgeschichte und Erzelternerzählung verlangt nach einer Gliederung, die stärker textinternen Vorgaben folgt, deren Ausarbeitung aber forschungsgeschichtlich erst neueren Datums ist.
Bereits im biblischen Text gibt es ein Netz von 10 Toledot-Formeln. Das in diesen Formeln verwendete hebräische Wort Toledot kann auch mit „Geschlechterfolge“ oder „Entstehungsgeschichte“ übersetzt werden.

Tabellenvorschau.
„Toledot von NN“ bezeichnet dabei regelmäßig die Folgegeschichte, also die Geschichte der Nachkommen von NN.
Das System dieser Formeln leistet wie eine Überschrift zweierlei: Die Genesis wird zunächst in Sinneinheiten untergliedert. Zudem gibt der Text der Überschriften einen Hinweis zum Verständnis des Abschnittes:
Tabelle 2: Die Toledot-Formeln
Innerhalb dieses Systems der Überschriften ragt heraus, da hier mit dem Begriff des sæfær „Buch / Rolle“ möglicherweise das ganze Buch Genesis gemeint ist: „Dies ist das Buch der Generationenfolge von Adam“ (a). Zudem bezieht sich der nachfolgende Text ausdrücklich auf den Anfang der Genesis mit der Schöpfungsgeschichte zurück ( und ) und führt diese durch eine erste Genealogie bis zu den Helden der nächsten größeren Erzählung, Noah und seinen Söhnen, weiter (). markiert damit nach und einen dritten möglichen Anfang der mit der Genesis eingeleiteten Großerzählung.
In dieser Gliederung sind die zweite Schöpfungsgeschichte, die Paradieserzählung und die Mordgeschichten von Kain und seinem Nachkommen Lamech () Teil einer Vorgeschichte, die von der ersten Toledot-Überschrift untergliedert wird. Die erste, ordnungsbetonende und auf den Sabbat hinführende Schöpfungsgeschichte hat demgegenüber den Charakter eines Vorwortes; die eigentliche Geschichte als Geschehenszusammenhang beginnt mit der sog. zweiten Schöpfungsgeschichte in und führt kontinuierlich bis zum ersten Mord und der anschließenden Eskalation von Gewalt (). hebt demgegenüber einen neuen Anfang mit Set hervor, dem nachgeborenen Sohn von Adam und Eva.
Die häufig genannte Trias der drei Erzväter Abraham, Isaak und Jakob ist in den erzählten Geschichten sehr unterschiedlich stark repräsentiert: Mit Ausnahme von tritt Isaak nur unselbständig als Sohn Abrahams oder greiser Vater Jakobs auf. Isaak markiert damit eine Nahtstelle von zwei Überlieferungsblöcken. Jakob steht hierbei als Vater der 12 Stämme unbestritten für ganz Israel. Abraham steht demgegenüber nicht nur im genealogischen System der Menschheitsgeschichte näher, er ist eben auch Ahnvater weiterer Völker, vor allem durch seinen Sohn Ismael und die Söhne der Ketura. Zu diesen Nebenlinien ist in der Folgegeneration Jakobs Zwillingsbruder Esau zu rechnen. Durch das Gliederungsschema der Toledot werden diese Nebenlinien der Brüder erst abgehandelt (; .), bevor dann die Hauptlinie weiter entwickelt wird. Dieses Verhältnis von Haupt- und Nebenlinien ist als durchgängiges Thema der Genesis weiter zu betrachten.
Im Ergebnis finden wir in der Genesis nicht drei, sondern lediglich zwei Großerzählungen, um die herum sich die Erzählungen der Genesis gruppieren: Die Erzählung von Abraham und Sara sowie von Jakob und seinen Frauen. Die beiden Erzählkreise von Abraham und Jakob stellen schwerpunktmäßig unterschiedliche Regionen des verheißenen Landes vor: Die Erzähltraditionen um Abraham gehören mit dem lokalen Schwerpunkt Hebron zum Südreich (Juda), während die Jakoberzählung über die Bethellegenden und einen weiter nördlichen Schwerpunkt setzt, was einen ersten Hinweis auf den historischen Ort der Erzählungen gibt.
