Gattungen bezeichnen neutestamentliche Erzähl- und Argumentationsmuster, Formen deren individuelle Ausprägung im Kontext eines neutestamentlichen Buches und in dessen Traditionen. Der klassische, literaturwissenschaftliche Begriff Gattung wurde in der linguistischen Wende der 70er Jahre von dem texttheoretischen Begriff Textsorte ersetzt (Gülich / Raible 1972). Die Anforderungen an beide Begriffe sind ähnlich. Die Gattung kann zum einen die drei „Naturformen der Poesie“ (Goethe) als Grund-Gattungen bezeichnen: Epik, Lyrik, Drama, zum andern „Dichtarten im einzelnen“ als Einzelgattungen (Wilpert, 279f). Deren Einteilung erfolgt nach formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten, die die Einzelsprachen übergreifen. Auch die Textsorte ist eine „Teilmenge von Texten, die sich durch bestimmte relevante gemeinsame Merkmale beschreiben und von anderen Teilmengen von Texten abgrenzen lassen“ (Stammerjohann, 496).
Der Unterschied besteht darin, dass der klassische Gattungsbegriff auf Dichtung und innere Form fokussiert ist, − „jede schematische Abgrenzung und Systematisierung…verkennt somit ihr Wesen“ (Wilpert, 280) −, der Textsorten-Begriff dagegen jede Form von Sprechen, also Dichtung, Gebrauchsliteratur und Alltagskommunikation erfasst und sprachübergreifend beschreibt. Nun hatten bereits Anfang des 20. Jh.s die Volkstumforschung und die biblische Formgeschichte die mündliche und schriftliche Gebrauchs- und Alltagsliteratur zum Gegenstand der Gattungs-Klassifikation gemacht. Die Definitionsgeschichte biblischer Gattungen strebt daher zunehmend wie die linguistische Definition von Textsorten objektive Differenzierungskriterien an (Richter).
Da andererseits die Textlinguistik noch nicht eindeutige Kriterien liefern kann, mit denen sich „intuitiv gegebene Textsorten vollständig beschreiben und differenzieren“ lassen (Gülich / Raible 1972, 5), kann die Definition von Textsorten zurückgestellt werden (Wienold, 208-211). In der Exegese können daher Gattung und Textsorte synonym gebraucht werden, wenn beiden Begriffen empirisch überprüfbare Differenzierungskriterien abverlangt werden.
Die natürlichen Grundgattungen Epik, Lyrik, Drama lassen sich auf die pragmatischen Sprechhaltungen Erzählen (Epos, Prosa) und Besprechen (Lyrik, Drama) zurückführen. Weinrich teilt die Tempora einer Sprache in 2 Gruppen ein: Tempus I (Praesens, Perfekt, Futur) als besprechendes und Tempus II (Imperfekt / Präteritum, Plusquamperfekt) als erzählendes Tempus (Weinrich1971, 18-20). Zu den Tempora treten als zweites Kriterium die grammatischen Personen des Verbs hinzu. Ich / Wir als Sender, Du / Ihr als Empfänger und die 3. Person als Restkategorie, als besprochene oder erzählte Welt, erzeugen die sprachliche Kommunikation (Weinrich 1976, 45-53). In einer Sprech-Lesesituation geschieht die Leserlenkung zum einen durch die Syntax, d.i. die Form, zum andern durch die Multivalenz der Semantik, die den Leser anleitet, aus den begrenzten Bedeutungsangeboten selbständig eine eigene Wahl zu treffen und dem Text eine subjektive Bedeutung zu geben, zum dritten durch die direkten und indirekten Anreden der Pragmatik, d.i. die Wirkung des Textes als Modell auf den Leser.
Eine Erzählung unterscheidet sich vom Besprechen darin, daß 1. aktive Handlungsträger auftreten, 2. eine Ereignis- oder Handlungsfolge notwendig ist, 3. das Erzählen die Vergangenheit bevorzugt, das Besprechen die Gegenwart (Stammerjohann,113; Dormeyer 1979, 94-99).
Die kleinste Einheit der Ereignisfolge bildet die Sequenz. Sie besteht aus 3 Phasen: 1. Zustand in Virtualität ohne oder mit beginnender Veränderung des Zustands, 2. Gegenaktion als Aktionsaktivierung oder Aktionswechsel, 3. Neuer Zustand (Bremond, 200-201;Todorov, 60; Davidsen, 34-45).
