(1887-1973)
Andere Schreibweise: Eissfeldt

Abb. 1 Otto Eißfeldt
Otto Eißfeldt war einer der bedeutendsten und angesehensten Alttestamentler und Religionsgeschichtler des 20. Jahrhunderts, der einen seitdem nicht mehr erreichten „Höchststand historisch-kritischer und religionsgeschichtlicher Forschung […] verkörperte“ (Zobel, 1982, 486).
Otto Eißfeldt, am 1. Sept. 1887 in Northeim (Hannover) geboren, studierte von 1905 bis 1908 Theologie und orientalische Sprachen in Göttingen und Berlin, wirkte dann bis 1922 in Berlin, zunächst als Senior des Studienhauses „Johanneum“, dann (ab 1912) als Frühprediger an der Jerusalems- und Neuen Kirche. In Berlin promovierte er 1911 zum Lic. theol. und habilitierte sich 1913; in Göttingen erwarb er 1916 den Dr. phil. Seine wichtigsten Prägungen hat Eißfeldt im Bereich der Literarkritik durch Julius → Wellhausen und Rudolf Smend (sen.) in Göttingen, im Bereich der Religionsgeschichte durch Wolf Wilhelm Graf Baudissin und Hermann → Gunkel in Berlin erfahren.
1922 folgte Otto Eißfeldt dem 1921 ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl für „Altes Testament und Semitische Religionsgeschichte“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, den er bis zu seiner Emeritierung 1957 innehatte und bis 1959 weiter vertrat.
Von hier aus gewann er beispiellos hohes Ansehen bei Fachkollegen national und international, das sich in drei Ehrendoktortiteln (Berlin 1922, Glasgow 1951, Budapest 1955) und Mitgliedschaften in mehreren Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften weltweit, aber auch etwa in Übersetzungen seiner „Einleitung“ ins Englische und ins Italienische niedergeschlagen hat. Der Respekt, den er in Halle weit über die Grenzen der Theologischen Fakultät hinaus genoss, verschaffte ihm zweimal in schwierigen Zeiten das Rektoramt (1929-1930 und 1945-1948) sowie 1956 die Ernennung zum Ehrensenator.
In seinen letzten Jahren galt Eißfeldt, der unermüdlich weiter literarisch tätig war und lehrte, als „der international anerkannte und führende Meister alttestamentlicher Wissenschaft“ (Sellheim / Maass, 1979, VI). Er starb am 23. April 1973 und wurde auf dem Laurentiusfriedhof in Halle begraben.
Otto Eißfeldt hat in der ganzen Breite des alttestamentlichen Faches gewirkt und darüber hinaus auch in der semitischen Religionsgeschichte, insbesondere in der Erschließung der Gedankenwelt der in → Ugarit gefundenen Texte, Bleibendes geleistet.
Eißfeldt war auch als Theologe immer Historiker (Zobel, 1988). Die historisch-kritische Methode, mit der Literarkritik als Grundlage, prägte ihn maßgeblich. In seiner „Hexateuch-Synopse“ (1922) stellte Eißfeldt die durch die Literarkritik seit dem 19. Jahrhundert herausgearbeiteten Quellenschriften des Hexateuch (= Genesis-Josua) in eigener Übersetzung in vier Spalten nebeneinander.

Abb. 2 Ausschnitt aus der Hexateuch-Synopse
Neben „Jahwist“ (J), „Elohist“ (E) und „Priesterkodex / Priesterschrift“ (P) als einstmals selbständig existierenden Erzählungswerken, aus denen der Hexateuch zusammengesetzt sei, versuchte Eißfeldt, eine weitere, ältere jahwistische Quelle als „Laienquelle“ (L) zu etablieren (ähnlich Smends „J¹“). Dieser „neuesten Urkundenhypothese“, deren Geltung Eißfeldt auch noch auf Richterbuch und Samuelbücher (1931) ausdehnte, blieb er, bei allen diskutierten Zweifeln im Detail, sein Leben lang treu. Zugleich hat er in seiner „Einleitung in das Alte Testament“ (1. Aufl. 1934; 2. Aufl. 1956; 3. Aufl. 1964) aber, für ein Werk dieser Art erstmalig, auch den Einsichten der von H. Gunkel und H. Greßmann entwickelten Gattungsgeschichte den gebührenden Platz eingeräumt (Zobel, 1982).
Mit zahlreichen Arbeiten über die kanaanäisch-phönizische Religion hat Eißfeldt sich auf dem Gebiet der orientalischen Religionsgeschichte bleibende Verdienste erworben, besonders in der Auswertung der seit 1929 zutage geförderten keilalphabetischen Texte von → Ugarit in Nordsyrien. Diese Texte aus dem 14. Jh. v. Chr. wurden von Eißfeldt für bis dato nicht mögliche Einsichten in die Glaubenswelt Israels nutzbar gemacht, ohne dabei einem fragwürdigen Panugaritismus zu verfallen (Meinhold). Insbesondere dem Gott El, der an der Spitze des ugaritischen Pantheons stand, hat Eißfeldt eine Reihe von bedeutenden Studien gewidmet. Die Bedeutung der Ugarittexte für die alttestamentliche Wissenschaft veranschlagte er wegen der durch sie möglichen Einblicke in die Vorgeschichte des Alten Testaments für höher als die der mesopotamischen oder ägyptischen Texte.

Abb. 3 Seite 1 der BHS mit textkritischem Apparat von Otto Eißfeldt
Eißfeldt hat insgesamt ca. 380 Monographien und Aufsätze verfasst, hunderte Bücher und zahlreiche Zeitschriften rezensiert (Zobel, 1982, 482). Nicht zuletzt war Eißfeldt seit 1929 neben A. → Alt als Hauptherausgeber der ursprünglich von R. Kittel edierten Biblia Hebraica für deren dritte, völlig neu bearbeitete Auflage verantwortlich (3. Aufl. BHK 1937), hat nach den Textfunden in Qumran bereits 1951 die wichtigsten Lesarten der bis dahin bekannten Qumrantexte in einem eigenen Apparat für die BHK zusammengestellt und in der Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS), der derzeit immer noch maßgebenden kritischen Ausgabe des Alten Testaments, das Buch Genesis bearbeitet.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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