Die Textüberlieferung des biblischen Buches Genesis unterscheidet sich nicht von der der anderen Bücher des Pentateuchs. Das Buch ist in der Handschriftenüberlieferung in der Regel durch eine doppelte Leerzeile als Einheit erkennbar, und zwar auch dort, wo es keine eigenen Überschriften gibt. In der hebräischen Handschriftentradition gilt die des Pentateuchs und damit auch die der Genesis als besonders sorgfältig. Das hängt mit der liturgischen Verwendung des Pentateuchs als Teil der wöchentlichen Lesung eines Pentateuchabschnittes im Sabbatgottesdienst zusammen.
Eine Besonderheit hat die Textüberlieferung der Genesis in der griechischen Übersetzung, der Septuaginta. Die Genesis ist wohl als eines der ersten biblischen Bücher etwa in der Mitte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts übersetzt worden, und zwar vermutlich als Einheit, da sich seine Übersetzung von der der nachfolgenden Bücher charakteristisch unterscheidet. Die Übersetzung steht im besonderen Maße in Auseinandersetzung mit der griechischen Gedankenwelt und zielt damit weniger auf den Gottesdienst der hellenistischen jüdischen Gemeinden als auf eine eigenständige Bildungstradition.
Traditionell gilt Mose als Verfasser des → Pentateuchs, so z.B. im Traktat Baba Batra 14b des Babylonischen Talmuds (Text Talmud), wo allerdings bereits die letzten Verse ausgenommen werden, da Mose nicht von seinem eigenen Tod erzählt haben kann.
Die weitere → Pentateuchkritik entzündet sich vornehmlich am Buch Genesis. Bereits vor der Aufklärung war beispielsweise der Anachronismus in „Die Kanaanäer waren damals (!) im Land.“ aufgefallen. Offensichtlich weiß der Verfasser der Bemerkung von einer Zeit, in der die Kanaanäer nicht mehr im verheißenen Land lebten. Deswegen kann die Notiz frühestens aus der Zeit der Landnahme stammen. Da Mose vor der Überschreitung des Jordans stirbt, kann sie nicht von ihm geschrieben sein, sondern allenfalls von seinem Nachfolger Josua. Die fünf Bücher Mose sind daher nicht nur an ihrem Schluss, sondern bereits am Anfang von späteren Autoren ergänzt worden.
Solche einzelnen Beobachtungen, die die Annahme einer Verfasserschaft von Mose für den gesamten Pentateuch problematisch erscheinen lassen, häufen sich in Folge des Humanismus und sind mit den Namen von Andreas Bodenstein (Karlstadt), Thomas Hobbes, Isaak de la Preyrère, Baruch Spinoza und Richard Simon verbunden. Der Hildesheimer Pfarrer Henning Bernhard Witter (1711) und der Leibarzt von Ludwig XIV. Jean Astruc (1753) schließen unabhängig voneinander vom Gebrauch der Gottesbezeichnung Elohim „Gott“ in und des Gottesnamens JHWH in auf unterschiedliche Quellen, die auch die folgenden Texte durchziehen. Die Schöpfungserzählungen sind nun auch zu einem Beispieltext historisch-kritischer Methodik geworden.
In einer Phase vergleichsweise offener Suche setzt sich im 19. Jahrhundert das Modell von selbständigen Urkunden, die redaktionell zusammengestellt wurden, gegen andere Modelle wie beispielsweise die Ergänzungshypothese durch. Ab 1876 gewinnt die Ausarbeitung der sog. neueren Urkundenhypothese durch Julius Wellhausen für etwa 100 Jahre nahezu uneingeschränkte Zustimmung: Für diesen Zeitraum kann die Zahl und die Reihenfolge der Quellen „Jahwist – Elohist – Deuteronomium – Priesterschrift“ mit dem Kürzel „JEDP“ als Forschungskonsens gelten. Der → Jahwist („J“), die mit beginnende Quelle, die ihren Namen nach ihrer Verwendung des Gottesnamens JHWH erhält, ist die älteste Pentateuchquelle und stammt aus der Zeit → Salomos. Es folgt – etwa aus dem 8. Jahrhundert – der → Elohist („E“) als im Nordreich beheimatete Quelle, die allerdings nur fragmentarisch vorhanden ist. Das → Deuteronomium („D“) wird seit de Wette (1805) mit der Reform des Königs → Josia (622) verbunden. Die späteste Quelle, die sog. → Priesterschrift („P“), die mit der ersten Schöpfungsgeschichte beginnt, gehört demgegenüber in das babylonische Exil und ist damit frühestens im 6. Jahrhundert denkbar (→ Pentateuchforschung; → Pentateuch).