Die entscheidenden Kategorien, die eine Veränderung von Handlung ermöglichen und sichtbar machen, sind Zeit, Raum und Umstände (Kahrmann, 146 ff.) Sie bilden eine Welt, die von der Erzählung als Faktualität oder Fiktion hergestellt wird (Dormeyer 1993, 59-62; Backhaus / Häfner). Weitere Elemente sind Handlungsbereich-Rollen (Aktanten) (Propp, 79 ff.) und semantische Felder (Eco 1972, 89).
Jesus verwendet nach dem NT nur mündliche Gattungen der Erzähl- und Argumentationssprache. Formen und Gattungen unterliegen dem Traditionsprozess und bilden zugleich das Kontinuum zum vorösterlichen Jesus.
In den späteren schriftlichen Großgattungen bleiben die Gattungen weitgehend erhalten, während die Formen der Gattung vom Autor autonom umgestaltet werden.
Die Perikopeneinteilung von Aland / Nestle (26. Aufl.) lässt sich mit Elementarsequenzen (Bremond, 200 f) oder Basissequenzen der neutestamentlichen Erzählbücher weitgehend gleichsetzen, da den Perikopen die erkennbar bleibenden Abgrenzungen der Klein-Gattungen zugrundegelegt worden sind (Davidsen, 375 ff).
Eine Erzählung bildet eine Hierarchie von Kommunikationsebenen.
Die erste Ebene der Kommunikation wird aufgrund des bekannten Axioms gebildet, daß bei jedem Kommunikationsakt ein Sprecher S1 einem Hörer H1 den Text mitteilt (Gülich / Heger / Raible, 81).
Metakommunikative Sätze gliedern den Text, insbesondere bei Erzählbüchern die Eröffnung und den Schluß (Eisen 2005). Sie schaffen so die metakommunikative Ebene 0 zwischen Sprecher und Hörer. Die Handlung der im Text dargestellten Personen bildet die Ebene 1. Da das Modell sprachlicher Kommunikation im Text wieder abgebildet werden kann, entsteht die neue Ebene 2 der direkten und indirekten Rede (Genette, 163); denn jetzt übermittelt der Erzähler nicht mehr die Handlung direkt dem Hörer, sondern die erzählten Figuren beeinflussen und deuten durch Rede ihre mitgeteilten Handlungen. Eine Übereinstimmung mit der textexternen Ebene besteht nicht; d.h. der Autor identifiziert sich nicht automatisch mit dem Handeln und den metasprachlichen Überlegungen der erzählten Figuren und bildet auch nicht die textexterne Welt ungebrochen ab. Erzählsequenzen selektieren, komprimieren, erweitern und fingieren Neues bei der Wiedergabe textexterne Ereignisse sowohl bei intendierter wahrheitsgemäßer Wiedergabe als auch bei poetischer freier Gestaltung (Dijk).
Der Leser wiederum kann sich mit einzelnen Rollen und mit der Autorperspektive identifizieren. Beim Erzähltext in den Erzählwerken und Briefen spricht der allwissende oder verdeckte Autor über den impliziten Leser, der die Antizipation des Lesers durch den Autor ist, den realen Leser an. Der implizite Autor schafft und lenkt die Erzähl-Rollen in „allwissender“ oder in „verdeckter“ Weise (Zwick, 42-53). Die literarische Gestaltung der Rollen lässt Rückschlüsse auf die Intentionen des realen Autors zu. Will er die Charaktere gut oder böse, komplex oder flach darstellen? Andererseits überprüft der reale Leser als impliziter Autor, wie der reale Autor die Erzählrollen mit den Erfahrungen des realen Lesers verknüpft hat. Handelt es sich um eine reale oder irreale/phantastische Geschichte für die Erfahrungswelt des realen Lesers (Todorov, 25ff.), um eine erfahrungsferne oder eine erfahrungsnahe Christologie?
