Unter Fußwaschung versteht man die Reinigung der Füße (in der Regel mit Wasser) aus hygienischen oder kultischen Gründen oder aus Gründen der Gastfreundschaft oder Ergebenheit. Lediglich in den beiden letzten Fällen wird sie (meist) durch einen anderen ausgeführt; in den ersteren beiden wird sie regelmäßig selbst vollzogen. Fußwaschung ist ein im Alten Orient und im antiken Mittelmeerraum ubiquitär zu greifendes Phänomen und begegnet auch im Alten und Neuen Testament. War ein Reinigender beteiligt, so hatte dieser gegenüber demjenigen, dessen Füße er wusch, in der Regel eine untergeordnete soziale Stellung. Die klimatischen und geologisch-edaphologischen Bedingungen begünstigten wohl die Entstehung dieser Praxis: Die große Hitze bedingte das Tragen von Sandalen, durch deren Zwischenräume der trockene Staub der Landschaft eindrang und die Füße verschmutzte. Dass Fußwaschung vor einem Mahl die Regel war, hat vielleicht auch damit zu tun, dass man zu Tische lag und nicht saß, so dass die verschmutzten Füße sich sozusagen auf Augenhöhe der anderen Mahlteilnehmer befunden hätten.
Fußwaschung ist im Alten Orient und antiken Mittelmeerraum so geläufig, dass sich die Redewendung „mit ungewaschenen Füßen“ zum Ausdruck schlechter Vorbereitung bilden konnte – offenbar mehrere Male unabhängig voneinander (vgl. Thomas 1991, 42.55f).
Im NT begegnet Fußwaschung an vier Stellen, als deren prominenteste anzusprechen ist. Darüber hinaus sind es: .; ; . An keiner dieser Stellen findet sich ein dem Substantiv „Fußwaschung“ entsprechendes griechisches Wort, sondern es wird eine Form von νίπτω (waschen) plus Akkusativ Plural von πούς (Fuß; τοὺς πόδας, die Füße) verwendet. fällt dabei aus dem Rahmen, weil vom „Salben“ (ἀλείφω) der Füße mit Nardenöl die Rede ist. Die Perikope wird daher auch nicht von allen unter die Fußwaschungstexte subsumiert. So führen Kötting / Halama (795f) sie nicht auf, während Thomas 1991 (57f) sie als solchen bespricht.
Für die Interpretation der Fußwaschungsperikope sind von den im Folgenden aufgelisteten Parallelen v.a. diejenigen von Belang, die mit Gastfreundschaft und Ergebenheit assoziiert sind. Zu weiterem Material vgl. Kötting / Halama (743-777); Thomas 1991 (26-58).
Vom Priester, der das → Stiftszelt betritt, wird verlangt, dass er sich Füße und Hände wäscht (; ). Gleiches gilt für die Priester am → Jerusalemer Tempel (; ; vgl. auch Philo, Quaest in ). Für den Versöhnungstag schreibt die Mischnah vor, dass der Hohepriester sich Hände und Füße waschen solle (Jom 3,2-4.6; Jom 4,5; 7,3).
heißt es, dass Mefi-Boschet, der Enkel Sauls, seine Füße (und noch einiges anderes) nicht gereinigt habe. Hld 5,3 sagt die Geliebte zu ihrem Geliebten, der sie zu Hause besuchen möchte, dass sie bereits ihre Füße gewaschen habe und sie nicht verschmutzen möchte. Die Stelle ist etwas dunkel. David befiehlt Uria, er solle nach Hause gehen und sich die Füße waschen. Die Deutung dieser Fußwaschung ist umstritten.