Bei näherem Hinsehen betraf dieser Forschungskonsens keineswegs alle Teile der neueren Urkundenhypothese. Die von Hermann → Gunkel in die Exegese eingeführte Methode der Formgeschichte ergab nicht nur Hypothesen zu mündlichen Vorstufen der schriftlichen Quellen, sondern stand insgesamt auch quer zur dominanten literargeschichtlichen Fragestellung.
Unter den postulierten Urkunden war der Elohist wegen seiner offenkundigen Unvollständigkeit als Quelle immer besonders umstritten. Bei den anderen Quellen gibt es sehr unterschiedliche Hypothesen zu Vorstufen. Von größter theologischer Relevanz erscheint dabei die Abgrenzung der Gesetzestexte von einer erzählenden Priestergrundschrift, weil so gebotsbegründende Erzähltexte wie und isoliert werden. Der konsequenteste Gegenentwurf wird demgegenüber als Minderheitsmeinung durch die sog. Kaufmann-Schule vertreten, benannt nach dem jüdischen Gelehrten Yehezkel Kaufmann (1889-1963). Sie betrachtet die priesterlichen Gebotstexte als inhaltlichen wie historischen Kern der Texte.
Insbesondere der Jahwist wurde in den theologischen Entwürfen von Gerhard von → Rad und Hans-Walter Wolff zur christlich-theologischen Identifikationsfigur. Die 1975-1977 aufflammende Infragestellung des Jahwisten durch Rolf Rendtorff, Hans Heinrich Schmid und John van Seters traf genau dieses verbleibende Kernstück der neueren Urkundenhypothese.
Gegenwärtig ist die Forschungslage völlig offen. Als Konsens kann allenfalls gelten, dass auf Grund einer veränderten Einsicht über die Religionsgeschichte Israels die Texte in der Regel deutlich später datiert werden. Als einflussreicher Neuentwurf, der die Argumente der Kritik aufnimmt, muss Erhard Blum gelten, der ab dem 6. Jahrhundert im Bereich der Genesis neben einer pentateuchübergreifenden deuteronomistischen und priesterlichen Komposition mit älteren Erzählblöcken im Bereich der Erzelternerzählung rechnet. Da dabei die jeweils jüngeren die älteren Kompositionen aufnehmen, gehört dieser Ansatz zu den Ergänzungshypothesen. Im Detail bleibt hier jedoch vieles offen: Da auch für Blum Gen 1-11 nachträglich der Erzelternerzählung vorgebaut wurde und der Anfang bei diesem Vorbau überarbeitet wurde, ist unklar, wie der Anfang der deuteronomistischen Komposition ausgesehen hat. Mittlerweile hat Blum seine These im Sinne von J.Chr. Gertz, E. Otto, K. Schmid sowie M. Millard dahingehend radikalisiert, dass er nun nicht nur Gen 1-11, sondern die gesamte Genesis erst im Rahmen einer priesterlichen Bearbeitung einem mit dem Exodus beginnenden älteren Erzählwerk vorangestellt sieht.
Eine ganze Reihe anderer Neuentwürfe hat demgegenüber alle Elemente der neuesten Urkundenhypothese sogar einschließlich des Elohisten modifiziert wieder aufleben lassen. Angesichts dieser offenen Forschungslage kann von sicheren Ergebnissen der historischen Kritik weder im Detail noch im Großen und Ganzen die Rede sein.
Zu den großen Themen des Buches Genesis, die bis heute von überragender Bedeutung sind, gehört eine Vielzahl von Segenszusagen. Ein Segen wird jeweils vom Höhergestellten dem Niedrigeren gegeben. Themen der Segenszusagen sind insbesondere Nachkommenschaft und Land. Insofern enthält die Genesis ab Kapitel 12 Vorverweise, die erzählerisch weit über den Horizont des Buches hinausweisen, beispielsweise zum Anfang des Buches Exodus und den Landnahmeerzählungen der Bücher Numeri und Josua.
