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Bet-Awen

1. Bet-Awen – ein Spottname Bethels bei Hosea

Der Prophet → Amos kündigt → Bethel in an, zum אָוֶן ’āwæn, zum „Bösen“, zum „Unheil“ zu werden. Daran knüpft → Hosea in seiner Polemik gegen Bethel vielleicht an, wenn er diesen Ort, dessen Name „Haus Gottes / Gotteshausen“ bedeutet, abfällig und sarkastisch als בֵּית אָוֶן bêt-’āwæn „Bösenhausen“ bezeichnet (; ; vgl. den redaktionellen Vers ). Mit seinem richtigen Namen wird Bethel im Hoseabuch nur zweimal genannt: In , weil dort eine Erwählungstradition aufgenommen wird (die LXX-Lesart oíkos Ōn entspricht Bet-Awen, stellt jedoch eine sekundäre Angleichung dar) und in dem sekundären Zusatz (die LXX-Lesart oíkos tou Israēl „Haus Israel“ wird zuweilen für ursprünglich gehalten, jedoch kaum zu Recht).

2. Der Ort Bet-Awen

Bet-Awen (בֵּית אָוֶן bêt-’āwæn) begegnet auch in einer Liste von Grenzorten () und dreimal in narrativem Kontext (; ; ). Hier handelt es sich nicht um einen polemischen Begriff für Bethel, sondern um einen wirklichen Ortsnamen. Erstens unterscheiden nämlich sowohl als auch . ausdrücklich zwischen Bethel und Bet-Awen. Zweitens lässt sich angesichts der vielen Belege des Ortsnamens „Bethel“ nicht erklären, warum der polemische Begriff bêt-’āwæn außerhalb des Hoseabuchs nur an vier Stellen verwendet worden sein soll. Drittens lässt sich nicht zeigen, warum ein polemischer Begriff in wertfreien Kontexten für eine rein topographische Bestimmung verwendet worden sein soll, zumal sie sich auf die Zeit vor der Gründung des Betheler Heiligtums durch Jerobeam I. und damit vor dem „Sündenfall“ bezieht. Damit spricht alles dafür, dass es unabhängig von der Bethel-Polemik bei Hosea einen Ort bêt-’āwæn gab.

2.1. Die ursprüngliche Bedeutung des Ortsnamens

Die Masoreten haben den Ort, der sich in Konsonantenschrift בית און bjt-’wn schreibt, unter dem Einfluss Hoseas als בֵּית אָוֶן bêt-’āwæn „Bösenhausen“ vokalisiert und dementsprechend heißt er in den Bibelübersetzungen Bet-Awen. Ursprünglich muss der Ortsname jedoch eine positive Bedeutung gehabt haben. Vermutlich lautete er בֵּית אוֹן bêt-’ôn „Haus der Kraft“. Diese Auffassung wird von der Transliteration der LXX gestützt: Baithōn in ; ; bzw. oíkos Ōn in ; ; (jeweils nach der Ausgabe von Rahlfs, die Handschriften bieten immer auch verschiedene abweichende Schreibweisen).

Knauf (1984, 252f; anders ders., 1998, 1375) leitet ’wn von arab. ’wj „Schutz suchen“ ab und deutet den Ortsnamen im Sinne von „Zufluchtsstätte“. Na’aman (1987, 13-21) hat vorgeschlagen, bjt-’wn auf bjt-’bn „Steinhausen“ zurückzuführen und diesen Namen aus , der Erzählung von der Errichtung des Betheler Mazzebensteins, abzuleiten. Die These überzeugt jedoch nicht, da bei einem Bezug auf die Mazzebe einerseits der spezifischere Name „Mazzebenhausen“ und andererseits in eine Anspielung auf den anderen Namen des Ortes zu erwarten wären.

