
Abb. 1 Verschiedene Becher- und Gefäßformen.
Der Becher (hebr. kôs; verwandte Begriffe sind: gāvîa‘ „Schale / Trinkschale“; qubba‘at „Becher“; saf „Schale“; sefæl „Schale / Becher“) ist als Gebrauchsgegenstand ein Trinkgefäß für Wasser und Wein (..; ; ). Über diesen alltäglichen Gebrauch hinaus konnte der Becher verschiedene Funktionen erfüllen: Im Kontext von Trauerriten ist der Brauch belegt, einem Trauernden einen „Becher der Tröstungen“ zu reichen ().

Abb. 2 Totenmahl (Grabstele des Si’gabbar aus Nerab; 7. Jh. v. Chr.).
Im Alten Orient wurde der Becher als Trinkgefäß im Totenkult verwendet, um den Toten zu versorgen (vgl. das Totenmahl auf der Grabstele aus Nerab; 7. Jh. v. Chr.; TUAT II, 574). Auf einen Wahrsagebecher spielt an (vgl. gāvîa‘ „Schale / Trinkschale“ in ...; → Mantik). Die Praxis der Becherweissagung, bei der man Öl in einen Becher mit Wasser gegossen und aus den sich ergebenen Formen die Zukunft erschlossen hat, ist aus dem Alten Orient bekannt.
Im Alten Testament findet der Becher besonders in der Bildsprache der Propheten und Psalmen Verwendung und erweist sich dort als ein ambivalentes Motiv: Den wenigen Belegen für den Becher als Heilsmotiv (der Becher als Symbol der Lebensfülle) stehen zahlreiche Belege für den Becher als Unheilsmotiv (Zorn- oder Taumelbecher) gegenüber.
In der prophetischen Verkündigung aus spätvorexilischer und exilischer Zeit ist das Bechermotiv negativ konnotiert: der Zornbecher (kôs hachemāh .), der Becher des Zornweines (), der Taumelbecher (kôs hattar‘elāh .) oder der Becher des Entsetzens und der Verheerung () sind Bilder für Untergang und Vernichtung (s. dazu Seidl). Die bekanntesten Texte für dieses Unheilsmotiv sind ; ; und . Gott hat einen Becher in seiner Hand, den er seinem Volk Israel (; ; vgl. .) oder anderen Völkern (., .; ; ; vgl. ) zum Trinken reicht. Damit entspricht das Bechermotiv der Vorstellung vom Zorn Gottes als einer flüssigen Substanz, die er über den Menschen ausschüttet (ntk „gießen“; špk „schütten“; vgl. ; ; ; u.ö.).
Die Auswirkungen des Trinkens aus dem Becher zeigen sich in Trunkenheit (šākhar ; vgl. ; ), Erbrechen (g‘š Hitpo.; ), Taumeln (ra‘al bzw. tar‘elāh; vgl. .; ; daher die Luther-Übersetzung „Taumelbecher bzw. -kelch“), Entblößung () oder Verrücktheit (hll III Hitpo. „toll werden“; ; ) und entsprechen somit den Folgen übermäßigen Alkoholgenusses. Wer aus dem Becher trinkt, fällt nieder und steht nicht mehr auf (). Die Folgen sind Schande (), Spott (), Zerstörung und Vernichtung (; .) bis hin zur Nichtexistenz (vgl. ). Variationen des Motivs vom Becher in der Hand JHWHs finden sich in und : Nach . reicht der Prophet als Mittler den Becher im Auftrag JHWHs den Völkern. In wird der Becher personifiziert: Babylon ist der goldene Becher in der Hand JHWHs und bringt gleichsam als Werkzeug JHWHs den Völkern Unheil, indem es alle trunken macht (škr Pi.; vgl. : Jerusalem als „Taumelschale“ [Luther-Übersetzung: „Taumelbecher“] für die anderen Völker). Auch die Heilswende kann mit dem Bechermotiv beschrieben werden: Nach geschehenem Unheil () nimmt Gott seinen Zornbecher aus der Hand des Volkes Israel und gibt ihn den Unterdrückern (). In den Psalmen wird das Unheilsmotiv nicht auf einzelne Völker, sondern auf die Gruppe der Frevler bezogen: In heißt es „Sturmwind ist der Teil ihres Bechers“, und nach müssen die Frevler aus JHWHs Becher mit „schäumendem Wein, voller Würze“ trinken.