Die Segenszusage betrifft dabei nicht nur die auf Israel hinführende Hauptlinie. Segen wird im genealogischen Aufriss der Genesis allen Menschen zuteil (z.B. ; ..). Spezielle Segenszusagen gelten auch den Nebenlinien, wie exemplarisch am Beispiel von Jakobs Zwillingsbruders Esau erzählerisch verdeutlicht wird, der einen eigenen, schwächeren Segen erhält (), welcher auch ihm ein heilvolles Leben ermöglicht ().
Die in der Genesis entfaltete Sicht der Menschheit als weit verzweigter Großfamilie bedarf mindestens in zwei weiteren Themenkomplexen einer praktischen Konkretion: den Heiratsregeln und der Streitschlichtung.
Auf der sprachlichen Ebene ist die Deutung möglich, dass die jeweiligen Erzväter allein Träger der Verheißung sind. Diese Deutung wird jedoch bereits am ersten Beispiel, bei Abraham, erzählerisch eindeutig widerlegt (vgl. Fischer 1994): Da Sara nicht schwanger wird, versuchen beide zunächst, den verheißenen Nachkommen durch den Wechsel der Frau zu lösen (Gen 16). Im vorliegenden Textzusammenhang präzisiert Gott seinen Segen dahin, dass nun ausdrücklich Sara ein Sohn verheißen wird ().
Abraham mag zwar andere Kinder haben und insofern ein Ahnvater vieler Völker sein (), aber nur das gemeinsame Kind mit Sara, Isaak, schickt Abraham nicht fort (). Dem entspricht, dass die Erzmütter der beiden folgenden Generationen jeweils aus der im Zweistromland verbliebenen Verwandtschaft rekrutiert werden und von ihnen eine je eigene Auszugsgeschichte erzählt wird ( und ).
Die Wahl der Frau erfolgt dabei weder in der engsten Verwandtschaft noch völlig außerhalb einer verwandtschaftlichen Verbindung. Die Texte vertreten damit eine Mitte als das Optimum zwischen den Extremen von Endogamie und Exogamie. Eine seit Lévi-Strauss (1981) oft hervorgehobene Besonderheit ist die Bevorzugung von Kreuz-Cousinen, d.h. der Tochter des Bruders der Mutter oder der Tochter der Schwester des Vaters, je nachdem ob die mütterliche oder die väterliche Linie bei der Abstammung dominiert.

Abb. 3 Sara schickt Hagar in die Wüste (Gen 21; Chronik des Rudolf von Ems; 13. Jh.)
Dass jedes Zusammenleben von Menschen Streit hervorruft, repräsentiert die Genesis durch zahlreiche Konflikterzählungen, die sich wie eine Kette beginnend mit den Kindern des ersten Menschenpaares durch das erste Buch der Bibel zieht. Weil die Menschheitsgeschichte als Verwandtschaftsgeschichte dargestellt ist, werden diese Konflikte als Geschwistererzählungen bearbeitet. Dieser erste Fall markiert zugleich die maximal negative Lösung: mit Abel stirbt ein Bruder, mit Kain scheidet der Mörder als Träger der genealogisch weiterführenden Linie aus und wird durch den nachgeborenen Bruder Set ersetzt.

Abb. 4 Versöhnung zwischen Josef und seinen Brüdern (Gen 45; Peter von Cornelius; 1815)
Innerhalb der weiteren Erzählungen dominiert das Modell der räumlichen Trennung zur Konfliktvermeidung: So funktioniert es bei Abraham und Lot, Isaak und seinen Halbbrüdern sowie Jakob und Esau. Erst ganz am Schluss der Genesis, in der Josefsgeschichte, wird dieses Modell dahingehend erweitert, dass der Bruder, der zunächst unfreiwillig von der Familie getrennt wurde, letztlich stellvertretend für das Überleben der Gesamtfamilie sorgt.