2.2. Die Lokalisierung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte.

Über die Lage von בית און bjt-’wn machen die Texte folgende Angaben: Der Ort liegt östlich von → Bethel (; ., in der Nähe von → Ai (), bei → Michmas (), jedoch nicht zu nah an dieser Stadt () und am Rand der Wüste, d.h. des Abfalls zum Jordangraben (), ja der Ausdruck „Wüste von Bet-Awen“ impliziert, dass es weiter östlich keine Ortschaft mehr gegeben hat, da die Wüste sonst nach dieser benannt worden wäre. Weiterhin scheint Bet-Awen so groß bzw. bekannt gewesen zu sein, dass es für die Lagebestimmung Ais den Ausgangspunkt bilden konnte (). Zudem darf man annehmen, dass es den Ort – ganz unabhängig von der Historizität der Erzählungen – entweder in der Zeit, von der die Texte handeln oder in der sie geschrieben worden sind, tatsächlich gegeben hat, es sich also um eine Ortslage handeln muss, die in der Eisenzeit I oder II besiedelt war.

© public domain (angefertigt von Klaus Koenen)

Abb. 2 Karte: Das Gebiet nördlich von Jerusalem.

Angesichts dieser Kriterien ist die von Götz Schmitt (1980, 57f.) vorgeschlagene Identifizierung mit Chirbet el-Ḥudrīja (Chirbet el-Hudrija; Koordinaten: 1774.1466; N 31° 54' 48, E 35° 17' 26'') am wahrscheinlichsten. Diese Ortslage befindet sich 5km östlich von → Bethel und 2,5km östlich von → Ai, 200m nördlich der heutigen Straße vor dem Abfall in die tiefe Schlucht des Wādī el-‘Asas. Dieses bildete mit dem Wādī el-Ğāja im Westen und dem Wādī el-Makkūk im Osten eine Linie von Jericho nach Bethel, die sich durch ihre Schluchten als Grenzlinie zwischen Joseph und Benjamin (. bzw. Nord- und Südreich anbot. Der Ort liegt an einem markanten Punkt dieser Linie, nämlich am Übergang von der Wüste zum Kulturland, vom steilen Anstieg des Jordantals zum Bergland. In dieser Lage ist der Ort für die Erwähnung in einer Liste von Grenzstationen prädestiniert, und hier erweist sich der Ausdruck „Wüste von Bet-Awen“ () als sinnvoll.

Archäologisch gut belegt ist in Chirbet el-Ḥudrīja die Besiedlung der hellenistischen, römischen, byzantinischen und omajjadischen Zeit (Reste einer byzantinischen Kirche, Gräber, eine Öl- und eine Weinpresse; vgl. Finkelstein / Magen, 1993, Nr. 98). Man hat im Umfeld jedoch auch Keramik der Mittleren Bronzezeit IIB und der Eisenzeit I gefunden, so dass der Befund die Identifizierung mit Bet-Awen nicht ausschließt, zumal das Verzeichnis der Grenzstationen in . nur von der „Wüste von Bet-Awen“ spricht, also keinen aktuell bewohnten Ort voraussetzt. Der Name eines längst verlassenen Ortes kann in der Eisenzeit II an der Landschaft haften geblieben sein.

Es gibt jedoch auch andere Vorschläge zur Lokalisierung von Bet-Awen:

1) Bethel. בית און bjt-’wn ist bei Hosea zwar ein Spottname für → Bethel, jedoch schließt das nicht aus, dass der Ort ursprünglich tatsächlich einmal so geheißen hat, wobei der Name freilich positiv verstanden wurde. Dafür kann man beispielsweise anführen, dass die Beschreibung der Nordgrenze Benjamins in . weithin der Beschreibung der Südgrenze Josefs in entspricht, statt Bethel aber Bet-Awen als Grenzstation vor Luz angibt, welches erst sekundär mit Bethel identifiziert wird. Dagegen sprechen jedoch und . die – ganz gleich welche Versteile redaktionell sein mögen – zwischen Bethel und Bet-Awen unterscheiden.