Die Identifikation mit den Erzählrollen investiert durch Konnotationen reale Lebenserfahrung in den Text und lässt umgekehrt die Textwelt auf reale Rollen-Erfahrungen einwirken (Ricoeur). Der Leser soll seine Lebenserfahrung bestätigen, erweitern und verändern, „umkehren“ (). Der Reiz der biblischen Erzähltexte liegt also texttheoretisch darin, dass der Leser jede Rolle mit seiner Erfahrung auffüllen und aus der Perspektive jeder Rolle die Beziehungen zu den anderen Rollen innerhalb der Handlungsverläufe beurteilen soll. Die Autorperspektive wiederum lässt sich in Distanz zu den Erzählrollen als metasprachliche Rahmung bestimmen, weil sie in hierarchisch übergeordneter Weise alle untergeordneten Gattungen und die wieder ihnen untergeordneten Rollenperspektiven erfasst und sich daher eigenständig vom Erzählgeschehen abheben lässt (Gülich / Raible 1972, 21-28).
Ausgearbeitete Gleichniserzählungen sind im AT selten ( u.a.), dafür gibt es in der Propheten- und Weisheitsliteratur eine Fülle von Bildworten, Metaphern und Vergleichen. In der Apokalyptik tauchen dann ausführliche Traumbilder auf, die nachträglich durch einen Deute-Engel allegorisiert werden (). Exempla spielen hingegen in der hellistischen Rhetorik eine bedeutende Rolle.
Jesus gehört zu der ersten Generation der jüdischen Schriftgelehrten, die aus diesen Traditionssträngen Gleichnisse schufen, die in den Schatz der Weltliteratur eingegangen sind. Es sind Parabeln und Allegorien / Allegoresen zu unterscheiden, während die weitere Unterteilung der Parabeln nach Jülicher (1899) in Gleichnisse im engeren Sinne und Beispielgeschichten problematisch ist (Jülicher, 1,111f.). Die Beispielerzählung bildet nach neuerem Konsens keine eigene Gattung; sie gehört nicht zum griechischen historischen Exemplum, sondern ist der fiktiven Parabel zuzurechnen (Berger, 1114; Harnisch, 84-97; Rau; Dormeyer 1993, 146f.; Zimmermann 2007). Das Gleichnis im engeren Sinn wiederum lässt sich nicht auf eine typische, sich immer wiederholende Handlungsfolge aus dem Alltagsleben oder der Natur mit dem Präsens und Futur als Tempus und die Parabel auf einen Einzelfall exakt festlegen (Jülicher, 2,2). Daher wird neuerdings gegen Jülicher mit der anglo-amerikanischen Parabelforschung auf die Untergattung „Gleichnis im engeren Sinne“ verzichtet (Donahue; Zimmermann 2007, 19-23). Allegoresen lösen das Erzählgerüst in eine Aneinanderreihung von Einzelübertragungen auf; sie gehören zu den Auslegungsmethoden und sind als sekundäre Bearbeitungen jesuanischer Gleichnisse der nachösterlichen Zeit zuzurechnen. Auch die Allegorie ist keine eigene Untergattung, sondern gehört zum Stil und kann als „durchgehende Anwendung von Metaphern“ (Quintillian, Institutiones 8,6,44) ein ursprünglicher Bestandteil von Erzählungen sein (Klauck, 32-132); Parabeln sind Erzählungen mit allegorischen Anteilen (Erlemann, 85-94). „Bildfeldtradition“ ersetzt gegenwärtig den weiten antiken Begriff „Allegorie“ und ermöglicht es, die joh Bildworte und -reden in die Parabel-Auslegung miteinzubeziehen (Busse, 273-403; Zimmermann 2007; Dormeyer 2008, 422-425; Poplutz, 73-81).
Jesu Gleichnisse lassen sich in eine „Bildhälfte“ und eine „Sachhälfte“ unterscheiden. Der Leser hat die springenden Punkte in der Bildhälfte zu finden und in die theologische Sachhälfte der Verkündigung Jesu zu übertragen. Gleichzeitig symbolisieren viele Gleichnisse in ihrer Erzählgestalt eine Realisierungsmöglichkeit der Gottesherrschaft, so dass der Leser auf eine textimmanente Lektüre verwiesen wird. Textimmanenz und Erzählsituation stehen in Wechselbeziehung.
Das Gespräch wurde im Alten Testament in unterschiedlichen Formen wiedergegeben. Das Schema der neutestamentlichen Tradition zeigt aber auffallende Ähnlichkeit zur knappen griechischen Chrie. Auch die frührabbinischen Gespräche haben sich der Chrie angeglichen (Robbins). Unter formalem und semantischem Gesichtspunkt lassen sich drei Gruppen von Apophthegmen unterscheiden:
1. Das Streitgespräch zwischen Jesus als apokalyptischem, prophetischem Weisheitslehrer und seinen Gegnern; 2. das Schulgespräch zwischen Jesus und seinen Anhängern; 3. das biographische Apophthegma von Jesus und anderen bedeutenden Personen wie Johannes dem Täufer und den Aposteln (Bultmann, 39-73).
