Der Begriff Fabel (lat. fabula „das Erdichtete“; griech. aínos / lógos / mýthos) begegnet als Gattungsbezeichnung erstmals im 1. Jh. n. Chr. bei Phädrus („fabulae Aesopicae“). Durch die Aesop-Übersetzung von H. Steinhöwel (ca. 1412–1482) gelangt der Terminus im 15. Jh. in die deutsche Sprache.
Die Fabel kann bestimmt werden als eine kurze, fiktive Erzählung mit inhärenter Moral, deren Charaktere vor allem Tiere oder Pflanzen sind. Die Fabel lässt sich von den Gattungen Parabel, Allegorie, Gleichnis und Beispielerzählung abgrenzen, wobei jedoch Randunschärfen in Kauf zu nehmen sind.
Ihren Ursprung hat die Fabel in der mündlichen Literatur. Die ältesten belegten Textzeugnisse stammen aus dem sumerischen Bereich (1. Hälfte des 2. Jt.s v. Chr.) und sind dort Bestandteil des Schulcurriculums. Aus dem mesopotamischen Raum findet die Fabel in den benachbarten Kulturen Verbreitung (u.a. in Ägypten, Syrien, Griechenland und Rom).
Von der Antike bis zur Moderne ist die Fabel durch ein vierteiliges Aufbauprinzip geprägt: Schilderung einer Situation – actio (Rede / Handlung) – reactio (Gegenrede / Gegenhandlung) – Ergebnis. Die Fabel ist weder an eine bestimmte Zeit noch an einen bestimmten Ort gebunden und stellt nicht etwas Einmaliges dar, sondern etwas Typisches. Der ursprüngliche Charakter der Fabel war nicht wie in späterer Zeit moralisierend, sondern analysierend-kritisierend: sie beleuchtet kritisch konkrete Situationen und bestimmte Zeitverhältnisse (A. Jülicher). Dadurch, dass die Fabel menschliche Eigenschaften, Denk- und Verhaltensmuster offen legt, zeigt sich ihr existenz- und gesellschaftskritischer Charakter.
Im Alten Testament begegnet die Fabel ausschließlich als Pflanzen-Fabel: ; par. .
Die Jotam-Fabel, die im Richterbuch innerhalb der Abimelech-Geschichte () situiert ist und von → Jotam, dem einzigen überlebenden Bruder Abimelechs, auf dem Garizim vor den Bewohnern von Sichem und Bet-Millo vorgetragen wird, erzählt, wie die Bäume einen → König für sich wählen. Sowohl der → Ölbaum, auf den die Wahl als erstes gefallen ist, als auch Feigenbaum und Weinstock, die nächsten beiden Thronkandidaten, lehnen die Königswürde ab. Schließlich ist es der Dornstrauch, der die Wahl zum König annimmt und die anderen Bäume auffordert: „Kommt, findet Schutz in meinem Schatten!“ ()
In der poetisch kunstvoll gestalteten Fabel begegnen zwei in der altorientalischen Königsideologie beliebte Topoi: 1. Der König ist Frucht- und Lebensbaum für sein Volk. 2. Der König ist Schutz und Schatten für sein Volk. Ihre Pointe hat die Jotam-Fabel darin, dass keiner der drei Fruchtbäume die Königswürde übernehmen will, sondern ausgerechnet der Dornstrauch die Wahl annimmt und sich als „Beschützer“ und „Schattenspender“ ausgibt. „Das Königtum verspricht also, was es nicht halten kann.“ (Zenger, 2004, 431). Daher hat Martin Buber die Jotam-Fabel als „stärkste antimonarchische Dichtung der Weltliteratur“ (1964, 562) bezeichnet.
Die Entstehung der Jotam-Fabel geht möglicherweise auf gebildete aristokratische Kreise aus der Zeit des Königs → Jehu (845-818 v.Chr.) zurück (so Bartelmus), die aufgrund ihrer Erfahrungen dem Königtum wegen seiner negativen Begleiterscheinungen wie Unterdrückung und Ausbeutung ablehnend gegenüber standen. „Die Einschränkung ihrer Freiheit läßt sie zur F(abel) greifen, um ihre Einstellung zur gegenwärtigen Situation kundzutun“ (J. Wehrle, in: Neues Bibel-Lexikon I, 654).
Auf die Aufforderung von → Amazja, dem König des Südreichs Juda, sich mit ihm im Kampf zu messen, gibt → Joasch, der König des Nordreichs Israel, seine Antwort in Form einer Fabel, in der er selbst als starke Zeder, Amazja dagegen als schwacher, aber übermütiger Dornstrauch erscheint: Der kleine Dornstrauch hält für seinen Sohn bei der großen Zeder um die Hand ihrer Tochter an. Doch er wird von Tieren zertreten. Amazja schlägt die Warnung in den Wind, wagt den Kampf mit Joasch und unterliegt ( par. ).
Das Fabel-Motiv „Rangstreit der Bäume“ ist ägyptischen Ursprungs, begegnet aber auch im babylonischen, assyrischen, persischen, aramäischen und griechischen Kulturraum.
Die alttestamentliche Fabel weist folgende Gattungselemente auf: 1. Sie ist eine ins Pflanzenreich übertragene Erzählung, deren Intention nicht im Vordersinn liegt, sondern im Hintersinn. 2. Als Stilmittel dient der Fabel vor allem das Gespräch, in dem Kritik oder Tadel ausgedrückt wird. 3. Die ursprüngliche Funktion der Fabel dürfte eine politische und soziale gewesen sein. 4. Aufgrund einer Situation der Unterdrückung, welche die Eindeutigkeit der Darstellung unmöglich macht, wird die Kritik in Form einer Fabel gewissermaßen versteckt und ist vom Hörer bzw. Leser neu zu entdecken.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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