Die Erzählungen der Genesis gehören zu den am häufigsten ausgelegten Texten der Bibel überhaupt. Wo Bibel kulturelle Relevanz zugebilligt wird, betrifft dies in überragendem Maße ihr erstes Buch. Das dokumentiert sich insbesondere durch die Breite der Aufnahme der Erzählungen der Genesis über alle üblichen Grenzen von Bekenntnissen hinweg. Innerhalb des Judentums gehört die Genesis zu den viel zitierten Texten. Andere Textbereiche haben aber eine größere Verwendungshäufigkeit, beispielsweise in → Qumran das → Deuteronomium. Im rabbinischen Judentum ist die mögliche Verwendung der Genesis zur Begründung von rechtlichen Aussagen umstritten. Die Genesis hat damit eine Sonderstellung innerhalb der Tora. Im Neuen Testament gehört die Genesis mit zu den meistverwendeten Bibeltexten. Im Koran bezieht sich etwa jeweils ein Drittel der Bibelrezeption auf die Genesis, das übrige Alte Testament und das Neue Testament. Die Genesis ist damit innerhalb des Koran sogar der bei weitem am häufigsten verwendete Text.
Zu den Auslegungen einzelner Gestalten oder Erzählungen der Genesis muss auf andere Artikel verwiesen werden. Im Folgenden seien Schwerpunkte der Interpretation vorgestellt.
Ein Schwerpunkt der Rezeption sind die Schöpfungserzählungen. Hier sind es grundlegende Aussagen über das Verhältnis Gottes zur Welt oder den Menschen, die mit Texten und Motiven der ersten Kapitel der Bibel begründet werden.

Abb. 5 Die Erschaffung Adams (Michelangelo; 1510)
Christlicherseits kann Adam dabei beispielhaft für den alten, sündigen Menschen stehen, während Christus das Urbild des neuen Menschen ist (). In der Genesis wird die Beschneidung zur Zeit Abrahams eingeführt und Abraham so zum Vorgänger des Mose; Paulus sieht in Abraham einen Glauben begründet, der ohne das Gesetz auskommt (): Die Verheißung ist älter als das Gesetz. Im Jubiläenbuch, aber auch im rabbinischen Schrifttum wird demgegenüber die Begründung weiterer Normen in die Genesis hinein gelegt. Ein biblischer Ansatz dafür sind die Gebote für Noah (). Die rabbinische Fassung von sieben noachidischen Geboten (Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 56a.b; Text Talmud) ist dabei nur ein Teil eines breiten Traditionsstroms, in dem insbesondere auch elementare, nicht nur Israel betreffende Gebote mit der Autorität der Alten verbunden werden.
Als einzelner Text wird innerhalb der Genesis oft auch die Erzählung hervorgehoben. Irrtümlicherweise wird diese Geschichte oft „Opferung → Isaaks“ genannt. Jüdischerseits wird sie dagegen in der Regel als „Bindung Isaaks“ bezeichnet, obwohl einige jüdische nacherzählende Auslegungen der Spätantike (Midrasch Bereschit Rabba 56,8, aufgenommen z.B. im Kommentar von Raschi) betonen, dass Isaak sich freiwillig zum Opfer bereit gefunden habe. Eine tatsächliche Opferung Isaaks wird in der rabbinischen Diskussion nur in einer schulinternen, theoretischen Diskussion erwogen. Der Absicht der Erzählung kommt vielleicht die biblische Überschrift der Erzählung „Danach versuchte Gott Abraham“ (a) am nächsten: Demnach stellt Gott Abraham auf die Probe, ob er wirklich nur von ihm die Erfüllung der Verheißung von Nachkommenschaft erwartet und wirklich bereit ist, dafür auch alles aufzugeben. Nicht zuletzt kann diese Erzählung zur Begründung einer Religionspraxis dienen, die ohne den Tempel auskommt – einfach weil es den Tempel erst Generationen später gibt. Genau dies macht die bleibende Aktualität der Genesis zu großen Teilen aus.

Abb. 6 Die Bindung Isaaks (Fußbodenmosaik in der Synagoge von Bet Alfa; 6. Jh.)
In wird schließlich Gott in einer einzelnen Geschichte so vielgestaltig vorgestellt, wie er in allen Erzählungen erscheint, wenn man sie zusammen liest: Er ist der distanzierte, unbegreifliche Gott, der Weltschöpfer und Richter ist, und gleichzeitig insbesondere in der Offenbarung seines Namens JHWH der sich gnädig zuwendende Gott.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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