Bei der Ankunft der drei Männer in Mamre begrüßt Abraham sie mit der Ankündigung, dass ihnen die Füße gewaschen werden sollen. Der hebräische Text legt nahe, dass sich die drei Männer ihre Füße selbst waschen sollen, während → LXX eindeutig ist und die Füße durch jemand anderen zu waschen in Aussicht stellt. lädt Lot die zwei Engel ein, sich nach Eintritt in sein Haus ihre Füße waschen zu lassen. Hier taucht im hebräischen Text dieselbe Wendung auf wie in , jedoch übersetzt LXX, dass die zwei Engel ihre Füße selbst waschen sollen. gibt Laban Eleasar und seinen Gefährten Wasser zur Fußwaschung. Der hebräische Text gibt sich hier zweideutig in Hinsicht darauf, wer die Füße wäscht, während LXX sich wieder festlegt: Die Gäste waschen sich ihre Füße selbst. berichtet, dass Joseph seinen Brüdern Wasser zur Fußwaschung gibt. Hier lässt der hebräische Text die Brüder ihre Füße selbst waschen, während LXX offensichtlich Josephs Diener dafür heranzieht. Nach dem Tode ihres Mannes lässt David nach Abigajil schicken, um sie zur Frau zu nehmen. Sie fällt vor Davids Dienern nieder und bekundet ihre Bereitschaft, ihnen zu dienen und ihre Füße zu waschen ().
Im antiken Judentum ist Fußwaschung u.a. in der Schrift „Joseph und Aseneth“ repräsentiert. Nach der Ankunft Josephs in Pentephres’ Haus werden ihm noch vor dem Mahl die Füße gewaschen (JosAs 7,1;Text Joseph und Aseneth). Die bald darauf in Liebe entbrannte Aseneth betet (JosAs 13,15; Text Joseph und Aseneth) zum „Gott der Hebräer“, dass er sie Joseph zur „Dienerin und Sklavin“ geben solle, und dass sie Joseph dann die Füße waschen wolle. In JosAs 20 (Text Joseph und Aseneth), nach der Rückkehr Josephs, will Aseneth ihm die Füße waschen und setzt diesen ihren Wunsch auch gegen den Vorschlag Josephs durch, dies sollte eine ihrer Dienerinnen tun.
Dass die Fußwaschung zu den Obliegenheiten des nichtjüdischen Sklaven seinem Herrn gegenüber gehörte, belegt Bill. II, 557 mit Verweis auf den Midrasch Mekhiltha 82a. Diese Verpflichtung galt nicht für den jüdischen Sklaven. Nach dem Talmudtraktat Ketubbot 96a war ein Schüler verpflichtet, seinem Lehrer die Füße zu waschen. Von der Ehefrau wurde erwartet, dass sie ihrem Mann die Füße wusch (Ketubbot 61a) und von den Kindern, dass sie ihrem Vater die Füße wuschen (Tosephta Qidduschin 1,11).
In der Odyssee berichtet Homer, dass Telemachos nach der Tötung des Melanthius und einiger Frauen sich Hände und Füße wäscht, bevor er das Haus des Odysseus betritt (Od. 22,454-480; Text gr. und lat. Autoren). Es geht hier wahrscheinlich um die rituelle Reinigung des Mörders. Fußwaschung ist obligatorisch vor dem Betreten heiliger Orte (Homer, Il. 16,235; Strabo, Geogr. 7,328; Text gr. und lat. Autoren). Plinius (Nat. Hist. 24,102; Text gr. und lat. Autoren) vermerkt, dass eine bestimmte Heilpflanze (selago) nur barfuß und nach eben erfolgter Fußwaschung gesammelt werden dürfe.
Fußwaschung aus Gründen der Hygiene wird u.a. bei Apuleius, Apol. 8, erwähnt, wenngleich als Randbemerkung im Gegenüber zur ausführlicher besprochenen Mundhygiene, die dann nicht nötig sei, wenn dem Munde (nämlich dem seines Gegners Aemilianus, gegen den sich Apuleius’ Polemik richtet) ohnehin nur Schmähungen entfahren.
