
Abb. 1 Karte zur Lage von Betsaida.
Der griechische Ortsname Bethsaida (Βηθσαϊδά Bēthsaidá) bedeutet „Haus der Jagd / des Fanges / des Fischens“. Ursprünglich hieß der Ort vielleicht
Josephus identifiziert Bethsaida in Antiquitates 18.2.1 mit Iulias, dem von ihm ansonsten immer verwendeten Namen. Bethsaida war im Jahr 30 n. Chr. nämlich zur Stadt erhoben und nach einem Mitglied des Kaiserhauses in Iulias umbenannt worden.

Abb. 2 Blick nach Süden auf et-Tell / Bethsaida und den See Genezareth.
Bethsaida kommt im Neuen Testament siebenmal vor, und zwar fünfmal in den synoptischen Evangelien (; ; ; ; ) und zweimal im Johannesevangelium (; ). Ferner findet sich der Ortsname Bethsaida bzw. Iulias in den Werken des jüdischen Geschichtsschreibers → Flavius Josephus (Antiquitates 18.2.1, 18.4.6; Bellum Iudaicum 2.9.1, 3.3.5, 3.10.7, 4.8.2; Vita 398, 399, 406; Text gr. und lat. Autoren).
Im Johannesevangelium wird Bethsaida als Herkunftsort der Jünger Andreas, Simon Petrus und Philippus ausgewiesen (; [hier nur Philippus]). Es ist bemerkenswert, dass eben diese drei Jünger nicht mit den üblichen Patronymen, sondern mit Toponym vorgestellt werden.
Nur im Markus- bzw. Lukasevangeliums sind mit Bethsaida drei Wundertaten Jesu verbunden: Jesu Gang über das Wasser (), die Heilung eines Blinden () und die Speisung der Fünftausend (). Hohes Alter hat wohl das Vorkommen Bethsaidas in dem Gerichtswort über die galiläischen Städte der aus dem Matthäus- und dem Lukasevangelium zu erschließenden Logienquelle Q. Der Spruch ist in der etwas kürzeren und vermutlich älteren Fassung bei enthalten, in a fast identisch, jedoch um die Verse 23b-24 mit einer Anspielung auf das Vernichtungsgericht über Sodom erweitert.
Flavius Josephus nennt Iulias insgesamt zehnmal als bevorzugten Ort des Sohnes von Herodes dem Großen, dem Tetrarchen Herodes Philippos, der eigentlich in Caesarea Philippi (Panaeas / Banias) am Fuße des Hermon residierte. Er hatte Bethsaida um das Jahr 30 n. Chr. von einer komē zur polis erhoben und mit den üblichen Privilegien ausgestattet. Allerdings starb er nur drei Jahre später, wodurch die meisten seiner hochgesteckten Ziele für Bethsaida wohl nicht mehr verwirklicht werden konnten. Allein sein Grabmal wurde noch dort errichtet, in dem er nach seinem Tod mit allem Pomp bestattet wurde (Ant. 18.4.6).
Die genaue Lage von Bethsaida / Iulias war bereits in der Spätantike nicht mehr bekannt, nachdem die Siedlung – wohl in Folge eines verheerenden Erdbebens im Jahr 363 n. Chr. – aufgegeben worden war. Es ist nicht sicher, ob bzw. wohin man die Siedlung verlegte.
Die mittelalterlichen Pilger suchten das biblische Bethsaida in der Region von Kafarnaum und auf manchen Pilgerkarten erscheinen beide Orte sogar vertauscht. Zwar berichten viele Pilger von einem Besuch in Bethsaida, wo sie jedoch wirklich waren, kann heute nicht mehr geklärt werden.
Ebenso wenig ist belegbar, wo in Iulias die Kirche stand, welche die Heilige Helena, Mutter des Kaisers Konstantin, anlässlich ihres Besuches am See Genezareth in Bethsaida gegründet haben soll und von der mehrere Pilger des Mittelalters und der frühen Neuzeit einmütig berichteten. Sie konnte archäologisch nämlich noch nicht lokalisiert werden. Ins Reich der frommen Legenden gehört der Anlass für diese Kirchengründung: die Auffindung der Körbe, in denen sich das Brot für die Speisung der 5000 befand, durch die Kaiserinmutter selbst.
Auf neuzeitlichen europäischen Karten Palästinas wurde Bethsaida an verschiedenen Stellen verzeichnet, sowohl östlich als auch westlich des → Sees Genezareth. Im 19. Jh. gingen die meisten Forscher von der Annahme aus, dass es zwei Orte mit Namen Bethsaida gäbe: das Bethsaida des Neuen Testaments und ein zweites Bethsaida, das mit dem von Josephus erwähnten Iulias identisch ist. Für das neutestamentliche Bethsaida wurden dabei stets diverse Identifikationen vorgeschlagen, wie z.B. el-‘Arağ (Koordinaten: 2084.2555; N 32° 53' 35'', E 35° 37' 24"), Chirbet el-Minje (Koordinaten: 2005.2523; N 32° 51' 54", E 35° 32' 11") oder Tabgha (Koordinaten: 2012.2529; N 32° 52' 24", E 35° 32' 57"). Weniger Unsicherheit bestand bezüglich der Lokalisierung von Iulias, das von U.J. Seetzen, E. Robinson, G. Schuhmacher u.a. bereits mit et-Tell (Koordinaten: 2094.2574; N 32° 54' 37", E 35° 37' 50") identifiziert wurde. Gegen Ende des 19. Jh.s wurde vermehrt vorgeschlagen, die Annahme von zwei Bethsaidas aufzugeben und das eine Bethsaida / Iulias mit et-Tell zu identifizieren. W.F. Albright hielt dem entgegen, dass in et-Tell keine römische Keramik gefunden worden sei. Erst ein gründlicher Survey von B. Pixner brachte dann römische Keramik in größerer Menge hervor. Pixner identifizierte Bethsaida / Iulias daraufhin sicher mit et-Tell und diese Identifizierung ist auf Basis der Ergebnisse der langjährigen Ausgrabungen inzwischen allgemein akzeptiert.
Aufgrund der Lage von et-Tell sowie des Namens Bethsaida wird der unter der Siedlung aus neutestamentlicher Zeit liegende Ort der Eisenzeit II mit dem alttestamentlichen Zer () identifiziert.