Ob sich die Intention der Chrie auf den vorösterlichen Jesus zurückführen läßt, muß im Einzelfall immer geprüft werden. Kürze und Länge der neutestamenlichen Apophthegmen entsprechen der Formenbreite der griechischen Chrien (Mack/ Robbins, 6f).
Apophthegmen und Reden können auch im Rahmen eines Gastmahl stattfinden. Eine knappe Exposition nennt den Gastgeber, die Annahme der Einladung und die Situation. Eine Beobachtung, ein Zwischenfall oder eine kritische Frage initiieren das Tischgespräch. Die personelle Rangordnung wird umgekehrt. Nicht der Hausherr, sondern Jesus leitet die Diskussion (Prostmeier, 96). Nur bei den Herrenmahldarstellungen ist Jesus beides, Hausherr und Gesprächsleiter ( parr; ) (Berger, 1310-1315). Ein ungebetener Gast kann eine besondere Rolle spielen, z. B. die Sünderin in . Die Themen sind vielfältig. Der Rangstreit nimmt aufgrund der offenen Teilnehmerordnung eine besondere Stellung ein. Plutarch verhandelt im „Gastmahl der Sieben Weisen“ einen Streit um den Ehrenplatz wie Jesus in (Plutarch, Septem Sapientium Convivium (Moralia 148E-149A); vgl. ).
Wundergeschichten sind besonders in der alttestamentlichen Exodus-Tradition und in den alttestamentlichen Erzählzyklen zu den Propheten Elija-Elisa enthalten (). Die dort berichteten Wunder wirken auf die neutestamentlichen, griechischen Wundergeschichten ein, die unter anderem auf den Stelen des Asklepiosheiligtums in Epidauros belegt sind (Herzog).
Nach den Tätigkeitsbereichen des Wundertäters lassen sich die Wunder unterscheiden in Therapien, Exorzismen und Naturwunder, die sich wiederum als Rettungswunder und Geschenkwunder differenzieren (Theißen 1974, 90-126). Die Wundergeschichten sind nachösterliche Bildungen, die ihren Haftpunkt in der charismatischen Therapie- und Exorzismustätigkeit des vorösterlichen Jesus haben (Weiser). Seine Heilungen und Dämonenaustreibungen symbolisieren den Anbruch der Gottesherrschaft, die die Macht der Dämonen bricht, welche Besessenheit und Krankheit verursachen: „Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist die Gottesherrschaft zu euch gekommen“ (Ich-Wort ).
Die befreiende Erinnerung an Jesu Heiltätigkeit wird nach Ostern um den Grenzbereich des Todes und der auf die Menschen einwirkenden Naturmächte erweitert. Von Erweckungen aus dem Tod, dem mächtigsten Dämon, wird aber nur dreimal erzählt; der Wundervorgang in den Naturereignissen bleibt knapp und unanschaulich. Diese Geschichten übertragen die Macht des Auferstandenen über Tod und Kosmos auf den irdischen Jesus zurück. Als Träger des Geistes Gottes und endzeitlicher Christus überragt er die anderen jüd. und hell. Wundertäter. Die Brechung der Dämonenmacht erfaßt den gesamten Kosmos und ermöglicht eine einmalig neue, ganzheitliche, unwiderrufbare Heilung von Mensch und Welt. Die Fähigkeit zu Wunderheilungen geht nach Ostern auf einzelne Charismatiker der Gemeinde über () (Kollmann).