© Google Earth (Beschriftung Klaus Koenen)

Abb. 3 Luftbild des Gebiets von Muchmās und Ğeba‘.

2) Tell Mirjam (Koordinaten: 1755.1418; N 31° 52' 09'', E 35° 16' 04''; südlich neben der Straße, die Muchmās mit Str. 60 verbindet; → Michmas). Dieser Tell liegt knapp 7km südsüdöstlich von Bethel, 1km westlich von Muchmās im Bereich des Wādī eṣ-Ṣwēnīṭ und seiner Zuflüsse. Davon ausgehend, dass qidmāh in „östlich“ bedeutet und Bet-Awen folglich westlich von Michmas (= Muchmās) liegt, identifiziert Kallai-Kleinmann (1956, 180-184) den Ort mit diesem Tell. Dann hätte das Wādī eṣ-Ṣwēnīṭ die Grenze gebildet, an der der Ort gelegen hätte. Dagegen sprechen jedoch mehrere Beobachtungen: 1) Östlich von Bet-Awen kann keine Ortschaft gelegen haben, da die Bezeichnung „Wüste von Bet-Awen“ Bet-Awen als östlichsten Ort ausweist. 2) Der Ort liegt zu weit von Ai. 3) Für die in . beschriebene Ost-West-Grenze würde sich ein merkwürdiger Verlauf ergeben. Sie würde nämlich von Tell Mirjam nach Norden biegen bis zum Gebiet von Luz bzw. Bethel – soweit ist dies angesichts des Wadiverlaufs durchaus noch denkbar –, dann würde sie sich aber von dort wieder scharf Richtung Süden nach Atarot-Addar (=Chirbet ‘Aṭāra; Koordinaten: 1707.1430; N 31° 52' 38'', E 35° 13' 04''), knapp 6km südsüdwestlich von Bethel, zurückwenden und nach diesem Umweg nur knapp 5km westlich von Tell Mirjam ankommen (vgl. Schmitt, 1980, 52-54). Das ist unwahrscheinlich, zumal das Wādī en-Nāṭūf eine direkte Verbindungslinie als Grenze geboten hätte. Im Übrigen dürfte es sich bei Tell Mirjam um das biblische Migron handeln, das nach (vgl. jedoch die Abfolge der Orte in ) südlich von Michmas an der Grenze des Flurgebiets von Geba gelegen haben muss (→ Michmas / Geba).

3) Chirbet Tell el-‘Askar (Koordinaten: 1767.1430; N 31° 52' 50'', E 35° 16' 50''; südlich neben Str. 457, ca. 1km nach der Abzweigung von Str. 60). Die Identifizierung mit Tell Mirjam hat Kallai (1991, 175-183) später zugunsten von Chirbet Tell el-‘Askar aufgegeben, einer Erhebung 750m nördlich von Muchmās. Die Grenze setzt er jetzt weiter nördlich an. Gegen den Vorschlag spricht jedoch wieder die Entfernung von Ai.

4) Burqā (Koordinaten: 1740.1448; N 31° 53' 46'', E 35° 15' 15''). Der arabische Ort liegt 3,5km südsüdöstlich von Bethel und ist von Albright (1924, 144f) mit Bet-Awen identifiziert worden. Für den Grenzverlauf ergibt sich jedoch, wenn man die natürlichen Gegebenheiten, wie z.B. die Wadis, die sich für Grenzziehungen anbieten, beachtet, derselbe problematische Ausschlag nach Norden wie bei der Identifizierung mit Tell Mirjam. Eine eisenzeitliche Besiedlung konnte durch Surveyfunde bislang nicht nachgewiesen werden (Kochavi, 1972, 179 Nr. 99).