Abb. 3 Plan mit Stadtmauer (blau, Stratum VI und V, Eisenzeit IIA und B), Toranlage (rot, Stratum V, Eisenzeit IIB) und bīt ẖilāni-Palast (Stratum VI, Eisenzeit IIA).
Die Stätte liegt am nördlichen Ufer des Sees Genezareth östlich der Jordaneinmündung auf einer ovalen Basaltzunge, einem Ausläufer des Golanplateaus. Heute liegt dieser etwa 1,5 km vom Seeufer entfernt, was jedoch nicht den Gegebenheiten etwa zur Zeitenwende entspricht. Damals lag der Ort direkt am See, doch in den vergangenen zwei Jahrtausenden hat sich die Küstenlinie des Sees weit nach Süden verschoben. Heute erstreckt sich am nördlichen und nordöstlichen Ufer des Sees eine große Ebene, welche die nördlich und nordöstlich anschließenden Abhänge vom See trennt. In dieser Ebene bildet der in den See einfließende Jordan ein Delta, dessen Verlauf sich in den Jahrhunderten mehrmals geändert hat. Die Ebene hat sich allerdings erst im Lauf der Zeiten durch Sedimentation gebildet, ursprünglich reichte das Wasser des Sees bis an die Basalthänge. Diese Sedimentation hat zwei natürliche Ursachen. Zum einem wird durch den Jordan stetig Sediment in den See geschwemmt, das durch Erosion am Oberlauf des Flusses abgetragen wird. Zum anderen konnte durch die geologischen Feldforschungen von J.F. Shroder festgestellt werden, dass immer wieder Hangrutschungen im oberen Jordantal den Fluss zeitweise völlig blockierten; diese Blockaden brachen sehr schnell durch den wachsenden Druck des sich anstauenden Wassers. So ergossen sich mehrmals sehr große Mengen an Sediment auf einmal in den See. Die Ebene am Nord- und Nordostufer des Sees ist also als Schwemmland des Jordanflusses zu verstehen, das ständig seine Gestalt verändert. Im 1. Jahrtausend v. Chr. war diese Ebene von Lagunen durchzogen, von denen zumindest eine bis zum Fuß von et-Tell reichte. Marschlandschaft prägte das Ufer des Sees bis in das 20. Jahrhundert. Jedenfalls war diese Erhebung schon immer die einzig hochwasserfreie Siedlungsstelle in der Schwemmlandebene – ein wichtiges Argument für eine Identifizierung von Bethsaida mit et-Tell.

