Das Erlassjahr, wie es konzipiert, ist aus dem Brachjahr (→ Brache / Brachjahr) des → Bundesbuches () hervorgegangen und wird im → Jobeljahr des → Heiligkeitsgesetzes () fortentwickelt. Nach sieht das Brachjahr eine agrarische Brache für Felder, Weinberge und Ölpflanzungen nach sieben Jahren vor. Sie wurde wahrscheinlich individuell für jedes Grundstück berechnet, sodass immer ein Siebtel des Landes brach lag. macht daraus einen allgemeinen Schuldenerlass, der zu einem feststehenden Termin im Siebenjahresrhythmus erfolgt. enthält die eigentliche Gesetzesbestimmung. Danach ist der Erlass „am Ende von sieben Jahren“ zu halten (). Er besteht darin, dass der Gläubiger das, was er bei seinem Nachbarn und seinem Bruder ausstehen hat, „loslässt“ oder „erlässt“ (Wurzel šmṭ), weshalb von einem „Erlass / Erlassjahr für JHWH“ (šemiṭṭah) gesprochen wird (). Vom Erlass ausgenommen sind Ausländer (). Das hängt damit zusammen, dass es sich bei ihren Krediten nicht um Notdarlehen, wie beim Nachbarn und Bruder, handelt, sondern um reine Handelskredite zum Erzielen von Gewinn. Sie werden ohnehin nur zurückgezahlt, wenn die gemeinsame Unternehmung gelingt; in diesem Fall ist aber auch nicht einzusehen, warum die Rückzahlung wegen einer Regelung in sozialer Absicht unterbleiben sollte.
Nach einem Einschub in , der für den Fall des umfassenden Toragehorsams das Ende der Armut im Land verspricht, kehrt in die harte Realität zurück. Hier wird der nahe liegende Fall ins Auge gefasst, dass beim Herannahen des Erlassjahres die Neigung zur Vergabe von Krediten zum Erliegen kommt. Dagegen helfen keine gesetzlichen Regelungen mehr. Deshalb geht in appellativen Predigtstil mit Anrede in der 2. Person über. Eindringlich wird ermahnt, auch bei herannahendem Erlassjahr großzügig Kredite zu vergeben. Untermauert wird die Mahnung durch den Verweis auf den Notschrei des Armen, der zur Sünde beim hartherzigen Kreditverweigerer wird (), sowie auf den Segen, der bei großzügigem Tun von JHWH ausgeht ().
Historisch greift die Erlassjahrkonzeption auf die Praxis von Schuldenerlassen altorientalischer Herrscher zurück. Diese wurden gelegentlich, wohl besonders anlässlich von Thronwechseln, verfügt, um das soziale Gleichgewicht im Land wieder herzustellen. Wie das Edikt des altbabylonischen Königs Ammi-Ṣaduqa zeigt, konnte auch dabei wie in zwischen Notkrediten, die zu erlassen waren, und Handelskrediten, bei denen die Tafel mit dem Schuldvertrag „nicht zerbrochen“ werden musste (§§ 6 und 7 des Edikts), unterschieden werden. Der von → Nehemia in Jerusalem Mitte des 5. Jh.s verfügte Schuldenerlass () liegt ganz auf der Linie solcher herrscherlicher Eingriffe. Das Neue der → deuteronomischen Konzeption ist demgegenüber die Verstetigung im Siebenjahresrhythmus und damit die Berechenbarkeit für Schuldner und Gläubiger.
Erwähnungen von Steuerbefreiungen im siebten Jahr wegen dann nicht vorhandener Ernten und von Lebensmittelmangel aufgrund des Brachjahres, der u.a. die jüdischen Verteidiger bei Belagerungen schwächt (Josephus, Antiquitates Judaicae XI, 8,5; XII, 9,5; XIV, 10,6; XV, 1,2; .; → Brache / Brachjahr), weisen darauf hin, dass im Judentum der hellenistisch-römischen Zeit das siebte Jahr als Brachjahr gehalten wurde. War es aber auch das Jahr eines allgemeinen Schuldenerlasses? Die in überlieferte gemeindliche Selbstverpflichtung sieht es jedenfalls vor, wenn sie für das siebte Jahr fordert, jede Schuld zu erlassen (, in sprachlicher Anlehnung an ). Dafür, dass dies zumindest in römischer Zeit umgesetzt wurde, gibt es sichere sowohl direkte als auch indirekte Belege. So wird auf einem Schuldvertrag aus dem Wādī Murabba‘āt aus der Mitte des 1. Jh.s n. Chr. ausdrücklich das Erlassjahr erwähnt (mit dem Terminus šemiṭṭah). Indirekt vorausgesetzt wird die Erlassjahrpraxis durch den so genannten Prosbol, den Rabbi Hillel, ein Zeitgenosse Jesu, einführt. Er ermöglicht durch Hinterlegung des Schuldvertrags bei einem Gericht die Umgehung des Erlasses, eine Maßnahme, die Hillel zugesteht, um die in Not geratenen Menschen seiner Zeit überhaupt noch an Kredite kommen zu lassen, die sie zum Überleben brauchen. Dass dieser Ausweg nicht unumstritten ist, zeigt ein Dokument aus der Jesusbewegung des 1. Jh.s. fordert nämlich, in strenger Anwendung der Mahnung von : „Leiht denen, von denen ihr nichts zu hoffen habt!“
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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