Die Passionsgeschichten der Ev. stehen in der Linie der frühjüd. Martyrien (Martyrium Jesajas; ; ), der hell. Märtyrerakten und der Exitus illustrium virorum (Frey / Schröter, 139-169.315-375). Der Typos des leidenden Gerechten, verfolgten Propheten und Märtyrers sowie der Schriftbezug deuten von Anfang an die gerichtsprotokollartigen Darstellungen der Passion Jesu von der alttestamentlichen Leidenstheologie aus, während Erlösungsaussagen erst nachträglich mit den Herrenmahlworten hinzukommen (Dibelius 1959; Dormeyer 1974; Mack). Der unzutreffende Verurteilungsgrund „König der Juden“ (), die Erinnerung an das heilvolle Auftreten Jesu und die Ostererfahrung geben den Anstoß, den Verbrechertod Jesu am Kreuz mit Hilfe der Schrift als Heilsgeschehen umzudeuten und mit entsprechender Uminterpretation die mißverstandene messianische Königstitulatur auf Jesus zu übertragen: Jesus ist der gekreuzigte und auferstandene Messias (Mohr; Myllikoski). Als leidender Messias und Lehrer wird er zugleich in Abschied, Prozeß und Todesleiden mit den leidenden Philosophen des Hellenismus seit Sokrates vergleichbar. Prozesse und Martyrien in urchristlicher Zeit (Apg) wurden dann nach den Vorlagen der evangeliaren Passionsgeschichten, aber auch weiterhin nach hell. und frühjüd. Mustern gestaltet (Buschmann).
Angelophanien (Engelserscheinungen) und Theophanien (Gottesescheinungen) finden sich besonders in den frühen Überlieferungen der Schrift (Gen, Ex, Ri), in den Prophetenbiographien und in der späten Apokalyptik (Dan). Gott bringt sich in diesen Texten durch einen Engel oder durch ein Naturereignis zur Erfahrung (Bösen 1999). In den neutestamentlichen Geburtsankündigungen wirkt das Formschema der alttestamentlichen Geburtsankündigung besondes deutlich nach: 1. Ansage von Schwangerschaft und Geburt, 2. Auftrag der Namensgebung, 3. Begründung (Gen 16,7-16; Ri 13,2-24 u.ö.)(Beck). Die Angelophanie dient außerdem der Gestaltung der Tradition vom Gang der Frauen zum Grab Jesu (Mk 16,1-8 parr. Bösen 2006, 177-182).
Theophanien sind auch dem Hellenismus bekannt. Aber die Form der neutestamentlichen Erscheinungen weist deutlich auf die atl. Vorbilder zurück. Es geht um zentrale Offenbarung des Heilshandelns Gottes an Jesus von Nazaret. Taufe und Verklärung werden daher als Gotteserscheinungen dargestellt. Auf die Auferstehungsexistenz Jesu wird folgerichtig die Epiphaniegattung übertragen, so daß Christophanien entstehen. Die fiktionale Gestaltung der Erscheinungsgeschichten ermöglicht es, Auferstehungskerygma und und Interaktionserfahrungen wie Grablege, Erinnerung, Lehre und Herrenmahl miteinander zu verschränken im Gang der drei Frauen zum leeren Grab (Mk 16, 1-8 parr.), in der Erscheinung Jesu vor Frauen (Mt 28,9-10; Joh 20,11-18), vor den beiden Emmausjüngern (Lk 24, 13-35) und vor dem Jüngerkreis (Lk 24, 36-53; Mt 28,16-20; Joh 20,19-29; 21,1-23).
Erst spät kommen in der mündlichen Traditionsbildung die Kindheitsgeschichten auf. Anregung geben die Geburtsankündigungen und –verkündigungen der Schrift, aber auch die Kindheitsgeschichten des Hellenismus. Am Mose-Roman des Josephus (Antiquitates 2,9) zeigt sich die Einwirkung hell. Biographieschreibung auf die Ausgestaltung der biblischen Tradition. Die Verfolgung des Thronprätendenten und das wunderbare Sternzeichen bei der Geburt weisen in Mt 2 deutliche Parallelen zur antiken Biographie auf (Luz). In der lk. Kindheitsgeschichte (Lk 2,1-20) ist die Parallele zur Proklamation des kaiserlichen Geburtstages ebenfalls deutlich, wie die Inschrift von Priene oder die 4. Ekloge von Vergil sie vornehmen. Die Beziehung zur Schrift bleibt durch das Hirtenmilieu und die Kindheitsgeschichte des Johannes des Täufers gewahrt (Lk 1,5-25; 57-80), zu der in überbietender Parallelität die Kindheitsgeschichte Jesu hinzukomponiert ist (Lk 1,26-38; 39-56; 2,1-20; 21-40). Diese späten Erzählgattungen schufen Raum, die nachösterlichen Hoheitstitel Christus und Sohn Gottes auf den Zeitpunkt der Empfängnis und Geburt des irdischen Jesus zurückzudatieren. Späteres Schicksal und universale Bedeutung Jesu Christi wurden prologartig, der hell. Biographie entsprechend, den Traditionen vom öffentlichen Auftreten vorangestellt.