Abb. 4 Toranlage (Stratum V; Eisenzeit IIA).
Seit 1987 werden regelmäßig Ausgrabungen durch das internationale Konsortium des „Bethsaida Excavations Project“ (BEP) unter der Leitung von R. Arav (University of Nebraska at Omaha), in Verbindung mit R.A. Freund (University of Hartford) durchgeführt.
Für die Schichtung des Tells ergibt sich nach Arav folgendes Bild: Stratum VI (Eisenzeit IIA, 950-850 v. Chr.): blühende Stadt mit Stadtmauer, Stadttor, Palast und Getreidespeicher; Stratum V (Eisenzeit IIB, 850-732 v. Chr.): blühende Stadt mit Stadtmauer, Vierkammertor, Palast in sekundärer Benutzung und Getreidespeicher; Stratum IV (assyrisch-babylonische Zeit, 732 - 6. Jh. v. Chr.): wenige Bauten, ältere in erneuter Verwendung; Stratum III (persische Zeit, 6.-3. Jh. v. Chr.): wenige Bauten, ältere in erneuter Verwendung; Stratum II (hellenistische und römische Zeit, 3. Jh. v. – 3. Jh. n. Chr.): bäuerliche Siedlung von Mauern der Eisenzeit und der römischen Zeit umgeben und römischer Tempel; Stratum I (seit dem 16. Jh.) Gräber, einfache Bauten.

Abb. 5 Kultstätte in der Toranlage (Stratum V; Eisenzeit IIA).
Der Ort et-Tell war im 10., 9. und frühen 8. Jh. v. Chr. ein großes urbanes Zentrum und vielleicht sogar die Hauptstadt des biblischen → Geschur (). Nach war das Königshaus von Geschur mit der Familie des Königs → David durch Heirat verbunden, denn Maacha, die Tochter des Königs Talmai von Geschur, war die Mutter → Abschaloms, der nach dem Mord an seinem Bruder Amnons nach Geschur floh und dort drei Jahre verblieb (.). Ein Palast in der neuassyrischen Art eines bīt ẖilāni, eine mächtige Stadtmauer und das größte Stadttor aus dieser Zeit, das bislang in Israel entdeckt worden ist, konnten ausgegraben werden.

Abb. 6 Darstellung einer Stele mit Stierkopf (in der Toranlage).
Teil der Toranlage war ein Torheiligtum mit anikonischen → Mazzeben und einer ikonische Stele, die eine gehörnte Gottheit zeigt. All das macht deutlich, dass die eisenzeitliche Siedlung von et-Tell eine wichtige Stadt gewesen sein muss. Sie fand durch die Feldzüge des assyrischen Königs → Tiglat-Pileser III ein vorläufiges Ende. In assyrischer und persischer Zeit war der Ort unter Nutzung der teils wieder in Stand gesetzten eisen-II-zeitlichen Strukturen ein Verwaltungszentrum lokaler Bedeutung.
Vom 3. Jh. v. bis zum 3. Jh. n. Chr. hatte die Siedlung eindeutig dörflichen Charakter. Im Neuen Testament wird sie als ein Fischerdorf beschrieben, und so stellt sie sich archäologisch auch dar. Zahlreiche Funde von Fischereigerät unterstreichen dies und weisen auf die Haupteinnahmequelle der Bewohner. Es gibt kein regelrechtes Insulasystem, sondern unregelmäßige, schmale und mit Feldsteinen gepflasterte Straßen und Wege, die sich den topographischen Gegebenheiten der Hügelkuppe anpassten.
Die Häuser wurden in hellenistischer Zeit nach mediterranem Vorbild als sog. Hofhäuser errichtet, die teils sogar unterkellert waren. Bislang wurden zwei dieser Häuser vollständig ergraben, die mit ihren zahlreichen Funden einen guten Einblick in das Leben der Menschen im 2. und 1. Jh. v. Chr. in Bethsaida vermitteln. Beide Häuser tragen Namen, die ihnen nach charakteristischen, darin entdeckten Fundstücken gegeben wurden: das „Haus des Fischers“ und das „Haus des Winzers“.
In römischer Zeit errichtete man dann eher kleinere, unregelmäßige Häuser; die Bebauung des Hügels war dafür dichter. Da Bethsaida im Jahr 30 n. Chr. zur Stadt erhoben, hat man auch einen Tempel für den Kaiserkult errichtet. Man fand die Reste eines langrechteckigen Baus, der als sehr kleiner, reduzierter Antentempel ohne Podium interpretiert und dem Kaiserkult zugeschrieben worden ist. Die Gräber der Bewohner Bethsaidas, vor allem jenes ihres Mentors Herodes Philippos sind bisher archäologisch noch nicht nachweisbar.
Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck
Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne
Derzeit sind Sie als Gast auf den Seiten von WiBiLex unterwegs. Um das Lexikon in vollem Umfang nutzen zu können (z.B. Artikel drucken und durchsuchen, Bilder vergrößert anzeigen), melden Sie sich bitte mit Ihrem Benutzer-Namen an oder registrieren Sie sich kostenlos als neue/r Nutzer/in.
Wenn Sie bereits auf www.die-bibel.de registriert sind, können Sie sich ohne weitere Registrierung mit den gleichen Benutzerdaten auch bei WiBiLex anmelden!