Die theologische Leitfigur in der Darstellung des Judentums der persischen Zeit ist → Esra – nicht der Erbauer der Stadtmauer und Statthalter → Nehemia (→ Esra-Nehemia-Buch). Esra wird als Schreiber („Schriftgelehrter“) und Priester vorgestellt; seine Aufgabe ist die Etablierung des „Gesetzes“ (nach Auffassung des Esra-Nehemia-Buches ist es die → Tora) in der jüdischen Gemeinde in → Juda (Jehud) und Jerusalem. Diese Mission prädestiniert die Figur Esra, zum „Ahnvater“ einer Reihe pseudepigraphischer Schriften aus (viel) späterer Zeit zu werden: Im Namen (oder unter dem Namen) der biblischen Gestalt werden Mahnreden und apokalyptische Visionen publiziert – um diesen Texten „biblische“ Autorität zu verleihen und sie in den Traditionszusammenhang „heiliger Schriften“ zu stellen, wird „Esra“ als Hauptfigur (bzw. Offenbarungsempfänger) gewählt (daher die Bezeichnung „pseudepigraphisch“).
Das Buch 3. Esra (Esdras A’) ist eine apokryphe Schrift aus hasmonäischer Zeit (zweite Hälfte des 2. Jh.s v. Chr.; zur Überlieferung in der Septuaginta s. den Artikel → Esra-Nehemia-Buch). Folgende Übersicht zeigt die Anordnung des Materials in 3. Esra (Esdras A’) und im hebräischen (masoretischen) Text (MT):

Tabellenvorschau.
Tabelle 1: Anordnung des Materials in 3. Esra (Esdras A’) und im hebräischen Text
Dabei ist der griechische Text von 3. Esra eine freiere Übersetzung und wahrscheinlich früher entstanden als die sich eng an den hebräischen Text anlehnende griechische Version von Esra-Nehemia. Von daher ist 3. Esra als eigenständiges literarisches Werk zu werten; so haben es auch die Überlieferer des Textes gesehen, und bisweilen wurde und wird 3. Esra auch als kanonische Schrift angesehen: In der griechischen und russischen Orthodoxie ist Esdras A’ als Heilige Schrift anerkannt. Beachtenswert ist die Grobstruktur von 3. Esra: Am Anfang und am Ende stehen einzigartige Festbegehungen: das → Passa des Königs → Josia und das → Laubhüttenfest unter Esra. Dabei bricht allerdings 3. Esra in 9,55 mitten im Satz ab, und es wird allgemein angenommen, dass das Laubhüttenfest von als Abschluss zu ergänzen ist. Nun sind aber beide Personen, Josia und Esra, über das Motiv „Wiederauffindung der Tora des Mose“ (einmal vor, einmal nach dem Exil) eng miteinander verbunden. Möglicherweise erklärt diese Grobstruktur den auf den ersten Blick eigenartigen Geschichtsbogen von Josias Passa zu Esras Toraverlesung in 3. Esra. Zum literarischen Verhältnis von Esdras A’ und Esra-Nehemia vgl. Böhler, 1998; 2003, sowie den Exkurs bei Hieke, 18-23.
Das 4. Esrabuch ist eine jüdische Apokalypse, die am Ende des 1. Jh.s n. Chr. in Reaktion auf die Tempelzerstörung durch die Römer 70 n. Chr. entstanden sein dürfte. In der Vulgata sind Kapitel 1 und 2 als Esdras V (5. Esra) sowie die Kapitel 15 und 16 als Esdras VI (6. Esra) gezählt, diese sind vermutlich christliche Schriften, die die jüdische Schrift Esdras IV rahmen. Daneben gibt es in verschiedenen Handschriften in der Vulgata noch eine andere Zählung:

Tabellenvorschau.
Tabelle 2: Bezeichnung und Zählung der Esrabücher
In 4. Esra ist Esra der Dialogpartner des Engels Uriel, mit dem Esra sieben Visionen, die im 30. Jahr nach dem Untergang Jerusalems (587 v. Chr.) situiert sind, bespricht. In 4. Esra findet sich auch die Tradition, dass Esra unter göttlicher Inspiration die bei der Zerstörung Jerusalems verbrannten heiligen Bücher und vieles andere mehr in 40 Tagen fünf Schreibern diktiert: 24 zu veröffentlichende Bücher sowie 70 geheim gehaltene, die nur den Weisen bestimmt sind (4Esr 14,37-47). Am Ende wird Esra entrückt.
Vermutlich gab es eine hebräische oder aramäische Urfassung von 4. Esra, doch weder diese noch deren griechische Übersetzung sind erhalten, nur einige Zitate der griechischen Version sind überliefert. Die lateinische Übersetzung der Vulgata dürfte der griechischen Vorlage am nächsten kommen; andere Übersetzungen des (weitgehend) gleichen griechischen Textes gibt es in syrischer, äthiopischer, arabischer (zwei Fassungen), armenischer und georgischer Sprache.
