Beim Bibliodrama handelt es sich um die „dramatische“ Aneignung und Umsetzung biblischer Texte. Dabei sind sehr unterschiedliche Methoden und Akzente möglich, so dass es DAS Bibliodrama nicht gibt. Allen Richtungen gemeinsam ist ein ganzheitliches und erfahrungsorientiertes Arbeiten in Gruppen unter Einbeziehung des Körpers und mit Einsatz kreativer Elemente, von Gestus über Stimme und Klang bis hin zu Farbe und Form.
Die Identifikation der Teilnehmenden im szenischen Spiel mit Situationen, die in der Bibel geschildert werden, befähigt, die in den Bibeltexten enthaltenen menschlichen Grunderfahrungen nachzuvollziehen und dadurch das eigene Leben tiefer zu verstehen und zu gestalten. So geschieht eine wechselseitige Auslegung von Lebenssituation der Teilnehmenden und Bibeltext. Bibliodrama ist prozessorientiert und dabei von den Möglichkeiten der Texte, der Teilnehmenden – sowohl als Individuen als auch als Gruppe – und der Leitenden abhängig.
Das Ziel, ein lebendiges Bibelverständnis zu erreichen, das die Teilnehmenden und ggf. die Zuschauenden existenziell angeht, verbindet die verschiedenen Ansätze. Im Unterschied zum Bibeltheater will Bibliodrama nicht illustrativ einen Bibeltext nachspielen, sondern zur Vergegenwärtigung führen.
Die älteste Erwähnung des Begriffs steht im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Aufbrüchen der 60er Jahre des 20. Jh.s und findet sich bei A.J. Bobroff, wo sich schon der Einfluss des Psychodramas (s.u.) zeigt.
Bibliodrama knüpft an das Drama an, das in der Bibel selbst angelegt ist, insofern sie Zeugnis von Erfahrungen gibt und darauf zielt, nachvollzogen und in den eigenen Glauben integriert zu werden. Die Aktualisierung des Textes im Spiel hat eine spirituelle Dimension und damit kann Bibliodrama als Weg zur Glaubensvertiefung verstanden werden (Andriessen / Derksen, 123-130).
Vorläufer von Bibliodrama ist das mittelalterliche Mysterienspiel, das ebenfalls als Vergegenwärtigung der biblischen Botschaft verstanden wurde (Panitz, 217-236). Bibliodrama steht nicht in Konkurrenz oder Ablehnung zur Exegese, sondern bezieht zum Teil Erkenntnisse historisch-kritischer oder sprachwissenschaftlicher Exegese ein (Schramm, in: Kiehn, 116-135).
Bibliodrama hat viele Quellen, deren wichtigste (jeweils mit Vertreterinnen und Vertretern) sind: Interaktionale Bibelarbeit (Martin), Theaterpädagogik (Warns), Themenzentrierte Interaktion (Schramm), Gestalttherapie (Goßmann), Psychodrama (Bobrowski), Tiefenpsychologie, Gruppendynamik, Körperarbeit (Kessler), Mythenarbeit (Laeuchli). Je nach den Erfahrungen der Leitung prägen sie das Spiel, ohne dass man von klar abzugrenzenden Schulen sprechen könnte.
Während im Psychodrama in therapeutischer Absicht Situationen aus der Biografie nachgespielt werden, ist die Zielsetzung des Bibliodrama nicht die Therapie. Zwar ist es möglich, dass im Spiel Krisen neu durchlebt und gelöst werden und es daher als heilend erfahren wird, aber das persönliche Drama ist nicht der eigentliche Gegenstand des Bibliodramas (Warns, 19). Statt zur Biographie führt das Bibliodrama immer zurück zum Bibeltext (Martin, 69-71).
Kritisch diskutiert werden die Vorwürfe der Beliebigkeit der Auslegung und der Psychologisierung der biblischen Texte. Beidem wird mit einer Orientierung am Text vorgebeugt (Heidenreich, 521).
Die Leitung ist sowohl in ihrer psychologischen als auch in ihrer theologischen Kompetenz gefordert. Sie sollte als Anwalt der Teilnehmenden über Erfahrungen in einer der therapeutischen Richtungen (s. 2.) verfügen, und als Anwalt des Textes braucht sie exegetische Kenntnisse. Aufgabe der Leitung ist es, durch die Wahl geeigneter Methoden „Spielräume“ zu eröffnen und den Prozess selbst sensibel zu begleiten. Sie wird abhängig vom Prozess und den Phasen des Bibliodramas (s. 4.) für das Gleichgewicht der drei Pole Bibeltext – Gruppe – Individuum zu sorgen.
Jedes Bibliodrama findet in drei Phasen statt, die in der Literatur z.T. noch in weitere Schritte ausdifferenziert werden:
● In der Aufwärmphase (Warming-up) wird die Begegnung mit dem Text vorbereitet. Es findet ein Wechsel aus der Alltagswelt in die Welt des Textes statt, indem der „Textraum“ erkundet wird. In dieser Phase ist bewusste Körperarbeit besonders wichtig.
● In der Spielphase begeben die Teilnehmenden sich durch die Identifikation mit einer Person, einem Symbol oder Gegenstand des Textes in die Perspektive des Textes selbst hinein. Nachdem Rollen eingenommen und mit einem Profil verbunden sind, wird der Text oder ein Teil davon in Szene gesetzt.
● Ebenso wichtig wie die eigentliche Spielphase ist die Reflexionsphase. Die Teilnehmenden verlassen die eingenommenen Rollen und reflektieren, wie sie sich selbst und die anderen im Spiel wahrgenommen haben. Berührungspunkte mit dem Alltagsleben und Glaubensleben werden erkannt. Der Binnenperspektive des Textes im Spiel folgt der Blick von außen auf den Text und die veränderte Frage nach den Aussagen der Bibel für die Einzelnen und für die Gruppe.
Bibliodrama findet meist als Gruppenspiel, nur selten als Monodrama statt. Schwerpunkte sind religiöse Erwachsenenbildung und Religionsunterricht (Warns / Fallner, 191-203). Wird die liturgische Dimension des Bibliodramas berücksichtigt, kann es zur lebendigen Gestaltung von Gottesdiensten beitragen (Martin, 104-108; Panitz, 145-155). Da für ein vollständiges Spiel mindestens mehrere Stunden nötig sind, kann in vielen Fällen nur mit Elementen des Bibliodramas gearbeitet werden. Bibliodramatisches Arbeiten an einem Text kann mehrere Tage dauern.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
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