Ein locus classicus für Fußwaschung aus Gründen der Gastfreundschaft findet sich in der Odyssee (Od. 19,308-319; Text gr. und lat. Autoren). Odysseus betritt nach langer Abwesenheit unerkannt das Haus seiner Frau Penelope, die ihre Diener anweist, ihm die Füße zu waschen.
bietet einen Katalog mit Verhaltensregeln für verwitwete Frauen. Eine der Bedingungen der Zulassung von Witwen zum Dienst in der Gemeinde besteht darin, dass sie „den Heiligen die Füße gewaschen“ haben. Angesichts des Umstandes, dass es hier um die Tätigkeit einer Dienerin in der Gemeinde geht, ist die Nennung der Fußwaschung nicht außergewöhnlich. Die Stelle bezeugt aber die Selbstverständlichkeit des Phänomens Fußwaschung als solchem.
In der Perikope von Jesu Salbung durch die Sünderin benetzt diese im Hause des gastgebenden Pharisäers Jesu Füße mit ihren Tränen und trocknet sie mit ihren Haaren. Diese Handlung ist als Fußwaschung anzusehen, hier als Zeichen der Ergebenheit. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier eine Fußwaschung erzählerisch variiert wird, bezeugt wiederum die Verbreitung des Phänomens Fußwaschung.
Jesus sitzt mit Lazarus, den er von den Toten auferweckt hat, in Betanien zu Tisch. Lazarus’ Schwester Marta wäscht bzw. salbt Jesu Füße mit Nardenöl und trocknet sie mit ihren Haaren. Die Szene weckt den Unmut des Judas, der es lieber gesehen hätte, wenn das Öl verkauft und der Erlös den Armen gegeben worden wäre.
Wenn im Zusammenhang mit dem Neuen Testament von Fußwaschung die Rede ist, so ist allermeist die Perikope gemeint. Jesus und seine Jünger versammeln sich am Tag vor dem Passafest zu einem gemeinsamen abendlichen Mahl. Während des Mahls erhebt sich Jesus vom Tisch, legt seine Gewänder (τὰ ἱμάτια) ab und umgürtet sich mit einem Leinentuch (λέντιον). Er gießt Wasser in ein Becken (νιπτήρ) und wäscht den Jüngern die Füße, um sie dann mit dem Leinentuch zu trocknen. Als die Reihe an Petrus kommt, protestiert dieser, doch Jesus antwortet, dass Petrus noch nicht verstehe, was Jesus tue, und dass Petrus ohne Fußwaschung kein Teil an ihm habe. Auf die Bitte Petri, nicht nur seine Füße, sondern auch Hände und Haupt zu waschen, entgegnet Jesus, dass, wer bereits gewaschen (λελουμένος vgl. hierzu Oepke) sei, nur noch der Fußwaschung bedürfe. Danach zieht Jesus wieder seine Gewänder an, setzt bzw. legt sich zu Tisch und erklärt seinen Jüngern das eben Geschehene. Weil Jesus als ihr „Meister und Herr“ ihre Füße gewaschen hat, sollen auch sie einander die Füße waschen.
Die Auslegung der Fußwaschungsperikope ist so alt wie das Christentum. Eine Übersicht über die Geschichte ihrer Auslegung bietet die Monographie Richters. An Deutungsversuchen aus dem 20. Jahrhundert seien nur genannt (in Klammern einige ihrer Vertreter):
Die Fußwaschung verweist auf das Abendmahl (z.B. Bauer, 130; Strathmann, 194-199).
Die Fußwaschung ist mit der Taufe assoziiert (z.B. v. Dobschütz, 166; Hauck, 947).
Die Fußwaschung existierte als eigenes Sakrament neben Abendmahl und Taufe (Bacon, 218-221).
Die Fußwaschung dient als Instrument, Sünden zu tilgen, die nach der Taufe begangen werden (z.B. Corell, 1958, 72; Warnach, 156f.).
Die Fußwaschung ist ein Demutsbeispiel für die Jünger (z.B. Stählin, 32.41; Streeter, 423).
Die Fußwaschung verweist auf Jesu Leiden und Tod (z.B. Thüsing, 132-135.235; Haenchen, 462-467).
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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