Die Aneinanderreihung von Stationsangaben und Reisenotizen zu einem Itinerar ist als mündliche Traditionsvorlage der Paulusreisen im „Wir“-Stil in der Apg (; ) eruierbar (Dibelius 1953, 163-175). Solche umfassenden Itinerare lassen sich von Jesu öffentlichem Auftreten nur mit Vorbehalt rekonstruieren. Der geographische Rahmen der Evv. ist Werk der einzelnen Redaktoren; doch der geographische Wechsel von Galiläa nach Jerusalem läßt sich aus den Ortsangaben der Passionsgeschichten und der anderen Erzähltraditionen als Tradition indirekt erschließen.
Sammelberichte sind Zusammenfassungen und Typisierungen der Tätigkeiten von Hauptpersonen in episodischen und iterativen Formen. Diese Gattung ist besonders geeignet, Intentionen und Kommentare eines Buchautors und eines Erzählers der Tradition zu bündeln (; ; ) (Onuki).
Das Spruch-Evangelium Q ist im apostolischen Viererkanon von den Erzähl-Evangelien MtEv und LkEv aufgesogen worden. Gegenüber der lockeren Sammlung von Herrenworten stellt Q eine literarische und theologische Konzeption dar. Es handelt sich um ein weisheitliches Spruchbuch bzw. Spruch-Evangelium, in das prophetische Worte und Handlungen, apokalyptische Partien und Menschensohn-Worte eingefügt sind. Die Aussagen von Passion und Tod fehlen.
Für die Entstehung des Erzähl-Evangeliums sind sondersprachliche Eigenentwicklungen und zugleich analoge Einflüsse benachbarter Literaturgattungen bestimmend. Das Zusammenwachsen der Jesus-Traditionen zu einer Rahmenhandlung, die beim Mk-Ev mit der Einsetzung zum Sohn Gottes beginnt und mit der Auferweckung abschließt, bildet einen biographischen Spannungsbogen. Göttliches Offenbarungshandeln und die Interaktionen zwischen den menschlichen Akteuren stehen zueinander in Wechselbeziehungen. Analogien sind in den alttestamenlichen Prophetenbiographien und in den hell. Biographien zu finden.
Mit der Apg greift das Lk-Ev die pathetische Geschichtsschreibung in Parallele zu 2 Makk auf. Apg stellt in idealtypischer Weise die Ausbreitung des Logos von Jesu Worten und Taten von der Urgemeinde in Jerusalem bis zur Reichshauptstadt Rom vor. Besonders Paulus steht als Werkzeug, Zeuge und Apostel des Auferstandenen im Mittelpunkt der Heidenmission (). Die ausgearbeiteten Reden des Petrus, Paulus und anderer deuten dem berühmten Methodenkapitel des Thukydides (1,22) gemäß programmatisch die Ereignisse (Plümacher; Dormeyer 2009).
Die Wurzeln der Apokalyptik reichen in die Prophetie und Weisheit der Schrift (Dan) zurück, nehmen aber auch außerjüdische Einflüsse auf wie die babylonische Astrologie, den iranischen Dualismus, die hellenistische Orakelliteratur. In den synoptischen Evangelien finden sich lange apokalyptische Reden Jesu: ; , ; ; . Als eigenständiges Buch wurde aber nur die Offb in den neutestamentlichen Kanon aufgenommen. Die Offb setzt mit der visionären Beauftragung an den prophetischen Verfasser ein, an sieben Gemeinden in Kleinasien paränetische Briefe zu schreiben (). Die weisheitliche Mahnrede durchsetzt auch die apokalyptischen Visionen von Endzeit, die sich anschließen (). Der wiederkommende Christus steht schon jetzt seiner verfolgten Gemeinde bei und verleiht ihr Anteil an der zukünftigen Herrlichkeit (Theissen 2007, 258-266; Pokorný / Heckel, 587-616; Ebner / Schreiber 559-586).
Die mündlichen und schriftlichen biblischen Gattungen nahmen die Reichhaltigkeit der hell. Prosa-Literatur auf und schmolzen sie in die biblische Sprachwelt ein. Sie schufen einen theologischen und literarischen Kosmos, der sich in Konkurrenz zur hell. Literatur etablieren und behaupten konnte. Zugleich wirkten sie mit ihren Veränderungen auf die hell. Literaturwelt ein.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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