Esdras V/VI (5./6. Esra) bilden um 4. Esra einen Rahmen, der aus christlicher Hand stammt (meist als Kap. 1-2 und 15-16 eines auch „4. Esra“ genannten Buches, dessen Hauptteil, Kap. 3-14 die Apokalypse 4. Esra bildet). In 5. Esra (also Kap. 1-2) werden die Abstammung (Genealogie) Esras sowie seine prophetische Berufung dargestellt. Sodann folgen Vorwürfe an „Israel“, das immer wieder die Barmherzigkeit Gottes erlebt habe, aber nicht der Weisung Gottes folge; Israel werde von Gott verworfen werden und dem Gericht anheimfallen. Nach Aufforderungen zu guten Werken in einer prophetischen Gottesrede wendet sich Esra den „Heiden“ zu und sieht in einer Vision eine große Menge auf dem Berg Zion, die vom Sohn Gottes die Krone dafür erhalten, dass sie ihn in der Welt bekannt haben. Daran wird die christliche Verfasserschaft dieser Kapitel deutlich. – 6. Esra als Anhang an die Apokalypse 4. Esra (Kap. 15-16) enthält Warnungen an die Sünder vor Gottes Gericht, Gerichtsworte über fremde Völker sowie Ermutigungen für Gottes erwähltes Volk, das angehalten wird, die göttlichen Gebote zu halten.
Die Bücher 3. Esra und 4. Esra sowie 5./6. Esra wurden nicht in den Kanon der katholischen Kirche von 1546 (Konzil von Trient) aufgenommen und gelten auch in den protestantischen Kirchen nicht als kanonisch.
Auf der Schrift 4. Esra basiert die spätere apokryphe griechische Esra-Apokalypse (frühestens 2. Jh. n. Chr.), die Reisen des Esra durch Himmel und Hölle (Tartarus), Gebet und Fasten, Fürbitte für die Sünder und weitere Motive, die den Kosmos, die Heiligen und das Endgericht betreffen, enthält. Ein wichtiges Grundmotiv teilt diese jüdische Schrift, die stark christlich überarbeitet wurde, mit dem Buch → Hiob: Immer wieder „rechtet“ Esra mit Gott, er fragt nach, warum die Menschen sündigen und bestraft werden und ob es nicht besser wäre, der Mensch würde nicht geboren. Gottes Antworten verweisen (wie bei Hiob) auf die Größe Gottes und der Schöpfung sowie auf die Gabe der göttlichen Weisung, geben aber keine rationale Erklärung ab. Es bleibt keine Lösung außer der vertrauensvollen Überantwortung der Seele im Tod an Gott.
Folgende weitere apokryphe Esra-Texte sind meist christliche Apokalypsen aus byzantinischer Zeit: Die Visio Beati Esdrae (ca. 4.-7. Jh. n. Chr.; ursprünglich griechisch; nur in lateinischer Sprache überliefert) beginnt mit der Bitte, furchtlos die folgenden Visionen zu ertragen, denn es wird vorausgesetzt, dass Esra nun die Verdammung der Frevler schauen wird. Esra sieht die flammenden Tore der Hölle, schaut, wie die Bösen von Hunden oder Löwen zerrissen werden, und steigt schließlich in den Tartarus hinab. Dort sieht er die Höllenstrafen für eine ganze Bandbreite von Verfehlungen. Schließlich darf Esra noch in das Paradies schauen und die himmlische Herrlichkeit erblicken. Vor Gott tritt Esra fürbittend für die Geschundenen in der Hölle ein, hört dann aber, dass ihnen nur entsprechend ihren Taten vergolten wird, während die Bußfertigen und die Erwählten ins Himmelreich eingehen.
Die Quaestiones Esdrae (Datierung unbekannt; in armenischer Sprache) sind ein Dialog zwischen dem „Propheten“ Esra und dem „Engel des Herrn“. Auch hier geht es wieder um das Schicksal der Seelen nach dem Tode. Insbesondere betont der Engel in seinen Antworten das fürbittende Gebet für die Toten.
Die Revelatio Esdrae (vor dem 9. Jh. n. Chr.; in lateinischer Sprache) ist ein Kalandologion, das das Wesen des Jahres beschreibt, je nachdem, an welchem Wochentag es beginnt. Damit sollen Natur- und Klimabedingungen sowie die Erntemenge vorhergesagt werden, ebenso das Schicksal der weltlichen Herrscher. Esra erscheint hier als eine astrologische Gestalt.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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