Zum Motivfeld des Zorn- bzw. Taumelbechers gehören im weiteren Sinne auch die Texte, die zwar nicht explizit einen Becher erwähnen, denen aber aufgrund des Sprachgebrauchs und der Motivik (Metapher des Trinkens bzw. die entsprechenden Auswirkungen Trunkenheit; Taumeln u.ä.) eine vergleichbare Vorstellung zugrunde liegt (vgl. ; ; ; ; ; ; ; [„Taumelwein“]; u.a.). Dabei sind neben Zorn bzw. Zornwein auch Giftwasser und Wermut als unheilbringende Flüssigkeiten belegt.
Die traditionsgeschichtliche Herkunft der Zorn- und Taumelbechermotivik ist umstritten. Diskutiert werden inneralttestamentliche und altorientalische Herleitungen. Mögliche Erklärungsversuche der Forschung sind u.a.:
1. Ein „genuin israelitischer Hintergrund“ (Schunck, 330): Der Festbecher im Heiligtum sei von den Propheten ins Gegenteil (Zornbecher; Taumelbecher) verkehrt und der Festtag JHWHs zu einem Unheilstag umgeprägt worden (Gressmann, Eschatologie, 134f.; Schunck, 326f.330; → Tag JHWHs).
2. Die altorientalische Vorstellung, dass der Hauptgott als Schicksalsgott dem Menschen einen „Lebens- oder Todesbecher“ reiche (Gressmann, Festbecher, 61).
3. Die Herkunft aus der Kultsprache, z.B. die Annahme eines kultischen Ordalverfahrens, nach dem das Trinken aus dem Becher über Schuld oder Unschuld entscheidet (vgl. Mayer, ThWAT IV, 110 unter Berufung auf Beyerlin; → Ordal).
4. Eine Herleitung aus den verschiedenen Bechervorstellungen der ugaritischen Mythologie, nach denen der Becher als umfassendes Symbol für Heil und Unheil, Segen und Fluch, Leben und Tod fungiere. Der „verbindende Rahmen“ für alle Bechertexte, die jeweils einzelne Aspekte herausheben, sei das göttliche Festmahl. Im Alten Testament überwiege der Gerichtsgedanke; der „Becher des Zornes“, die „Umkehrung einer positiven Symbolik aus alter, mythischer Tradition“, sei ein „genuin-israelitisches Motiv“ (Fuchs 2000, 71.82ff.).
5. Der „Zornbecher“ als „Konglomerat aus unterschiedlichen Einflüssen und Epochen“, der von dem Mythologem „(Glut-)Becher des Sonnengottes“ geprägt sei (Fuchs 2004, 26.28): Der Zornbecher stelle „den End- und Höhepunkt einer konsequenten inneren Entwicklung dar, die über den ‚Glutbecher‘ des alles sehenden, gerechten Richters Sonne zum bekannten Topos der prophetischen Gerichts- und Strafpredigt geführt hat“ (Fuchs 2004, 125).
6. Gegenüber diesen verschiedenen Positionen hält Seidl die Herkunft des Bechermotivs „trotz der beigebrachten ugaritischen Parallelen weiter nicht eindeutig klärbar“ (Seidl, 149). (Zu weiteren Positionen der Forschungsgeschichte s. Seidl, 4ff.; Brongers, 181ff.).
Die wenigen Belege, in denen das Bechermotiv positiv konnotiert ist, finden sich in den Psalmen. Im Kontext tempeltheologischer Motivik wird der Becher zum Heils- und Lebenssymbol (s. dazu Liess).
Im Hintergrund des Bechermotivs in (wörtlich: „mein Becher ist Überfluss“) steht die Vorstellung eines Gastmahls: Der übervolle Becher ist Teil einer belebenden Mahlzeit im Heiligtum und symbolisiert die überfließende Segens- und Lebensfülle in der Nähe Gottes. Das Vertrauenslied benennt in einer einzigartigen Aussage Gott selbst als Becher (: „JHWH ist mein Becheranteil“) und bringt damit die Erfahrung der Lebensfülle in der Gottesbeziehung zum Ausdruck. In Verbindung mit der Anspielung auf ein Mahl im Heiligtum in („Sättigung“; vgl. ; ) lässt sich auch der Becher in – wie in – als Mahl- und Festbecher verstehen. In dem Danklied („Den Becher der Rettungstaten will ich erheben“) ist das Erheben des Bechers ein Gestus des Dankes: Als Teil der Dankopferfeier im Heiligtum symbolisiert der Becher die erfahrene Rettung aus Todesnot und den Beginn wiedergewonnenen Lebens.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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