5) Dēr Dibwān (Koordinaten: 175.146; N 31° 54' 42'', E 35° 16' 08'') und Chirbet Chajjān (Koordinaten: 1756.1458; N 31° 54' 08'', E 35° 16' 11''). Dēr Dibwān liegt 3km südöstlich von Bethel mit den Ruinen von et-Tell / Ai am nordwestlichen Ortsrand. Chirbet Chajjān befindet sich am südlichen Ortsrand. Die Identifikation mit Bet-Awen scheitert daran, dass eine eisenzeitliche Besiedlung des Gebiets bislang nicht nachgewiesen, für Chirbet Chajjān durch Grabungen sogar ausgeschlossen werden konnte (Callaway / Nicol, 1966). Selbst wenn Dēr Dibwān eisenzeitlich besiedelt gewesen sein sollte, dürfte es sich um das ‘Ajjat (Luther: Aja) bzw. Ai handeln, das und die Heimkehrerlisten ; für die Königszeit voraussetzen und sich nach dem Grabungsbefund nicht mehr auf et-Tell, dem alten Ai, befand (vgl. Schmitt, 1980, 54f).

6) et-Tell (Koordinaten: 1747.1472; N 31° 55' 00'', E 35° 15' 40''). Grintz (1961, 201-216) stellt der Identifizierung von et-Tell mit → Ai die mit Bet-Awen entgegen. Der archäologische Befund von et-Tell – Dorf in der Eisenzeit I, keine Besiedlung in der Eisenzeit II – passe nämlich nicht zu den biblischen Angaben über Ai, wohl aber zu denen über Bet-Awen. Dieser Ort sei nach den Samuelbüchern in vorstaatlicher Zeit besiedelt gewesen, nach Amos und Hosea jedoch nicht in der Königszeit. Die biblizistischen Ausführungen scheitern daran, dass sie keine Alternative für die Lokalisierung von Ai bieten können. Die Identifizierung von et-Tell mit Ai ist inzwischen gesichert.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Albright, W.F., 1924, Ai and Beth-Aven, in: ders., Excavations and Results of Tell el-Fûl (Gibeah of Saul) (AASOR 4), New Haven, 141-149
  • Callaway, J.A. / Nicol, M.B., 1966, A Sounding at Khirbet Haiyān, BASOR 183, 12-19
  • Finkelstein, I. / Magen, Y., 1993, Archaeological Survey of the Hill Country of Benjamin, Jerusalem
  • Grintz, J.M., 1961, „‘Ai Which is Beside Beth-Aven“. A Re-Examination of the Identity of ‘Ai, Bib. 42, 201-216
  • Kallai, Z., 1991, Beth-el–Luz and Beth-Aven, in: R. Liwak / S. Wagner (Hgg.), Prophetie und geschichtliche Wirklichkeit im alten Israel (FS S. Herrmann), Stuttgart, 171-188
  • Kallai-Kleinmann, Z., 1956, Notes on the Topography of Benjamin, IEJ 6, 180-187
  • Knauf, E.A., 1984, Beth Aven, Bib. 65, 251-253
  • Knauf, E.A., 1998, Art. Bethel, in: RGG, 4. Aufl. Tübingen, I, 1375f.
  • Kochavi, M. (Hg.), 1972, Judaea, Samaria and the Golan. Archaeological Survey 1967-1968, Jerusalem
  • Koenen, K., 2003, Bethel. Geschichte, Kult und Theologie (OBO 192), Freiburg (Schweiz) / Göttingen
  • Na’aman, N., 1987, Beth-aven, Bethel and Early Israelite Sanctuaries, ZDPV 103, 13-21
  • Schmitt, G., 1980, Bet-Awen, in: R. Cohen / G. Schmitt, Drei Studien zur Archäologie und Topographie Altisraels (BTAVO B 44), Wiesbaden, 33-76

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte (© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)
  • Abb. 2 Karte: Das Gebiet nördlich von Jerusalem (© public domain; angefertigt von Klaus Koenen)
  • Abb. 3 Luftbild des Gebiets von Muchmās und Ğeba‘; aus: Google Earth am 30.10.2007 (© Google Earth; Beschriftung Klaus Koenen)

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